{"id":4066,"date":"2025-11-19T17:22:51","date_gmt":"2025-11-19T16:22:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=4066"},"modified":"2025-12-07T19:29:12","modified_gmt":"2025-12-07T18:29:12","slug":"das-volksbad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/das-volksbad\/","title":{"rendered":"Das Volksbad im Volkshaus"},"content":{"rendered":"\n<p>Stauffacherstrasse 60,8004, Z\u00fcrich<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Anna Simeon<\/h5>\n\n\n\n<p>Ein \u00f6ffentliches Bad, das soziale Reform, Hygiene und W\u00fcrde vereinte. Das Volksbad im Volkshaus Z\u00fcrich war ein Schl\u00fcsselprojekt f\u00fcr die Gesundheit der Arbeiterschicht um 1900.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"574\" height=\"344\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/JPEG-Bild.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4081\" style=\"width:720px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/JPEG-Bild.jpeg 574w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/JPEG-Bild-300x180.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 574px) 100vw, 574px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Abbildung 1: Volkshaus Z\u00fcrich, kurz nach Er\u00f6ffnung 1910<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein soziales Zentrum im Herzen der Stadt<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Volksbad entstand an der Stauffacherstrasse, bewusst mitten in der Stadt, gut erreichbar f\u00fcr die dicht besiedelten Arbeiterquartiere wie Aussersihl, Wiedikon und Wipkingen. Es sollte ein Gegenpol zu den oft schlechten Wohnverh\u00e4ltnissen bilden und ein &#8220; Haus f\u00fcr Kopf, Herz und Hand&#8220; sein. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Geschichte des Ortes<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Idee eines Volkshauses stammte nicht prim\u00e4r von Arbeiterinnen und Arbeitern, sondern von sozial engagierten Frauen aus b\u00fcrgerlichen Kreisen, Pfarrern, Sozialreformern und Lokalpolitikern. Bereits 1893 planten sie ein Haus, das der Arbeiterschaft das Sch\u00f6ne, Wahre und Gute n\u00e4herbringen sollte. Ausdr\u00fccklich alkoholfrei, mit Restaurant, Lesesaal, Veranstaltungsr\u00e4umen und einem \u00f6ffentlichen Bad. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Frauen trieben das Projekt entscheidend voran, organisierten Benefizbazare, warben Unterst\u00fctzende an und \u00fcberzeugten die noch z\u00f6gernden M\u00e4nner durch Engagement und Ausdauer. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Z\u00fcrich um 1900<\/h3>\n\n\n\n<p>Um 1900 lebten ein grosser Teil der Z\u00fcrcher Arbeiterschaft unter schwierigen Bedingungen. Viele Familien wohnten in \u00fcberbelegten, feuchten Zimmern, oft ohne Privatsph\u00e4re und ohne ausreichende sanit\u00e4re Einrichtungen. Der Alltag war von 10-12 Stunden- Arbeitstagen gepr\u00e4gt. Krankheiten wie Tuberkulose, Cholera und Typhus verbreiteten sich schnell in diesen engen, schlecht bel\u00fcfteten Wohnungen. Fliessendes Wasser war in vielen Haushalten nicht vorhanden. Stattdessen mussten sich mehrere Parteien eine einzige Toilette im Hinterhof teilen. Gleichzeitig lebten wohlhabende B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in ger\u00e4umigen Villen, ausgestattet mit moderner Infrastruktur, eigenem Bad und Haushaltsdienst. Ein deutlicher Kontrast, der die soziale Ungleichheit sichtbar machte. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Er\u00f6ffnung 1910: Das Volksbad nimmt seinen Betrieb auf<\/h3>\n\n\n\n<p>Zur Zeit der Er\u00f6ffnung hatten nur rund 7150 von 38000 Z\u00fcrcher Wohnungen ein eigenes Bad. In vielen Arbeiterh\u00e4usern gab es weder fliessendes Wasser noch private Toiletten. Das Volksbad schloss eine enorme Versorgungsl\u00fccke. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Keller des Volkshauses entstanden: <\/p>\n\n\n\n<p>13 Wannenb\u00e4der und 16 Duschen f\u00fcr M\u00e4nner<\/p>\n\n\n\n<p>16 Wannenb\u00e4der und 4 Duschen f\u00fcr Frauen<\/p>\n\n\n\n<p>Preis: 40 Rappen f\u00fcr ein Halbstundenbad, 10 Rappen f\u00fcr eine Dusche<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anlage war tags\u00fcber ge\u00f6ffnet und besonders am Samstagnachmittag \u00fcberf\u00fcllt. Der Andrang war so gross, dass schon kurze Zeit sp\u00e4ter zus\u00e4tzliche B\u00e4der installiert werden mussten. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vom Volksbad zur Sauna<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit dem sozialen Wandel nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Volksbad seine urspr\u00fcngliche Bedeutung. Ab den 1950er- und 1960er Jahren verf\u00fcgten immer mehr Z\u00fcrcher Wohnungen \u00fcber ein eigenes Badezimmer, und moderne Hallenb\u00e4der wurden gebaut. Die Besucherzahlen gingen stark zur\u00fcck, die Einnahmen sanken, und die Betriebskosten stiegen. 1968 reagierte das Volkshaus auf diese Entwicklung und stellte den Betrieb des traditionellen Badehauses ein. Anstelle der Wannen und Duschb\u00e4der entstand eine Sauna. Damit wandelte sich das Volksbad von einer hygienischen Versorgungseinrichtung zu einem Ort der Freizeit und Erholung. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"938\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/IMG_2007-1024x938.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4203\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/IMG_2007-1024x938.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/IMG_2007-300x275.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/IMG_2007-768x703.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/IMG_2007.jpg 1457w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abbildung 2: Das Volkshaus im Jahr 2021<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Bildquellen<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Abb. 1: Volkshaus Z\u00fcrich (abgerufen am 10.11.25)<br>Abb. 2: Fassaden und Dachsanierung, Volkshaus Z\u00fcrich, Primobau AG (aufgenommen 9.9.2021)<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Hundert Jahre Volkshaus Z\u00fcrich, Urs K\u00e4lin, Stefan Keller, Rebekka Wyler, Verlag hier + jetzt f\u00fcr Kultur und Geschichte, Baden, 2010, S.8ff., S32 ff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">B\u00e4der, Bildung, Bolschewismus, Susanne Eigenheer, Chronos Verlag, (abgerufen am 10.11.2025)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Werk, Bauen + Wohnen, Horisberger Chrisitna, Bund Schweizer Architekten, Hamam statt Bad, Band 99 (2012)<br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stauffacherstrasse 60,8004, Z\u00fcrich von Anna Simeon Ein \u00f6ffentliches Bad, das soziale Reform, Hygiene und W\u00fcrde vereinte. 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