{"id":671,"date":"2020-03-31T12:58:29","date_gmt":"2020-03-31T10:58:29","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=671"},"modified":"2020-04-04T16:50:01","modified_gmt":"2020-04-04T14:50:01","slug":"medialer-mangel-und-mediale-fuelle-der-geisteswissenschaften-in-gekroenten-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2020\/03\/31\/medialer-mangel-und-mediale-fuelle-der-geisteswissenschaften-in-gekroenten-zeiten\/","title":{"rendered":"Medialer Mangel und mediale F\u00fclle der Geisteswissenschaften in gekr\u00f6nten Zeiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicht nur aus kunstgeschichtlichen Gr\u00fcnden, sondern auch angesichts der besonderen ikonischen Verdichtung gilt Albrecht D\u00fcrers Hieronymus-Kupferstich aus dem Jahr 1514 zu Recht als Meisterwerk: Er inszeniert den Heiligen als Gelehrten \u2039im Geh\u00e4us\u203a mit dem L\u00f6wen, seinem treuen Begleiter. Zusammen mit dem ikonographischen Typus des B\u00fc\u00dfers in der W\u00fcste hat dieses Sujet im Sp\u00e4tmittelalter \u00e4ltere Darstellungsweisen abgel\u00f6st, die Hieronymus als Kirchenlehrer und Kardinal zeigten, der erhaben thront. Der Wechsel im Bildprogramm geht einher mit einer ab dem 14. Jahrhundert intensivierten Verehrung des Hieronymus, der Augustinus dann doch den Rang abzulaufen drohte, bei aller bleibenden Geltung augustinischer Theologie. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"229\" height=\"297\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/03\/Corona2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-673\" \/><figcaption>Albrecht D\u00fcrer, Hieronymus im Geh\u00e4us (1514)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Bilder wie dieses werden unter den gegenw\u00e4rtigen Ausgangsbe\u00adschr\u00e4nkungen gerne in sozialen Medien verbreitet \u2013 die neuerdings ihrem Namen gerecht werden und den Charakter ausschlie\u00dflich \u2039asozialer Netzwerke\u203a (Hermann L. Gremliza) ablegen \u2013 als Ikonen geisteswissenschaftlicher Unabh\u00e4ngigkeit. Denn Hieronymus als Gelehrter im Geh\u00e4use f\u00fchrt vor Augen, da\u00df gerade der Arbeiter im \u2039Weinberg des Texts\u203a (Ivan Illich) im Grunde nur der Mu\u00dfestunden bedarf, um produktiv zu sein. Hier wird Bleibendes geschaffen, ohne auch nur einen Fu\u00df vor die T\u00fcr setzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Triumph der notorisch Unzeitgem\u00e4\u00dfen \u00fcber die Zumutungen der Gegenwart ist einerseits psychologisch verst\u00e4ndlich; andererseits handelt es sich aber auch um eine T\u00e4uschung. Denn wo der Gelehrte nicht das Gl\u00fcck einer voll ausgestatteten Privatbibliothek hat, die&nbsp;<em>divini influxus ex alto<\/em>&nbsp;(Marsilio Ficino) nicht mehr so recht str\u00f6men wollen oder der nach getaner Institutsarbeit in den Abendstunden zul\u00e4ssige Griff ins Weinregal am Vormittag nicht dieselbe Wirkung entfaltet, ist auch der Geisteswissenschaftler auf eine stabile Internetverbindung, einen&nbsp;<em>VPN-Client<\/em>&nbsp;und den damit m\u00f6glichen Zugriff auf digitale Portale angewiesen. Auch der konservativste Gelehrte, der die&nbsp;<em>Digital Humanities&nbsp;<\/em>\u00fcblicherweise als \u00fcppig subventionierte Spielwiese gro\u00dfm\u00e4uliger&nbsp;<em>cr\u00e9tins<\/em>&nbsp;schm\u00e4ht und&nbsp;<em>Open Access&nbsp;<\/em>f\u00fcr das Ende distinguierter Publikationskultur h\u00e4lt, greift dankbar auf das zur\u00fcck, das bislang \u2039im Netz\u203a existiert.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"301\" height=\"183\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/03\/Corona3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-674\" \/><figcaption>Der Verfasser dieser Zeilen beim Versuch, bella figura zu machen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ja, sogar mehr noch: Im Bereich der nun digital abzuhaltenden Lehre wird auch der Dozent, der bislang auf Kopiervorlagen in Ordnern in der Bibliothek bestand, bei der Eitelkeit gepackt: Was da nicht alles an narzi\u00dftischer Selbst\u00adinszenierung m\u00f6glich ist! Die nicht erlaubte physische Pr\u00e4senz wird so nicht als Mangel erfahrbar, sondern er\u00f6ffnet ungeahnte F\u00fclle. Da\u00df gerade an dieser Stelle aber F\u00fclle und Mangel dialektisch zu denken sind \u2013 wo man sich Dialektik leisten kann, denn in Krankenh\u00e4usern und andernorts herrscht reiner Mangel \u2013, zeigt ein distanzierter Blick auf die nun allenthalben zu findenden, in schlechtem Licht und aus ung\u00fcnstigem Winkel aufgenommenen Videos, mit denen Dozenten ihre Studenten bis in deren Zuhause verfolgen. Was f\u00fcr eine \u2039H\u00e4resie der Formlosigkeit\u203a (Martin Mosebach)! Man mag sich nicht vorstellen, wie Hieronymus wohl auss\u00e4he, h\u00e4tte ihn nicht D\u00fcrer gestochen, sondern eine qualitativ bescheidene&nbsp;<em>webcam<\/em>&nbsp;aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle erweist sich, wie schon seit zwei Jahrtausenden, die katholische Kirche als wahre Beherrscherin medialer Formate. Von ihr wird zum einen an Traditionen angekn\u00fcpft, so etwa an das Pestkreuz von 1522: Papst Franziskus ist an einem Sonntagnachmittag zur Kirche San Marcello al Corso gewallfahrt, wo das Pestkreuz aufbewahrt wird, dessen Ankunft in Sankt Peter nach einer rund zweiw\u00f6chigen Prozession mit dem Ende der Pestepidemie zusammenfiel.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"452\" height=\"194\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/03\/Corona4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-675\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/03\/Corona4.jpg 452w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/03\/Corona4-300x129.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 452px) 100vw, 452px\" \/><figcaption>Der Papst pilgert durch Rom<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Auch der Fu\u00dfweg war seinerseits bereits eine wirkm\u00e4chtige Inszenierung, denn, wie Gustav Seibt, einer der besten Kenner Roms in Geschichte und Gegenwart, mutma\u00dfte, mu\u00df es wohl viele Jahre vor 1870 gewesen sein, da\u00df ein Papst zum letztenmal zu Fu\u00df durch Rom ging. Wenn es nicht doch Pius XII. nach dem Luftangriff auf Rom im Zweiten Weltkrieg nochmals getan hat. Man k\u00f6nnte aber auch Johannes XXIII. ins Feld f\u00fchren, der wegen seiner Romspazierg\u00e4nge den Spitznamen \u2039Johnnie Walker\u203a trug. Zum anderen aber werden Traditionen auch neu erfunden. So hat der Papst in einer beispiellosen Zeremonie vor einem leeren Petersplatz den Segen\u00a0<em>Urbi et Orbi\u00a0<\/em>gespendet und damit in medialer Hinsicht eine Weltkirche performativ hergestellt, gerade indem sie physisch in Form der aus aller Welt stammenden Pilger nicht mehr anwesend war.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/03\/Corona5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-676\" width=\"257\" height=\"144\" \/><figcaption>Vorlesung an der Ecole Polytechnique in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone\/DPA via Tagesspiegel)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wenn man daraus lernen wollte, m\u00fc\u00dfte man Vorlesungen also nicht vor dem heimischen B\u00fccherregal in Pantoffeln und mit dem regelm\u00e4\u00dfig atmenden, gelegentlich bellenden Fu\u00dfw\u00e4rmer, der nur von Ferne an Hieronymus\u2019 L\u00f6wen erinnert, aufnehmen, sondern vor leeren R\u00e4ngen eines H\u00f6rsaals in vollem Ornat. Dies ist angesichts der Zutritts\u00adbeschr\u00e4nkungen vielerorts aber kaum mehr m\u00f6glich und vor dem Hintergrund der dann ja doch beschr\u00e4nkten inszenatorischen Mittel (wobei der Inhalt ja auch einmal eine Kategorie war) vielleicht generell wenig ratsam, soda\u00df sich die schon in der&nbsp;<em>Apostelgeschichte&nbsp;<\/em>bei der Erz\u00e4hlung des Damaskuserlebnisses rezeptions\u00e4sthetisch motivierte Trennung von Vision und Audition empfiehlt. Der Student darf sich erschrecken beim Anblick der miesen technischen Gestaltung, aber die Botschaft, der dann volle Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, ist zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit f\u00fchrt ein Virus in Zeiten absoluter digitaler Aufr\u00fcstung zumindest das Format \u2039Vorlesung\u203a auf das zur\u00fcck, was vor den bunten Bildern einmal und lange Zeit im Zentrum stand: Die menschliche Stimme mit ihrer ganz eigenen Medialit\u00e4t. Wann bekommen wir die&nbsp;<em>Introduction \u00e0 la science orale&nbsp;<\/em>zu lesen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Maximilian Benz lehrt und erforscht die \u00c4ltere deutsche Literaturgeschichte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur aus kunstgeschichtlichen Gr\u00fcnden, sondern auch angesichts der besonderen ikonischen Verdichtung gilt Albrecht D\u00fcrers Hieronymus-Kupferstich aus dem Jahr 1514 zu Recht als Meisterwerk: Er inszeniert den Heiligen als Gelehrten \u2039im Geh\u00e4us\u203a mit dem L\u00f6wen, seinem treuen Begleiter. 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