{"id":901,"date":"2022-11-01T17:00:00","date_gmt":"2022-11-01T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=901"},"modified":"2022-11-01T16:18:10","modified_gmt":"2022-11-01T15:18:10","slug":"gesungenes-heil-die-bibel-in-drei-liedern-augsburg-1534","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2022\/11\/01\/gesungenes-heil-die-bibel-in-drei-liedern-augsburg-1534\/","title":{"rendered":"Gesungenes Heil: \u203aDie Bibel in drei Liedern\u2039 (Augsburg 1534)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-small-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Im Anfang da schuoff Gotte<\/p><p>Den himmel vnd die erd\u00a0<\/p><p>Auch ruowet er on spotte<\/p><p>Ein spy\u00df verbot der werd.<\/p><p>Die schlang verf\u00fcrt daz wybe<\/p><p>mit sampt dem mann darnach.<\/p><p>Der Cayn bracht von lybe<\/p><p>Sin bruoder Abel tr\u00fcwe<\/p><p>Die v\u00e4tter sturben gmach. <\/p><cite>(Gn 1,1\u20135)<\/cite><\/blockquote>\n<\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Die Strophe entfaltet in \u00e4u\u00dferster Verknappung das Spektrum von Sch\u00f6pfungsgeschichte, S\u00fcndenfall, Brudermord und Geschlechtsregister von Adam und seinen Kindern bis auf Noahs Geburt (Gn 5,29). W\u00e4hrend die ersten beiden Verse den Beginn des ersten Buchs Mose in einer auf Wiedererkennbarkeit angelegten W\u00f6rtlichkeit pr\u00e4sentieren (<em>In principio creavit Deus caelum et terram<\/em> Gn 1,1), komprimieren die folgenden Aussagen die biblischen Zusammenh\u00e4nge auf die f\u00fcr das Auseinandertreten von Gott und Welt \u203aprogrammatischen\u2039 Momente: Die verbotene Speise (Gn 2,17), zu der die Schlange Eva und Adam verf\u00fchrt (Gn 3,6), als Initiationsmoment des s\u00fcndhaften Verhaltens, f\u00fcr das Kains Mord an seinem Bruder Abel (Gn 4,8) und das zwar lange, aber letztlich dem Tode geweihte Leben von Adam und seinen Nachkommen (Gn 5) zeichenhaft einstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier als schlichte Epitome von Gn 1\u20135 erscheint, erinnert an eine Merkversreihe zur katechetischen Unterweisung in der Bibel, ja an die Praxis der Bibelsummarien, die auf eine leichtere Memorierbarkeit und Einpr\u00e4gsamkeit der Heiligen Schrift als eines kulturellen und religi\u00f6sen Leittextes zielen. Sie setzen auf eine Vertrautheit mit dem zugrundeliegenden Material, das die poetische Kurzform, getragen vom alternierenden Rhythmus und der Kreuzreimstruktur, aktualisiert. Im Kontext der Bibeldichtung und -zusammenfassung handelt es sich dabei durchaus um kein ungew\u00f6hnliches Ph\u00e4nomen. Was die Verse besonders macht, ist weniger die Verk\u00fcrzung ihrer Referenzhorizonte auf ein Minimalma\u00df an sich, sondern ihre Situierung in einem spezifisch historischen Diskurs, der sich durch eine doppelte mediale Dimension auszeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die reformatorische Liedpraxis, die sich in Gesangb\u00fcchern als prim\u00e4ren Tr\u00e4germedien der \u203aneuen\u2039 Liedproduktion wie -\u00fcberlieferung seit den 1525er Jahren artikuliert: Die Genesis-Strophe ist Teil eines solchen, gar des ersten \u203aBibelgesangbuchs\u2039, das den gesamten Grundtext des christlichen Glaubens in liedhafter Form bereitstellt. Der Offenbarungscharakter der Hl. Schrift soll sich gerade in der medialen Vermittlung erschlie\u00dfen: durch konzeptuelle Verdichtung einerseits, andererseits durch deren Adaptierbarkeit im Gesang als einer verinnerlichten Form der Glaubenserfahrung und -aus\u00fcbung.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert-673x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-915\" width=\"337\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert-673x1024.jpg 673w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert-197x300.jpg 197w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert-768x1169.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert-361x550.jpg 361w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert-329x500.jpg 329w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/11\/Aberlin_1.-Lied_konvertiert.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 337px) 100vw, 337px\" \/><figcaption><em>Ain kurtzer begriff vnd innhalt der gantzen Bibel \/ in drew Lieder z\u016f singen gestellt<\/em>, Augsburg: Philipp Ulhart d. \u00c4. 1534<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Joachim Aberlin (gest. nach 1554) setzt also an der konventionellen Technik der Bibel-Epitome an, funktionalisiert sie aber neu im Diskurs um die reformatorische Liedpraxis. Sein \u203aBibelgesangbuch\u2039 bietet gewisserma\u00dfen Heilssummen zu den einzelnen biblischen B\u00fcchern, die sich zu drei Liedern formieren: 132 Strophen zum Alten Testament, 50 Strophen zu den Psalmen, 45 Strophen zum Neuen Testament. Bemerkenswert ist dabei die Argumentation, mit der Aberlin die Sangbarkeit seines Werkes als einer im Alltag der Gl\u00e4ubigen zu realisierenden Praxis verankert:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Dann ob ainer schon die summ des alten vnd newen Testaments f\u00fcr sich neme zuosingen \/ so ist sy nit allein nutzlicher vnd weger \/ sunder auch wol als kurtz vnd ring zuo lernen als der Berner \/ Ecken au\u00dffart \/ Hertzog ernst \/ der h\u00fcrne Sewfrid \/ auch andere vnn\u00fctze \/ langwirige vnnd haillose lieder vnnd maistergsang (der schandtparen \/ ehrlosen \/ vnd vnchristlichen \/ so ainer oberkait zuouerbieten wol anstuond \/ geschwigen) [&#8230;]. (Fol. D iij<sup>v<\/sup>\u2013D iv<sup>r<\/sup>)<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>K\u00fcrze, Eing\u00e4ngigkeit, Sangbarkeit \u2013 das sind die prim\u00e4ren Kennzeichen, die die \u203aBibel in drei Liedern\u2039 als eine nutz- und heilbringende Alternative vor weltlichen strophischen Liedern auszeichnen. Zumal solchen, deren teilweise der mittelalterlichen Stofftradition entstammenden Gegenst\u00e4nde in den gedruckten Heldenb\u00fcchern in der Fr\u00fchen Neuzeit kursierten und so weite Verbreitung fanden. Und es sind gerade diese <em>haillose<\/em>[n] <em>lieder <\/em>von Dietrich von Bern, dem Riesen Ecke, von Herzog Ernst und dem H\u00fcrnen Seyfried, die der strophisch organisierte Bibelgesang als christliches Gegenmodell ersetzen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun waren aber die Melodien dieser weltlichen Lieder offenbar beliebt und in aller Munde. Wie k\u00f6nnen sich vor diesem Hintergrund die drei Bibellieder mit ihren von Aberlin eigens neu geschaffenen Melodien im Feld sozialer Gesangspraxis behaupten? Daf\u00fcr bietet der Druck der \u203aBibel in drei Liedern\u2039 wiederum eine raffinierte wie naheliegende Strategie: Die neuen Lieder lassen sich ganz einfach auf die tradierten weltlichen Melodien singen \u2013 Aberlin nennt zu jedem Bibel-Lied eine Reihe von Referenzliedern, darunter einige weltlichen Ursprungs, die als bekanntere Muster gesanglicher Realisierung f\u00fcr die formgleiche Bibeldichtung dienen k\u00f6nnen. Dieses Verfahren, das demjenigen der Kontrafaktur nahesteht, soll die prinzipielle Sangbarkeit der Bibel-Lieder durch die Anbindung an verbreitete Liedtypen sichern. Und wie diese als Formen medialer Realisierung aufgrund ihrer gro\u00dfen Reichweite selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr neue Zusammenh\u00e4nge instrumentalisiert werden k\u00f6nnen, so notwendig intendiert ist die Substitution ihres Gehalts: Erst in dieser doppelten Bewegung von Indienstnahme und \u00dcberblendung kann sich die Entfaltung des Heils im Modus des kollektiven Gesangs etablieren. Die \u203aBibel in drei Liedern\u2039 kondensiert als \u00bbgereimte Bibelkunde\u00ab (Jenny, 1962, S. 170) den kulturellen und religi\u00f6sen Bildungskanon der \u203aneuen\u2039 <em>fides<\/em> in Christus, den sie im R\u00fcckgriff auf mediale Logiken des reformatorischen Gesangs wie zugleich im Akt der \u00dcberlagerung weltlicher Gesangstraditionen performativ inszeniert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Anfang da schuoff Gotte Den himmel vnd die erd\u00a0 Auch ruowet er on spotte Ein spy\u00df verbot der werd. 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