{"id":2764,"date":"2024-05-01T21:15:30","date_gmt":"2024-05-01T19:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=2764"},"modified":"2025-02-23T14:13:03","modified_gmt":"2025-02-23T13:13:03","slug":"dermatologische-poliklinik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/dermatologische-poliklinik\/","title":{"rendered":"St\u00e4dtische Poliklinik f\u00fcr Dermatologie und Venerologie"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><\/h3>\n\n\n\n<p>Hermann-Greulich-Strasse 70 (<a href=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/edit?mid=1mdJpaZOFrjwkidVhprBC_38phlQB7J0&amp;ll=47.400643803573686%2C8.547791160767217&amp;z=17\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/edit?mid=1mdJpaZOFrjwkidVhprBC_38phlQB7J0&amp;ll=47.400643803573686%2C8.547791160767217&amp;z=17\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Karte<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">A\u00efssata Paschke<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-pale-pink-background-color has-text-color has-background\" style=\"font-style:italic;font-weight:200\">Welche Vorstellungen von Frau, Sexualit\u00e4t und&nbsp;Gesundheit legitimierten die Zwangsbehandlungen,&nbsp;die bis ins 20. Jahrhundert an Frauen vorgenommen&nbsp;wurden, wenn diese an Syphilis erkrankten?<\/p>\n\n\n\n<p><a>&nbsp;<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"572\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2952\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image.jpg 819w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-300x210.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-768x536.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p>Abb&nbsp;1: St\u00e4dtische Poliklinik an der Herman-Greulich-Strasse 70,&nbsp;1936. Flaches Dach und schn\u00f6rkellose Fassade: Architekten des&nbsp;\u00abNeuen Bauens\u00bb arbeiteten mit standardisierten Prototypen.&nbsp;B\u00fcrgerliche witterten dahinter &#8222;Kommunistenz\u00fcchterei&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Neubau f\u00fcr die St\u00e4dtische Poliklinik<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-pink-background-color has-background\">1936 zog die st\u00e4dtische Poliklinik f\u00fcr Haut- und&nbsp;Geschlechtskrankheiten in das neue Geb\u00e4ude an der&nbsp;Herman-Greulich-Strasse&nbsp;70. Der Baustil &#8222;Neues Bauen&#8220;&nbsp;wie auch die Lokalisation im Arbeiterviertel zeigen, f\u00fcr wen&nbsp;diese Poliklinik&nbsp;gedacht war&nbsp;und unterstreicht&nbsp;die Intention,&nbsp;soziale Medizin zu betreiben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das vorherige Provisorium an der Hohlstrasse war zu klein f\u00fcr die schiere Menge an behandelten Patientinnen und Patienten. Die Poliklinik an der Herman-Greulich-Strasse 70 wurde zu einer der f\u00fchrenden Anlaufstellen f\u00fcr Patient*innen mit sexuell \u00fcbertragbaren Krankheiten. 1995 wurde die Klinik dem Stadtspital Triemli angegliedert. 2023 zog die Poliklinik erneut um und befindet sich heute an der Europa Allee. Die Stadt Z\u00fcrich stellt das Geb\u00e4ude an der Herman-Greulich-Strasse 70 bis zum Start der Sanierungsarbeiten als Zwischennutzung zur Verf\u00fcgung. Zweck ist explizit ausformuliert die Unterst\u00fctzung von gesundheitsf\u00f6rdernden Projekten, deren Zugang niederschwellig gestaltet sein soll.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"774\" height=\"580\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2953\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-1.jpg 774w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 774px) 100vw, 774px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb&nbsp;2: Zwischennutzung bis zur Renovation, 2024. Anderer&nbsp;Rolladen,&nbsp;Parolen auf der&nbsp;Fassade aber&nbsp;wohl&nbsp;die selben&nbsp;B\u00e4ume.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ein utopischer Baustil<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Poliklinik an der Herman Greulich Strasse 70 ist im Baustil des &#8222;Neuen Bauens&#8220; zu verorten. Dieser fand Anfang der 1920er Jahre in der Nachkriegszeit kurzzeitig Aufschwung. Aufgrund des &#8222;industrialiserten&#8220; Bauprozesses, der mit vorgefertigten Teilen und standardisierten Prototypen arbeitetete, kam vor allem von B\u00fcrgerlicher Seite her der Vorwurf, dass von aussen alles gleich aussehe. Der Baustil lasse keinen Raum f\u00fcr Individualismus und sei &#8222;Kommunistenz\u00fcchterei&#8220;. Tats\u00e4chlich bestand eine enge Assoziation zwischen dem Verwirklichen von utopischen Gesellschaftsentw\u00fcrfen und sozialpolitischen Anliegen und Architektur und wurde deshalb der politischen Linke zugeschrieben. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Syphilis aus damaliger Sicht<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-pale-pink-background-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-e802f32293716ec89d2023216d18b7f0\">\u200bDas Krankheitskonzept war damals ein v\u00f6llig anderes als&nbsp;heute. Fehlverhalten, insbesondere Unzucht, galt als generelle&nbsp;Ursache f\u00fcr jegliche Krankheiten. Die damals eingesetzten&nbsp;Quecksilberpr\u00e4parate waren mit Arsenderivaten versetzt.&nbsp;Sie zeigten nur eine minimale Wirkung und waren&nbsp;gef\u00e4hrlich. Einfluss nehmen auf die Krankheit konnte man&nbsp;wenig bis gar nicht.&nbsp;\u200b<\/p>\n\n\n\n<p>Erst Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Erkenntnis, dass Krankheiten durch Bakterien, Pilze oder Viren ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. 1906 wurde Syphilis erstmals als eigenst\u00e4ndige Krankheit beschrieben, die durch Treponema palllidum ausgel\u00f6st wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Quecksilber im Einsatz. D\u00e4mpfe, Salben und orale Pr\u00e4parate zeigten nur eine minimale Wirkung und waren gef\u00e4hrlich. Quecksilbervergiftungen selbst f\u00fchrten zu Mundschleimhautentz\u00fcndungen, Zahnausfall, Haarausfall und t\u00f6dlichen Organsch\u00e4den. Alternativ wurden pflanzliche Sude eingesetzt, die aber v\u00f6llig wirkungslos waren. Zus\u00e4tzlich zu Quecksilber wurden Arsenderivate eingesetzt, besonders bekannt ist Salvarsan, das Pr\u00e4parat 606. Neosalvarsan enth\u00e4lt ausserdem Bismut, das effektiv eine antibiotische Wirkung zeigt. Besonders effizient war aber keine der zur Verf\u00fcgung stehenden Therapeutika, man war der Krankheit ziemlich ausgeliefert und konnte wenig bis keinen Einfluss nehmen auf deren Verlauf und Prognose.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Und heute?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-pink-background-color has-background\">Die Enttabuisierung von Sexualit\u00e4t und das Konzept von&nbsp;safer&nbsp;sex&nbsp;trugen in Kombination mit Antibiotika erst wirklich zu einer&nbsp;Kontrolle der Krankheit bei.&nbsp;\u200bEs ist wichtig, dass patriarchale Strukturen innerhalb der&nbsp;Medizin erkannt, benannt und aufgel\u00f6st werden.&nbsp;Aufkl\u00e4rungsarbeit muss auf Augenh\u00f6he geschehen und einen&nbsp;enttabuisierten Dialog \u00fcber sexuell \u00fcbertragbare Krankheiten&nbsp;zum Ziel haben. Anstatt marginalisiert soll inkludiert werden.&nbsp;\u200b<\/p>\n\n\n\n<p>Penicilin wurde 1928 entdeckt und war in der Schweiz ab 1946 als Medikament erh\u00e4ltlich und in Verwendung. Bis heute l\u00e4sst sich Syphilis gut mit Penicilin therapieren, es sind nahezu keine Resistenzen bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich nahm die Anzahl der Syphilis-Erkrankungen aber erst seit dem Aufkommen von HIV ab. Die Enttabuisierung von Sexualit\u00e4t und das Konzept von safer sex trugen in Kombination mit therapeutischen M\u00f6glichkeiten erst wirklich zu einer Kontrolle der Krankheit bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Verf\u00fcgbarkeit von Antibiotika und dem \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber gesch\u00fctzten Geschlechtsverkehr nahm die Zahl der Syphilis Neuerkrankungen konstant ab. Seit Anfang der 2000er Jahre werden aber wieder mehr F\u00e4lle dokumentiert. 2006 wurde in der Schweiz die Labormeldepflicht f\u00fcr Syphilis erneut eingef\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Weibliche Sexualit\u00e4t im 19. Jahrhundert<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Erforschung der Sexualit\u00e4t galt um das 19. Jahrhundert herum als Aufgabe der Naturwissenschaft. Wissenschaftlich pr\u00e4sentierte Erkenntnisse dienten aber oft als Legitimation und Rationalisierung ethisch-moralischer Vorschriften. So wurde die weibliche Sexualit\u00e4t haupts\u00e4chlich im Vergleich, immer bezugnehmend auf die m\u00e4nnliche, charakterisiert. Da &#8222;der Reiz der Gedanken einen Reiz in den Organen erzeugt&#8220;, fehlte letztendlich als bewusstes Kalk\u00fcl nicht nur der Wille, sondern auch das Vokabular, das n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, um \u00fcber Verh\u00fctung respektive \u00fcber safer sex zu sprechen. Sexualit\u00e4t war tabuisiert. Der weiblichen Unschuld und Tugend wurde eine Unwissenheit in sexuellen Belangen vorausgesetzt. Aufkl\u00e4rung h\u00e4tte also die gutb\u00fcrgerliche Frau verdorben.<sup>1 <\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Frauen sollten im allgemeinen kein Individualit\u00e4tsgef\u00fchl entwickeln, da dieses sie daran hindern w\u00fcrde, voll und ganz in der Ehe aufzugehen. Die ideale Frau war keusch, dem Mann willenlos untergeordnet und ohne sexuelle Bed\u00fcrfnisse. Wissenschaftlich wurde postuliert, dass Frauen auf Grund ihrer Anatomie nicht in der Lage seien, &#8222;volle geschlechtliche Befriedigung&#8220; zu erlangen. Der einzige Grund, wieso eine Frau Sex mit einem Mann wolle, sei das &#8222;Verlangen nach Nachkommenschaft und aus dem Wunsche, dem geliebten Mann Genuss zu bereiten.&#8220; Weibliche Sexualit\u00e4t wurde also vollst\u00e4ndig verleugnet, unterdr\u00fcckt und teils pathologisiert. &#8222;[d]as Hervortreten des sexuellen Elements in der Liebe eines jungen M\u00e4dchens ist etwas pathologisches.&#8220;<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Mann hingegen, &#8222;wenn es so ohne Schwierigkeiten und Folgen anginge, instinktiv dazu getrieben w\u00fcrde, sich mit m\u00f6glichst vielen Frauen zu begatten und m\u00f6glichst viele Kinder zu zeugen&#8220;.<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab auch Stimmen, die die weibliche Sexualit\u00e4t anerkannten. Dies allerdings auch sehr wertend und nicht unabh\u00e4ngig von der m\u00e4nnlichen. Forel pathologisierte beispielsweise &#8222;kalte Weiber, die zwar an Kindern Freude haben, welchen aber der Beischlaf ein Gereuel ist.&#8220; Ob Frauen sexuelle Triebe h\u00e4tten, stand zu Diskussion, dass sie einzig und allein die sexuellen Bed\u00fcrfnisse ihres Ehemannes befriedigen sollten, war unantastbare Voraussetzung.<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Frauen also waren st\u00e4ndig der Gefahr des verdorben werdens ausgesetzt. Aussereheliche Konfrontation mit Sexualit\u00e4t f\u00fchrte bei Frauen zum Status &#8222;gefallenes M\u00e4dchen&#8220;, das Abrutschen in die Prostitution als logische Konsequenz.<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr M\u00e4nner hingegen sei eine langj\u00e4hrige sexuelle Abstinenz sch\u00e4dlich, Unverheirateten wurde das Aufsuchen von Prostituierten sogar aktiv empfohlen. Irgendwie geht diese Rechnung nicht ganz auf. Aussereheliche sexuelle Aktivit\u00e4ten wurden je nach Geschlecht v\u00f6llig gegens\u00e4tzlich beurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1, 2, 3, 4, 5 <\/sup>Ulrich, Anita: Bordelle, Strassendirnen und b\u00fcrgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque. Z\u00fcrich, 1985.S. 63ff <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">B\u00fcrgerliche Doppelmoral \u200b<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-pink-background-color has-background\">\u200bGanz im Zeichen der&nbsp;b\u00fcrgerlichen Doppelmoral war es nicht der Freier&nbsp;<em>und&nbsp;<\/em>sondern&nbsp;<em>nur<\/em>&nbsp;die Prostituierte, die kriminalisiert wurde. An Syphilis&nbsp;erkrankte Prostituierte stellten entsprechend eine besonders&nbsp;grosse&nbsp;Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft dar, so der Konsens.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz im Zeichen der b\u00fcrgerlichen Doppelmoral galt aber nicht die Prostitution an und f\u00fcr sich sondern der Akt des sich selber Anwerbens als Erregen \u00f6ffentlichen \u00c4rgernisses und wurde entsprechend kriminalisiert. &#8222;Durch diese scharfsinnige Trennung fand eine patriarchalisch strukturierte Gesellschaft Mittel und Wege, nur die Frau als Paria [= Ausgestossene, angeh\u00f6rige niedrigster Klasse] zu behandeln und bestrafen&#8220;.<sup> 1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Prostitution fand in allen gesellschaftlichen Schichtens statt, f\u00fcr jedes m\u00e4nnliche Budget wurden Angebote angepriesen. Kriminalisiert wurde allerdings vorwiegend die Strassenprostitution, die von Frauen mit ohnehin schon tiefem sozio\u00f6konomischem Status betrieben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf juristischer Ebene wurde im Falle einer Vergewaltigung unterschieden, ob es sich um eine &#8222;unbescholtene Frau&#8220; oder eine Prostituierte handle. Im Verst\u00e4ndnis des m\u00e4nnlichen Gesetzgebers war es also in Ordnung, wenn m\u00e4nnliche Aggressivit\u00e4t und Brutalit\u00e4t an Prostituierten ausgelebt wurde. Auch das Verbot beispielweise, Wohnungen an Prostituierte zu vermieten, trug zu einer Marginalisierung bei. Prostituierte wurden in Z\u00fcrich systematisch an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt. Ihnen wurde eine b\u00fcrgerliche Existenz abgesprochen und sie h\u00f6rten auf, Rechtspersonen zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><sup>1 <\/sup>Ulrich, Anita: Bordelle, Strassendirnen und b\u00fcrgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque. Z\u00fcrich, 1985. S. 48<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Verf\u00fcgen \u00fcber anstatt Dialog mit<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-pale-pink-background-color has-background\">Z\u00fcrichs schwammig formulierte Seuchenparagraphe \u00fcberliessen den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden viel Interpretationsspielraum f\u00fcr Zwangsuntersuchungen und Zwangsbehandlungen. Verhaftete Prostituierte konnten dem Stadtarzt zugewiesen werden und je nach Gutd\u00fcnken wurde entweder eine station\u00e4re oder eine ambulante Behandlung angeordnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese wurden wohl in der st\u00e4dtischen Poliklinik f\u00fcr Dermatologie und Venerologie, ab 1936 an der Herman-Greulich-Strasse 70, durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier also wurden medizinische Diskurse mit moralischen vermischt und f\u00fcr eine soziale Kontrolle instrumentalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise ist im historischen R\u00fcckblick der Dermatologie und Venerologie in der Schweiz, herausgegeben im Auftrag der schweizerischen Gesellschaft f\u00fcr Dermatologie und Venerologie, von all dem nichts zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201cDie F\u00fcrsorgestelle stellt zun\u00e4chst die Personalien fest; alsdann kommt das M\u00e4dchen nach einem Reinigungsbad zur Untersuchung durch den Arzt. Die Untersuchung erstreckt sich nicht nur auf den Nachweis einer ev. Geschlechtskrankheit, sondern soll auch die \u00fcbrigen Organe inkl. die Psyche der Explorandin betreffen. [&#8230;] \u00dcberall aber, wo die Wasserman\u2019sche Reaktion [auf Syphilis] positiv ausf\u00e4llt, wird das M\u00e4dchen verpflichtet, in bestimmten Abst\u00e4nden eine Spritzkur (ambulant) durchzumachen und zwar unter Strafandrohung.\u201d<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201cDiese Behandlung ist eine Zwangsbehandlung. M\u00e4dchen, die sich nicht f\u00fcgen, werden festgeschnallt. Ob sich ein M\u00e4dchen die Quecksilberschmierkur gefallen lassen will, oder nicht, wird nicht in Erw\u00e4gung gezogen. Ob die M\u00e4dchen mit dem Gl\u00fcheisen gebrannt, mit Messern geschnitten, mit \u00c4tzmitteln bestreut, mit Quecksilber beschmiert werden sollen, oder ob sie die Schmerzen mit Bewusstsein zu ertragen haben, entscheiden nicht die Kranken, sondern die \u00c4rzte.\u201d<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><sup>1<\/sup>mus\u00e9e suisse: Wertes Fr\u00e4ulein, was kosten Sie?. Prostitution in Z\u00fcrich 1875 &#8211; 1925, Baden, 2004. S. 169<\/p>\n\n\n\n<p><sup>2<\/sup>Ulrich, Anita: Bordelle, Strassendirnen und b\u00fcrgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque. Z\u00fcrich, 1985. S. 13<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-768x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2956\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-768x1024.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-225x300.png 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image-1152x1536.png 1152w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2024\/05\/image.png 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Abb 3: Eingang Herman-Greulich-Strasse 70 heute<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Bildquellen<\/h5>\n\n\n\n<p>Abb&nbsp;1: Wolf-Bender\u2018s&nbsp;Erben: Herman-Greulich-Strasse&nbsp;70. Z\u00fcrich 1936,&nbsp;Fotografie, Baugeschichtliches Archiv Z\u00fcrich, Signatur: BAZ_052953.&nbsp;Online:&nbsp;https:\/\/baz.e-pics.ethz.ch\/catalog\/BAZ\/r\/44817\/viewmode=infoview\u200b<\/p>\n\n\n\n<p>Abb&nbsp;2: eigene Aufnahme 2024\u200b<\/p>\n\n\n\n<p>Abb 3: eigene Aufnahme 2024<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Literatur<\/h5>\n\n\n\n<p>Ulrich, Anita: Bordelle, Strassendirnen und b\u00fcrgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque. Z\u00fcrich, 1985.<\/p>\n\n\n\n<p>Frenk, Edgar: Dermatologie und Venerologie in der Schweiz. Ein historischer R\u00fcckblick, Neuchatel, 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Puenzieux, Dominique. Ruckstuhl, Brigitte: Medizin, Moral und Sexualit\u00e4t. Die Bek\u00e4mpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhoe in Z\u00fcrich 1870 bis 1920, Z\u00fcrich, 1994.<\/p>\n\n\n\n<p>mus\u00e9e suisse: Wertes Fr\u00e4ulein, was kosten Sie?. Prostitution in Z\u00fcrich 1875 &#8211; 1925, Baden, 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Moulagenmuseum der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und des Universit\u00e4tsspitals Z\u00fcrich: Fragen Syphilis, 2023,&nbsp; [<a href=\"https:\/\/www.moulagen.uzh.ch\/de\/archiv\/Lange-Nacht-der-Museen\/2019\/Fragen-Syphilis.html#:~:text=Die%20Syphilis%20entsteht%20durch%20eine,K%C3%B6rper%20aus%20(Stadium%20II)\">https:\/\/www.moulagen.uzh.ch\/de\/archiv\/Lange-Nacht-der-Museen\/2019\/Fragen-Syphilis.html#:~:text=Die%20Syphilis%20entsteht%20durch%20eine,K%C3%B6rper%20aus%20(Stadium%20II)<\/a>], Stand: 28.4.2024.<\/p>\n\n\n\n<p>kreis4unterwegs.ch: Herman Greulich Strasse. Rundg\u00e4nge in Aussersihl und Hard, dem Z\u00fcrcher Stadtkreis 4, [<a href=\"https:\/\/kreis4unterwegs.ch\/stationen\/hermann-greulich-strasse\/\">https:\/\/kreis4unterwegs.ch\/stationen\/hermann-greulich-strasse\/<\/a>], Stand: 28.4.2024.<\/p>\n\n\n\n<p>Stadtspital Z\u00fcrich Triemli: Wiederkehr der Syphilis, [<a href=\"https:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/triemli\/de\/index\/kliniken_institute\/dermatologie\/patientinnen-und-patienten\/venerologie\/syphilis.html\">https:\/\/www.stadt-zuerich.ch\/triemli\/de\/index\/kliniken_institute\/dermatologie\/patientinnen-und-patienten\/venerologie\/syphilis.html<\/a>], Stand: 28.4.2024.<\/p>\n\n\n\n<p>Dynamo Jugendkulturhaus Raumb\u00f6rse: Ehemaliges dermatologisches Ambulatorium Herman Greulich Strasse, [<a href=\"https:\/\/www.raumboerse-zh.ch\/raumboerse-projekte\/ehemaliges-dermatologisches-ambulatorium-herman-greulich-strasse\">https:\/\/www.raumboerse-zh.ch\/raumboerse-projekte\/ehemaliges-dermatologisches-ambulatorium-herman-greulich-strasse<\/a>], Stand: 28.4.2024.<\/p>\n\n\n\n<p>Via Medici Thieme: Syphilis. 20.12.2023, [<a href=\"https:\/\/viamedici.thieme.de\/lernmodul\/8668595\/4958720\/syphilis#nac9438f2e5738027\">https:\/\/viamedici.thieme.de\/lernmodul\/8668595\/4958720\/syphilis#nac9438f2e5738027<\/a>], Stand: 28.4.2024.<\/p>\n\n\n\n<p>Bondolfi, Sibilla. Unterfingen, Ester: Leben und Altern. Als minimalistische H\u00e4user in der Schweiz als \u00absowjetisch\u00bb galten, 3.Juli 2020 (swissinfo.ch). <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/wirtschaft\/als-minimalistische-haeuser-in-der-schweiz-als-sowjetisch-galten\/45844284\">Als minimalistische H\u00e4user in der Schweiz als &#8222;sowjetisch&#8220; galten &#8211; SWI swissinfo.ch<\/a>. Stand: 29.4.2024.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1936 zog die st\u00e4dtische Poliklinik f\u00fcr Haut- und\u00a0Geschlechtskrankheiten in das neue Geb\u00e4ude an der\u00a0Herman-Greulich-Strasse\u00a070. Der Baustil &#8222;Neues Bauen&#8220;\u00a0wie auch die Lokalisation im Arbeiterviertel zeigen, f\u00fcr wen\u00a0diese Poliklinik\u00a0gedacht war\u00a0und unterstreicht\u00a0die Intention,\u00a0soziale Medizin zu betreiben.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":901,"featured_media":2952,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,57,106,90,99,108,9,8,1,119,17,31,118,5],"tags":[],"class_list":{"0":"post-2764","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-20-jahrhundert","8":"category-21-jahrhundert","9":"category-dermatologie","10":"category-fachbereich","11":"category-fuersorge","12":"category-hautkrankheiten","13":"category-institution","14":"category-krankheiten","15":"category-ort","16":"category-sexualmedizin","17":"category-spital","18":"category-stadtkreis-4","19":"category-syphilis","20":"category-zeit","21":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2764","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/901"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2764"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2764\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2998,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2764\/revisions\/2998"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2764"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2764"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2764"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}