{"id":746,"date":"2021-07-19T14:31:19","date_gmt":"2021-07-19T12:31:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=746"},"modified":"2021-08-11T14:05:05","modified_gmt":"2021-08-11T12:05:05","slug":"kuerzung-zur-aktualitaet-einer-intermedialen-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2021\/07\/19\/kuerzung-zur-aktualitaet-einer-intermedialen-praxis\/","title":{"rendered":"K\u00fcrzung. Zur Aktualit\u00e4t einer intermedialen Praxis"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-749\" width=\"232\" height=\"334\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik.png 252w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik-208x300.png 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 232px) 100vw, 232px\" \/><figcaption><sup>Cover zur Neuerscheinung: Frick\/Gr\u00fctter (Hg.): abbreviatio (2021)[<em>abbreviatio<\/em>. Historische Perspektiven auf ein rhetorisch-poetisches Prinzip, hg. von Julia Frick u. Oliver Gr\u00fctter, Basel\/Berlin 2021. https:\/\/schwabe.ch\/9783796541117\/abbreviatio]<\/sup><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Gegenwart war schon immer kurz. Und das nicht nur mit Blick auf ihre rein temporale Verf\u00fcgbarkeit. Vielmehr forciert die F\u00fclle an Informationen, Nachrichten, Neuigkeiten, die tagt\u00e4glich, ja geradezu im Minutentakt produziert werden, den Anschein von \u203aKurzlebigkeit\u2039. Denn kaum reicht die K\u00fcrze der zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit aus f\u00fcr eine umfangreiche Sichtung, geschweige denn f\u00fcr eine intensive Auseinandersetzung mit den gerade auch in den digitalen Medien pr\u00e4senten novit\u00e4tsverd\u00e4chtigen Beitr\u00e4gen. Die zunehmend zu beobachtende mediale Mobilit\u00e4t der User:innen wie auch die M\u00f6glichkeiten zu digitaler Vernetzung bef\u00f6rdern, so scheint es, die Etablierung kommunikativer Kurzformen, die auf die immer knapper werdenden Ressourcen an Zeit und Aufmerksamkeit reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus erw\u00e4chst nicht zuletzt ein gewisser Konkurrenzdruck um eine m\u00f6glichst effiziente Organisation und eine pr\u00e4gnante wie einpr\u00e4gsame Pr\u00e4sentation der Inhalte, um den vermeintlich genauso kurzlebigen wie aktuellen Interessen des anvisierten Publikums entsprechen zu k\u00f6nnen. Der Trend zu medialer Reduktion gilt sowohl f\u00fcr Kurzformen sozialer Kommunikation als auch besonders f\u00fcr den Bereich der Literatur- und Wissensvermittlung: Seit langem schon existieren handliche Ausgaben, die Werke der Weltliteratur in Kurzfassungen anbieten, in j\u00fcngster Zeit komplettiert durch zeitsparende Tutorials, in denen weitl\u00e4ufige und komplexe Inhalte in ansprechenden visuell-auditiven Formaten vermittelt werden. K\u00fcrzung erscheint hier als probates Mittel zur Bew\u00e4ltigung einer Stofff\u00fclle, das seine kulturellen Implikationen aus einer langen bildungsgeschichtlichen Tradition gewinnt. Insofern reproduzieren diese modernen \u203aTechniken\u2039 eine Jahrhunderte alte Praxis, die zu einem integralen Bestandteil der institutionalisierten Kommunikationsformen von der Sp\u00e4tantike bis ins Mittelalter und in die Fr\u00fchen Neuzeit hinein, aber auch weit dar\u00fcber hinaus geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-750\" width=\"281\" height=\"445\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik-1.png 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik-1-189x300.png 189w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/07\/grafik-1-315x500.png 315w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><figcaption><sup>Schriftliche und visuelle \u203aZusammenfassung\u2039 von: Vergil, \u203aAeneis\u2039 I. Aus: Publij Virgilij Maronis Opera, Stra\u00dfburg: Gr\u00fcninger 1502, fol. 121r. Bayerische Staatsbibliothek, urn:nbn:de:bvb:12-bsb00001879-0<\/sup><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Denn kaum ein Verfahren wie das des K\u00fcrzens, Verdichtens, Komprimierens von umfangreicherem Material kann eine solche Dominanz auf unterschiedlichen Feldern behaupten, geh\u00f6rt es doch als intermediale (d.&nbsp;h. sprachlich \u2013 rhetorisch, poetisch \u2013 bzw. bildlich vermittelte) Praxis zum g\u00e4ngigen und vielfach einstudierten Umgang mit tradierten Wissensbest\u00e4nden. Davon zeugen die zahlreich \u00fcberlieferten Exzerptsammlungen, Florilegien, Breviarien, die einer Strukturierung und Fixierung des Wissenswerten innerhalb einer als zunehmend un\u00fcberschaubar empfundenen <em>copia librorum<\/em> zuarbeiten. Eine \u00e4hnliche Funktion \u00fcbernehmen auch Kataloge oder kompakte Kompendien als funktional gebundene Orientierungshilfen f\u00fcr die \u00fcbergeordneten Werke; ferner didaktische Memorierverse (<em>argumenta<\/em>), die umfangreiche Narrative zum Teil in maximaler Verdichtung zusammenfassen und zugleich zum Abruf verinnerlichter Sinnschichten bereithalten. K\u00fcrzung \u2013 verstanden als literarisches Verfahren der <em>abbreviatio<\/em> \u2013 dient also in durchaus unterschiedlichen Kontexten dem Ordnen, Klassifizieren und Abstrahieren). Ihr eignet ein Repertoire an konventionalisierten Mustern intermedialer Verdichtung, die nicht nur \u00fcber schriftliche Formate, sondern gleicherma\u00dfen im Bild \u00fcber die Inkorporierung unterschiedlicher visueller Elemente realisiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zentral \u2013 auch im Hinblick auf aktuelle Tendenzen \u2013 ist dabei die Frage nach den Relationen von Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t: Bietet die Reduktionsform auch eine Ver-K\u00fcrzung des Grundgelegten? Oder im Gegenteil einen Gewinn an pr\u00e4gnanter Formulierung bzw. einpr\u00e4gsamer visueller Vernetzung? F\u00fcr den Sektor der geschriebenen Kommunikation jedenfalls kann die F\u00e4higkeit, sich anlassbezogen kurz zu fassen und ausf\u00fchrlichere Inhalte auf ein aussagekr\u00e4ftiges Minimum zu verknappen, durchaus als anspruchsvoll gelten. Denn sie erfordert \u2013 entgegen der n\u00e4chstliegenden Vermutung \u2013 aufgrund der Notwendigkeit zu mentaler Strukturierung ein gr\u00f6\u00dferes Ma\u00df an Zeitaufwand als das rasch, bisweilen allzu ersch\u00f6pfend Niedergeschriebene. Dass das schnellere Schreiben nicht automatisch einen guten Text garantiere, wusste schon der antike Rhetoriklehrer Quintilian; es sei vielmehr genau umgekehrt: Erst die \u00dcbung darin, sich kurz zu fassen, schaffe die Voraussetzung, l\u00e4ngere Texte in der angemessenen Geschwindigkeit und akzeptablen Qualit\u00e4t verfassen zu k\u00f6nnen (Inst. or. X,3,10). K\u00fcrzung kann also in diesem Sinne durchaus als \u203abessere\u2039, weil anspruchsvollere Option gelten. Und vielleicht, so w\u00e4re zu hoffen, l\u00e4sst sich ja im aktuellen Trend zu Formen medialer Reduktion ein Reflex dieser zeiten\u00fcbergreifenden Praxis erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\">Beitrag anl\u00e4sslich der Neuerscheinung:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><em>abbreviatio<\/em>. Historische Perspektiven auf ein rhetorisch-poetisches Prinzip, hg. von Julia Frick u. Oliver Gr\u00fctter, Basel\/Berlin 2021. https:\/\/schwabe.ch\/9783796541117\/abbreviatio<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><em>abstract<\/em>: Dieser Band versteht das literarische Verfahren der <em>abbreviatio<\/em> als einen bewussten Vorgang der Reduktion und als eine sinnstiftende T\u00e4tigkeit des Verdichtens umfangreicherer Bezugstexte. Er f\u00fchrt interdisziplin\u00e4re sowie komparatistische Perspektiven auf das rhetorisch-poetische Prinzip zusammen und arbeitet so \u00fcber einzelne Textsorten hinausgehende Formen und Funktionen heraus. Anhand der Analyse antiker, mittelalterlicher und fr\u00fchneuzeitlicher Texte profilieren die Beitr\u00e4ge systematische und historische Aspekte der literarischen K\u00fcrzung im Spannungsfeld von Latinit\u00e4t und Volkssprache.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Julia Frick und Oliver Gr\u00fctter lehren und forschen \u00c4ltere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gegenwart war schon immer kurz. Und das nicht nur mit Blick auf ihre rein temporale Verf\u00fcgbarkeit. Vielmehr forciert die F\u00fclle an Informationen, Nachrichten, Neuigkeiten, die tagt\u00e4glich, ja geradezu im Minutentakt produziert werden, den Anschein von \u203aKurzlebigkeit\u2039. Denn kaum reicht die K\u00fcrze der zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit aus f\u00fcr eine<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2021\/07\/19\/kuerzung-zur-aktualitaet-einer-intermedialen-praxis\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":442,"featured_media":759,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[44,45],"tags":[],"class_list":["entry","author-jufric","post-746","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-beitraege","category-besprechungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/442"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=746"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":762,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746\/revisions\/762"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/759"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}