{"id":547,"date":"2019-04-26T16:58:32","date_gmt":"2019-04-26T14:58:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=547"},"modified":"2019-05-13T13:48:45","modified_gmt":"2019-05-13T11:48:45","slug":"verkoppelungen-verlinkungen-verschraenkungen-eric-rohmers-perceval-ou-le-conte-du-graal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/04\/26\/verkoppelungen-verlinkungen-verschraenkungen-eric-rohmers-perceval-ou-le-conte-du-graal\/","title":{"rendered":"Verkoppelungen \u2013 Verlinkungen \u2013 Verschr\u00e4nkungen: \u00c9ric Rohmers &#8218;Perceval ou le Conte du Graal&#8216;"},"content":{"rendered":"\n<p>Collage, Montage und Bricolage, Verschr\u00e4nkung, Verlinkung und Verschachtelung, \u00dcberlappung, \u00dcberlagerung und \u00dcberblendung. Der vierte Workshop des ZHM zum Thema \u203aRaum \u2013 Medialit\u00e4t \u2013 Zeit\u2039 (5. Oktober 2018) stand im Zeichen medialer Praktiken der Amalgamierung und Hybridisierung von Heterogenem. Dabei wurden Zusammenf\u00fchrungsleistungen in den Blick genommen, die vom geordneten Nebeneinander von medial Gleichformatiertem, bis zum multimedialen \u00dcber- und Gegeneinander reichten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel, in dem die beiden Pole dieses Spektrums aufeinandertreffen, ist \u00c9ric Rohmers erste Auseinandersetzung mit dem arturischen Stoff&nbsp;<em>Perceval ou le Conte du Graal&nbsp;<\/em>(FR 1964). Mit dem erkl\u00e4rten Ziel, Schulkindern Chr\u00e9tiens de Troye Fragment gebliebene Verserz\u00e4hlung n\u00e4herzubringen, zirkulierte der f\u00fcr den Rundfunk produzierte,&nbsp;25-min\u00fctige Schwarzwei\u00dffilm in erster Linie in den Klassenzimmern Frankreichs. Diesem didaktischen Auftrag zum Trotz pr\u00e4sentiert sich der Film als irritierende Kombination von abgefilmten Miniaturmalereien, Textbl\u00f6cken, Voiceover, Musikeinspielungen und Vokabel\u00fcbungen. Auch innerhalb dieser Elemente scheint die Verh\u00e4ltnisbestimmung von Heterogenem zum vorherrschenden Prinzip erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"211\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Gralsbilder_Serie-1024x211.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-552\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Gralsbilder_Serie-1024x211.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Gralsbilder_Serie-300x62.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Gralsbilder_Serie-768x158.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Gralsbilder_Serie-465x96.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Gralsbilder_Serie-695x143.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Voici les douze compagnons du roi Arthur\u2026<\/em><br>Begleitet werden die einleitenden Worte aus dem Off von einer Reihe Miniaturen, die verschiedenen Handschriften des 13., 14. und 15. Jahrhunderts entnommen wurden und unterschiedliche Ausformungen der arturischen Tafelrunde darstellen. Zu sehen sind mal zwanzig, mal zw\u00f6lf Ritter, die sich mal um den heiligen Gral, mal um gew\u00f6hnliches Geschirr scharen. Die Einzelheiten der Beschreibung des Kommentars werden dabei erst nach und nach in der Abfolge der verschiedenen Miniaturen eingel\u00f6st. Indem der Film die Illuminationen aus ihren \u00dcberlieferungszusammenh\u00e4ngen l\u00f6st, sie fragmentiert und subsequent rekombiniert, imaginiert er seine eigene, auf die spezifische Medialit\u00e4t des Films zugeschnittene Handschrift, die es ihm erm\u00f6glicht den \u201aPerceval\u2018-Stoff nach Belieben auszugestalten. Die dabei entstehenden temporalen Br\u00fcche werden nicht kaschiert, vielmehr wird das Aufeinanderprallen verschiedener Zeiten selbst zum Thema und in seinen mannigfaltigen Schattierungen verhandelt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"211\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Text_Vier-2-1024x211.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-566\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Text_Vier-2-1024x211.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Text_Vier-2-300x62.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Text_Vier-2-768x158.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Text_Vier-2-465x96.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Text_Vier-2-695x143.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>So wird zum einen eine Gegenw\u00e4rtigkeit des Mittelalters behauptet,\u00a0indem die 800 Jahre zwischen den historischen Textzeugnissen des 12. Jahrhunderts und den Texteditionen der Gegenwart per Matchcut auf den vierundzwanzigsten Teil einer Sekunde zusammengezogen werden. Zum andern wird das Mittelalter in die Ferne ger\u00fcckt, indem im direkten Anschluss an diesen Zeitsprung dieselbe Entwicklung als mehrstufiger Prozess von der\u00a0gotischen Minuskel der Pergamentseite zur serifenlosen, dezidiert modernen Schrift der neufranz\u00f6sischen \u00dcbersetzung ausbuchstabiert wird. Dieses Oszillieren zwischen N\u00e4he und Distanz ist geradezu charakteristisch f\u00fcr Rohmers Film und erf\u00e4hrt eine Vielzahl von Ausformulierungen, in denen sich Mittelalterliches und Modernes begegnen: Der sich im Schriftwandel manifestierenden Vorw\u00e4rtsbewegung in der Zeit wird die medi\u00e4valisierende Darstellungsform der Rolltitelsequenz gegen\u00fcbergestellt und die identische Wiedergabe alt- und neufranz\u00f6sischer Texte auf der Tonspur trifft auf den semantischen Wandel zwischen den Sprachstufen, der im Bild grafisch hervorgehoben wird. In diesen eigent\u00fcmlichen Verschr\u00e4nkungen von mittelalterlichem Stoff und seiner bis in die Gegenwart reichenden Bearbeitung gibt sich Rohmers Film als Reflexion \u00fcber die Entwicklung des Erz\u00e4hlens selbst zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"211\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Lancelot_Serie-1024x211.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-554\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Lancelot_Serie-1024x211.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Lancelot_Serie-300x62.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Lancelot_Serie-768x158.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Lancelot_Serie-465x96.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/Lancelot_Serie-695x143.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nirgends wird dies deutlicher als im Wechselspiel von Zoom-out und Zoom-in, das einen h\u00f6fischen S\u00e4nger erst in die Ferne weist, um anschlie\u00dfend einen schreibenden M\u00f6nch in die N\u00e4he zu r\u00fccken: Damit wird der h\u00f6fische Roman als zentraler Umschlagspunkt in der Entwicklung des Erz\u00e4hlens inszeniert. Mittels Zoom und Schwenk (Ken-Burns-Effekt) werden die mittelalterlichen Bildinhalte in Bewegung versetzt und so in die filmische Erz\u00e4hllogik \u00fcberf\u00fchrt. Diese durch die mediale Konstellation von Film und Miniaturmalerei erm\u00f6glichten Bildeindr\u00fccke werden oftmals im Sinne einer konkreten Ausf\u00fchrung von virtuell Angedachtem eingesetzt. So wird die Abfolge einer horizontalen, dann vertikalen Kamerabewegung \u00fcber ein und dieselbe Miniatur als kinetische Ausf\u00fchrung von Lancelots \u00dcberquerung der Schwertbr\u00fccke und der anschlie\u00dfenden Besteigung des Burgturms lesbar. Andernorts schreiben sich auf diese Weise Entscheidungen Rohmers ins Bild, wenn etwa die pl\u00f6tzliche Zuwendung zur Lancelot-Handlung in Form eines Schwenks seine Ausgestaltung erf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als weiteres filmisches Verfahren wirkt die \u00dcberblendung, mit der die mittelalterlichen Bildzeugnisse verschiedenartig potenziert werden k\u00f6nnen. So entsteht beispielsweise bei der \u00dcberlagerung zweier Darstellungen von k\u00e4mpfenden Rittern die Illusion einer hektischen Schlacht. Des Weiteren k\u00f6nnen verschiedene R\u00e4ume, Zeiten und Erz\u00e4hlstr\u00e4nge verbunden werden, etwa wenn Perceval vom Bild seiner sterbenden Mutter regelrecht eingeholt wird, das in Form einer \u00dcberblendung in die Erz\u00e4hlung seiner Reise einbricht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"211\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/U\u0308berblendung-1-1024x211.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-581\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/U\u0308berblendung-1.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/U\u0308berblendung-1-300x62.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/U\u0308berblendung-1-768x158.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/U\u0308berblendung-1-465x96.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/04\/U\u0308berblendung-1-695x143.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Schliesslich verweist die \u00dcberblendung auch auf die Funktionsweise und \nEntstehungszeit des Mediums Film: Indem verschiedene Bilder \ngaloppierender Pferde \u00fcberblendet werden, entsteht ein sequentieller \nBildeindruck, der an die fr\u00fchen Bewegungsstudien Eadweard Muybridges und\n \u00c9tienne-Jules Mareys aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Durch \nVerlinkungen und Verschr\u00e4nkungen, sei es durch (Re)kombination, \nMatchcuts, Zooms oder \u00dcberblendungen, geraten in&nbsp;<em>Perceval ou le Conte du Graal&nbsp;<\/em>nicht\n nur disparate Bildinhalte in ein relationales Gef\u00fcge; auch werden die \nsie konstituierenden Medien, Miniaturmalerei und Film sowie die ihnen \nzugrundeliegenden Zeiten, n\u00e4mlich Mittelalter und Moderne, im Spiegel \ndes jeweils anderen ausgehandelt.<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/bpt6k1320450q\/f1\" target=\"_blank\">Link zum Video<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p>Raoul DuBois ist Doktorand im SNF-Forschungsprojekt &#8222;Hybride Zeiten&#8220; an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/p>\n\n\n\n<p>Carla Gabriela Engler ist Doktorandin im SNF-Forschungsprojekt &#8222;Exhibiting Film: Challenges of Format&#8220; an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Collage, Montage und Bricolage, Verschr\u00e4nkung, Verlinkung und Verschachtelung, \u00dcberlappung, \u00dcberlagerung und \u00dcberblendung. Der vierte Workshop des ZHM zum Thema \u203aRaum \u2013 Medialit\u00e4t \u2013 Zeit\u2039 (5. Oktober 2018) stand im Zeichen medialer Praktiken der Amalgamierung und Hybridisierung von Heterogenem. Dabei wurden Zusammenf\u00fchrungsleistungen in den Blick genommen, die vom geordneten Nebeneinander von<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/04\/26\/verkoppelungen-verlinkungen-verschraenkungen-eric-rohmers-perceval-ou-le-conte-du-graal\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":441,"featured_media":573,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["entry","author-radubo","post-547","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/441"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=547"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":608,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/547\/revisions\/608"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/573"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}