{"id":521,"date":"2022-09-05T11:59:33","date_gmt":"2022-09-05T09:59:33","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=521"},"modified":"2024-12-01T16:20:05","modified_gmt":"2024-12-01T15:20:05","slug":"das-haus-zum-schwarzen-garten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/das-haus-zum-schwarzen-garten\/","title":{"rendered":"Das Haus zum Schwarzen Garten"},"content":{"rendered":"\n<p>St\u00fcssihofstatt 10, 8001 Z\u00fcrich (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/edit?mid=1mdJpaZOFrjwkidVhprBC_38phlQB7J0&amp;usp=sharing\" target=\"_blank\">Karte<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Manuel Frauenfelder<\/h5>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Haus-aktuell.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-303\" width=\"716\" height=\"944\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Haus-aktuell.jpg 461w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Haus-aktuell-227x300.jpg 227w\" sizes=\"auto, (max-width: 716px) 100vw, 716px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Das Haus zu Schwarzen Garten, wie es heute am&nbsp;St\u00fcssihofstatt&nbsp;10 steht<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ist die Gesellschaft \/ das Haus zum schwarzen Garten?<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Noch bis in die Neuzeit waren der akademische Arzt und der handwerkliche Chirurg zwei verschiedene Berufsgruppen. W\u00e4hrend der klassische Arzt eine akademische Ausbildung an einer Universit\u00e4t genoss und den Patienten&nbsp;ratgebend&nbsp;zur Seite stand, wurden die Behandlungen von den Chirurgen \/ Scheren, Barbieren und&nbsp;Badern&nbsp;durchgef\u00fchrt, welche einen handwerklichen Hintergrund hatten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1336 wurde von Rudolf Brun eine Zunftverfassung in Z\u00fcrich geschaffen, welche die Scherer&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;(Barbierchirurgen) zusammen mit den&nbsp;Badern, Schmieden,&nbsp;Schwertfergern,&nbsp;Glockern&nbsp;usw. in die&nbsp;Schmidenzunft&nbsp;einteilte. Um 1433&nbsp;gr\u00fcndeten die immer st\u00e4rker chirurgisch t\u00e4tigen Scherrer und Bader innerhalb der Zunft eine eigene Gesellschaft, welche \u00fcber die Zeit verschiedene H\u00e4user besass, bis sie 1534 am&nbsp;St\u00fcssihofstatt&nbsp;Nr. 9 das Haus zum schwarzen Garten kauften.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum Beginn des Jahres 1686 wurde das Haus zum schwarzen Garten prim\u00e4r als Gesellschaftshaus genutzt, um Gesch\u00e4fte zu t\u00e4tigen, sich politisch zu organisieren oder um mit den anderen Zunftmitgliedern zu tief ins Glas zu schauen. Die Zunft war jedoch zur Einsicht gekommen, dass es von grossem Vorteil w\u00e4re, wenn alle zuk\u00fcnftigen Barbierchirurgen eine ausf\u00fchrliche theoretische Ausbildung zur menschlichen Anatomie erhalten w\u00fcrden. Weshalb der ber\u00fchmte Z\u00fcrcher Arzt und Naturforscher Dr. Johannes von&nbsp;Muralt&nbsp;damit beauftragt wurde Vorlesungen zur Humananatomie zu halten. Diese fanden das erste Mal am 7. Januar 1686 vor 49 Zuh\u00f6rern in einen Holzschopf neben dem Haus zum schwarzen Garten statt. \u00dcber die n\u00e4chsten 100 Jahre wurden die Vorlesungen und Demonstrationen weitergef\u00fchrt, bis am 24. Januar 1782 die \u00abchirurgische Gesellschaft\u00bb gegr\u00fcndet wurde. Diese neue Gesellschaft beabsichtigte nicht mehr nur grundlegende Anatomiekenntnisse an Scherer (Wund\u00e4rzte \/ Chirurgen) zu vermitteln, sondern schuf ein vollst\u00e4ndiges Curriculum der gesamten Medizin um Wund\u00e4rzte, \u00c4rzte sowie Chirurgen akademisch sowie handwerklich zu schulen. (Siehe Stundenplan von 1782 unten).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Curriculum wurde extra so gestaltet, dass man innert eines Jahres alle Kurse und Vorlesungen besuchen konnte. Wenn man es sich leisten konnte, wurde jedoch eine Studienzeit von mindestens zwei, besser drei Jahren empfohlen.&nbsp;<br>Dieses Curriculum wurde mit wenigen Unterbr\u00fcchen bis zur Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Z\u00fcrich im Jahre 1833 weitergef\u00fchrt. Danach ging die Gesellschaft zum Schwarzen Garten in die medizinische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t \u00fcber, wodurch sie ihre direkte Vorl\u00e4uferin darstellt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"705\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Schild-aktuell-1024x705.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-302\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Schild-aktuell-1024x705.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Schild-aktuell-300x206.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Schild-aktuell-768x528.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/08\/22FS-Schwarzer_Garten-Schild-aktuell.jpg 1154w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb.1: Die Gedenktafel, welche am Eingang zum Haus angebracht ist.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Streit um die Leichen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>In der gesamten Geschichte der \u00abGesellschaft zum schwarzen Garten\u00bb herrschte stets ein Mangel an Leichen f\u00fcr den Anatomieunterricht und wenn einmal gen\u00fcgend Leichen verf\u00fcgbar waren, kam es zu Intermezzi mit der Obrigkeit, welche das Zerlegen von Leichen \u00e4usserst kritisch mitverfolgte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So bekam Johannes von&nbsp;Muralt&nbsp;im Jahre 1671 den Auftrag vom Z\u00fcrcher Rat, die Leiche einer Frau zu zergliedern. Von da an wiegte er sich im Glauben, ohne Zustimmung der Beh\u00f6rde weitere Sektionen vornehmen zu k\u00f6nnen. Als er kurz danach eine weitere Leiche einer Frau zerlegte und ihre Haut gerben wollte, erfuhr der erz\u00fcrnte Z\u00fcrcher Rat davon. Daraufhin musste von&nbsp;Muralt&nbsp;vor diesem im Rathaus erscheinen und sein Verhalten begr\u00fcnden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1677 durfte von&nbsp;Muralt&nbsp;seine Sektionen fortf\u00fchren, jedoch ausschliesslich an Leichen von Kriminellen oder an Menschen, welche an \u00abmerkw\u00fcrdigen\u00bb Krankheiten gestorben waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ca. 1705 bekam die Gesellschaft die Erlaubnis, die K\u00f6rper von fremden, unbekannten Bettlern, die im Spital starben zu \u00f6ffnen, ohne die Zustimmung der Obrigkeit abwarten zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen 1730 und 1745 kam zu einem gr\u00f6sseren F\u00fchrungsvakuum weshalb die Quellen f\u00fcr Leichen komplett versiegten. 1742 wurde beschlossen, ein anatomisches Theater am Z\u00e4hringerplatz 14 zu gr\u00fcnden, welchem zuerst Jakob Abegg, und nach kurzer aber heftiger Unstimmigkeit zwischen der Gesellschaft und Abegg ab 1743 Conrad Meyer vorstand.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 1744 wurde das anatomische Theater bereits von w\u00fctenden Maurern und Zimmerleuten gest\u00fcrmt, als die Leiche eines verstorbenen Dachdeckers er\u00f6ffnet werden sollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder drohten B\u00fcrger mit Gewalt, falls eine bestimmte Leiche nicht unversehrt aus dem Theater rausger\u00fcckt werde. Andere richteten sich immer wieder mit Schreiben an den B\u00fcrgermeister, um das Zerlegen von Leichen verbieten zu lassen. Es kam so weit, dass sich Johann Rudolph Burkard in den 1750er Jahre kaum noch auf der Strasse blicken lassen durfte. Nur durch die Unterst\u00fctzung des Ratsmitglied Johann Heinrich Rahn, durfte er seine Lektionen weiter fortsetzten, obschon er t\u00e4glich \u00abunter der Drohung von Messerstecherei und Pulverdampf um sein Leben bangen musste\u00bbGem\u00e4ss einem Beschluss von 1756 wurden alle fremden und unentgeltlich Behandelten im Spital verstorbenen direkt an das anatomische Theater \u00fcbergeben. Dies f\u00fchrte immer wieder dazu, dass Lehrlinge oder Lohnarbeiter, welche von ausserhalb von Z\u00fcrich stammten, in der Anatomie endeten. Dies erz\u00fcrnte die Handwerkerz\u00fcnfte immer wieder sehr stark, weshalb es wiederholt Ausbr\u00fcchen von Gewalt gegen das Theater&nbsp;Anatomicum&nbsp;und die bestehende Regelung kam. Schliesslich kam der Rat ca. 1770 der Forderung der Z\u00fcnfte nach, was dazu f\u00fchrte, dass nur noch die Leichen von Selbstm\u00f6rdern, armen Patienten oder von solchen, welche an \u00abmerkw\u00fcrdigen\u00bb Krankheiten gestorben waren, seziert werden durften.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/09\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-531\" width=\"722\" height=\"887\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/09\/image.png 384w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/09\/image-244x300.png 244w\" sizes=\"auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dies ist der Stundenplan von 1782.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Bildquellen<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Abb. 1: Manuel Frauenfelder, Z\u00fcrich 2022<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Abb. 2: Manuel Frauenfelder, Z\u00fcrich 2022<br><\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h6>\n\n\n\n<p>\u00abDas Medizinisch-chirurgische Institut in Z\u00fcrich 1782 \u2013 1833\u00bb, Moritz&nbsp;Liesibach, Verlag Hans Rohr, Z\u00fcrich 1982<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abVon der Gesellschaft zum schwarzen Garten zum anatomischen Institut der Universit\u00e4t Z\u00fcrich\u00bb, Ernst Viktor, Universit\u00e4tsspital-Bibliothek, Universit\u00e4t Z\u00fcrich 1980<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um 1433\u00a0gr\u00fcndeten die immer st\u00e4rker chirurgisch t\u00e4tigen Scherrer und Bader innerhalb der Zunft eine eigene Gesellschaft, welche \u00fcber die Zeit verschiedene H\u00e4user besass, bis sie 1534 am\u00a0St\u00fcssihofstatt\u00a0Nr. 9 das Haus zum schwarzen Garten kauften.<\/p>\n","protected":false},"author":778,"featured_media":525,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[76,77,23,19,18,91,72,90,9,8,46,1,10,28,5,21],"tags":[88,89],"class_list":{"0":"post-521","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-14-jahrhundert","8":"category-15-jahrhundert","9":"category-16-jahrhundert","10":"category-17-jahrhundert","11":"category-18-jahrhundert","12":"category-anatomie","13":"category-chirurgisches","14":"category-fachbereich","15":"category-institution","16":"category-krankheiten","17":"category-lehranstalt","18":"category-ort","19":"category-person","20":"category-stadtkreis-1","21":"category-zeit","22":"category-zunft","23":"tag-gesellschaft-zum-schwarzen-garten","24":"tag-johannes-von-muralt","25":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/521","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/778"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=521"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/521\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3546,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/521\/revisions\/3546"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media\/525"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=521"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=521"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=521"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}