{"id":4057,"date":"2025-11-19T15:13:13","date_gmt":"2025-11-19T14:13:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=4057"},"modified":"2025-12-10T00:55:28","modified_gmt":"2025-12-09T23:55:28","slug":"das-lavaterhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/das-lavaterhaus\/","title":{"rendered":"Das Lavaterhaus"},"content":{"rendered":"\n<p>Z\u00fcrichs Blick ins Gesicht: Wie Lavater Religion, Wissenschaft und b\u00fcrgerliche Moral zur Physiognomie verkn\u00fcpfte<\/p>\n\n\n\n<p>St. Peterhofstatt 6, 8001 Z\u00fcrich<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Laurin Curt<\/h5>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p><em>Inmitten des \u00e4ltesten Teils der Z\u00fcrcher Altstadt am pr\u00e4chtigen Lindenhof steht ein mittelalterliches Geb\u00e4ude aus dem 13. Jahrhundert, das Lavaterhaus. Ehemals Pfarreihaus des weitbekannten Philosophen, Pfarrer und Physiognom Johann Caspar Lavater (1741-1801).<\/em><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"597\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-16-1024x597.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4159\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-16-1024x597.png 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-16-300x175.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-16-768x448.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-16-1536x896.png 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-16-2048x1195.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Abb. 1: das heutige renovierte Lavaterhaus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"559\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-17-1024x559.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4162\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-17-1024x559.png 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-17-300x164.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-17-768x419.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-17-1536x838.png 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-17.png 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Abb. 2: Das Lavaterhaus circa 1890-99<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Geschichte hinter dem Lavaterhaus:<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Lavaterhaus entstand vermutlich im 13. Jh. und wurde im Rahmen von Renovationsarbeiten im Jahre 1922 aus urspr\u00fcnglich 2 H\u00e4usern in eines zusammengelegt und mit einer einheitlichen Fassade verkleidet. Das Haus, wenn auch nicht in der jetztigen Ausf\u00fchrung, dient noch heute als Pfarreihaus der Kirchgemeinde St. Peter. Wirklich besonders ist das integrierte Museum, welches einen faszinierenden Einblick in das Leben und die Werke eines der bedeutendsten deutschsprachigen Gelehrten des 18. Jh. gew\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Lavaterhaus im medizinhistorischen Kontext:<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Werke f\u00fcr welche Lavater noch heute bekannt ist beziehen sich auf seine Arbeit in der Lehre der Physiognomie. Die Physiognomie, mit seinen Urspr\u00fcngen in der Antike, befasst sich mit der Deutung \u00e4usserer unver\u00e4nderlicher Erscheinungsmerkmale und den ihnen verbundenen inneren Charaktereigenschaften. Hierzu nutzte Lavater Schattenbilder und weitere Illustrationen, um die Gesichtsz\u00fcge seiner Probanden einzufangen. Lavaters Kernziel war es hierbei die christlich gepr\u00e4gten Ideen von Moralit\u00e4t in einer messbaren Art und Weise zu quantifizieren und so den kirchlichen \u00dcberzeugungen, dass der Mensch ein Abbild Gottes sei, gerecht zu werden. Hierbei muss gesagt sein, dass das ideal-moralische Erscheinungsbild zu Lavaters Zeit stark dem Ph\u00e4notyp des mittel-nordeurop\u00e4ischen Mannes gleichkam (wenn nicht gerade Lavater selbst).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"458\" height=\"353\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-19.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4171\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-19.png 458w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-19-300x231.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 458px) 100vw, 458px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Abb. 3: Anfertigung eines Schattenbildes<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Bereits in der Antike, ebenso wie sp\u00e4ter im Mittelalter, wurde die physiognomische Betrachtung mit diagnostischen und moralphilosophischen Erwartungen verkn\u00fcpft. Auch im 16. Jahrhundert blieb diese Verbindung pr\u00e4sent, wie sich am Beispiel Giambattista della Portas zeigt, dessen physiognomische Schriften jedoch aufgrund ihres \u201emagisch-spiritistischen\u201c Charakters von der Kirche verfolgt und zwischen 1592 und 1598 zeitweise verboten wurden. Diese fr\u00fche Tradition der physiognomischen Deutung, die stets an der Grenze zwischen Naturbeobachtung, Spekulation und Theologie operierte, bot dem aufgekl\u00e4rten 18. Jahrhundert den historischen Rahmen, in dem Lavater seine Lehre erneuerte und popularisierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen Lavaters physiognomischem System und modernen diagnostischen Verfahren liegt eine Reihe von Entwicklungsstufen, die zeigen, wie das Interesse an \u00e4usseren Erscheinungsmerkmalen im Laufe der Zeit funktional umgedeutet wurde. Besonders pr\u00e4gend war hierbei die Phrenologie des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts, die im Unterschied zu Lavaters Fokus auf Gesichtsformen, den Sch\u00e4del selbst zum diagnostischen Feld erkl\u00e4rte. Obwohl sie sich als empirische Wissenschaft ausgab, beruhte auch sie auf der Annahme, dass geistige und moralische Eigenschaften aus k\u00f6rperlicher Form ableitbar seien. Die entsprechenden Sch\u00e4deldiagramme und die instrumentelle Vermessung des Kopfes dienten dazu, Charakterdispositionen, Begabungen oder kriminelle Neigungen zu verorten, womit die phrenologische Schule \u00e4hnliche gesellschaftliche Hoffnungen wie die Physiognomie auf wissenschaftliche Objektivierbarkeit menschlicher Qualit\u00e4ten bediente.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"529\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-20.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4174\" style=\"width:282px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-20.png 450w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-20-255x300.png 255w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Abb. 4: Darstellung der Charakteranlagen und F\u00e4higkeiten<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Diese Suche nach einer biologischen Grundlage f\u00fcr Charakter und moralistischen wie gesellschaftlichen Wert eines Menschen fand im 20. Jahrhundert eine radikale Zuspitzung, als eugenische Ideologien im Nationalsozialismus physiognomische und anthropometrische Muster nutzten, um rassistische Kategorien vermeintlich wissenschaftlich zu legitimieren. K\u00f6rperliche Merkmale wurden dabei erneut als Indikatoren f\u00fcr moralische, geistige und \u201eerbbiologische\u201c Eigenschaften interpretiert und pervertiert, wodurch sich \u00e4ltere physiognomische und phrenologische Denktraditionen politisch und biopolitisch instrumentalisieren liessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Heutzutage versucht man in der medizinischen Diagnostik zwar nicht l\u00e4nger Moral und Charakter zu deuten, jedoch hat die Betrachtung der \u00e4usseren Erscheinungsmerkmale (z. B. Gesichtsasymmetrien, L\u00e4hmungszeichen oder Hautver\u00e4nderungen) immer noch einen hohen diagnostischen Stellenwert. Im Unterschied zu Lavaters moraltheologischem Ansatz oder der sp\u00e4teren phrenologischen Spekulation steht nun die funktionale, physiologische Interpretation im Vordergrund. W\u00e4hrend Physiognomie und Phrenologie innere Eigenschaften aus \u00e4usseren Formen abzuleiten versuchten, dient die moderne klinische Beobachtung der \u00e4usseren Merkmale der Identifikation konkreter pathologischer Prozesse, etwa neurovaskul\u00e4rer Ereignisse wie eines Schlaganfalls. Die \u00e4u\u00dferliche Erscheinung wurde damit \u2013 im Verlauf einer langen Entwicklung \u2013 von einem moralischen und metaphysischen Interpretationsrahmen in einen anatomisch-medizinischen \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel aus (Physiognomische Fragmente, Band 1, IX. Fragment, S. 78):<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00ab\u2026Man mache den Versuch mit einem Kinde, das nur f\u00e4hig ist, die Bedeutung der Worte zu fassen; man geb ihm folgende f\u00fcnf Namen in die Hand, und hei\u00df es zu jedem Gesichte denjenigen legen, der ihm zukommt. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u2014 Man sage ihm; \u201eUnter diesen f\u00fcnfen ist..Ein leichtsinniger&nbsp;s\u00fc\u00dfer Geck!&nbsp;Ein&nbsp;stolzer Windbeutel! Ein&nbsp;Trunkener!&nbsp;Ein&nbsp;Geizhals!&nbsp;Ein&nbsp;geiler Bock!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u2014 Es wird schwerlich irren, und diese Namen unrecht <\/em><em>vertheilen<\/em><em>. \u2014\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"511\" height=\"154\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-18.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4166\" style=\"width:716px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-18.png 511w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/image-18-300x90.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 511px) 100vw, 511px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><strong>Abb. 5: Illustration aus Physiognomische Fragmente, Band 1, IX. Fragment, S. 78<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellenverzeichnis:<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Literaturverzeichnis:<\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/de\/planen-und-bauen\/bauvorschriften-und-planerische-grundlagen\/denkmalpflege-gartendenkmalpflege\/denkmalpflege\/gute-beispiele\/industriegebaeude-und-kulturbetriebe\/lavaterhaus.html\">https:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/de\/planen-und-bauen\/bauvorschriften-und-planerische-grundlagen\/denkmalpflege-gartendenkmalpflege\/denkmalpflege\/gute-beispiele\/industriegebaeude-und-kulturbetriebe\/lavaterhaus.html<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Geschichte(n) der Biometrie, Studienarbeit, Alexander Hamann, Institut f\u00fcr Informatik, Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin, 17.05.2007<\/li>\n\n\n\n<li>Trauzettel No. 1714, J.C.Lavaters Physiognomische Fragmente, 1775-1778<br>https:\/\/doi.org\/10.11588\/diglit.67345#0108<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/dictionary.apa.org\/phrenology\">https:\/\/dictionary.apa.org\/phrenology<\/a><a href=\"https:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/de\/planen-und-bauen\/bauvorschriften-und-planerische-grundlagen\/denkmalpflege-gartendenkmalpflege\/denkmalpflege\/gute-beispiele\/industriegebaeude-und-kulturbetriebe\/lavaterhaus.html\"><br><\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Illustrationen:<\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Abb. 1: <a href=\"https:\/\/openhouse-zuerich.org\/orte\/lavaterhaus-2\/\">https:\/\/openhouse-zuerich.org\/orte\/lavaterhaus-2\/<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Abb. 2: <a href=\"https:\/\/baz.e-pics.ethz.ch\/#main-search-text=peterhofstatt%206&amp;main-search-mode=and&amp;detail-asset=0efb14f1-0664-4818-8aa4-aea2057d5e51\">https:\/\/baz.e-pics.ethz.ch\/#main-search-text=peterhofstatt%206&amp;main-search-mode=and&amp;detail-asset=0efb14f1-0664-4818-8aa4-aea2057d5e51<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Abb. 3: Geschichte(n) der Biometrie, Studienarbeit, Alexander Hamann, Institut f\u00fcr Informatik, Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin, 17.05.2007<\/li>\n\n\n\n<li>Abb. 4: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Phrenologie1-157k.png#file\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Phrenologie1-157k.png#file<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Abb. 5: <strong>Lavater, Johann Caspar:<\/strong> <em>Physiognomische Fragmente zur Bef\u00f6rderung der Menschenkenntni\u00df und Menschenliebe. Band 1.<\/em> Leipzig: Weidmann und Reich, 1775. Digitalisat der Universit\u00e4tsbibliothek Heidelberg. DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.11588\/diglit.67345\">https:\/\/doi.org\/10.11588\/diglit.67345<\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Z\u00fcrichs Blick ins Gesicht: Wie Lavater Religion, Wissenschaft und b\u00fcrgerliche Moral zur Physiognomie verkn\u00fcpfte St. Peterhofstatt 6, 8001 Z\u00fcrich von Laurin Curt Inmitten des \u00e4ltesten Teils der Z\u00fcrcher Altstadt am pr\u00e4chtigen Lindenhof steht ein mittelalterliches Geb\u00e4ude aus dem 13. Jahrhundert, das Lavaterhaus. Ehemals Pfarreihaus des weitbekannten Philosophen, Pfarrer und Physiognom Johann Caspar Lavater (1741-1801). Abb. 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