{"id":641,"date":"2020-01-03T11:11:25","date_gmt":"2020-01-03T10:11:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=641"},"modified":"2023-08-23T14:52:14","modified_gmt":"2023-08-23T12:52:14","slug":"hybride-chronik-schedel-zwischen-den-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2020\/01\/03\/hybride-chronik-schedel-zwischen-den-zeiten\/","title":{"rendered":"Hybride Chronik. Schedel zwischen den Zeiten"},"content":{"rendered":"\n<p>Die&nbsp;<em>Schedel\u2019sche Weltchronik<\/em>&nbsp;ist ein auch heute noch beeindruckendes Dokument des Medienwandels von der Handschrift zum Druck und wird vielleicht gerade deshalb mit dem derzeitigen Medienwandel in Verbindung gebracht. So hei\u00dft es auf dem Umschlag der im Taschen-Verlag von Stephan F\u00fcssel herausgegebenen Faksimile-Ausgabe lapidar, aber Eindruck heischend: \u00ab\u00dcber 500 Jahre vor Google\u00bb. Die Suchmaschine, nicht nur Marktf\u00fchrer in ihrem Segment, sondern die meistbesuchte Webseite \u00fcberhaupt, firmiert heute als der entscheidende Zugang zum Wissen der Welt: Alles kann man \u00fcber sie finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Alles auffindbar zu machen war auch der Anspruch der Weltchronistik, die sich aber von&nbsp;<em>Google<\/em>&nbsp;durch eines unterscheidet: Das Wissen vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende war geordnet nach einem heilsgeschichtlichen Muster. Wie alle Vergleiche hinkt also auch der zwischen der&nbsp;<em>Weltchronik<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Google<\/em>, denn, w\u00e4hrend die Suchmaschine unbedingt \u2039zeitgem\u00e4ss\u203a ist, muss das von Hartmann Schedel, dem N\u00fcrnberger Arzt und Humanisten, kompilierte&nbsp;<em>Buch der Chroniken&nbsp;<\/em>als Hybride angesehen werden.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-643\" style=\"width:453px;height:340px\" width=\"453\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik2.jpg 453w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Paul Michel und seine Ausgabe<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Diese Spannung pr\u00e4gt auch den Blick der Forschung, die sich einerseits f\u00fcr das Innovative des Projekts interessierte, das massgeblich mit den M\u00f6glichkeiten des noch jungen Buchdrucks einherging, und Schedels Buch dabei etwa als \u2039Hypertext\u203a&nbsp;<em>avant la lettre&nbsp;<\/em>oder mit Blick auf die reiche Illustrierung (1804 Illustrationen von 652 Holzst\u00f6cken) und durchaus unter Rekurs auf Schedels Buchwerbeanzeige von 1493 als einen \u2039Film vor dem Film\u203a erscheinen liess. Andererseits aber zeugt gerade das Dispositionsschema nach den Weltzeitaltern von einem tiefen Verhaftetsein im Mittelalter, wobei mit Blick auf Text und Illuminationen noch genauer zu kl\u00e4ren sein wird, woher die Angaben stammen und welcher Status dem dargestellten Wissen zugesprochen werden kann; hier ist die Forschung durch Bernd Posselts gr\u00fcndliche Arbeit (<em>Konzeption und Kompilation der Schedelschen Weltchronik<\/em>, Wiesbaden: Harrasowitz, 2015) bereits weitergekommen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-644\" style=\"width:452px;height:355px\" width=\"452\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik3.jpg 453w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik3-300x235.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 452px) 100vw, 452px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Weltkarte (Bl. 12r\/13v)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Ein des n\u00e4hern mediologischer Blick auf die Weltchronik wurde hingegen selten erprobt und war Gegenstand eines Werkstattgespr\u00e4chs, das am 22. November an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich stattfand. Bettina Sch\u00f6ller stellte die Weltkarte vor, die im Sinne der oben genannten Spannung mittelalterliche kartographische Traditionen mit innovativen neuen Vorstellungen verbindet: Die Weltkarte wird zwar gefasst durch die S\u00f6hne Noahs, Japhet, Sem und Ham, die nicht nur Heilsgeschichte und Geographie verbinden, sondern auch das dreiteilige Weltschema in Erinnerung rufen, das in den mittelalterlichen T-O-Karten anschaulich wurde. Zudem ist links neben der Karte eine Monstrengalerie zu finden und Jerusalem wird im Zentrum lokalisiert. Die Darstellung der Kontinente aber wird der neuen kartographischen Form angen\u00e4hert, die mit der Wiederentdeckung der&nbsp;<em>Geographia&nbsp;<\/em>des Ptolem\u00e4us im 15. Jahrhundert aktuell wurde und die die sph\u00e4rische Erde auf eine zweidimensionale Fl\u00e4che zu projizieren versuchte. Unterschiedlicher, propositional fassbarer Wissensbest\u00e4nde wird man so unmittelbar ansichtig. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"453\" height=\"262\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-645\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik4.jpg 453w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik4-300x174.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Zerst\u00f6rung Jerusalems (Bl. 63v\/64r)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Die mediologische Perspektive bezieht ihre heuristische Kraft aus der interpretativen Besch\u00e4ftigung mit Vermittlungsszenarien, die sich sowohl zwischen Text und Bild als auch zwischen Text und Text sowie zwischen Bild und Bild aufdecken lassen. In diesem Sinne verglich Raoul DuBois die Darstellung Jerusalems \u2013&nbsp;als erster Stadt nach der Sintflut, aber dann vor allem auch im Zeichen ihrer Zerst\u00f6rung&nbsp;\u2013 mit N\u00fcrnberg als zweitem Jerusalem. Die \u00dcbertragungsprozesse werden in den Bildern selbst thematisiert, indem etwa vor den Toren der Stadt N\u00fcrnberg die Kreuzigung dreimal aufgerufen wird. Gerade im Detail \u2013 so hinsichtlich der auf dem Bild der Zerst\u00f6rung Jerusalems dargestellten Versuchung Jesu, die sich in den Vorlagen nicht findet \u2013 zeigen sich axiologische Eintr\u00e4ge, die Jerusalem in gewisser Hinsicht auch negativ konnotieren. Ist N\u00fcrnberg dann das unbedingt positive Gegenbild? Was aber genau bedeuten die bildlichen Verweise auf Jesu Kreuzigung vor der Stadt? Wie konventionell sind sie? Und welche Bedeutung kann man dem um die Bildelemente herum dargestellten Geschehen beimessen?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-668\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-768x512.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik6-695x463.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">N\u00fcrnberg (Bl. 99v\/100r)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Stadtdarstellungen spielen insgesamt eine sehr gro\u00dfe Rolle in der&nbsp;<em>Schedel\u2019schen Weltchronik<\/em>, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ \u2013 damit wird nicht nur die Bedeutung der St\u00e4dte im sp\u00e4tmittelalterlichen Reich, sondern durchaus auch ihre \u2039Realit\u00e4t\u203a um 1490 deutlich. Die physische Gestalt der Stadt gewinnt in \u00dcbereinstimmung mit der St\u00e4dtelob-Literatur, aber auch mit dem historischen Geschehen zunehmend an Bedeutung, wie Martina Stercken mit Blick auf Basel zeigte, das als Schauplatz des Konzils inszeniert wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4dte spielen aber nat\u00fcrlich auch schon mit Blick auf die alttestamentlichen Geschichten eine besonders gro\u00dfe Rolle, so beispielsweise im Fall von Sodom und Gomorrha, dessen Darstellung von Marius Rimmele interpretiert wurde. Lots Frau, die ein Negativexemplum darstellt, erstarrt ja auch im Text zur Salzs\u00e4ule, was in der Illustration genutzt wird, um sie zum Teil der verkommenen Stadt werden zu lassen, die unterzugehen hat. Der Baum in der Mitte der Illumination unterscheidet zwischen Heil und Verdammnis, aber inwiefern wird die Darstellung der ambivalenten Rolle der T\u00f6chter Lots gerecht? Hier ist auch ein Blick auf die genealogischen Ver\u00e4stelungen n\u00f6tig, die dezent verschweigen, was an Skandalon im biblischen Text zu finden ist.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"766\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5-766x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-646\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5-766x1024.png 766w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5-225x300.png 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5-768x1026.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5-412x550.png 412w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5-374x500.png 374w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2020\/01\/Hybride-Chronik5.png 943w\" sizes=\"auto, (max-width: 766px) 100vw, 766px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Sodom (Bl. 21r)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Dank der modernen Reproduktionstechniken \u2013 digital im Internet, gedruckt als Faksimile-Ausgabe \u2013 ist es bei weitem nicht mehr so kostspielig, wenn man sich in diese gedruckte Weltordnung hineinvertiefen will. Sowohl was die Quellenphilologie, aber auch was die historische Mediologie betrifft, lassen sich von der&nbsp;<em>Weltchronik&nbsp;<\/em>aus ganz neue, noch unbekannte Wege betreten. Und wie bei einer ordin\u00e4ren&nbsp;<em>Google-<\/em>Suche auch, kann es gut sein, dass man an einem ganz anderen Punkt endet, als man \u2013 qua Registerstichwort \u2013&nbsp;eigentlich dachte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Maximilian Benz lehrt und erforscht die \u00c4ltere deutsche Literaturgeschichte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die&nbsp;Schedel\u2019sche Weltchronik&nbsp;ist ein auch heute noch beeindruckendes Dokument des Medienwandels von der Handschrift zum Druck und wird vielleicht gerade deshalb mit dem derzeitigen Medienwandel in Verbindung gebracht. So hei\u00dft es auf dem Umschlag der im Taschen-Verlag von Stephan F\u00fcssel herausgegebenen Faksimile-Ausgabe lapidar, aber Eindruck heischend: \u00ab\u00dcber 500 Jahre vor Google\u00bb.<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2020\/01\/03\/hybride-chronik-schedel-zwischen-den-zeiten\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":434,"featured_media":642,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[41,54,55,39],"class_list":["entry","author-maxben","post-641","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege","tag-medialitaet","tag-schedel","tag-weltchronik","tag-workshop"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/434"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=641"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1099,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/641\/revisions\/1099"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/642"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}