{"id":720,"date":"2021-02-01T11:18:35","date_gmt":"2021-02-01T10:18:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=720"},"modified":"2021-02-01T11:18:37","modified_gmt":"2021-02-01T10:18:37","slug":"margaret-von-anjou-oder-das-making-of-einer-villain-queen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2021\/02\/01\/margaret-von-anjou-oder-das-making-of-einer-villain-queen\/","title":{"rendered":"Margaret von Anjou oder: Das Making-of einer villain queen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Fake news<\/em> und <em>alternative facts<\/em> sind nicht erst ein Ph\u00e4nomen der digital gesteuerten Gegenwart, sondern haben eine lange Geschichte. Sie wurden auch eingesetzt, um Margaret von Anjou, die 1445 als 15-j\u00e4hriges M\u00e4dchen im Kontext ihrer Heirat mit K\u00f6nig Henry VI. nach England kam, gezielt zu diskreditieren. Bei den Engl\u00e4ndern ist sie heute noch ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt als <em>villain queen<\/em>, die nach dem geistigen Zusammenbruch Henrys 1453 die Macht an sich zu reissen versuchte und somit mitverantwortlich f\u00fcr den Ausbruch eines blutigen B\u00fcrgerkriegs war. Verst\u00e4rkt wurde dieser Ruf in der Moderne unter anderem durch historische Romane, die die Zeit der Rosenkriege ausschlachten. Doch selbst f\u00fcr diejenigen, die nie Philippa Gregory gelesen oder das Bildungssystem in England durchlaufen haben, d\u00fcrfte der Konflikt zwischen Lancaster und York mit einer Vorstellung verbunden sein. Offenbar n\u00e4mlich hat sich der Autor des Fantasyepos <em>Game of Thrones,<\/em> G.R.R. Martin von der Geschichte des englischen K\u00f6nigshauses zwischen 1450 und 1500 inspirieren lassen: Auf <em>Youtube<\/em> finden sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NhVu8Fyx40s\">Videos<\/a>, welche die historischen Geschehnisse mit denjenigen im Buch vergleichen, ja sogar die Protagonisten beider Welten einander zuordnen. Dass Margaret von Anjou dabei mit der tyrannischen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i3dmC2BROJA\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Cersei<\/a> gleichgesetzt wird, ist kein Zufall, entspricht dies doch dem Ruf, den Margaret im kulturellen Ged\u00e4chtnis der Briten besitzt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10-1024x559.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-740\" width=\"580\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10-1024x559.png 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10-300x164.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10-768x420.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10-465x254.png 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10-695x380.png 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-01-28-um-16.49.10.png 1424w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Lena Headey als Cersei Lannister in <em>Game of Thrones<\/em> (2011). Standbild<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Es ist vor allem William Shakespeares Interpretation von der grausamen Margaret als \u00abB\u00f6se K\u00f6nigin\u00bb, das in der Moderne weiterverwendet und angepasst wurde. Er hat die K\u00f6nigin in dreien seiner Werke als aktive Frau dargestellt, die ihren Ehemann nach Belieben beeinflusst und sich auch pers\u00f6nlich am Schlachtgeschehen beteiligt. Wirkungsvoll war vor allem die Bezeichnung <em>She-wolf of France, <\/em>welche Shakespeare in <em>Henry VI<\/em> dem Duke of York in den Mund legt. Margaret geht dann auch nicht zimperlich mit diesem ihrer Widersacher um: <em>Off with the crown, and with the crown his head! \/\/And whilst we breathe, take time to do him dead<\/em> (<em>The Third Part of Henry the Sixth,<\/em> Part 3, Act 1, Scene 4). Margaret ist zudem aktiv an der Ermordung selbst beteiligt, versetzt sie dem Duke of York doch den finalen Todesstoss.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Presentation_of_the_Book_of_Romances-2-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-735\" width=\"446\" height=\"524.0767386091127\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Presentation_of_the_Book_of_Romances-2-edited.jpg 693w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Presentation_of_the_Book_of_Romances-2-edited-255x300.jpg 255w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Presentation_of_the_Book_of_Romances-2-edited-465x546.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Presentation_of_the_Book_of_Romances-2-edited-426x500.jpg 426w\" sizes=\"(max-width: 693px) 100vw, 693px\" \/><figcaption>Margaret von Anjou im <em>Talbot Shrewsbury Book<\/em> (1444\/ 45). <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Doch woher hat Shakespeare \u2013 mehr als 100 Jahre nach Margrets Tod \u2013 seine Vorstellung von ihr als K\u00f6nigin? Offenbar bezieht er sich auf die chronikalische Tradition. Ein Blick darauf l\u00e4sst wiederum deutlich werden, dass sich die Konzeption der K\u00f6nigin Margaret im Verlaufe der Zeit signifikant ver\u00e4ndert hat. Bezeichnend erscheint, dass Margret hier erst sukzessive \u00fcberhaupt zum Thema gemacht wird. In fr\u00fchen Chroniken wird einzig erw\u00e4hnt, dass sie <em>wyttyer then the kynge<\/em> sei, also dem K\u00f6nig in Intelligenz \u00fcberlegen (Gairdner, 1876, 209). Nur einmal taucht sie als Subjekt in einer milit\u00e4rischen Aktion auf: <em>She toke the castelle of Anywyke and put hyt fulle of Fraynyschemen <\/em>(Gairdner, 1876, 218). Dieser ist als Echo der damaligen yorkistischen Propaganda im Gefolge des Hundertj\u00e4hrigen Krieges zu verstehen, die den Argwohn gegen\u00fcber Frankreich zementierte und Margaret zur Zielscheibe einer Kritik am k\u00f6niglichen Handeln machte. Man betonte Margarets franz\u00f6sische Herkunft, stellte sie als Feindin Englands dar und schrieb ihr negativen Einfluss auf den k\u00f6niglichen Ehemann zu. Zudem kursierte offenbar das Ger\u00fccht, Henry sei in Wahrheit nicht der Vater von Margrets Sohn Edward, wie es etwa Robert Fabyan in seiner Chronik aus dem Jahr 1504 beschreibt (Ellis, 1811, 628). Geht es in der fr\u00fchen \u00dcberlieferung wohl vor allem darum, \u00fcber Vorw\u00fcrfe an K\u00f6nigin Margret die Herrschaft K\u00f6nig Henrys zu kritisieren und den yorkistischen Standpunkt zu st\u00e4rken, entsteht im 16. Jahrhundert ein detailliertes Bild von Margaret als handlungsf\u00e4hige Protagonistin der Kriege.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Haltung der englischen Chronistik gegen\u00fcber K\u00f6nigin Margret wandelte sich unter dem Einfluss des italienischen Humanisten Polydor Vergil (gest. 1555), der in seiner <em>Historia Anglicana<\/em> Motivation und Pers\u00f6nlichkeit der Akteure hervorhob \u2013 ein Zugang, den Kaufleute und andere gebildete Laien als neues Publikum f\u00fcr Geschichtserz\u00e4hlungen zu sch\u00e4tzen wussten. Margarets Rolle wurde nun wichtiger, ihre Figur ausgeschm\u00fcckt, Motive, Emotionen und innere Vorg\u00e4nge eingef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Peggy-Ashcroft-Anjou-1024x687.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-729\" width=\"580\" height=\"325\" \/><figcaption> Peggy Ashcroft als Margaret von Anjou in <em>The<\/em> <em>Wars of the Roses<\/em> (1963\/ 64). Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ausgepr\u00e4gt wird Margaret von Anjous Ruf als monsterhafte K\u00f6nigin 1542 in <em>Hall\u2019s Chronicle \u2013<\/em> die Chronik, die Shakespeare als Hauptquelle f\u00fcr seine Werke \u00fcber die Rosenkriege dienen sollte. Es war Edward Hall, der Margarets Figur als ein Exempel f\u00fcr die schreckliche Herrschaft einer Frau umschrieb: Der Text ist der erste, der Margaret als arrogant, f\u00fcrchterlich, leichtgl\u00e4ubig und unf\u00e4hig bezeichnet. Hall beschuldigt Margaret, die Macht unrechtm\u00e4ssig an sich gerissen zu haben und beschreibt dies mit einer pr\u00e4gnanten Metapher: [Margaret] <em>thought it necessary, to plucke the sword of aucthoritie, out of their handes<\/em> &nbsp;(Hall\u2019s Chronicle, 1809, S. 234). Der Text verurteilt Margaret und ihre Machtauf\u00fcbung aufs Sch\u00e4rfste, vertritt den Standpunkt, dass Frauen und Machtaus\u00fcbung nicht kompatibel seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit traf Hall den Nerv der Zeit, in der ein Diskurs \u00fcber weibliche Herrschaft entbrannt war. Dieser entz\u00fcndete sich vor allem an Vorstellungen von einer nat\u00fcrlichen Unterordnung der Frau unter den Mann, von quasi-priesterlichen Heilf\u00e4higkeiten, der Schutzgewalt und milit\u00e4rischen Macht des K\u00f6nigs. Hingegen hielt man Gewalt f\u00fcr nicht vereinbar mit weiblicher Tugend und die Herrschaft einer Frau nicht konform mit der Bibel. Im Jahre 1558 \u2013 und damit w\u00e4hrend der Herrschaft der katholischen Mary Tudor \u2013 bringt der Theologe und Reformator John Knox diese Sichtweise auf den Punkt: <em>he that iudgeth it a monster in nature, that a woman shall exercise weapons, must iudge it to be a monster of monstres, that a woman shalbe exalted above a hole realme and nation<\/em>. (Knox, 1558: C3).<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-727\" width=\"580\" height=\"386\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC-768x512.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC-695x463.jpg 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2021\/01\/Margaret-BBC.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><figcaption>Sophie Okonedo als Margaret von Anjou in <em>The Hollow Crown<\/em> (2016). BBC<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>An Margret von Anjous schlechtem Ruf haben auch moderne wissenschaftliche Arbeiten nichts ge\u00e4ndert. Zwar haben diese Margaret zu rehabilitieren versucht und argumentiert, dass diese wohl vor allem die Zukunft ihres Sohnes hatte sichern wollen. In der \u00f6ffentlichen Meinung und in popul\u00e4ren Medien hat sich jedoch die Geschichte von Margaret als <em>she-wolf<\/em> und Englands <em>villain queen <\/em>gehalten, die durch ihre pers\u00f6nliche Ambition und ihrem Machthunger mitverantwortlich f\u00fcr einen der blutigsten innerpolitischen Konflikte Englands war, und damit beinahe die Monarchie zerst\u00f6rt h\u00e4tte. Auch positive Erfahrungen mit weiblicher Herrschaft im englischen K\u00f6nigreich scheinen die Faszination nicht gebrochen zu haben, die von der Figur einer schrecklichen K\u00f6nigin ausgeht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Myriam Dudli studierte Anglistik, Medi\u00e4vistik und Skandinavistik an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fake news und alternative facts sind nicht erst ein Ph\u00e4nomen der digital gesteuerten Gegenwart, sondern haben eine lange Geschichte. Sie wurden auch eingesetzt, um Margaret von Anjou, die 1445 als 15-j\u00e4hriges M\u00e4dchen im Kontext ihrer Heirat mit K\u00f6nig Henry VI. nach England kam, gezielt zu diskreditieren. Bei den Engl\u00e4ndern ist<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2021\/02\/01\/margaret-von-anjou-oder-das-making-of-einer-villain-queen\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":687,"featured_media":742,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["entry","author-myriamdudli","post-720","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/687"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=720"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":745,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720\/revisions\/745"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}