{"id":3983,"date":"2025-11-17T00:50:27","date_gmt":"2025-11-16T23:50:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=3983"},"modified":"2025-12-10T00:46:31","modified_gmt":"2025-12-09T23:46:31","slug":"schlupfhuus-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/schlupfhuus-zuerich\/","title":{"rendered":"Das Schlupfhuus Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Zuhause auf Zeit \u2013 das Schlupfhuus Z\u00fcrich<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6nb\u00fchlstrasse 8<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><br>Manchmal wird das Leben einfach zu viel. Wenn zu Hause nur noch gestritten wird, in der Schule nichts mehr klappt oder man sich einfach verloren f\u00fchlt, genau dann kann es unglaublich schwer sein, einen Ausweg zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p><br>Hier setzt das Schlupfhuus Z\u00fcrich an: Es ist ein Ort f\u00fcr Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, die in einer schwierigen Situation stecken und vor\u00fcbergehend nicht mehr zu Hause bleiben k\u00f6nnen oder wollen. Seit mehr als 40 Jahren ist das Schlupfhuus ein Ort der Hoffnung. Inmitten des Grossstadttrubels von Z\u00fcrich bietet es jungen Menschen die Chance, wieder Vertrauen zu fassen \u2013 in andere, aber auch in sich selbst und wieder Halt im Leben zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Z\u00fcri br\u00e4nnt \u2013 Wir wollen Freir\u00e4ume!<\/strong>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die 1980er waren in Z\u00fcrich alles andere als ruhig. Die Stadt war gepr\u00e4gt von einem&nbsp;starken gesellschaftlichen Umbruch, und besonders die Jugendlichen machten auf sich aufmerksam \u2013 laut, kreativ und w\u00fctend.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele junge Menschen f\u00fchlten sich damals&nbsp;nicht verstanden. Sie kritisierten eine Gesellschaft, die aus ihrer Sicht nur auf Leistung, Ordnung und Geld fixiert war, w\u00e4hrend&nbsp;Freir\u00e4ume f\u00fcr Kultur, Musik und Begegnung&nbsp;fehlten. Besonders die kulturellen Angebote waren f\u00fcr Jugendliche sehr begrenzt: Es gab kaum Orte, wo sie sich entfalten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlupfhuus entstand, um Jugendlichen, die&nbsp;in Not oder auf der Strasse&nbsp;waren,&nbsp;schnell, unkompliziert und anonym&nbsp;zu helfen. Es bot und bietet bis heute&nbsp;Schutz, Verst\u00e4ndnis und Perspektiven, ohne zu verurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie es zum Schlupfhuus Z\u00fcrich kam<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Sozialp\u00e4dagogin&nbsp;Anna Elmiger&nbsp;erkannte w\u00e4hrend ihrer Arbeit in Heimen und der Kinderpsychiatrie ein dr\u00e4ngendes Problem: In der ganzen Schweiz gab es&nbsp;keinen Ort, an den sich Kinder und Jugendliche in akuten Krisen&nbsp;direkt, spontan und ohne b\u00fcrokratische H\u00fcrden&nbsp;wenden konnten. Doch immer mehr Jugendliche brachen zwischen 1970 und 1980 den Kontakt zu ihren Familien ab, lebten auf der Strasse und suchten Orientierung in einer Szene, die zunehmend von Konflikten und Drogenkonsum gepr\u00e4gt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Elmiger entwickelte im Rahmen ihrer Abschlussarbeit die Idee eines niederschwelligen, offenen Krisenhauses, das jungen Menschen&nbsp;sofort Schutz, Beziehung und Unterst\u00fctzung&nbsp;bietet. Inspiriert wurde sie vom&nbsp;Jongeren Advies Centrum (JAC)&nbsp;in Amsterdam, das zeigte, wie wichtig ein unb\u00fcrokratischer Zugang dazu f\u00fcr Jugendliche in Not ist. Anders als das Vorbild sollte das neue Z\u00fcrcher Modell jedoch zus\u00e4tzlich kurzfristige Wohnpl\u00e4tze bieten \u2013 weil viele Jugendliche schlicht keinen sicheren Ort hatten, an den sie h\u00e4tten zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahl dieses Standorts war ein gl\u00fccklicher Zufall, aber ein entscheidender. Durch eine \u201eGl\u00fccksstr\u00e4hne\u201c, wie Elmiger es selbst beschreibt, stellte das&nbsp;Foyer Anni Hug&nbsp;das grosse Haus an der Sch\u00f6nb\u00fchlstrasse 8 zur Verf\u00fcgung. Das Geb\u00e4ude bot gen\u00fcgend Platz, um Jugendliche rund um die Uhr aufzunehmen, und gleichzeitig eine ruhige, gesch\u00fctzte Lage, die dennoch gut erreichbar war. In einer Zeit, in der Z\u00fcrich von Demonstrationen, Polizeieins\u00e4tzen und politischen Auseinandersetzungen gepr\u00e4gt war, wurde das Haus zu einem sicheren Hafen \u2013 einem Ort, der Stabilit\u00e4t bot, w\u00e4hrend draussen die Stadt brodelte.<\/p>\n\n\n\n<p>So \u00f6ffnete das Schlupfhuus am&nbsp;21. Juni 1980&nbsp;seine T\u00fcren und wurde bald zu einer festen Adresse f\u00fcr Jugendliche, die in Not gerieten. Dass es heute noch immer am selben Ort steht, liegt auch daran, dass sich bislang keine \u00fcberzeugende Alternative gefunden hat. Der Standort, einst durch Gl\u00fcck entstanden, ist \u00fcber die Jahrzehnte zu einem zentralen Teil der Identit\u00e4t des Schlupfhuus geworden \u2013 ein vertrauter, verl\u00e4sslicher Ort f\u00fcr junge Menschen in Krisen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"726\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/Bildschirmfoto-2025-11-08-um-14.11.13-1024x726.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3986\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/Bildschirmfoto-2025-11-08-um-14.11.13-1024x726.png 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/Bildschirmfoto-2025-11-08-um-14.11.13-300x213.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/Bildschirmfoto-2025-11-08-um-14.11.13-768x544.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/Bildschirmfoto-2025-11-08-um-14.11.13-1536x1089.png 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/Bildschirmfoto-2025-11-08-um-14.11.13-2048x1452.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Schlupfhuus heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlupfhuus befindet sich bis heute an der Sch\u00f6nb\u00fchlstrasse 8 mitten in Z\u00fcrich. Es ist ein sechsst\u00f6ckiges Haus, das Einzelzimmer f\u00fcr Jugendliche, verschiedene Aufenthaltsr\u00e4ume und auch B\u00fcros umfasst.<br>Im Erdgeschoss gibt es eine Wohnk\u00fcche mit Aufenthaltsraum, dar\u00fcber Stockwerke mit Zimmern. <br><br>Parallel zur station\u00e4ren Unterkunft bietet das Haus auch&nbsp;ambulantes Krisencoaching&nbsp;und begleitetes Wohnen an, f\u00fcr Jugendliche, die lieber in Einzelbetreuung oder ausserhalb eines klassischen Gruppensettings Unterst\u00fctzung erhalten m\u00f6chten.<br><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"640\" data-id=\"3990\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03282.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3990\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03282.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-2.jpg 960w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03282.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-2-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03282.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-2-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"640\" data-id=\"3992\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03291-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3992\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03291-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463.jpg 960w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03291-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03291-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"640\" data-id=\"3993\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03294-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3993\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03294-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463.jpg 960w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03294-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/11\/dsc03294-2.44cd8fcb94974489f022adefd1250463-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/figure>\n<\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><strong>Einordnung in den medizinischen Kontext<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den sp\u00e4ten 1970er- und fr\u00fchen 1980er-Jahren befand sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Z\u00fcrich in einer Phase des grundlegenden Ausbaus und Wandels. Die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste (KJPD) professionalisierten sich zunehmend, entwickelten neue diagnostische und therapeutische Verfahren und begannen, vermehrt familien- und systemtherapeutische Ans\u00e4tze in die Behandlung einzubeziehen. Gleichzeitig entstand ein wachsendes Bewusstsein daf\u00fcr, dass viele Probleme von Jugendlichen \u2013 ob Verhaltensauff\u00e4lligkeiten, famili\u00e4re Konflikte, Vernachl\u00e4ssigung oder fr\u00fche Suchtprobleme \u2013 nicht nur p\u00e4dagogische, sondern auch psychische und sozial belastende Ursachen hatten. Dies f\u00fchrte zur Einrichtung von Kriseninterventionsangeboten, Notfallsprechstunden und spezialisierten Ambulatorien, die rasch zu wichtigen Partnern anderer sozialer Einrichtungen wurden. Vor diesem Hintergrund erhielt das 1980 gegr\u00fcndete Schlupfhuus eine zentrale Rolle. Als niedrigschwellige, sichere Anlaufstelle f\u00fcr Kinder und Jugendliche in akuten Krisen erg\u00e4nzte es die sich entwickelnden medizinischen Strukturen ideal: Es bot Schutz, sofortige Stabilisierung und zugleich einen Zugang zu psychologischer und psychiatrischer Unterst\u00fctzung. Die zunehmende Zusammenarbeit zwischen KJPD, Schulpsychologie, Sozialdiensten und Einrichtungen wie dem Schlupfhuus bildete erstmals ein vernetztes System, das Jugendliche nicht allein nach p\u00e4dagogischen Kriterien, sondern im Sinne eines umfassenden Kindeswohls begleitete. Damit wurde das Schlupfhuus zu einem wesentlichen Bestandteil jenes medizinisch-sozialen Wandels, der um 1980 in Z\u00fcrich begann und die moderne Jugendhilfe nachhaltig pr\u00e4gte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlupfhuus bietet mehr als nur ein Dach \u2013 es bietet Jugendlichen in schweren Lebensmomenten ein Umfeld mit stabiler Struktur, pers\u00f6nlicher Begleitung, Privatsph\u00e4re und die Chance, ihre Situation zu kl\u00e4ren und neue Schritte zu wagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Illustrationen: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>website: schlupfhuus.ch<\/p>\n\n\n\n<p>Schlupfhuus-Jahresbericht-2020<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>schlupfhuus.ch <\/p>\n\n\n\n<p>Schlupfhuus-Jahresbericht-2020<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Zuhause auf Zeit \u2013 das Schlupfhuus Z\u00fcrich Sch\u00f6nb\u00fchlstrasse 8 Manchmal wird das Leben einfach zu viel. 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