{"id":1151,"date":"2022-11-27T19:25:13","date_gmt":"2022-11-27T18:25:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/?p=1151"},"modified":"2024-12-01T16:30:43","modified_gmt":"2024-12-01T15:30:43","slug":"das-skalpell-des-wahnsinns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/das-skalpell-des-wahnsinns\/","title":{"rendered":"Der Operationssaal im Burgh\u00f6lzli. Das Skalpell des Wahnsinns."},"content":{"rendered":"\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>Lenggstrasse 31, 8032 Z\u00fcrich (<a href=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/edit?hl=de&amp;mid=1mdJpaZOFrjwkidVhprBC_38phlQB7J0&amp;ll=47.35266870043712%2C8.570176799999988&amp;z=17\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/edit?hl=de&amp;mid=1mdJpaZOFrjwkidVhprBC_38phlQB7J0&amp;ll=47.35266870043712%2C8.570176799999988&amp;z=17\">Karte<\/a>) <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-white-color has-text-color wp-element-button\">Die Geschichte der Psychochirurgie am Burgh\u00f6lzli von 1946-1970 anhand eines verschollenen Operationssaals.<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Am bewaldeten H\u00fcgel des Burgh\u00f6lzlis, der Psychiatrischen Universit\u00e4tsklinik, w\u00fcrde man keinen Operationssaal erwarten. Psychiatrie ist seit jeher nicht mit operativen Eingriffen assoziiert, jedoch gab es genau dies am Burgh\u00f6lzli und an zahlreichen anderen psychiatrischen Standorten der Schweiz. Der Operationssaal des Burgh\u00f6lzlis, wor\u00fcber heutzutage nahezu keine Informationen mehr zu finden sind, und hinzukommend auch im Burgh\u00f6lzli selbst nicht lokalisierbar ist, diente zur Durchf\u00fchrung von psychochirurgischen Eingriffen, allen voran der Lobotomie. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein verh\u00e4ngnisvolles Selbstverst\u00e4ndnis<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Lobotomie galt in der Nachkriegszeit zwar als kontrovers diskutierte, jedoch auch als ausgesprochen progressives Verfahren f\u00fcr die Minderung der Symptome von PatientInnen im schizophrenen Formenkreis. Im damals vorherrschenden Selbstverst\u00e4ndnis des damaligen Direktors des Burgh\u00f6lzlis Manfred Bleuler war die Psychiatrische Universit\u00e4tsklinik eine sogenannte &#8218;Heilanstalt&#8216;. Die Exzellenz und das Selbstverst\u00e4ndnis des Status des Burgh\u00f6lzlis als Institution Menschen zu heilen war sicherlich auch mitunter ein Hauptgrund, weshalb die meisten Lobotomien in der Schweiz an ebendieser Anstalt durchgef\u00fchrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die<strong> Lobotomie: Revolution\u00e4re Psychochirurgie mit schweren Folgen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die 1936 erstmals an Menschen durchgef\u00fchrten Lobotomie bezeichnet den einschneidenden Eingriff, bei dem die Nervenbahnen zwischen Thalamus, als Sammelstelle nahezu aller Sinneseindr\u00fccke, und Frontallappen, welcher unter anderem f\u00fcr Funktionen des komplexen Denkens verantwortlich ist, durchtrennt werden. F\u00fcr diese schwerwiegenden Operation, mit teils tiefgreifenden Nebenwirkungen wie Apathie und&nbsp;Pers\u00f6nlichkeits\u00e4nderung mit St\u00f6rung des Antriebs und der Emotionalit\u00e4t, gab es f\u00fcr den portugiesischen Neurologen Ant\u00f3nio Egas Moniz 1949 den Nobelpreis f\u00fcr Medizin.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"338\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/Lobotomie.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1152\" style=\"width:600px;height:338px\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/Lobotomie.jpeg 600w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/Lobotomie-300x169.jpeg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/Lobotomie-528x297.jpeg 528w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">                                                    Abb 1. Die Transorbitale Lobotomie nach Watts<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unbefugte Eingriffe<\/h2>\n\n\n\n<p>Die, wegen eines \u2018Aufregungszustands\u2019 im Jahre 1946 in das Burgh\u00f6lzli eingewiesene, Patientin Johanna R., wurde im November 1947 vom damalig hoch geachteten Professor f\u00fcr Neurochirurgie und Leiter der neurochirurgischen Abteilung Hugo Krayenb\u00fchl lobotomiert. Sie teilte die Indikation einer Lobotomie mit 91 anderen PatientInnen aus dem Burgh\u00f6lzli im Zeitraum von 1946-1970, meist ohne ein pers\u00f6nliches Einverst\u00e4ndnis vonseiten der behandelten Personen. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lobotomie am Burgh\u00f6lzli<\/h2>\n\n\n\n<p>Johanna R. litt unter starken Nebenwirkungen ihrer durchgef\u00fchrten Lobotomie, welche ab Oktober 1946 generell vom damaligen Direktor des Burgh\u00f6lzlis Manfred Bleuler veranlasst, und regelm\u00e4ssig in einem hauseigenen Operationssaal durchgef\u00fchrt wurden. Zwar hatte sie nach ihrem Eingriff keine grossen Probleme, jedoch erwies sie sich als sehr apathisch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>\u201eSeit der Lobotomie nicht mehr aggressiv, zu stumpf dazu (\u2026). Macht im \u00dcbrigen auf der Abteilung gar keine Schwierigkeiten, wenn man sie in Ruhe l\u00e4sst (\u2026).\u201c&nbsp;<\/p><cite>Arzteintrag in Krankengeschichte der Patientin Johanna R, 1947\/48<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p>Der behandelnde Arzt schrieb in der Krankengeschichte dazu:&nbsp;\u201eSeit der Lobotomie nicht mehr aggressiv, zu stumpf dazu (\u2026). Macht im \u00dcbrigen auf der Abteilung gar keine Schwierigkeiten, wenn man sie in Ruhe l\u00e4sst (\u2026).\u201c&nbsp;&nbsp;Dies war wohl mitunter einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr das Veranlassen einer Lobotomie: Ruhe und Ordnung in der Anstalt. Denn es wurden im Burgh\u00f6lzli fast ausschliesslich PatientInnen mit \u201eaffektiven St\u00f6rungen\u201c oder Zwangssymptomen lobotomiert, die als unheilbar krank galten. Jedoch war oftmals die entscheidende Frage, ob das Verhalten der PatientInnen die Anstaltsordnung und somit die Sicherheit gef\u00e4hrdeten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"194\" height=\"244\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/Operationssaal.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1153\" style=\"width:305px;height:384px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2 Der Operationssaal des Burgh\u00f6lzlis<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Ende der Geschichten<\/h2>\n\n\n\n<p>Letztlich bleiben vielerlei Fragen offen. Wieso waren von all den lobotomierten PatientInnen am Burgh\u00f6lzli ca. 73% Frauen? Wieso wurden im Burgh\u00f6lzli fast doppelt so viele Lobotomien durchgef\u00fchrt wie an der Klinik Rheinau, wobei Rheinau einiges mehr PatientInnen hatte? Wieso konnte die Lobotomie so lange an Schweizer Kliniken, darunter auch das Burgh\u00f6lzli, \u00fcberleben? Denn schon am Ende der 1940er Jahre war der H\u00f6hepunkt der durchgef\u00fchrten Lobotomien in der Schweiz mit \u00fcber 100 dokumentierten Eingriffe pro Jahr. W\u00e4hrend der 50er Jahren kam es dann zur raschen Abnahme der Lobotomie assoziierten Operationen, obwohl noch mehrere, damals noch so genannte, Anstalten sie bis in die 1960er Jahren weiterf\u00fchrten. Die letzte dokumentierte Lobotomie in Z\u00fcrich war 1971. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/IMG_6119-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1154\" style=\"width:431px;height:574px\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/IMG_6119-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/IMG_6119-225x300.jpeg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/IMG_6119-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/IMG_6119-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/files\/2022\/11\/IMG_6119-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 3 Der Haupteingang des Burgh\u00f6lzlis im Jahr 2022<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit war Johanna R. schon nicht mehr am Burgh\u00f6lzli. Im Januar 1948 wurde Johanna R. aus dem Burgh\u00f6lzli entlassen, daraufhin jedoch drei Monate sp\u00e4ter wieder eingewiesen, um ein Jahr sp\u00e4ter wegen Platzmangels in eine Klinik in der Ostschweiz zu kommen. Johanna R. regenerierte sich weder von der Lobotomie noch von ihrer Erkankung. Sie verbrachte ihre letzten Tage in der Psychiatrischen Klinik in Rheinau, wo sie 1997 im Alter von 77 Jahren verstarb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-rich is-provider-spotify wp-block-embed-spotify wp-embed-aspect-21-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe title=\"Spotify Embed: Skalpell und Wahn (1\/6) \u2013 Im Wahn\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/6wlBX3ZKH2bQA3eH3z14D9?si=189e4547e0054c7a&#038;utm_source=oembed\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellenangabe<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Illustrationen<\/strong>:<br>Abb. 1: Meier, M. et al.: Zwang zur Ordnung: Psychiatrie im Kanton Z\u00fcrich, 1870-1970. Z\u00fcrich 2007, S. 234, STAZH, PUK Nr. 34.<br>Abb. 2: Schultz, S., Grafik nach Phill Anderson, zm-online, 2015. https:\/\/www.zm-online.de\/news\/nachrichten\/hirnschaden-als-heilmethode\/<br>Abb. 3: Linus Kamber.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong>:<br>Meier, M.; Bernet, B.; Dubach, R.; Germann, U.: Zwang zur Ordnung. Psychiatrie im Kanton Z\u00fcrich 1870-1970. Z\u00fcrich 2007.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Psychochirurgie am Burgh\u00f6lzli von 1946-1970 anhand eines verschollenen Operationssaals.<\/p>\n","protected":false},"author":799,"featured_media":1153,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,143,90,99,9,8,1,92,55,43,17,34,5],"tags":[54],"class_list":{"0":"post-1151","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-20-jahrhundert","8":"category-chirurgie","9":"category-fachbereich","10":"category-fuersorge","11":"category-institution","12":"category-krankheiten","13":"category-ort","14":"category-psychiatrie","15":"category-psychisches-leiden","16":"category-spezialinstitution","17":"category-spital","18":"category-stadtkreis-8","19":"category-zeit","20":"tag-lobotomie","21":"czr-hentry"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1151","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/799"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1151"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1151\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2607,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1151\/revisions\/2607"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1153"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medizingeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}