{"id":2855,"date":"2024-04-29T14:26:03","date_gmt":"2024-04-29T12:26:03","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=2855"},"modified":"2024-12-01T16:51:20","modified_gmt":"2024-12-01T15:51:20","slug":"villa-rosenberg-das-erste-kantonale-saeuglingsheim-in-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/villa-rosenberg-das-erste-kantonale-saeuglingsheim-in-zuerich\/","title":{"rendered":"Villa Rosenberg \u2013 Das erste kantonale S\u00e4uglingsheim in Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"\n<p>Haldenbachstrasse 22 (<a href=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/edit?mid=1mdJpaZOFrjwkidVhprBC_38phlQB7J0&amp;usp=sharing\">Karte<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">von Yusur Al-Azzawi<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">Entlang der Haldenbachstrasse 22 erhebt sich eine Villa, die heute eine Kindertagesst\u00e4tte des Universit\u00e4tsspitals Z\u00fcrich ist. Doch diese Villa birgt eine bedeutende Geschichte: Hier befand sich einst das erste kantonale S\u00e4uglingsheim der Stadt Z\u00fcrich. Es war eine Einrichtung, die aufgrund ihrer innovativen Herangehensweise an die Betreuung von Neugeborenen eine wegweisende Rolle in der gesamten Schweiz einnahm.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/20240429_104443-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2857\" style=\"width:733px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/20240429_104443-2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/20240429_104443-2-300x225.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/20240429_104443-2-768x576.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/20240429_104443-2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/20240429_104443-2-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb.1: Kita USZ Haldenbachstrasse, Haldenbachstrasse 22, 8006 Z\u00fcrich, ehemaliges S\u00e4uglingsheim Rosenberg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><\/h5>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1908 wurde das wahrscheinlich erste staatliche S\u00e4uglingsheim dieser Art in Europa in der Villa Rosenberg in Z\u00fcrich von Prof. Jakob Bernheim gegr\u00fcndet. Dadurch wurde ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Neonatologie aufgeschlagen. In einer Zeit, die von medizinischen Fortschritten und sozialen Ver\u00e4nderungen gepr\u00e4gt war, entstand der Rosenberg als Antwort auf die dringende Notwendigkeit, kranke und schwache Neugeborene angemessen zu versorgen. Diese Entwicklung spiegelte sich eindrucksvoll in der Senkung der S\u00e4uglingssterblichkeit w\u00e4hrend der letzten 150 Jahre wider.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gr\u00fcndung des S\u00e4uglingsheims durch Prof. Jakob Bernheim<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das S\u00e4uglingsheim Rosenberg wurde im Jahr 1908 durch Jakob Bernheim gegr\u00fcndet. Er war ein Z\u00fcrcher Arzt, welcher seine Leidenschaft f\u00fcr die Medizin fr\u00fch entdeckte. Nach Beendung seines Studiums widmete er sich der Kinderheilkunde, sp\u00e4ter er\u00f6ffnete er seine eigene Praxis. Zus\u00e4tzlich arbeitete er im Labor des Hygieneinstituts, beim damaligen Leiter des Kinderspitals. Dort erlebte er, wie die Tochter eines fr\u00fcheren Lehrers verstarb. Bernheim war der Meinung, dass das Kind mit Ammenmilch h\u00e4tte gerettet werden k\u00f6nnen. Die Reaktion des Lehrers auf den Tod seiner Tochter pr\u00e4gte Bernheim sehr. Zur damaligen Zeit war die Kinderheilkunde in der Schweiz noch nicht als Spezialfach anerkannt, dies hielt Bernheim jedoch nicht ab. Er vertrat die Meinung, dass die Betreuung der S\u00e4uglinge eine staatliche Aufgabe sein soll. Er setzte sich stark f\u00fcr die Gr\u00fcndung eines kantonalen S\u00e4uglingsheim ein, dieses entstand dann auch im Jahr 1908. Das rennovationsbed\u00fcrftige Geb\u00e4ude der Villa Rosenberg war urspr\u00fcnglich Teil der Frauenklinik Z\u00fcrich und diente zur Unterbringung von Krebspatientinnen. Theodor Wyder, Gyn\u00e4kologe und damaliger Direktor der Universit\u00e4tsklinik unterst\u00fctzte Bernheim in seiner Idee.1905 wurde die Villa f\u00fcr die Benutzung als S\u00e4uglingsheim zugesprochen. Trotz des kantonalen Status kam der Kanton nicht f\u00fcr das gesamte n\u00f6tige Kapital auf. Er hat lediglich einen Kredit von 4000.- zur Verf\u00fcgung gestellt. Das restliche Geld wurde durch Privatpersonen aufgetrieben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"667\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/BAZ_094872-min-1024x667.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2859\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/BAZ_094872-min-1024x667.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/BAZ_094872-min-300x195.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/BAZ_094872-min-768x500.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/BAZ_094872-min-1536x1000.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/04\/BAZ_094872-min-2048x1334.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Kantonales S\u00e4uglingsheim Rosenberg, ca. 1910 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neonatale Betreuung und Versorgung im S\u00e4uglingsheim<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die neonatale Betreuung und Versorgung der S\u00e4uglinge erlebten im Laufe der Zeit eine bedeutende Entwicklung, die wesentlich zum Wohlbefinden und \u00dcberleben der Neugeborenen beitrugen. Bernheim war bewusst, welch eine wichtige Rolle die Ern\u00e4hrung spielt und arbeitete an der Verbesserung der Ern\u00e4hrungsbedingungen, indem er beispielsweise Ammen anstellte, die die Neugeborenen stillen sollten. Sp\u00e4ter wurde Milch auch abgepumpt oder in der Milchk\u00fcche aus Pulver zubereitet. Bei Fr\u00fchgeborenen wurde die Milch je nach Bedarf mit Eiweiss, Kalzium und Phosphor angereichert. Neugeborenen, die nicht selbstst\u00e4ndig saugen und schlucken konnten, wurde eine Sonde in den Magen vorgeschoben und damit ern\u00e4hrt. Eine weitere wichtige Rolle spielte die Isolation der S\u00e4uglinge. Die Babys wurden in der Villa Rosenberg isoliert. Nur diejenigen, die das Fr\u00fchgeborene pflegen oder behandeln mussten, hatten Zutritt zur Fr\u00fchgeborenenabteilung, die Eltern durften ihr Neugeborenes also nicht direkt besuchen und mussten sich damit begn\u00fcgen, ihr Neugeborenes durch die verglaste Abteilungst\u00fcr zu sehen. Somit wurden enge Ber\u00fchrungen und so auch Z\u00e4rtlichkeiten vermieden. Dies war ein Punkt, welcher damals f\u00fcr Kritik sorgte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kritische Beurteilung des S\u00e4uglingsheims<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden intensive Debatten \u00fcber die Ursachen des \u201eHospitalismus\u201c gef\u00fchrt, der in Findelh\u00e4usern und S\u00e4uglingsheimen kursierte und h\u00e4ufig zum Tode der Neugeborenen f\u00fchrte. Der Kinderarzt Meinhard von Pfaundler sah die Ursache in der psychischen Vernachl\u00e4ssigung der S\u00e4uglinge, denen eine enge Beziehungsperson fehlte. Von Pfaundler beschrieb bereits im Jahr 1901 die Stadien des Hospitalismus und die damit verbundenen emotionalen und k\u00f6rperlichen Entwicklungsst\u00f6rungen. Er kritisierte, dass Neugeborenen oft nicht nur die Muttermilch, sondern auch die individuelle m\u00fctterliche Pflege entzogen wurde, indem sie in S\u00e4uglingsheimen untergebracht wurden. Obwohl diese Kritik am fehlenden Mutter-Kind-Kontakt bekannt war, wurden die S\u00e4uglinge im von Jakob Bernheim gegr\u00fcndeten S\u00e4uglingsheim Rosenberg ebenfalls isoliert und von ihren M\u00fcttern getrennt untergebracht. Dies widersprach den Erkenntnissen von Pfaundler und trug potenziell zu den negativen Folgen des Hospitalismus bei den Neugeborenen bei. Des Weiteren kann man die im S\u00e4uglingsheim betriebene Forschung durch Prof. Jakob Bernheim kritisieren. Er f\u00fchrte zwischen 1911 und 1913 mehrere Forschungsprojekte durch, wobei er die S\u00e4uglinge als Forschungsobjekte betrachtete und verschiedene experimentelle Ans\u00e4tze zur Untersuchung von Krankheiten und Therapiemethoden verwendete. Ein Beispiel daf\u00fcr ist seine Studie zur Sommerdiarrh\u00f6e, bei der er den Einfluss von zersetzter Milch auf S\u00e4uglinge untersuchte. Dabei ern\u00e4hrte er 80 Kinder mit sorglos aufbewahrter Milch und beobachtete die Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Hierbei ist fraglich, welchen Nutzen diese Experimente f\u00fcr die S\u00e4uglinge hatten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ammenwesen in der Schweiz<\/strong><\/h2>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>In der Schweiz stillten die M\u00fctter ihre S\u00e4uglinge grunds\u00e4tzlich selbst. Vor allem in l\u00e4ndlichen Gebieten war das Stillen stark verbreitet. War eine Mutter nicht f\u00e4hig, ihr eigenes Kind zu stillen, so half man sich gegenseitig aus. Dies geschah meistens durch Vermittlung der Hebamme, war dies nicht m\u00f6glich, musste man sich mit Kuh- oder Ziegenmilch begn\u00fcgen. Das Stillen, entweder durch die eigene Mutter oder durch eine Amme, war f\u00fcr die Neugeborenen unabdingbar, um zu \u00fcberleben. Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte sich ein rudiment\u00e4res Ammensystem. Durch dieses System ergab sich die M\u00f6glichkeit f\u00fcr unverheiratete M\u00fctter, sich aus einer finanziellen Notlage zu verhelfen. 1911 stellten das Kantonale S\u00e4uglingsheim und die Frauenklinik gesunde Frauen als Ammen an. Diese mussten neben ihrem eigenen Kind mindestens ein weiteres stillen und erhielten nach einer erfolgreichen Probezeit als Gegenleistung freie Verpflegung, ein Bettchen f\u00fcrs eigene Kind und ein Monatsgehalt von 20 bis zu 35 Franken.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Bildquellen<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Abb. 1: Eigenes Foto<br>Abb. 2: https:\/\/www.e-pics.ethz.ch\/index\/BAZ\/BAZ_190466.html<br><\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h6>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Ritzmann, Iris: Zwischen F\u00fcrsorge und Forschung: Die Anf\u00e4nge des kantonalen S\u00e4uglingsheims. Unpubl. Vortragsnotizen, Z\u00fcrich 2008.<br>https:\/\/www.tellmed.ch\/tellmed\/Presse\/100_Jahre_Neonatologie_in_Zuerich.php<br>https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/61445\/Neonatologie-Eine-Handvoll-Mensch<br>100 Jahre Neonatologie Z\u00fcrich -Dokumentation zur Ausstellung &#8211; Universit\u00e4tsSpital Z\u00fcrich<br><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entlang der Haldenbachstrasse 22 erhebt sich eine Villa, die heute eine Kindertagesst\u00e4tte des Universit\u00e4tsspitals Z\u00fcrich ist. 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