{"id":809,"date":"2022-06-01T07:00:00","date_gmt":"2022-06-01T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=809"},"modified":"2022-09-24T10:25:33","modified_gmt":"2022-09-24T08:25:33","slug":"spielplaetze-der-fruehen-neuzeit-oder-wo-sich-mediaevistinnen-vergnuegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2022\/06\/01\/spielplaetze-der-fruehen-neuzeit-oder-wo-sich-mediaevistinnen-vergnuegen\/","title":{"rendered":"Spielpl\u00e4tze der fr\u00fchen Neuzeit oder: Wo sich Medi\u00e4vist:innen vergn\u00fcgen"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine lange Tafel, drei M\u00f6nche sitzen drei B\u00fcrgern gegen\u00fcber, vor ihnen ein Spielbrett, Spielkarten und W\u00fcrfel, ein neugieriger Zuschauer blickt gespannt auf die W\u00fcrfel kurz vor dem Fall, Papst und Kardinal greifen im Angesicht der drohenden Niederlage mit Gewalt ins Spiel ein; in dem, um ca. 1570 verm. in Antwerpen entstandenen, Druck von Pieter van der Heyden trifft Spiel auf Ernst, Kommunales auf Agonales, Weltliches auf Geistliches, Text auf Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Eingefasst sind die Spielenden von vier Spruchfeldern, die auf Niederl\u00e4ndisch einen heftigen Streit zwischen Geistlichen und B\u00fcrgerlichen wiedergeben. Inmitten dieser buchst\u00e4blichen Streitschriften pr\u00e4sentieren sich nicht nur drei der beliebtesten Spiele seit dem fr\u00fchen 11. Jahrhundert, sondern es vermischen sich auch \u2013 bei genauerem Hinsehen \u2013 eine bemerkenswerte Anzahl verschiedener und vielschichtiger Spielr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/05\/Steinmann_medioscope_Heyen_SPIEL.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-810\" width=\"668\" height=\"520\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/05\/Steinmann_medioscope_Heyen_SPIEL.jpg 890w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/05\/Steinmann_medioscope_Heyen_SPIEL-300x234.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/05\/Steinmann_medioscope_Heyen_SPIEL-768x598.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/05\/Steinmann_medioscope_Heyen_SPIEL-465x362.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2022\/05\/Steinmann_medioscope_Heyen_SPIEL-642x500.jpg 642w\" sizes=\"auto, (max-width: 668px) 100vw, 668px\" \/><figcaption>Pieter van der Heyen: Het spel tegen de monniken, ca. 1570. In: Rijksmuseum. Digitalisat online verf\u00fcgbar: <a href=\"https:\/\/www.rijksmuseum.nl\/nl\/collectie\/RP-P-1887-A-11470\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.rijksmuseum.nl\/nl\/collectie\/RP-P-1887-A-11470<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der erste Eindruck eines \u203aSpielplatzes\u2039 ergibt sich bereits durch die mediale Aufbereitung der Spielszene im Bild. Die Darstellung ist dabei in doppelter Hinsicht gerahmt, indem die Grenzen einerseits durch die bestehende Druckfl\u00e4che vorgegeben sind, andererseits die \u2013 unterschiedlich gestalteten \u2013 Textfelder den Raum nach oben und unten hin abschliessen. Interessant ist, dass die Abbildung in der Horizontalen ge\u00f6ffnet bleibt: Rechts beugt sich der Zuschauer gerade noch in die Bildfl\u00e4che hinein, w\u00e4hrend der Kardinalstab auf der linken Seite sozusagen aus dem Rahmen f\u00e4llt. Dadurch wird eine Dynamik erzeugt, die den \u203aSpielplatz\u2039 zus\u00e4tzlich in Bewegung versetzt. Die Rahmung umfasst dann auch die \u203a\u00e4usseren\u2039 Inszenierungsorte des Spiel(en)s, erstens n\u00e4mlich den physischen Raum, also das Zimmer, in dem die Figuren sich befinden und in dem Tisch und St\u00fchle, wenn auch ansonsten keine anderen typischen Raummarker, einen statischen Mittelpunkt bilden, sowie zweitens den \u2013 ebenfalls physischen \u2013 Spielraum, den das Spielbrett beim Tric-Trac respektive die Tischfl\u00e4che beim Karten- und W\u00fcrfelspiel zus\u00e4tzlich er\u00f6ffnet. Interessant ist, dass sich die Spielfelder oder -fl\u00e4chen auf dem Bild vermischen \u2013 sie alle scheinen vereint durch die lange Tafel, die an sich schon ein vergr\u00f6ssertes Spielfeld darstellt. Trotzdem bestehen zwischen den einzelnen Spielen r\u00e4umliche Grenzen, sie gestalten sich auch als eigenst\u00e4ndige Orte des Spiel(en)s, die jeweils eigene Regeln, Spielmaterialien und Spieler aufweisen. Dies wird durch die Blickrichtungen und -kontakte der Spieler weiter intensiviert, da sich \u2013 zumindest bei den Karten- und W\u00fcrfelspielenden \u2013 die Aufmerksamkeit der Beteiligten g\u00e4nzlich auf das vorliegende Spiel richtet. Bei den W\u00fcrfelspielern wird dies sogar noch verst\u00e4rkt, indem ein neugieriger Zuschauer, der, vom M\u00f6nch bereits verspielte Kleider in den Armen, am Rand steht und den Raum der W\u00fcrfelnden durch seinen Blick auf das Geschehen weiter eingrenzt. Dieser konzentrierte Spielraum wird nur beim Tric-Trac durchbrochen. Dort n\u00e4mlich wird die Aufmerksamkeit der Spieler auf das gewaltsame Eingreifen von Papst und Kardinal gelenkt, die die Niederlage des M\u00f6nchs mit den F\u00e4usten abzuwenden und verspielte liturgische Kostbarkeiten in einem Verzweiflungsakt an sich zu reissen versuchen. Diese Szene ist aber nicht nur als parodistische Spitze gegen die Habgier der r\u00f6misch-katholischen Kirche zu lesen, sondern erlaubt auch die \u00d6ffnung eines anderen, \u203ainneren\u2039 Spielfeldes \u2013 das eines Machtspiels, ausgetragen auf mehreren Ebenen: zwischen den geistlichen und weltlichen politischen Kr\u00e4ften, zwischen der Kirche und dem kritischen K\u00fcnstler, zwischen dem Papst und Kardinal und dem B\u00fcrger im Bild. Das Machtspiel \u00fcbernimmt dabei Elemente der drei Spiele auf dem Tisch. \u203aKlassische\u2039 Spielkomponenten werden gespiegelt durch das Gegeneinander zweier Seiten, die (wett-)kampf\u00e4hnliche Struktur (vom M\u00f6nch mit blossem Oberk\u00f6rper aufgenommen, der seine Kleider gezwungenermassen abgeben musste, aber gerade dadurch den Anschein eines agonalen Wettkampfspielers macht) oder auch durch das Einsetzen regelhafter Spielinstrumente (bei Papst und Kardinal sind es Stock und H\u00e4nde, w\u00e4hrend es sonst Karten, W\u00fcrfel, Mischbecher oder Brett sind). So wird das Spiel vom Spielbrett zum k\u00e4mpferischen Machtspiel erhoben, was jedoch erst durch das Prozessieren des bildlichen und textuellen Kontexts f\u00fcr die Rezipierenden sichtbar wird. Die vier Textfelder \u00e0 je vier Zeilen auf Niederl\u00e4ndisch, die selber eigene gerahmte R\u00e4ume bilden, unterst\u00fctzen diese mehrschichtige Spiellogik zus\u00e4tzlich, da sie den Kontext daf\u00fcr liefern, das Machtspiel vollends aufzudecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Zusammenspiel von Text und Bild werden Dynamiken der \u203ainneren\u2039 Spielr\u00e4ume sichtbar, n\u00e4mlich die Figuren- sowie die Rezipierendenebene. Bei der Figurenebene handelt es sich um eine intratextuelle (oder vielleicht eher dem Bild inh\u00e4rente) Selbstreflexivit\u00e4t. Den Figuren ist \u2013 so l\u00e4sst sich aus Handlungen und Spruchfeldern schliessen \u2013 bewusst, dass sie sich gerade im Prozess des Spielens befinden. Daraus leiten sich dann auch die bereits beschriebenen Spielr\u00e4ume ab, die sich beispielsweise durch aktive Spielhandlungen oder Blickfelder konstituieren. Gleichzeitig jedoch stammt ebendieses selbstreflexive Bewusstsein des Spielens, das sich im Bild zeigt, von einer, sich ausserhalb des Bildes befindlichen Vorstellung von Spiel(en), das sonst gar nicht erz\u00e4hlt oder abgebildet werden k\u00f6nnte. Das Spiel ist im Grunde, wenn es bildhaft dargestellt oder in Texten auserz\u00e4hlt wird, nicht mehr eigene, konkrete Aktivit\u00e4t, sondern, wie es Christine Stridde ausdr\u00fcckt, vielmehr \u00bbGegenstand poetischer bzw. fiktionaler Kommunikation\u00ab. Wolfgang Iser pr\u00e4gt dabei das Fiktive und das Imagin\u00e4re als Bedingungen f\u00fcr das Spiel. Hier tritt die Ebene der Rezipierenden stark in den Vordergrund, denn nur durch sie wird das Dargestellte mit semantischem Inhalt bef\u00fcllt und ist in seiner Darstellung \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich. Sie sind es, die die Intentionalit\u00e4t des K\u00fcnstlers nachzuvollziehen und bereits den Titel des Bildes, \u203aHet spel tegen de monniken\u2039, mit dem Spiel in Verbindung zu bringen verm\u00f6gen. Dabei wird auch klar, auf welcher Seite das Spiel des K\u00fcnstlers gespielt wird: <em>gegen<\/em> die (katholischen) M\u00f6nche n\u00e4mlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Anf\u00e4nglich leere Spielr\u00e4ume entstehen mitunter aus Grenz\u00fcberschreitungen und werden erst durch die Aktivierung des Imagin\u00e4ren (ausgehend vom Fiktiven als leerem Medium) \u00bbvorstellungsm\u00e4ssig besetzt\u00ab. Durch dieses \u00dcbersteigen der Grenzen, dessen, was ist, entstehen nicht nur Spielr\u00e4ume, die sich dem zuwenden, was nicht bzw. noch nicht ist, sondern auch Spiel selbst. Der imagin\u00e4re Spielraum entspringt gedanklichen Prozessen der Rezipierenden, durchaus auch im Austausch mit dem Bild. Dadurch entstehen ebendiese Verkn\u00fcpfungen, die den drei Spielen auf dem Tisch mit dem Machtspiel zwischen katholischer Kirche und weltlichen B\u00fcrgern ein weiteres Spiel \u2013 und einen weiteren Spielraum \u2013 im Imagin\u00e4ren hinzuf\u00fcgen. So pr\u00e4sentiert sich das Spiel wie auch das Spielen in Pieter van der Heydens Druck auf mehreren Ebenen. Die Gesamtheit des Spiel(en)s entsteht durch das Oszillieren ebendieser unterschiedlichen Spielpl\u00e4tze. Es wird nicht nur im Zimmer gespielt, sondern auch konkret auf dem Spielbrett und dem Tisch; das Spiel wird im Bewusstsein der abgebildeten Figuren quasi-mitgedacht und die Rezipierenden mobilisieren \u2013 mit dem Bild und den Textfeldern als Intentionsanst\u00f6sse \u2013 ihr Imagin\u00e4res, wodurch sie die Vorstellung vom Spiel f\u00fcr weitere Spielr\u00e4ume \u00f6ffnen, die nur auf der Ebene des Fiktiven und Imagin\u00e4ren erschliessbar sind \u2013 und schliesslich, gemeinsam mit den anderen Spielr\u00e4umen, im Rahmen des Bildes zu einem vielschichtigen \u203aSpielplatz\u2039, eigentlich aber zu \u203aSpielpl\u00e4tzen\u2039, zusammengefasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Anina Steinmann studiert Medi\u00e4vistik und Germanistik an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und arbeitet gerade an einer Masterarbeit zu teuflischen \u00d6konomien.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine lange Tafel, drei M\u00f6nche sitzen drei B\u00fcrgern gegen\u00fcber, vor ihnen ein Spielbrett, Spielkarten und W\u00fcrfel, ein neugieriger Zuschauer blickt gespannt auf die W\u00fcrfel kurz vor dem Fall, Papst und Kardinal greifen im Angesicht der drohenden Niederlage mit Gewalt ins Spiel ein; in dem, um ca. 1570 verm. in Antwerpen<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2022\/06\/01\/spielplaetze-der-fruehen-neuzeit-oder-wo-sich-mediaevistinnen-vergnuegen\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":776,"featured_media":810,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["entry","author-anina-steinmann","post-809","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/776"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=809"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":895,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/809\/revisions\/895"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/810"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}