{"id":413,"date":"2018-10-01T01:05:23","date_gmt":"2018-09-30T23:05:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=413"},"modified":"2019-01-29T15:31:42","modified_gmt":"2019-01-29T14:31:42","slug":"das-medium-kann-nicht-gefunden-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/10\/01\/das-medium-kann-nicht-gefunden-werden\/","title":{"rendered":"Das Medium kann nicht gefunden werden"},"content":{"rendered":"<h3>Problem<\/h3>\n<p>Als ich vor einiger Zeit in einer Vorlesung einen Videoclip zeigen wollte, kam die Meldung: Das Medium konnte nicht gefunden werden. Das Gel\u00e4chter kann man sich vorstellen. Nicht nur, weil Dozentenungeschick immer erheitert. Sondern auch, weil es genau darum in der Vorlesung gehen sollte: um Medien und ihre historischen Erscheinungsformen. Ich hatte erl\u00e4utern wollen: Im Mittelalter ist mit dem <em>medium\u00a0<\/em>nicht so selbstverst\u00e4ndlich, wie uns dies scheint, ein kommunikatives Mittel, eine neutrale Schnittstelle gemeint, auf gewisse Weise gab es das Medium im uns vertrauten Sinne noch nicht. Es gab zwar das Wort, die Schrift, das Bild, materielle Objekte, mit allerlei Zeichen versehen, aber sie hatten keinen technischen Charakter, und zudem spielten andere Medien eine wichtige Rolle: zum Beispiel menschliche und \u00fcbermenschliche Mittler, konkrete und abstrakte Figuren. Das hatte ich veranschaulichen wollen an einem im Internet beliebten Clip, in dem sich zwei im Digitalen erfahrene M\u00f6nche \u00fcber ein sperriges rechteckiges Ding unterhalten. Der eine kennt es schon als Buch, der andere muss erst damit vertraut gemacht werden. Eine der Pointen dieses Clips w\u00e4re gewesen, dass hier eines der \u00e4ltesten Medien als allerneuestes gelten soll: Es wird erkl\u00e4rt mit Hilfe einer Terminologie, die zugleich die zeitgen\u00f6ssische digitale Medienkultur ironisiert. Eine andere Pointe w\u00e4re gewesen, dass die auf einer B\u00fchne gespielte und dann im Rahmen einer Fernsehshow ausgestrahlte Szene ihre eigentliche Verbreitung im Internet erf\u00e4hrt \u2013 wo das Buch in der Tat wie ein archaisches Relikt wirkt, das aus der Sicht einer medialen Postmoderne nur mehr zu bestaunen ist. Der Sketch greift zwar den mediengeschichtlich zentralen \u00dcbergang von der Rolle zum Codex auf. Er situiert ihn aber nicht in der Sp\u00e4tantike, sondern in einer unbestimmten Gegenwart, die eben jene Entwicklungen voraussetzt, an deren vermeintliche Anf\u00e4nge wir zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. All das w\u00e4re, hatte ich gedacht, dem gezeigten Ausschnitt zu entnehmen gewesen \u2013 doch: Das Medium konnte nicht gefunden werden.<\/p>\n<h3>Chance<\/h3>\n<figure id=\"attachment_415\" aria-describedby=\"caption-attachment-415\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/https:\/\/www.pinterest.de\/HaroldsGrafik\/mixed-media-art\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-415 size-medium\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/09\/CKiening2-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/09\/CKiening2-300x300.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/09\/CKiening2-150x150.png 150w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/09\/CKiening2-144x144.png 144w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/09\/CKiening2-465x465.png 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/09\/CKiening2.png 466w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-415\" class=\"wp-caption-text\">Steampunk Inspired Mixed Media Art; ohne Autor (https:\/\/www.pinterest.de\/HaroldsGrafik\/mixed-media-art\/).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schnell zeigte sich das Erscheinen des einen Satzes anstelle des Clips als unvermuteter Gewinn. Brachte er nicht auf den Punkt, dass das Medium etwas ist, was sich bei genauem Blick immer entzieht? Zwar gibt es z\u00fcnftige Medienwissenschaften, die ihre Gegenst\u00e4nde genau zu definieren wissen: Presse, Kino, Radio, Fernsehen, Telefon, Smartphone, Internet etc., Wissenschaften, die in der Lage sind, diese Medien unter verschiedensten Perspektiven zu betrachten: ihren Einfluss und ihre Wirkung, ihre \u00d6konomie und \u00d6kologie, ihre Ethik und Philosophie. Doch arbeiten diese Wissenschaften in der Regel empirisch-quantitativ, an Einzelf\u00e4llen sind sie ebenso wenig interessiert wie an den Komplexit\u00e4ten, die sich zwischen verschiedenen Medien wie im Inneren eines einzelnen Mediums abspielen. Besteht dieses nicht immer schon so, wie die Schrift sich auf die Sprache bezieht, aus anderen Medien, die in unserer Zeit sogar in einer irrwitzigen Weise ineinander verschaltet sind? Haben nicht generell Medien, indem sie nicht nur Informationen \u00fcbertragen, sondern auch sich selbst ausstellen, eine reflexive Dimension? Das kleine Logo, das jedes Fernsehbild impr\u00e4gniert? Die Inszenierungshaftigkeit, die auch der Live\u00fcbertragung innewohnt? Das digitale Wasserzeichen auf einem Dokument? Und generell: Profilieren sich neue Medien nicht immer auf der Folie der schon bekannten? Definiert sich eine Gegenwart nicht immer in Bezug auf das, was ihr vorausgegangen ist, und das, was sie nach sich kommen sieht?<\/p>\n<h3>Konsequenz<\/h3>\n<p>Mit Fragen wie diesen schwindet die Sicherheit, wir w\u00fcssten, was dieses oder jenes Medium sei, wie es funktioniere oder nicht. So gesehen h\u00e4tte es keinen besseren Satz geben k\u00f6nnen als den, den der Computer produzierte, als er mein Medium nicht fand. Er f\u00fchrte mitten hinein in die Eigenart und die Geschichtlichkeit medialer Formen. Und zwang mich ausserdem, der visuellen Demonstrationsm\u00f6glichkeit beraubt, anders zu erkl\u00e4ren, wie komplex die Relation medialer Formen sein kann. Ich hatte die Rolle der M\u00f6nche aus dem Videoclip zu spielen, ihre Dialoge zu rezitieren, aus ihnen m\u00fcndliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich hatte also die \u00e4ltesten dem Menschen zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel, K\u00f6rper und Sprache, zum Einsatz zu bringen, um die neuesten Entwicklungen anzudeuten. Das war sicher auch komisch, aber zudem erkenntnisf\u00f6rdernd. Eben von jenem Medium her, das nicht gefunden werden konnte, entstand das Bild einer historischen Situation, in der das Medium immer zugleich ein Zuviel und ein Zuwenig war, in der es am G\u00f6ttlichen partizipieren und doch von diesem unendlich weit entfernt sein konnte. Dieses Bild ging aus der Abwesenheit des Bildes hervor und bescherte uns eine unterhaltsame, dabei nicht ganz nutzlose Einsicht: Nicht immer besitzt das, was uns visuell pr\u00e4sent ist, auch die h\u00f6chste Pr\u00e4gnanz. Nicht immer sind die neuen Medien den alten \u00fcberlegen. Nicht immer machen sie diese \u00fcberfl\u00fcssig. Immer hingegen zeigt die Kenntnis der alten die neuen in einem anderen Licht.<\/p>\n<p>Ach ja, der erw\u00e4hnte Clip heisst <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yUQRbqc2qtY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Medieval Helpdesk<\/a>.<\/p>\n<p><em>Christian Kiening, Professor f\u00fcr \u00c4ltere deutsche Literatur, leitet das Zentrum f\u00fcr Historische Mediologie (UZH) und ist Autor des Buches &#8218;F\u00fclle und Mangel. Medialit\u00e4t im Mittelalter&#8216;\u00a0(Z\u00fcrich 2016).<\/em><\/p>\n<p><strong>N\u00e4chster Beitrag (15.10.):<\/strong> Schmerz als Geschichtsmedium (Jan-Friedrich Missfelder)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Problem Als ich vor einiger Zeit in einer Vorlesung einen Videoclip zeigen wollte, kam die Meldung: Das Medium konnte nicht gefunden werden. Das Gel\u00e4chter kann man sich vorstellen. Nicht nur, weil Dozentenungeschick immer erheitert. Sondern auch, weil es genau darum in der Vorlesung gehen sollte: um Medien und ihre historischen<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/10\/01\/das-medium-kann-nicht-gefunden-werden\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":469,"featured_media":414,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"Die Fu\u00dfspuren auf dem Felsen. 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