{"id":298,"date":"2018-11-01T02:00:59","date_gmt":"2018-11-01T01:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=298"},"modified":"2019-01-29T15:32:07","modified_gmt":"2019-01-29T14:32:07","slug":"inkubus-faust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/11\/01\/inkubus-faust\/","title":{"rendered":"Inkubus Faust"},"content":{"rendered":"<p>Goethes <em>Faust. Der Trag\u00f6die Erster Teil\u00a0<\/em>\u2013 ohne Sprache, in bewegten Bildern getanzt. Ihn neu zu erfinden und sich gleichzeitig in die Geschichte der medialen Bearbeitungen einzuschreiben, gelingt<a href=\"https:\/\/www.opernhaus.ch\/spielplan\/kalendarium\/faust-120\/\"> \u201eFaust \u2013 Das Ballett\u201c<\/a>, das als Choreographie und Inszenierung von Edward Clug mit Musik von Milko Lazar in der letzten Spielzeit am Z\u00fcrcher Opernhaus uraufgef\u00fchrt wurde.<!--more--><\/p>\n<p>Im ikonischen Zeitalter des 21. Jahrhunderts erstaunt es nicht, dass der Aufmerksamkeitsschub rund um die Fabel vom Schwarzk\u00fcnstler Dr. Heinrich Faust, der sich gerade so seltsam kontingent, aber durchaus stringent vollzieht, ganz im Zeichen der Bilder und Medien steht. Der Fokus ger\u00e4t dabei weg von Goethes Sprache, man bezieht sich jedoch weiterhin auf dessen offensichtlich zum Archetypus gewordene Form des alten Stoffes. So zeigte bis zum Juli diesen Jahres, im Rahmen eines der Eventkultur fr\u00f6nenden Faust-Festivals, die Kunsthalle M\u00fcnchen eine Ausstellung mit dem Titel<a href=\"http:\/\/www.kunsthalle-muc.de\/ausstellungen\/details\/dubistfaust\/\"> \u201eDu bist Faust. Goethes Drama in der Kunst\u201c<\/a>, die neben ein bisschen Film- und Musikgeschichte vor allem die bildende Kunst ins Zentrum stellt und die, obwohl strikt dem Dramenplot folgend und als eigene Inszenierung auftretend, auf Goethes Sprache weitgehend verzichten kann. Auch das gerade erschienene\u00a0<em><a href=\"https:\/\/www.springer.com\/us\/book\/9783476022752\">Faust-Handbuch<\/a>\u00a0<\/em>(hrsg. von Carsten Rohde, Thorsten Valk und Mathias Mayer bei Metzler), fokussiert neben den \u201eKonstellationen\u201c und \u201eDiskursen\u201c vor allem die \u201eMedien\u201c \u2013 zumal es aus einem <a href=\"https:\/\/www.mww-forschung.de\/forschungsprojekte\/text-und-rahmen\/?menuopen=1\">Projekt des Forschungsverbundes Marbach Weimar Wolfenb\u00fcttel<\/a> hervorgeht, das den Faust-Stoff und seine Medialisierungen bearbeitet. Dieses Handbuch zeigt, wie sehr sich die beiden aktuellen Beispiele \u2013 Ballett und Ausstellung \u2013 in eine Stoffgeschichte einschreiben, die sich immer schon durch ihre \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltigen Medialisierungen auszeichnete: Sie bewegte sich zwischen Puppentheater und Opernb\u00fchne, zwischen Zirkus und Nationaltheater, zwischen Postkarte und Salonmalerei, stets die Ebenen zwischen Hochkultur und Popularisierung verwischend.<\/p>\n<figure id=\"attachment_294\" aria-describedby=\"caption-attachment-294\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-294\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9290_mfooter-300x250.jpg\" alt=\"Mephisto und Faust im gl\u00e4sernen Kubus\" width=\"300\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9290_mfooter-300x250.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9290_mfooter-768x640.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9290_mfooter-1024x853.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9290_mfooter-465x388.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9290_mfooter-600x500.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-294\" class=\"wp-caption-text\">Ballett Z\u00fcrich &#8211; Faust &#8211; Das Ballett &#8211; 2018<br \/>\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>Edward Clug, der die ewigen Themen des Faust-Stoffes anhand von Bulgakows <em>Der Meister und Margarita\u00a0<\/em>inszenieren wollte, hat sich dann doch f\u00fcr Goethe entschieden, weil sie nun einmal in dieser Form in der Schweiz bekannt seien, wie er sich in der <em><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/wenn-es-faust-die-sprache-verschlaegt-ld.1380436\">NZZ<\/a>\u00a0<\/em>zitieren l\u00e4sst: \u201eEine Geschichte, die mit Tanz erz\u00e4hlt werden soll, muss bereits im Ged\u00e4chtnis der Zuschauer verwurzelt sein. Nur so kann man sie auch neu erz\u00e4hlen.\u201c\u00a0Clug will mit dieser \u00fcberdeutlichen Referenz auf Goethe, die \u2013 blickt man etwa auf Anne Imhoffs letztj\u00e4hrige Biennale-Performance mit dem Titel \u201eFaust\u201c \u2013 gar nicht zwingend notwendig w\u00e4re, also auch an ihm gemessen werden. Und tats\u00e4chlich werden auf der Folie von Goethes Drama die klug gesetzten Fortschreibungen und Neuerfindungen lesbar. Aus dem subtilen Dialog mit ihm zieht die Inszenierung einen Gro\u00dfteil ihres Witzes, der bereits bei Goethe bei aller Verzweiflung und allem Hadern des sinnsuchenden Faust und bei aller Tragik der Margarete nie fehlt. Kongenial zu seinem Vorbild vermag Clug, den hohen Ton und die Groteske zusammenzubringen: Die bitterb\u00f6se Ironie Mephistos, die bei Goethe immer wieder Fausts heuchlerischen Idealismus entlarvt, kann auch aus den Stillagen des Tanzes herausgelesen werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_296\" aria-describedby=\"caption-attachment-296\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-296\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9506_mfooter-300x250.jpg\" alt=\"Faust-Mephisto und Gretchen-Marthe im Doppelkost\u00fcm \" width=\"300\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9506_mfooter-300x250.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9506_mfooter-768x640.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9506_mfooter-1024x853.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9506_mfooter-465x388.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9506_mfooter-600x500.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-296\" class=\"wp-caption-text\">Ballett Z\u00fcrich &#8211; Faust &#8211; Das Ballett &#8211; 2018<br \/>\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>Den dem Medium des Ballettes eigenen Antinaturalismus nutzt Clug, um die Beziehungen zwischen Faust und Mephisto, Faust und Margarete in ebenso komischen wie sinn- und symbolreichen Bildern kristallisieren zu lassen. Dass Mephisto die Kehrseite von Faust \u2013 dessen nach Sinnlichkeit suchende verf\u00fchrbare Seite \u2013 ist und die Nachbarin Marthe Schwerdtlein die nach Au\u00dfen projizierte Eitelkeit Gretchens, macht Clug in allen Schl\u00fcsselszenen deutlich. Ob im Duett zwischen Mephisto und Faust im Studierzimmer, einem gl\u00e4sernen Inkubator, oder im Garten, wo Faust-Mephisto und Gretchen-Marthe im Doppelkost\u00fcm auftreten \u2013 der Pas de deux der T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer arbeitet aus den von Goethes morphologisch gedachten Polarit\u00e4ten eine K\u00f6rpersprache der Spiegelungen heraus. Anders als in der M\u00fcnchner Ausstellung, wo Spiegel die Ausstellungsarchitektur bestimmen, stehen die Spiegelungen hier nicht im Zeichen einer \u2013 schon vom Titel \u201eDu bist Faust\u201c insinuierten \u2013 simplen Identifikation. Sie werden vielmehr eingesetzt zur Markierung von Differenz, zur Darstellung der das Hadern der Figuren bestimmenden Gleichzeitigkeit von Anziehung und Absto\u00dfung als lebendig pulsierende, polare, doch komplement\u00e4re Prinzipien. Und ebenso im Gegensatz zur M\u00fcnchner Ausstellung demonstriert das Ballett, dass eine Ausrichtung auf den ersten Teil von Goethes Drama nicht bedeuten muss, diesem mimetisch-illustrativ zu folgen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_292\" aria-describedby=\"caption-attachment-292\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-292\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a8666_mfooter-300x250.jpg\" alt=\"Gretchen und Marthe mit Perlenkette\" width=\"300\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a8666_mfooter-300x250.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a8666_mfooter-768x640.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a8666_mfooter-1024x853.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a8666_mfooter-465x388.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a8666_mfooter-600x500.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-292\" class=\"wp-caption-text\">Ballett Z\u00fcrich &#8211; Faust &#8211; Das Ballett &#8211; 2018<br \/>\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zwar h\u00e4lt sich die Inszenierung detailverliebt schon fast w\u00f6rtlich nah an viele Goethe\u2019sche Elemente, so haben etwa die zur Walpurgisnacht kriechenden Schnecken auch hier ihren gro\u00dfen Auftritt. Der inkubatorische Glaskubus ist sowohl Studierzimmer Fausts als auch Gef\u00e4ngnis Gretchens \u2013 wiederum Goethe entsprechend, der beide R\u00e4ume von den Protagonisten als ihren \u201eKerker\u201c bezeichnen l\u00e4sst. Und auch die Schmuckszene wird im Sinne Goethes keineswegs als rein dekoratives Element des St\u00fccks begriffen. Die Inszenierung vermag in der visuellen Umsetzung die darin enthaltene Gewalt gar noch pointierend herauszustellen: Faust, der doch eigentlich weg vom Scheinhaften hin zur Wahrheit gelangen will, wendet die Waffe des tr\u00fcgerisch gl\u00e4nzenden Scheins auf Margarete an. In ihrem Tanz mit der verf\u00fchrerischen Perlenkette wird sie von ihr geh\u00e4ngt. Das Mal an ihrem Hals antizipiert ihre Enthauptung. Clug sieht und setzt sehr genau die Scharnierstellen in der Trag\u00f6die. Und trotz dieses Bewusstseins f\u00fcr die katastrophischen Konsequenzen ist diese Szene auch eine Feier der immer wieder zur T\u00e4uschung degradierten Mittel der Kunst und der Sinnlichkeit, und nicht von ungef\u00e4hr schreibt sich Clug hier auch in die Tradition derjenigen bildenden K\u00fcnstler ein, die sich bereits, wie in der M\u00fcnchner Ausstellung sch\u00f6n zu sehen ist, im 19. Jahrhundert hingebungsvoll, produktiv und selbstbewusst mit dieser Verf\u00fchrung besch\u00e4ftigt haben.<\/p>\n<p>Vom Standpunkt der medialen Bearbeitung von Goethes Drama aus gesehen, sind auch die Abweichungen, die Clug vornimmt, von der Tradition vorgegeben: Das f\u00fcr Goethe auf der Theaterb\u00fchne Unsagbare bzw. nur symbolisch Sagbare \u2013 die Liebesnacht, die Schwangerschaft, der Kindsmord \u2013 wird von den K\u00fcnstlern, die gerade dieses Nicht-Sagen Goethes als das eigentliche Skandalon empfunden haben, ausphantasiert und in der ganzen Brutalit\u00e4t gezeigt. Bei Clug gehen Schwangerschafts\u00fcbelkeit, Sich-Selbst-Ersticken und Kindsmord auf makaber-grotesk-komische Weise ineinander \u00fcber. Man sieht ein vervielfachtes Gretchen sich \u00fcber Eimer beugen, in die sie sich zu ertr\u00e4nken scheint, um dann den Inhalt \u00fcber dem Kinderwagen auszusch\u00fctten.<\/p>\n<p>Obwohl sich Clug also nah am Plot von Goethes erstem Teil bewegt, liest man den zweiten Teil stets mit, also dessen radikale Modernediagnose von den ungeheuren, die alte Ordnung aufl\u00f6senden, sich verselbst\u00e4ndigenden und zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4ften. W\u00e4hrend die Ausstellung mit dem fadenscheinigen Argument, dass keine entsprechenden Werke existieren w\u00fcrden, den zweiten Teil auf ein kleines Verlegenheitskabinett mit drei Illustrationszyklen von Franz Sta\u00dfen, Max Slevogt und Max Beckmann reduziert, zeigt Clug, wie es anders geht. Er entkleidet die Figuren noch mehr ihrer Individualit\u00e4t und konzentriert sich ganz auf die dem Medium des Tanzes angemessene Darstellung der aller Schranken enthobenen, dynamisierten Kr\u00e4fte. Die \u201eveloziferische\u201c Unruhe der faustischen Moderne kommt im rasanten Tempo dieser K\u00f6rperbewegungen zur Entfaltung. Bereits durch das B\u00fchnenbild, das gelbe und blaue Nebelschwaden zeigt, werden die \u201eschwankende[n] Gestalten\u201c evoziert, die \u2013 \u201eIhr dr\u00e4ngt euch zu! Nun gut, so m\u00f6gt ihr walten \/ Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt\u201c \u2013 in Goethes Zueignung adressiert sind. In den ephemeren K\u00f6rpergesten des Tanzes findet die Aufl\u00f6sung der Formen ihren Ausdruck. Es entstehen allegorische Bilderreihen, wie sie mehr als den ersten den zweiten Teil charakterisieren: In der Erz\u00e4hlung von Fausts Herkunft aus dem Kontext der Alchemie, die entsprechend ihres narratologischen Status als R\u00fcckblick am B\u00fchnenrand silhouettenhaft aufscheint, ist schon die Homunculus-Szene mitzulesen, wie auch die Hexenk\u00fcche, von aller gotisch-mystischen Atmosph\u00e4re beraubt, mit dieser Phantasie einer Erschaffung des k\u00fcnstlichen Menschen spielt. Diese wiederum gipfelt in der Walpurgisnacht, wo nach einem Aufzug von ebenso mythischen wie futuristischen Hybridwesen, auf dem gleichen metallisch-klinischen Seziertisch Faust in einem Reanimierungskuss der Hexe die letzte Menschlichkeit ausgesaugt wird. Die erotische Magie Goethes ist einer zwar ebenso barock-\u00fcppig-grotesken, aber letztlich nur noch brutalen, entindividualisierten Bedrohung gewichen. In diesem gl\u00e4sernen Inkubator werden die Alptr\u00e4ume der Menschheit ausgebr\u00fctet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_293\" aria-describedby=\"caption-attachment-293\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-293 size-medium\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9206_mfooter-300x250.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9206_mfooter-300x250.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9206_mfooter-768x640.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9206_mfooter-1024x853.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9206_mfooter-465x388.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/07\/photo_gregory-batardon8d1a9206_mfooter-600x500.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-293\" class=\"wp-caption-text\">Ballett Z\u00fcrich &#8211; Faust &#8211; Das Ballett &#8211; 2018<br \/>\u00a9 Gregory Batardon<\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon in Clugs Osterspaziergang erh\u00e4lt Faust nicht mehr das Versprechen einer erf\u00fcllenden Sinnlichkeit und eines lebendigen Naturzusammenhangs, sondern er wird sogleich in die Verstrickungen eines sexualisierten Gewaltzusammenhangs gezogen.\u00a0Die pointierte Ausrichtung auf Polarit\u00e4ten, die im Tanz der sich spiegelnden Protagonisten so \u00fcberzeugend funktioniert, ist zugleich auch die Schw\u00e4che dieser Inszenierung. Wenn von der Sch\u00fclerszene \u00fcber den Osterspaziergang zur Hexenk\u00fcche und Walpurgisnacht alle Szenen in ihrer Entmenschlichung, ihrem radikalen Synchronisierungswillen und der schneidenden Pr\u00e4zision der Bewegungen faschistoide Z\u00fcge annehmen, dann wird dies alles \u00fcber einen Kamm geschert. Auf der anderen Seite bleiben nur noch Faust und Gretchen als letzte \u00dcberbleibsel eines \u00fcberkommenen Menschseins und als \u2013 in dieser Rolle vereinte \u2013 Opfer solch d\u00e4monischer Kr\u00e4fte zur\u00fcck. In der Schlussszene f\u00fchrt dies zu einer Umdeutung Fausts, dessen Rettungsversuch nicht mehr von Margaretes hellsichtigem Wahn als heuchlerische und herzenskalte Tat entlarvt wird, sondern sein Streben erscheint hier als dasjenige eines wahrhaft Liebenden und wird zum letzten Kampf f\u00fcr das Menschliche stilisiert. Wenn er, bevor er die B\u00fchne verl\u00e4sst, noch einmal r\u00fchrselig die aus dem Inkubator herausragende Hand Gretchens streift, dann evoziert diese Abschiedsgeste noch einmal das Liebespathos des 19. Jahrhunderts, wie es sich sonst auf dieser Z\u00fcrcher Opernb\u00fchne abspielt. Indem dabei jedoch viel zu schnell das Licht \u00fcber Gretchen erlischt, wird deutlich gemacht, dass diese Stillage des heroischen Todes, in dem in langen Arien die Liebe erst richtig ihre Legitimation erh\u00e4lt, vor\u00fcber ist. Das Leben wird hier f\u00f6rmlich ausgeknipst.<\/p>\n<p>Bei Goethe und um 1800 ist die Geschichte von Faust auch diejenige von der Entstehung des modernen autonomen Subjekts, das sich der dunklen Seiten, die in ihm selbst liegen \u2013 Mephisto kommt hier nur noch scheinbar von Au\u00dfen \u2013, bewusst wird. Heute hingegen erz\u00e4hlt Clugs <em>Faust\u00a0<\/em>davon, dass dieses selbstbestimmte Individuum ganz von diesen aus seinem Inneren, im Pakt von Faust und Mephisto entfesselten, Kr\u00e4ften aufgezehrt wurde. Wie <em>Faust II\u00a0<\/em>angedeutet und die vergangene Zukunft gezeigt hat, schl\u00e4gt das nach Innen verlegte B\u00f6se von Au\u00dfen wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>Faust &#8211; Das Ballett. Urauff\u00fchrung von Edward Clug. Musik von Milko Lazar. Nach \u00abFaust. Der Trag\u00f6die Erster Teil\u00bb von Johann Wolfgang von Goethe.\u00a0Choreografie und Inszenierung Edward Clug Musikalische Leitung Mikhail Agrest Komposition Milko Lazar B\u00fchnenbild Marko Japelj Kost\u00fcme Leo Kula\u0161 Lichtgestaltung Martin Gebhardt Video-Design Tieni Burkhalter Dramaturgie Edward Clug und Michael K\u00fcster<\/em><\/p>\n<p><em>Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst. 23. Februar \u2013 29. Juli 2018 in der Kunsthalle M\u00fcnchen in Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar. Kuratiert von Roger Diederen, Thorsten Valk, Nerina Santorius und Sophie Borges<\/em><\/p>\n<p><em>Claudia Keller lehrt und forscht in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n<p><strong>Weiterer Beitrag<\/strong>: Mike Bill \u00fcber die M\u00fcnchner Faust-Ausstellung (unter &#8222;Besprechungen&#8220;)<\/p>\n<p><strong>N\u00e4chster Beitrag (15.11.):<\/strong>\u00a0Medien abschaffen! (Marius Rimmele)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Trailer - Faust - Das Ballett - Ballett Z\u00fcrich\" width=\"1380\" height=\"776\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/HsZF0fYGhD4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goethes Faust. 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