{"id":624,"date":"2019-10-07T08:00:37","date_gmt":"2019-10-07T06:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=624"},"modified":"2023-08-23T14:52:00","modified_gmt":"2023-08-23T12:52:00","slug":"im-leih-cabrio-durch-saint-tropez-ueber-meta-tourismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/10\/07\/im-leih-cabrio-durch-saint-tropez-ueber-meta-tourismus\/","title":{"rendered":"Im Leih-Cabrio durch Saint-Tropez. \u00dcber Meta-Tourismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwei verschiedene Ausgaben von Erika und Klaus Manns urspr\u00fcnglich 1931 erschienenen \u00abBuch von der Riviera\u00bb h\u00e4lt der Buchhandel aktuell bereit. Der elegant-schn\u00f6selig in selbstironischer Halbdistanz zum Gegenstand geschriebene Reisef\u00fchrer der Mann-Geschwister \u00fcber die C\u00f4te d\u2019Azur und die ligurische K\u00fcste war seinerzeit ein Bestseller. Das ist auch heute noch nachvollziehbar: Erika und Klaus Mann bieten eine virtuos-virtuelle Tour durch die mond\u00e4ne Welt der franz\u00f6sischen und italienischen Mittelmeerk\u00fcste, radikal subjektiv erz\u00e4hlt im vollem Selbstbewusstsein einer literarischen&nbsp;<em>Jeunesse dor\u00e9e<\/em>, die alles gesehen hat und alles beschreiben kann. Sie f\u00fchlen sich in den Hafenkneipen von Marseille genauso wohl wie im Casino von Cannes und beim High Tea im Hotel Negresco in Nizza.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"289\" height=\"300\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Erika-Mann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-627\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Erika Mann im Liegestuhl in Le Lavandou, 1933 <br>(Photo: Annemarie Schwarzenbach)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Die beiden derzeit verf\u00fcgbaren Ausgaben unterscheiden sich im Layout erheblich: Die Taschenbuchausgabe stellt den photomechanischen Nachdruck der Originalausgabe von 1931 dar, das j\u00fcngst erschienene Hardcover enth\u00e4lt hingegen nicht nur ein geschmackvoll-buntes neues Cover, sondern auch einen vollkommen neu gesetzten Text. Und noch etwas f\u00e4llt beim Vergleich der beiden Buchausgaben auf. W\u00e4hrend das Reprint des Originals durch Zeichnungen der verschiedenen geschilderten Stationen illustriert ist, wird die Neuausgabe u.a. durch Photographien der Autorin und des Autors (teils photographiert von Annemarie Schwarzenbach) vor Ort bebildert: Erika im Liegestuhl in Le Lavandou, Klaus beim Morgenkaffee auf der Terrasse. Das schafft nicht nur Glaubw\u00fcrdigkeit und&nbsp;<em>effets du r\u00e9el<\/em>, sondern verschiebt von einer Ausgabe zur anderen den medialen Status des Reisef\u00fchrers und damit auch implizit den der Leser-Touristinnen und -Touristen. Indem die Texte der Geschwister Mann mit ihren Portraits synchronisiert werden, er\u00f6ffnet sich ein Raum des historischen Reisens in die Historizit\u00e4t des Reisens selbst. Wer mit der Neuausgabe des \u00abBuchs von der Riviera\u00bb in der Tasche reist, blickt nicht nur durch die Augen der Manns auf die C\u00f4te, sondern begehrt deren unwiederbringlich verloren gegangene touristische Erfahrung. Die Reise wird zur Reise in die Vergangenheit \u2013 aber nicht in eine vermeintlich authentische, unber\u00fchrte und fremde Welt, deren Aporien der Luzerner Historiker Valentin Groebner ebenso genau wie genussvoll freigelegt hat. Vielmehr entsteht ein meta-touristisches Verlangen nach dem Re-Enactment einer vergangenen touristischen Erfahrung. Ich will sp\u00fcren, was Erika gesp\u00fcrt hat, als sie Touristin war. Ich will sehen, was Klaus gesehen hat, als die Uferpromenade von Le Lavandou noch nicht vollger\u00fcmpelt war mit Souvernirshops, Kaffeebars und Gelaterien. &nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"573\" height=\"599\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/573px-CH-NB_-_Frankreich_Lavandou-_Menschen_Lokalisierung_unsicher_-_Annemarie_Schwarzenbach_-_SLA-Schwarzenbach-A-5-08-241.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-626\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/573px-CH-NB_-_Frankreich_Lavandou-_Menschen_Lokalisierung_unsicher_-_Annemarie_Schwarzenbach_-_SLA-Schwarzenbach-A-5-08-241.jpg 573w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/573px-CH-NB_-_Frankreich_Lavandou-_Menschen_Lokalisierung_unsicher_-_Annemarie_Schwarzenbach_-_SLA-Schwarzenbach-A-5-08-241-287x300.jpg 287w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/573px-CH-NB_-_Frankreich_Lavandou-_Menschen_Lokalisierung_unsicher_-_Annemarie_Schwarzenbach_-_SLA-Schwarzenbach-A-5-08-241-465x486.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/573px-CH-NB_-_Frankreich_Lavandou-_Menschen_Lokalisierung_unsicher_-_Annemarie_Schwarzenbach_-_SLA-Schwarzenbach-A-5-08-241-478x500.jpg 478w\" sizes=\"auto, (max-width: 573px) 100vw, 573px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Klaus Mann beim Morgenkaffee in le Lavandou, 1933 <br>(Photo: Annemarie Schwarzenbach)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Meta-Tourismus sucht nicht nach dem Authentischen der Fremde, sondern ist ein Tourismus zweiter Ordnung. Ihm geht es um den Nachvollzug eines vergangenen touristischen Blicks, der Glamour und Grandezza anstelle von Flipflops und Gummieinhorn verspricht. Die C\u00f4te d\u2019Azur ist ein vielfach medial \u00fcberschriebener Raum. Unter dem aktuellen Bild der K\u00fcste schimmern die medialen Repr\u00e4sentationen vergangener Jahrzehnte hindurch. Die C\u00f4te ist so l\u00e4ngst zu einem Palimpsest immer neuer touristisch-medialer Aneignungen geworden. Wer ans Cap d\u2019Antibes zum Hotel Eden Roc f\u00e4hrt, rollt die Avenue F. Scott Fitzgerald entlang und f\u00fchlt sich ein in Dick Diver, jenen Virtuosen des Sozialen aus \u00abTender is the Night\u00bb und Alter Ego seines Autors. Wer auf dem Weg zur&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2019\/08\/15\/et-dieu-crea-la-plage\">Plage de Pampelonne<\/a> in Saint-Tropez am Hafen an den Mega-Yachten der indischen Stahlmagnaten und den Designer-Boutiquen in den benachbarten Str\u00e4sschen entlangschlendert, h\u00e4lt unvermeidlich Ausschau nach Brigitte Bardot aus \u00abEt Dieu&#8230; cr\u00e9a la femme\u00bb. Wer schliesslich die Corniche in Richtung Nizza entlangkurvt, w\u00fcnscht sich jene eleganten Autos herbei, in denen Cary Grant in Hitchcocks \u00abTo Catch a Thief\u00bb einst von Grace Kelly durch die spektakul\u00e4re Landschaft kutschiert wurde.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"393\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Bardot.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-628\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Bardot.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Bardot-229x300.jpg 229w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Brigitte Bardot in Saint-Tropez, Filmstill aus \u00abEt Dieu cr\u00e9a&#8230; la femme\u00bb (Roger Vadim, F 1956)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Als gut ge\u00f6lte Dienstleistungsmaschinerie erf\u00fcllt der moderne Tourismus jedoch fast alle W\u00fcnsche \u2013 auch die historisch-medialen. An der Ausfallstrasse von Saint-Tropez Richtung Antibes finden sich mehrere auf Oldtimer-Cabrios spezialisierte Autovermietungen, die f\u00fcr Meta-Touristinnen und Touristen n\u00f6tige Ausstattung f\u00fcr ihre tempor\u00e4re Verwandlung in den Gentleman-Dieb John Robie und die Million\u00e4rstochter Frances Stevens bereitstellen. \u00abDer moderne Tourismus\u00bb, schreibt Groebner, \u00abist eine Zeitwiederbeschaffungsmaschine, eine Agentur des Wieder-Holens.\u00bb Die Zeit, die der Tourismus den modernen Reisenden wieder zur\u00fcckholt, ist aber nicht nur jene ewig verlorene Zeit des Authentischen, des urspr\u00fcnglichen Erlebens einer vermeintlich a-historischen Vergangenheit. Sie l\u00e4sst sich oft genug medial genau verorten: als Wiederg\u00e4nger-Tourismus von B\u00fcchern, Filmen und Imaginationen, die selbst schon einen touristischen Blick inszenieren. Diesem Tourismus zweiter Ordnung ist wie allen Formen des Re-Enactments eine Melancholie eingeschrieben, die sich in der unhintergehbaren Spannung zwischen partiellem Eintauchen in die mediale Inszenierung (im Cabrio auf der Corniche) und ihren realen Bruchlinien (im Stau vor dem Autobahnzubringer in Richtung Cannes) zeigt. Die besten Ferien sind immer die, die man nicht mehr erleben kann. Das jedoch wussten auch schon die Mann-Geschwister. Bei Menton endet die C\u00f4te d\u2019Azur, doch man konnte schon 1931 mit dem Zug weiterfahren in Richtung Italien. Doch dieser \u00abRivieraexpre\u00df&nbsp;[&#8230;]ist auch nicht mehr das, was er war\u00bb, meinen die Manns. \u00abEr geht zwar schneller als fr\u00fcher, aber das, was Urgro\u00dfvati immer von ihm erz\u00e4hlte, stimmt nicht mehr ganz. Er ist weder so reichtums-, noch so abenteuergeladen, wie damals, darin dem Gesamtzuschnitt der K\u00fcste entsprechend. Die Luft von Alltagsferne und phantastischen Ferien ist weg.\u00bb Die Zeitschichten des Tourismus lassen sich nicht abtragen, sondern ihrerseits nur geniessen \u2013 bis dann ab Ventimiglia der heutige Regionalzug fast nur noch durch Tunnels bummelt und der Blick aus dem Zugfenster aller meta-touristischen Illusionen beraubt wird.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"674\" height=\"506\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Scott-Fitzgerald.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-629\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Scott-Fitzgerald.jpg 674w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Scott-Fitzgerald-300x225.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Scott-Fitzgerald-465x349.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/08\/Scott-Fitzgerald-666x500.jpg 666w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">F. Scott und Zelda Fitzgerald in Antibes, 1926<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Literatur: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera, Hamburg 2019&nbsp;[1931].<\/li>\n\n\n\n<li>Valentin Groebner, Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen, Frankfurt\/Main 2018.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><em>Jan-Friedrich Missfelder lehrt und erforscht die Geschichte der Fr\u00fchen Neuzeit an der Universit\u00e4t Basel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei verschiedene Ausgaben von Erika und Klaus Manns urspr\u00fcnglich 1931 erschienenen \u00abBuch von der Riviera\u00bb h\u00e4lt der Buchhandel aktuell bereit. Der elegant-schn\u00f6selig in selbstironischer Halbdistanz zum Gegenstand geschriebene Reisef\u00fchrer der Mann-Geschwister \u00fcber die C\u00f4te d\u2019Azur und die ligurische K\u00fcste war seinerzeit ein Bestseller. Das ist auch heute noch nachvollziehbar: Erika<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/10\/07\/im-leih-cabrio-durch-saint-tropez-ueber-meta-tourismus\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":346,"featured_media":625,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[50,49,53,48],"class_list":["entry","author-jmissf","post-624","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","tag-re-enactment","tag-riviera","tag-saint-tropez","tag-tourismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/624","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/346"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=624"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/624\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1089,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/624\/revisions\/1089"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/625"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=624"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=624"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=624"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}