{"id":521,"date":"2019-02-13T11:34:50","date_gmt":"2019-02-13T10:34:50","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=521"},"modified":"2019-02-13T16:57:37","modified_gmt":"2019-02-13T15:57:37","slug":"zwingli-der-zuercher-beobachtungen-zum-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/02\/13\/zwingli-der-zuercher-beobachtungen-zum-film\/","title":{"rendered":"Zwingli, der Z\u00fcrcher. Beobachtungen zum Film"},"content":{"rendered":"\n<p>In Zeiten der Reformationsfeierlichkeiten, in denen es Luther als Playmobil-Figur zu kaufen gibt, wird nun auch Zwingli popul\u00e4r. Der neue Film erz\u00e4hlt das Leben des Z\u00fcrcher Reformators fl\u00fcssig, mit differenziert agierenden Schauspielern und viel Lokalkolorit. Die Schaupl\u00e4tze daf\u00fcr wurden offenbar kenntnisreich und mit grosser Akribie rekonstruiert. Ausgangspunkt f\u00fcr das filmische Gesamtbild Z\u00fcrichs etwa ist ganz offensichtlich Jos Murers Darstellung der Stadt von 1576; Chronikbilder des 16. Jahrhunderts haben als Vorlage f\u00fcr die Gestaltung der Innenr\u00e4ume gedient. Auch das Personal des Films kommt bekannt vor und orientiert sich im Aussehen an der Bildtradition der Reformationszeit: Wenn Zwingli mit seiner besonderen schwarzen Kopfbedeckung im Profil gezeigt wird, so wird klar, dass das Bild von Hans Asper (um 1531) Referenz ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>So pr\u00e4zis Personen und R\u00e4ume in lebende Bilder \u00fcbertragen werden, diffuse Vorstellungen vom Mittelalter haben das atmosph\u00e4rische Setting geformt: Dunkelheit, Nebel und Schnee sind vorherrschende Wetterlagen; und es wird nur dann heller, wenn die Szene schon mittelalterlich genug erscheint: etwa bei der Vollstreckung des Todesurteils an Felix Manz, eines Weggef\u00e4hrten von Zwingli, der zum T\u00e4ufer wurde. Dreck und Schmutz pr\u00e4gen die Umwelt bis in die Fingern\u00e4gel, nicht aber die Z\u00e4hne. Erwartungsgem\u00e4ss kreuzt eine Ratte bereits fr\u00fch im Film eine Strasse von rechts nach links: ein Vorbote der Pest. Das deutliche Bem\u00fchen um Authentizit\u00e4t schl\u00e4gt sich ebenso im Umgang mit der Sprache nieder: Durchwegs wird heutiges Schweizerdeutsch gesprochen; in Momenten allerdings, in denen Texte des Reformators zitiert werden, schaltet der Film gewissermassen auf den O-Ton der historischen Pers\u00f6nlichkeit um und zielt in Formulierung und Aussprache mehr Mittelalter an. Deshalb wohl irritieren modernsprachliche Begriffe wie etwa \u201afunktionieren\u2019 \u2013 gleich zweimal in einem Dialog verwendet.&nbsp;<br><\/p>\n\n\n\n<p>Die Hauptfigur, der Reformator Zwingli, ist als kleiner \u201aGrosser Mann\u2019 konzipiert: als einer der humanistisch denkt, schreibt und \u00fcbersetzt, der die Politiker wie auch das Volk \u00fcberzeugen kann, der provoziert, aber besonnen handelt. Der Film denkt Zwingli indes vor allem in der Enge des sp\u00e4tmittelalterlichen Z\u00fcrich und allenfalls noch im eidgen\u00f6ssischen Kontext. Frustriert bekennt der Kino-Zwingli vor dem Stadtrat, dass er mit Luther nicht zu Schlag gekommen sei; und es klingt so, als k\u00e4me er von Vertragsverhandlungen aus Br\u00fcssel zur\u00fcck.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die auf ein menschliches Mass gestutzte Gr\u00f6sse Zwinglis inszeniert der Film auch dann, wenn es um die Moral geht. Der Reformator erscheint als dezidierter Verfechter individueller Freiheit und als Streiter f\u00fcr mitmenschliches Verhalten gegen\u00fcber einem dekadenten altgl\u00e4ubigen Klerus und entgleisten eigenen Glaubensgenossen. Zugleich jedoch wird seine Vaterschaft als Priester hervorgehoben und dann seine \u2013 schlussendlich eheliche \u2013 Beziehung zur Z\u00fcrcherin Anna Reinhart entwickelt. Ihr weist der Film \u00fcbrigens einen erstaunlich grossen Part als einer Frau zu, die mit der Reformation erwacht und nicht nur zu Bildung kommt, sondern auch das Denken lernt. Die zahlreichen Nahaufnahmen von Anna und Zwingli (der Film bevorzugt den Nachnamen) sollen der Reformation ganz offensichtlich ein menschliches, ja z\u00e4rtliches Gesicht geben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Abspann allerdings f\u00e4llt diese freundliche Interpretation von Zwingli und der Z\u00fcrcher Reformation wieder in das Pathos \u00e4lterer Geschichtsschreibung zur\u00fcck: Das wie im Geschichtsbuch formulierte Fazit schreibt Zwinglis Zeit dann doch nochmals als Anbruch einer neuen \u00c4ra fest; wie bereits in manchen Momenten des Films wird der Reformator als Heilsbringer in der Folge Christi inszeniert. Hingegen r\u00fccken die letzten Bilder von Anna die Geschichte in die Gegenwart. Nach dem Schlachttod ihres Mannes wird sie gezeigt, wie sie die Scherben eines im Streit mit diesem zu Bruch gegangenen Gef\u00e4sses in der Erde vergr\u00e4bt. Dabei sinniert sie nicht \u00fcber die neuen Glaubenswahrheiten, sondern \u2013 ganz modern \u2013 \u00fcber die ewige Suche nach der Wahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Historizit\u00e4t und Aktualit\u00e4t, Rezeption und \u00dcbertragung, Authentizit\u00e4t und Atmosph\u00e4re, Reenactment und Rekonstruktion: Der Film bietet viel, wenn man sich f\u00fcr Modi und Strategien der filmischen Herstellung von Geschichtsbildern interessiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Martina&nbsp;Stercken&nbsp;lehrt&nbsp;Allgemeine&nbsp;Geschichte&nbsp;des&nbsp;Mittelalters&nbsp;und&nbsp;Vergleichende&nbsp;Landesgeschichte&nbsp;an&nbsp;der&nbsp;Universit\u00e4t&nbsp;Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten der Reformationsfeierlichkeiten, in denen es Luther als Playmobil-Figur zu kaufen gibt, wird nun auch Zwingli popul\u00e4r. Der neue Film erz\u00e4hlt das Leben des Z\u00fcrcher Reformators fl\u00fcssig, mit differenziert agierenden Schauspielern und viel Lokalkolorit. 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