{"id":3693,"date":"2025-05-07T03:05:47","date_gmt":"2025-05-07T01:05:47","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=3693"},"modified":"2025-05-26T13:49:04","modified_gmt":"2025-05-26T11:49:04","slug":"der-lila-bus-im-seefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/der-lila-bus-im-seefeld\/","title":{"rendered":"Der Lila Bus im Seefeld"},"content":{"rendered":"\n<p>Die offene Drogenszene der 80er und 90er Jahren fand in Z\u00fcrich nicht nur am ber\u00fchmten Platzspitz statt, sondern auch an weniger thematisierten und vergessenen Orten, wie dem Seefeld. Ja, richtig gelesen, das Seefeld war einmal ein Drogenstrich. Am sogenannten \u201eBabystrich\u201c prostituierten sich junge Frauen, um sich ihre Drogen zu finanzieren. Dabei waren sie grosser Gefahr ausgesetzt. Zur Unterst\u00fctzung dieser Frauen wurde vom Z\u00fcrcher Sozialamt der \u201eLila Bus\u201c&nbsp; ins Leben gerufen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Kontaktstelle f\u00fcr Frauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die im Durchschnitt 16-28-j\u00e4hrigen, drogenabh\u00e4ngigen Prostituierten im Seefeld befanden sich in einem schrecklichen Teufelskreis: Viele Frauen sahen die Prostitution als letzte M\u00f6glichkeit, ihre Drogensucht, welche meist hunderte Franken pro Tag kostete, zu bezahlen. Doch was sie dann durch die Prostitution erlebten, war so schrecklich, dass sie sich komplett zudr\u00f6hnen mussten, um es auszuhalten. Prostitution f\u00fcr die Drogen, Drogen f\u00fcr die Prostitution.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als in den \u201eSalons\u201c verlief die Prostitution an der Seefeldstrasse ungeregelt; die Frauen wurden oft auf tiefe Preise herunter gehandelt und konnten sich schlecht gegen Gewalt wehren. Frauen auf dem Strich waren &nbsp;zudem in physischer Gefahr, weil sie \u00f6fters \u00fcberfallen oder vergewaltigt wurden. In Spit\u00e4lern und Arztpraxen wies man sie ab, niemand wollte die Prostituierten medizinisch betreuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um &nbsp;der steigenden Zahl der randst\u00e4ndigen Frauen zu helfen, wurde im Mai 1989 vom Z\u00fcrcher Sozialamt ein alter VBZ Bus zur siebten st\u00e4dtischen\u201eKontakt- und Anlaufstellen f\u00fcr Drogengebraucher:innen\u201c umgebaut. Der lila gestrichene Bus stand w\u00e4hrend den folgenden zweieinhalb Jahren an der Kreuzung der Seefeldstrasse mit der Mainaustrasse. Mitten im Milieu und direkt erreichbar f\u00fcr die Frauen in Not.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"629\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-1024x629.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3941\" style=\"width:474px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-1024x629.jpeg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-300x184.jpeg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-768x472.jpeg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-1536x943.jpeg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-2048x1258.jpeg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0887-570x350.jpeg 570w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Im Zeitgeist der Frauenbeweungen, der Erroberung der eigenen Gesundheit und des eigenen K\u00f6rpers, \u00fcbernahm ein rein weibliches Team die F\u00fchrung der Anlaufstelle. Frauenambulatorien, Frauenh\u00e4user, Frauenbadis entstanden \u00fcberall rund um Z\u00fcrich und der Lila Bus bildete einen kleinen Teil der Bewegung, indem er den Zutritt strikt nur f\u00fcr Frauen erlaubte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Team, bestehend aus Sozialarbeiterinnen der Stadt Z\u00fcrich und einer \u00c4rztin, funktionierte kooperativ und ohne Hierarchien. Zusammen \u00f6ffneten sie die Anlaufstelle f\u00fcnf N\u00e4chte die Woche. Die \u00c4rztin war jeweils Dienstag Nacht vor Ort.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Lila Bus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Bus erwartete die Drogengebraucherinnen vorerst Verpflegung, Kleider, Kondome und Schminke. Das war der Grund, wieso die Frauen den Bus besuchten, aber sie blieben dann zur medizinischen Beratung oder psychologischen Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr k\u00f6rperlicher Allgemeinzustand war heruntergekommen. Was aus unserer Sicht ein medizinischer Notfall ist, war f\u00fcr sie allt\u00e4glich. Wenn sie sich dann meldeten, handelte es sich meist um eine lebensbedrohliche Situation. HIV war zu dieser Zeit ein riesiges Thema und ein grosses Problem f\u00fcr die Prostituierten. Andere h\u00e4ufige medizinische Probleme waren Abszesse oder ungewollte Schwangerschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lila Bus besass keine wirkliche medizinische Einrichtung. Die \u00c4rztin im Bus sprach viel mit den Prostituierten. Dann vermittelte sie weiter ans PUK oder USZ. Sie war die Anlaufsperson vor Ort und konnte dann bei den richtigen Kontakten einen Termin organisieren. Dies war wichtig, weil ohne sie die Prostituierten wieder weggeschickt wurden. Kleine medizinische Behandlungen, zum Beispiel Wundversorgungen, wurden nat\u00fcrlich trotzdem unmittelbar gemacht. Auch Hepatitis B-Impfungen f\u00fchrte die \u00c4rztin durch und kl\u00e4rte die Frauen \u00fcber Geschlechtskrankheiten auf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"632\" data-id=\"3934\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0882-3-1024x632.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3934\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0882-3-1024x632.jpeg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0882-3-300x185.jpeg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0882-3-768x474.jpeg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0882-3-1536x948.jpeg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0882-3-2048x1264.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"637\" data-id=\"3935\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0883-2-1024x637.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3935\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0883-2-1024x637.jpeg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0883-2-300x187.jpeg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0883-2-768x478.jpeg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0883-2-1536x956.jpeg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0883-2-2048x1274.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"658\" data-id=\"3936\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0884-1-1024x658.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3936\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0884-1-1024x658.jpeg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0884-1-300x193.jpeg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0884-1-768x494.jpeg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0884-1-1536x987.jpeg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2025\/05\/IMG_0884-1-2048x1316.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p>Doch der Bus war noch viel mehr als das. Die Frauen bekamen einen Ort, an dem sie Ruhe hatten, weg vom Gehetze auf der Strasse. In Sicherheit konnten sie sich untereinander zusammenfinden. Sie sprachen miteinander \u00fcber ihre Situation, tauschten sich \u00fcber die Prostitution, die Drogen, die Obdachlosigkeit, aus. Ein wichtiger Teil der Anlaufstelle bildete die \u201eschwarze Liste der Freier\u201c in der alle gewaltt\u00e4tigen Freier notiert wurden. So war es den Frauen m\u00f6glich, sich gegenseitig zu warnen und zu sch\u00fctzen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember 1991 wurde der Bus abrupt geschlossen. Gr\u00fcnde waren unter anderem, dass gewisse BewohnerInnen des Seefelds empfanden, der Bus locke noch mehr Drogenabh\u00e4ngige an. Der Strich wurde zur gleichen Zeit in das Industriequartier verlegt und an der Zollstrasse 111wurde eine medizinische Praxis f\u00fcr obdachlose Frauen er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Illustrationen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schweizerisches Sozialarchiv, Bestand F 5107_Vogler Gertrud, Z\u00fcrich, Heruntergeladen am 21.04.25 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Podcast \u201eAls im Seefeld ein Lila Bus stand\u201c von Elena K\u00fcnzli Januar 2025 <\/p>\n\n\n\n<p>Neue Z\u00fcrcher Nachrichten, Band 93, Nummer 182, 8.Aug 1989,<\/p>\n\n\n\n<p>Neue Z\u00fcrcher Zeitung Nummer 206, 6.September 1989 <\/p>\n\n\n\n<p>Interview mit Dorin Ritzmann, Gyn\u00e4kologin &amp; ehemalige \u00c4rztin im Lila Bus, 1.05.25<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Seefeld war einmal ein Drogenstrich. Am sogenannten \u201eBabystrich\u201c prostituierten sich junge Frauen, um sich ihre Drogen zu finanzieren. 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