{"id":988,"date":"2023-03-22T07:00:00","date_gmt":"2023-03-22T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=988"},"modified":"2023-08-24T16:26:48","modified_gmt":"2023-08-24T14:26:48","slug":"text-bild-verhaeltnisse-die-titelseiten-fruehneuzeitlicher-praktiken-und-praktikparodien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/03\/22\/text-bild-verhaeltnisse-die-titelseiten-fruehneuzeitlicher-praktiken-und-praktikparodien\/","title":{"rendered":"Text-Bild-Verh\u00e4ltnisse: Die Titelseiten fr\u00fchneuzeitlicher Praktiken und Praktikparodien"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das prophetisch-astrologische Schrifttum der Fr\u00fchen Neuzeit<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Im 15. und 16. Jahrhundert florierte das astrologisch-prophetische Schrifttum geradezu, nahm Einfluss auf das allt\u00e4gliche Leben, aber auch auf Politik, Religion und Wissenschaft: Sogenannte ,Lasstafeln\u2018, Ein- oder Mehrblattdrucke, verrieten unter Angabe der Neu- und Vollmonde g\u00fcnstige Termine f\u00fcr medizinische Behandlungen, insbesondere den Aderlass, aber auch f\u00fcr landwirtschaftliche T\u00e4tigkeiten wie Aussaaten. Die zu ihnen urspr\u00fcnglich als Erg\u00e4nzung gedachten \u201aPraktiken\u2018 oder ,Prognostiken\u2018 machten hingegen die Gestirnkonstellation zu Jahresbeginn oder im Jahresverlauf zum Ausgangspunkt ihrer Vorhersagen und etablierten sich schlie\u00dflich als eigenst\u00e4ndige Gattung. Sie gaben vornehmlich Ausk\u00fcnfte \u00fcber Witterungsbedingungen und Ernteaussichten, aber auch zu Krankheiten, Ungl\u00fccksf\u00e4llen oder nahenden Katastrophen. Hinzu kamen sog. \u201aWeissagungen\u2018, die den Praktiken sehr \u00e4hnlich waren, aber auf Visionen oder Tr\u00e4umen beruhten (Abb. 1).<a id=\"_ednref1\" href=\"#_edn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1-713x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-998\" style=\"width:357px;height:512px\" width=\"357\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1-713x1024.jpg 713w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1-209x300.jpg 209w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1-768x1104.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1-383x550.jpg 383w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1-348x500.jpg 348w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb1_Praktik-Wirdung-1.jpg 812w\" sizes=\"auto, (max-width: 357px) 100vw, 357px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 1: Titelseite der Weissagung\/Praktik von Johann Wirdung (1523)<br><em>Practica deutsch Meister Hansen Virdung \/\/ von Ha\u00dffurt, vff das Erschr\u00f6cklich Jahre. M.ccccc. vn[d] xxiiij.<\/em> [Speyer]: [Nolt] [1523].<br>Digitalisat: Bayerische Staatsbibliothek: <a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/K4OM3SGKWKNKL7JY57I7VUMK57Q6LO6E\">https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/item\/K4OM3SGKWKNKL7JY57I7VUMK57Q6LO6E<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Das Angebot dieser astrologisch-prophetischen Schriften wuchs stetig und die darin getroffenen Vorhersagen wurden immer ausschweifender, wodurch wahrscheinlich die Verkaufszahlen angekurbelt werden sollten. Als Antwort darauf entwickelten sich parodistische Versionen der Lasstafeln, Praktiken und Weissagungen, die ebendieses Vorgehen spielerisch aufs Korn nahmen. Sie sagten beispielsweise ganz Allt\u00e4gliches vorher, verlegten sich auf pomp\u00f6se Ank\u00fcndigungen zum Auf- und Untergehen der Sonne, zum Wachstum der Pflanzen in den verschiedenen Jahreszeiten, zum Fingern\u00e4gelschneiden o.&nbsp;\u00c4. Dabei hinterfragten sie jedoch nie die Astrologie selbst, sondern nur deren Umsetzung und Vermarktung.<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> In \u00e4u\u00dferer Form, sprachlicher und inhaltlicher Gestaltung, sogar in Aufbau und Struktur waren diese Parodien<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> den ernsthaften Vorlagen sehr \u00e4hnlich und wurden sogar h\u00e4ufig genau wie diese bezeichnet. Mindestens eine Abweichung von den Vorlagen kennzeichnete sie jedoch als parodierende Versionen.<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[4]<\/a> Diese Abweichungen konnten sich etwa in Form von sinnverzerrender Groteskensprache, Anspielungen auf die Sph\u00e4ren des N\u00e4rrischen oder der \u201averkehrten Welt\u2018, aber auch durch absurde Gewichts- und Ma\u00dfangaben oder irritierende Platzierungen von Tiernamen und -verweisen manifestieren.<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Text und Bild: Die Titelseiten als Aush\u00e4ngeschilder<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Meist war so bereits auf den Titelseiten der Werke erkennbar, ob es sich bei ihnen um ernsthafte oder parodierende Vorhersagen handelte. Dies wurde durch die Titelholzschnitte noch verst\u00e4rkt: Statt Gelehrten, Darstellungen von vorhergesagten Katastrophen oder von Allegorien der Planeten, die im kommenden Jahr besonderen Einfluss haben sollten (sog.\u201aJahresregenten\u2018), zierten bei den Parodien Narren, absurde (beispielsweise eben grade <em>nicht<\/em> katastrophische) Szenarien oder Lasterplaneten die Titelseiten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Bilder h\u00e4ufig die Sto\u00dfrichtung des Textes fortsetzten \u2012 der etwa durch Verzerrung vom Namen des Verfassers die Gelehrsamkeit desselben untergrub, was sich in der bildlichen Darstellung eines Narren spiegeln konnte \u2012, konnten sie zugleich eigene Botschaften transportieren und so diejenigen der Texte erg\u00e4nzend ausdifferenzieren. Gerade die komplexe Kopplung von Text und Bild lie\u00df Irritationsmomente zutage treten, die ein zus\u00e4tzlich ironisierendes, da sich selbst unterminierendes, Potenzial er\u00f6ffnen. So lohnt es sich durchaus, die Titelseiten des astrologisch-prophetischen Schrifttums und seiner Parodien genauer in den Blick zu nehmen: Nicht nur galten die Titelseiten als Aush\u00e4ngeschilder der Schriften, sollten zum Kauf anregen und waren daher mit Informationen nur so gespickt \u2012 im Fall der Parodien mit Falschinformationen \u2012; auch enthielten sie explizite Leseempfehlungen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-795x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1007\" style=\"width:398px;height:512px\" width=\"398\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-795x1024.jpg 795w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-233x300.jpg 233w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-768x990.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-1192x1536.jpg 1192w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-1589x2048.jpg 1589w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-427x550.jpg 427w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-388x500.jpg 388w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb2_Praktik-Reynmann-scaled.jpg 1987w\" sizes=\"auto, (max-width: 398px) 100vw, 398px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Titelseite der Praktik von Leonhard Reynmann (1523)<br><em>Practica vber die grossen und ma-\/\/nigfeltigen Coniunction der Planeten, die im \/\/ jar M. D. XXiiij. erscheinen, vn[d] vnge-\/\/zweiffelt vil wunderparlicher \/\/ ding geperen werden. <\/em>N\u00fcrnberg: Hieronymus H\u00f6ltzel (1523).<br>Digitalisat: S\u00e4chsische Landesbibliothek SLUB: https:\/\/digital.slub-dresden.de\/werkansicht\/dlf\/13253\/3<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Anhand der Titelseite der <em>Practica vber die grossen und ma-\/\/nigfeltigen Coniunction der Planeten<\/em> von Leonhard Reymann von 1523 (Abb. 2) l\u00e4sst sich deutlich erkennen, dass es sich bei dieser Schrift um eine ernsthafte Praktik handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich reagiert Reymanns Praktik auf die Prophezeiung einer gro\u00dfen Sintflut als Folge einer Konjunktion aller Planeten im Zeichen der Fische, die der Astrologe Johannes St\u00f6ffler (1452\u20121531) im Jahr 1499 f\u00fcr das Jahr 1524 vorausgesagt hatte. Diese sollte nicht nur mit furchtbaren \u00dcberschwemmungen, Krankheiten und Hungersnot einhergehen, sondern zugleich mit Zwietracht zwischen den weltlichen und geistlichen Oberh\u00e4uptern.<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a> W\u00e4hrend der Titelholzschnitt die drohende Sintflut durch den gro\u00dfen Fisch verbildlicht, in dessen K\u00f6rper sich ein toter Mensch sowie die Gestirne befinden und aus dessen Leib sich Wasser auf die Erde ergie\u00dft, ist auch die Feindseligkeit zwischen den Menschen durch die bildliche Komposition eingefangen: Links von der Flut steht eine Bauernschar mit allerlei zu Waffen umfunktioniertem Arbeitsger\u00e4t, angef\u00fchrt von Saturn; rechts abgebildet sind K\u00f6nig, Papst und geistliche W\u00fcrdentr\u00e4ger. Auch der Titel der Praktik greift die prophezeite Sintflut aufgrund der Planetenkonjunktion auf. Text und Bild, so l\u00e4sst diese Titelseite offenkundig erkennen, stehen in direktem Zusammenhang und beziehen sich auf ein konkretes vorhergesagtes Ereignis, das die Praktik weiter erl\u00e4utert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Genuine Praktikparodien<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber geben die Titelseiten von Praktikparodien, die sich in zwei Kategorien einteilen und grob der ersten und zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts zuordnen lassen,<a id=\"_ednref7\" href=\"#_edn7\">[7]<\/a> ihren ironischen Unterton h\u00e4ufig bereits zu erkennen. Die zuerst entstandenen sog. \u201agenuinen Praktikparodien\u2018 orientierten sich in Aufbau, Struktur und inhaltlicher Gestaltung stark an den ernsthaften Vorlagen und verfremdeten lediglich einzelne Elemente daraus. Dies zeigt etwa die<em> Practika Teutsch. \/\/ gemacht durch Eselberti trinckgern <\/em>von 1526.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb3_Praktikparodie-Eselbert.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-993\" style=\"width:315px;height:453px\" width=\"315\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb3_Praktikparodie-Eselbert.jpg 629w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb3_Praktikparodie-Eselbert-208x300.jpg 208w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb3_Praktikparodie-Eselbert-382x550.jpg 382w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb3_Praktikparodie-Eselbert-347x500.jpg 347w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 3: Titelseite der genuinen Praktikparodie von \u201aEselbert\u2018 (1526)<br><em>Practica Teutsch. \/\/ gemacht durch Eselberti trinckgern. <\/em>N\u00fcrnberg: Jobst Gutknecht [1526].<br>Aus: Pfister, Parodien (wie Anm. 1), S. 644 nach dem Original der Bayerischen Staatsbibliothek M\u00fcnchen: (Res.) 4\u00b0 L.eleg.m.253(10.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Bereits der Titeltext verr\u00e4t, dass es sich bei dem Werk, das von einem gewissen <em>Eselberti trinckgern<\/em> verfasst wurde, um eine Parodie handeln muss. Denn w\u00e4hrend die Nennung eines Verfassers durchaus \u00fcblich ist, ja der Haupttitel (<em>Practica Teutsch<\/em>) sich nicht einmal von denjenigen ernsthafter Praktiken unterscheidet, wird doch in letzteren stets auf die Qualifizierungen desselben hingewiesen: So nennt sich der Verfasser der <em>Practica deutsch<\/em> von 1523 <em>Meister<\/em> Hans Virdung. Demgegen\u00fcber \u00fcbernimmt der Verfasser der <em>Practica Teutsch<\/em> von 1526 vornehmlich die dem Esel nachgesagte Dummheit sowie die Vorliebe zum Alkoholgenuss, die er sich in seinen Namen einschreibt, wodurch das Konzept der Autorinszenierung spielerisch unterlaufen, ja <em>ad absurdum<\/em> gef\u00fchrt wird. Nicht nur verweist der Verfasser \u201aEselbert\u2018 mit dem Titel seiner Parodie auf bereits existierende Praktiken, reiht sich somit in ihren Reigen ein, vielmehr suggeriert er mit seinem selbstgew\u00e4hlten Namen \u2012 n\u00e4mlich dem eines dummen Trunkenbolds \u2012, dass wohl auch die anderen Verfasser nicht zwingend gebildeter als er sein m\u00fcssen, selbst wenn sie sich \u201aMeister\u2018 nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titelholzschnitt best\u00e4tigt diesen Eindruck: Dargestellt werden Personifikationen von Justicia und Potentia. W\u00e4hrend Justicia, die eigentlich f\u00fcr Gerechtigkeit sorgen sollte, faul am Boden liegt, \u201aherrscht\u2018 Potentia, indem sie sich die Augen zuh\u00e4lt. Im Land um sie w\u00fctet das Chaos: Pl\u00fcnderungen, brennende H\u00e4user, ja sogar Mord sind auf den H\u00fcgeln um sie herum zu erkennen. Die Planetenallegorien, die h\u00e4ufig auf den Titelseiten der Praktiken zu finden sind, hat diese Parodie also durch personifizierte Laster ersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Titelformulierung als auch Holzschnitt zeigen damit eindeutig subversive Verfremdungsmomente, die grob in eine Kerbe schlagen: Blo\u00dfgestellt wird durch den grotesken Namen <em>Eselberti trinkgern<\/em> die \u00fcbertrieben hervorgehobene Gelehrsamkeit der Verfasser, die sich, so wird suggeriert, h\u00e4ufig eher als Dummheit und Trinksucht herausstellt. Auch der Holzschnitt l\u00e4sst Laster \u2012 oder vielmehr die Negativzeichnung der Tugenden \u2012 in den Vordergrund r\u00fccken, die als schlechte \u201aJahresregenten\u2018 das folgende Jahr pr\u00e4gen sollen und damit wiederum ein Element aus den Holzschnitten der Praktiken unterminieren. Text und Bild, so zeigt sich hier, treten indes nur auf der Ebene der Verfremdung in Kontakt, indem beide Elemente aus den ernsthaften Praktiken aufgreifen und spielerisch weiterentwickeln, wobei diese jedoch nicht in einem direkten Zusammenhang zu stehen scheinen. Damit addieren sich die Themen, die Bild und Text inh\u00e4rent sind (Kritik an Markt und Vermarktung der Schriften selbst, aber auch der in ihnen getroffenen Vorhersagen, die als verkaufsanregend rei\u00dferisch entlarvt werden). Bereits auf der Titelseite wird damit eindeutig markiert, dass es sich um eine parodistische Version einer Praktik handeln muss.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Rezeptive Praktikparodien<\/strong><\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb4_Praktikparodie-Fischart.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-994\" style=\"width:352px;height:493px\" width=\"352\" height=\"493\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb4_Praktikparodie-Fischart.png 704w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb4_Praktikparodie-Fischart-214x300.png 214w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb4_Praktikparodie-Fischart-393x550.png 393w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb4_Praktikparodie-Fischart-357x500.png 357w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Titelseite der <em>Gro\u00dfmutter<\/em> Druck A (1572)<br>Johann Fischart: <em>Aller Praktik Gro\u00dfmutter<\/em> [Druck A]. Stra\u00dfburg: Bernhard Jobin 1572.<br>Aus: Johann Fischart: S\u00e4mtliche Werke. Hrsg. von Hans-Gert Roloff, Ulrich Seelbach u. W. Eckehart Spengler. Bd. 1. Bearbeitet von Ulrich Seelbach. Bern u.a.: Peter Lang 1993. (Berliner Ausgaben), S. 295. Digitalisat: \u00d6sterreichische Nationalbibliothek: <a href=\"https:\/\/digital.onb.ac.at\/OnbViewer\/viewer.faces?doc=ABO_%2BZ164736707\">https:\/\/digital.onb.ac.at\/OnbViewer\/viewer.faces?doc=ABO_%2BZ164736707<\/a><br><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Die in der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts entstandenen \u201arezeptiven Praktikparodien\u2018 griffen hingegen die bereits bestehende Tradition der \u201agenuinen Parodien\u2018 auf. Sie bearbeiteten und entwickelten das vorliegende Material weiter, kombinierten einzelne Bestandteile daraus neu und f\u00fcgten eigene Elemente hinzu, sodass vollkommen selbstst\u00e4ndige, singul\u00e4re Werke entstanden, die sozusagen als Parodien von Parodien gelten k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die genuinen Parodien den Praktiken noch ziemlich \u00e4hnlich waren, h\u00e4ufig gleich wie diese hie\u00dfen, entfernten sich die rezeptiven Parodien immer weiter von den urspr\u00fcnglichen Praktiken, wobei das astrologisch-prophetische Thema weiterhin ihre Grundlage bildete. Die Kritik, die in den genuinen Parodien an Umgang und Vermarktung mit und von Vorhersagen ge\u00fcbt wurde, fand sich weiterhin in den rezeptiven Parodien, doch scheint es, als w\u00fcrde die Freude am Neukompilieren, Unterminieren, Wortneusch\u00f6pfen usw. ebenjene Kritik in den Hintergrund r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser zweiten Welle geh\u00f6rt Johann Fischarts <em>Aller Praktik Gro\u00dfmutter<\/em>, die wohl als die bekannteste Praktikparodie gelten kann, zwischen 1572 und 1574 in drei Ausgaben in Stra\u00dfburg bei Bernhard Jobin erschien und bis 1635 noch sechsmal aufgelegt wurde.<a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits der Titelholzschnitt zeigt deutlich das parodistische Potential des Werkes: Wir sehen zur Linken Saturn auf einem Ziegenbock hocken, gut erkennbar an seiner Sense. Rechts von ihm sitzt Venus mit ihrem Speer gem\u00fctlich auf einem zweir\u00e4drigen Wagen, zwischen ihren Beinen ein Krug, auf dem eine Gans sowie ein Affe mit Pfeil und Bogen platziert sind. Beide, Saturn und Venus, stellen offensichtlich Lasterplaneten und somit Parodien auf die Jahresregenten der Praktiken dar: W\u00e4hrend ersterer untypischerweise faul auf dem Ziegenbock h\u00e4ngt, die \u201aBockigkeit\u2018 desselben sogar in seiner Haltung spiegelt, stellt die hier abgebildete Venus mit ihrem dicken Bauch offensichtlich die personifizierte V\u00f6llerei dar. Die um sie versammelten Tiere \u2012 der mit dem Teufel assoziierte Bock, die dumme Gans und der l\u00fcsterne Affe, der zudem auf Amor anspielt \u2012 verst\u00e4rken diesen Eindruck. Tats\u00e4chlich symbolisieren Venus und Saturn gemeinsam mit den Tieren, deren Eigenschaften sie durch bildliche N\u00e4he und Handauflegen \u00fcbernehmen, gleicherma\u00dfen Faulheit, Wut, Wollust, V\u00f6llerei, Eitelkeit und Dummheit \u2012 und decken somit gleich den Gro\u00dfteil der Tods\u00fcnden ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir den Titeltext der <em>Gro\u00dfmutter<\/em>, wird deutlich, dass auch dieser von Anspielungen auf die ernsthaften Vorlagen gespickt ist, die dann jedoch spielerisch untergraben werden:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p>1<strong>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Aller Practick Gro\u00dfm\u016ftter.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; EJn dickgeprockte Newe<\/p>\n\n\n\n<p>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; vnnd trewe \/ laurhaffte vnnd jmmer-<\/p>\n\n\n\n<p>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; daurhaffte Procdick \/ auch possierliche \/ doch nit<\/p>\n\n\n\n<p>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; verf\u00fchrliche Pruchnasticatz: sampt einer gecklichen vnd auff alle jar<\/p>\n\n\n\n<p>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; gerechten La\u00dftaffeln: gestellet durch g\u016ft duncken \/ oder g\u016ft truncken des Stirn-<\/p>\n\n\n\n<p>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; weisen H. Winbold W\u016fstbl\u016ft vom Nebelschiff \/ des K\u00f6nigs Artsus von<\/p>\n\n\n\n<p>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Landagrewel h\u00f6chsten Himmelgaffenden Sterngauckler \/ Pracktick-<\/p>\n\n\n\n<p>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; tr\u00e4umer vnd Kalender reimer: Sehr ein r\u00e4\u00df kurtzweilig<\/p>\n\n\n\n<p>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; gel\u00e4\u00df \/ als wann man Haberstro \u00e4\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; [Holzschnitt]<\/p>\n\n\n\n<p>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Kumm kratzen vnd Brieffelegen \/ nach<\/p>\n\n\n\n<p>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; laut der Pructick.<\/p>\n\n\n\n<p>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; M. D. LXXII.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<p>So verweist der Haupttitel einerseits durch die Nennung des Terminus <em>Pracktik<\/em> auf die Tradition der Praktiken und Praktikparodien,<a id=\"_ednref9\" href=\"#_edn9\">[9]<\/a> jedoch wird zugleich deutlich, dass dieses Werk eine Sonderstellung f\u00fcr sich beansprucht: Als <em>Gro\u00dfm\u016ftter<\/em> oder Ahnin <em>[<\/em><em>a<\/em><em>]<\/em><em>ller Practick<\/em> (V. 1) behauptet der Titeltext, Archetyp der gesamten Tradition sowohl des astrologisch-prophetischen Schrifttums als auch der sich daraus entwickelnden Parodien zu sein. So l\u00e4sst bereits der Haupttitel den spielerischen Ton durch die angedeutete Inversion der Genealogie erkennen (denn schlie\u00dflich entsteht die <em>Gro\u00dfm\u016ftter<\/em> erst in den 1570er Jahren, also deutlich nach Praktiken und genuinen Praktikparodien, will aber trotzdem \u201aGro\u00dfmutter\u2018 aller Praktiken sein; hier auch die persiflierende Anspielung auf die gebr\u00e4uchliche Wendung \u201aMutter aller X\u2018). Doch nicht nur W\u00fcrde und Weisheit, auch Hinweise auf Gebrechlichkeit, Nutzlosigkeit und Verfall schwingen in der Bezeichnung \u201aGro\u00dfmutter\u2018 mit, wie zeitgen\u00f6ssische Darstellungen verdeutlichen, in denen alte Frauen als <em>Vngestalt<\/em> (so die Inschrift), ja beinah Skeletten gleich, abgebildet werden (<em>w\u00fcst und erkalt<\/em>).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb5_Stufenleiter-Stimmer.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-995\" style=\"width:302px;height:405px\" width=\"302\" height=\"405\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb5_Stufenleiter-Stimmer.png 603w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb5_Stufenleiter-Stimmer-224x300.png 224w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb5_Stufenleiter-Stimmer-410x550.png 410w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/02\/Abb5_Stufenleiter-Stimmer-373x500.png 373w\" sizes=\"auto, (max-width: 302px) 100vw, 302px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Holzschnitt <em>lxx Jar alt Vngestalt, lxxx Jar, w\u00fcst und erkalt<\/em> (1575\u20131577)<br>Blatt 4 aus <em>Die Stufenleiter des Weibes<\/em> aus der Reihe <em>Die zehn Lebensalter von Mann und Frau <\/em>von Tobias Stimmer<br>Kulturstiftung Sachsen-Anhalt: Kunstmuseum Moritzburg, Halle\/Saale.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>All diese positiven wie negativen Konnotationen werden so auf das Werk Fischarts \u00fcbertragen, das sich mit dem Titel <em>Gro\u00dfmutter<\/em> schm\u00fcckt. Somit bleibt der Haupttitel mehrdeutig: Traditionsverbundenheit und Altehrw\u00fcrdiges bleiben ebenso bestehen wie Nutzlosigkeit, Absto\u00dfendes und Verfall.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnliches ist im restlichen Titeltext zu beobachten, der allerhand Anspielungen auf die Tradition der Praktiken integriert, die jedoch stets unterwandert und somit spielerisch ge\u00f6ffnet und blo\u00dfgestellt bleiben: Der <em>h\u00f6chste[] Himmelgaffende[] Sterngauckler \/ Practick-\/\/traeumer vnd Kalender reimer<\/em> (V. 8f.) f\u00fchrt zwar astrologische Begriffe an, die er jedoch durch geschickte Wortkombinationen entwertet. So betrachtet er den Himmel nicht wie ein gelehrter Sterndeuter, sondern begafft ihn, starrt also verwundert mit ge\u00f6ffnetem Mund hinauf; als \u201aSterngaukler\u2018 rei\u00dft er Possen, t\u00e4uscht und fingiert; seine Praktik ist au\u00dferdem nicht berechnet und anhand astrologischer Beobachtungen erstellt, sondern schlicht und einfach ertr\u00e4umt und nach einem unsinnigen und ungleichm\u00e4\u00dfigen Reimmuster zusammengebastelt (<em>Newe<\/em> \u2012 <em>trewe<\/em>, <em>laurhaffte<\/em> \u2012 <em>daurhaffte<\/em>, <em>possierliche<\/em> \u2012 <em>verf\u00fchrliche<\/em>, <em>duncken<\/em> \u2012 <em>truncken<\/em> usf.; V. 2\u20126).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titeltext ist nur so \u00fcberladen von kleinen Widerspr\u00fcchen, Doppel- oder Mehrdeutigkeiten und sinnentstellenden Verfremdungen. Von der versprochenen Neuheit der Praktik, die zugleich immerzu g\u00fcltig und <em>auff alle jar<\/em> gerechnet sein soll und sich dar\u00fcber hinaus deutlich mit dem im Haupttitel durch den \u201aGro\u00dfmutter\u2018-Begriff suggerierten Alter des Textes bei\u00dft, bis hin zum Treuegel\u00f6bnis, das sogleich vom hinterh\u00e4ltigen Lauern untergraben wird. Diese Praktik ist nicht ernst zu nehmen, sondern <em>possierlich[]<\/em> und <em>gecklich[]<\/em>, drollig-komisch, seltsam, n\u00e4rrisch. Der spielerische Umgang mit Sprache und semantischem Gehalt, insbesondere mit der Tradition des astrologisch-prophetischen Schrifttums wird dar\u00fcber hinaus durch die zahlreichen Varianten des Wortes Praktik (<em>Practick<\/em> [V. 1; 8]; <em>Procdick<\/em> [V. 4]; <em>Pructick<\/em> [V. 15]) sowie die geschickten Einarbeitungen dieser Variationen in mehr oder weniger verst\u00e4ndliche Neologismen (bspw. <em>dickgeprockte<\/em> [V. 2) verdeutlicht. Dadurch soll, wie der Titeltext weiterhin verspricht, <em>ein r\u00e4\u00df kurtzweilig \/\/ gel\u00e4\u00df \/ als wann man Haberstro \u00e4\u00df<\/em> (V. 9f.) entstehen, eine Lekt\u00fcre also, deren Unterhaltungswert heftig, stechend, scharf ist \u2013 genau so, als w\u00fcrde man Haferstroh essen. Auch wenn der Reiz dieses Leseversprechens fraglich bleibt, verdeutlicht der Titeltext doch, welcher Ansatz hinter der \u201aGro\u00dfmutter\u2018 steckt: Sie soll nicht \u201aschmecken\u2018, nein, sie soll schwer zu kauen und noch schwerer zu verdauen sein, ja mehr noch: schlicht und einfach nicht nahrhaft, zumindest f\u00fcr einen Menschen. Die Qual, sich das Haferstroh \u2013 bzw. die <em>Gro\u00dfm\u016ftter<\/em> \u2013 einzuverleiben und zu Gem\u00fcte zu f\u00fchren, hat damit nicht einmal einen Nutzen, Sinn oder Vorteil. Doch gerade die Hervorhebung dieser Unbequemlichkeiten animieren zum Kauf, wodurch sich die Funktion des Verfassernamens mitsamt seinen Leistungsaufz\u00e4hlungen verkehrt, die \u00fcblicherweise Vertrauen erwecken, die Praktik legitimieren und verkaufsf\u00f6rdernd wirken sollen: Die Eigenschaften des Verfassers der \u201aGro\u00dfmutter\u2018, der sich freim\u00fctig als W\u00fcstling, Trunkenbold und Faulenzer zu erkennen gibt, \u00fcbertragen sich zugleich auf den Text, sodass dessen Parodiegehalt bereits deutlich am Titeltext abzulesen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits diese kurzen Analysen der Titelseiten der Praktiken, der genuinen und rezeptiven Praktikparodien zeigen, wie tiefschichtig und ambigue diese sind \u2012 sowohl einzeln betrachtet als auch in ihrer Gesamtheit, als Reaktionskette aufeinander. W\u00e4hrend den Praktiken noch recht leicht beizukommen ist, wird mit dem Schritt zun\u00e4chst zu den genuinen und schlie\u00dflich zu den rezeptiven Praktikparodien deutlich, wie voraussetzungsreich der Umgang mit ihnen und wie wichtig die Kenntnis der bereits existierenden Tradition ist. Diese Feststellung gilt sowohl f\u00fcr den Umgang mit dem Text- als auch mit dem Bildmaterial, die sowohl einzeln als auch in ihrem Zusammenspiel zahlreiche Bedeutungsebenen generieren, deren Bedeutung sich zugleich auf die ihnen folgenden Werke auswirkt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><em>Luca Lil Wirth ist seit Oktober 2021 sowohl Doktorandin der <\/em><em>Friedrich Schlegel Graduierten Schule<\/em><em> als auch wissenschaftliche Mitarbeiterin am EXC <\/em>Temporal Communities<em>, wo sie im Projekt <\/em>Arts of Memory<em> der Research Area 1 <\/em>Competing Communities<em> arbeitet. Ihr Dissertationsprojekt besch\u00e4ftigt sich mit dem Obsz\u00f6nen in der Literatur der Fr\u00fchen Neuzeit und untersucht u. a. am Beispiel von Michael Lindeners Schwanksammlung <\/em>Katzipori<em> (1558) Figuren und Handlungen, die nicht der Norm entsprechen, die irritieren, grotesk, skurril, manchmal wunderbar sind oder sich am Rande des Wahnsinns bewegen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Vgl. Pfister, Silvia: Parodien astrologisch-prophetischen Schrifttums 1470\u20121590. Textform \u2012 Entstehung \u2012 Vermittlung \u2012 Funktion. Baden-Baden 1990 (Seacvla spiritalia 22), S. 15.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Vgl. ebd., S. 134.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Der Begriff Parodie, der erst im 17. Jahrhundert aus dem Franz\u00f6sischen entlehnt wird (vgl. [Art.] Parodie, in: Das Herkunftsw\u00f6rterbuch. Etymologie der deutschen Sprache.Berlin <sup>6<\/sup>2020, S. 609), wird in der Fr\u00fchen Neuzeit (noch) nicht verwendet. Als zeitgen\u00f6ssische Bezeichnungen f\u00fcr den Komplex der unterhaltsam-erheiternden Literatur f\u00fchrt Pfister <em>ars iocandi<\/em> bzw. <em>schimpf und ernst<\/em> an und weist darauf hin, dass im Zusammenhang damit die Begriffe \u201ascherzhaft\u2018 und \u201agrotesk\u2018 gebraucht werden. In Ermangelung eines besseren Begriffs entscheidet sie sich trotzdem daf\u00fcr, den Parodie-Begriff zu verwenden (vgl. Pfister, Parodien [wie Anm. 1], S. 59\u201260). Auf Grundlage dieser kritischen Reflexion wird auch im Folgenden von Parodien die Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Vgl. Pfister, Parodien (wie Anm. 1), S. 59.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Vgl. ebd., S. 88\u201295.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> So sagt Johannes Carion (1499\u20121537), ein Sch\u00fcler St\u00f6fflers, in seiner <em>Prognostication und erklerung der gro\u00dfen wesserung <\/em>von 1521 ein <em>grosses blutuorgiessen[ ] des Christe-\/\/liche[n] volckes, vn nidertruckung grosser heupt<\/em> vorher (online verf\u00fcgbar unter https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/de\/view\/bsb11216313?page=14; zuletzt aufgerufen am 26.01.2023).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> Ich folge bei der Einteilung und bei der folgenden Benennung Pfister, Parodien (wie Anm. 1), der bisher einzigen umfangreichen Untersuchung zu fr\u00fchneuzeitlichen Praktiken und Praktikparodien, ihrer Entwicklung und ihrem Aufbau.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Johann Fischart: <em>Aller Praktik Gro\u00dfmutter<\/em> [Druck A]. Stra\u00dfburg: Bernhard Jobin 1572. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/digital.onb.ac.at\/OnbViewer\/viewer.faces?doc=ABO_%2BZ164736707; zuletzt aufgerufen am 26.01.2023; ders.: <em>Aller Praktik Gro\u00dfmutter<\/em> [Druck C]. Stra\u00dfburg: Bernhard Jobin 1574. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht?PPN=PPN861236793&amp;PHYSID=PHYS_0005; zuletzt aufgerufen am 26.01.2023.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Vgl. Pfister, Parodien (wie Anm. 1), S. 104\u2013108.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das prophetisch-astrologische Schrifttum der Fr\u00fchen Neuzeit Im 15. und 16. 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