{"id":188,"date":"2018-10-15T08:00:33","date_gmt":"2018-10-15T06:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=188"},"modified":"2019-01-29T15:31:49","modified_gmt":"2019-01-29T14:31:49","slug":"folterey-henkerey-spasz-dabei-schmerz-als-geschichtsmedium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/10\/15\/folterey-henkerey-spasz-dabei-schmerz-als-geschichtsmedium\/","title":{"rendered":"&#8222;Henkerey, Folterey, Spasz dabei&#8220;. Schmerz als Geschichtsmedium"},"content":{"rendered":"<p>In der gutgemeinten Warnung \u00abPass doch auf, wo Du hinfolterst!\u00bb l\u00e4sst der deutsche Komiker Otto Waalkes 1984 seine ebenso knappe wie hellsichtige Darstellung des \u00abfinsteren Mittelalters\u00bb kulminieren. Aufpassen, wo er hinfoltert, muss auch der in Lederkluft gewandete Scharfrichter-Darsteller auf dem Mittelaltermarkt im Z\u00fcrcher Oberland. Gerade hat sich eine junge Marktbesucherin im strahlenden Sonnenschein auf seine Streckbank gelegt. Fachkundig fesselt der Folterknecht ihr die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken, bittet sie noch, die Sonnenbrille kurz abzunehmen und verbindet schliesslich das Seil mit der h\u00f6lzernen Winde am Kopf der Streckbank. Langsam zieht er ihre Arme am Seil nach oben, bis sie fast gerade nach oben ragen. W\u00e4hrend der \u00abScharfrichter\u00bb ebenso informiert wie routiniert \u00fcber vormoderne Folterpraktiken doziert, bewundern die Umstehenden die yoga-gest\u00e4hlte Flexibilit\u00e4t seines Opfers. Obwohl sie bekennt, nur ganz wenig Schmerz zu empfinden, beruhigt der Folterknecht sein Publikum: Bevor die Maschine die Schultern der jungen Frau ausgekugelt h\u00e4tte, w\u00fcrde eher die h\u00f6lzerne Konstruktion zerbrechen. Trotzdem atmet sie erleichtert auf, als der \u00abScharfrichter\u00bb wieder von ihr abl\u00e4sst. Die Zeitreise ist gl\u00fccklicherweise vorbei: einmal Mittelalter und zur\u00fcck, Foltern inklusive.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-191 alignleft\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"269\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404-207x300.jpg 207w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404-768x1113.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404-707x1024.jpg 707w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404-380x550.jpg 380w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404-345x500.jpg 345w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/20180526_143404.jpg 1885w\" sizes=\"auto, (max-width: 269px) 100vw, 269px\" \/><\/p>\n<p>Mittelalterm\u00e4rkte setzten auf den K\u00f6rper als Medium der Geschichtserfahrung. Das haben sie in der zeitgen\u00f6ssischen popul\u00e4ren Geschichtskultur mit Re-Enactments gemeinsam. Wo am einen Ort in Pr\u00e4sentationen historischer Handwerkskunst die Wiederaneignung verlorener K\u00f6rpertechniken zelebriert wird, geht es bei grossformatigen Nachstellungen historischer Szenen um die Ganzk\u00f6rpererfahrung von Geschichte im Kost\u00fcm. In beiden Formen artikuliert sich ein eigent\u00fcmlich paradoxes \u00abVerlangen nach Pr\u00e4sentifikation\u00bb (Hans Ulrich Gumbrecht) der Geschichte. Einerseits wird dabei die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart neu justiert. Die Geschichte ist nicht mehr deswegen interessant, weil sie Aufschl\u00fcsse \u00fcber das \u00abSo-und-nicht-anders-geworden-sein\u00bb (Max Weber) der Gegenwart bietet, sondern weil sie das Versprechen bereith\u00e4lt, Alterit\u00e4t als solche zu erleben: \u00abDurch den Wunsch nach Pr\u00e4senz werden wir dazu bewogen\u00bb, so Gumbrecht, \u00abauf die Sinnfrage zu verzichten und uns statt dessen auszumalen, wie wir uns theoretisch und k\u00f6rperlich zu bestimmten Gegenst\u00e4nden verhalten h\u00e4tten, wenn wir in ihrer eigenen historischen Alltagswelt auf sie gestossen w\u00e4ren.\u00bb Dieses nekromantische Bed\u00fcrfnis, den eigenen K\u00f6rper in konkrete Interaktion mit historischen Objekten zu bringen, ist sich seiner eigenen Begrenztheit andererseits stets bewusst. Die totale historische Erfahrung gibt es nicht, sie scheitert an der \u00dcberkomplexit\u00e4t der Vergangenheit. Also arbeiten Re-Enactments im Modus der Metonymie. Im einzelnen, isolierten k\u00f6rperlichen Erleben wird der ganze Geist des Mittelalters im Wortsinne sp\u00fcrbar. Doch um diese Erfahrung zu erm\u00f6glichen, muss die Geschichte zum Anderen werden, das nur durch den K\u00f6rper erlebt, aber nicht durch Geschichtsschreibung verstanden werden kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-195 alignright\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/Spee-Cautio-Criminalis-2-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"251\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Spee-Cautio-Criminalis-2-174x300.jpg 174w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Spee-Cautio-Criminalis-2.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/p>\n<p>Daher bezeichnet die Erfahrung von Folter nur den Extremfall eines generellen Musters von K\u00f6rperbehandlung in der <em>living history<\/em>. Der Schmied, der f\u00fcr die f\u00fcr seine Arbeit ben\u00f6tigte Glut durch das m\u00fchsame Treten eines mechanischen Blasebalgs selbst sorgen muss, wird ebenso aus seiner vermeintlich modernen Komfortzone gestossen wie die T\u00e4nzerin an einem Jane-Austen-Memorial-Ball, die sich in ein enges Korsett zw\u00e4ngt. Anstrengung und Schmerz werden dabei als Erlebnis von Fremdheit begr\u00fcsst, denn eben sie verb\u00fcrgen die Authentizit\u00e4t der historischen Erfahrung. Dieser gleichsam geschichtstheoretische Masochismus beruht selbstverst\u00e4ndlich auf dem Wissen, dass diese Schmerzerfahrungen reversibel sind, dass der \u00abScharfrichter\u00bb seine Winde schon nicht so weit drehen wird, bis es ernsthaft wehtut. Einerseits handelt es sich also um Meta-Schmerz, um historische Ironie. Bei \u00abFolterey\u00bb und \u00abHenkerey\u00bb muss immer auch \u00abSpasz dabei\u00bb bleiben, um die <em>exit option<\/em> der Zeitreise offen zu halten. Andererseits ist es kein Zufall, dass die M\u00f6glichkeit k\u00f6rperlicher Geschichtserfahrung auf dem Mittelaltermarkt gerade am Grenzfall der Folter verhandelt wird. Bis weit in die Fr\u00fche Neuzeit hinein galt in der juristischen Theorie als ausgemacht, dass in der Folter die Wahrheit als Licht k\u00e4me. Diese diente, so etwa der italienische Scholastiker Albertus Gandinus in seinem Tractatus de maleficiis von 1299, \u00abad eruendam veritatem\u00bb. In der Folter erwies sich der K\u00f6rper als Medium der Wahrheit, der \u00abK\u00f6rper im Schmerz\u00bb (Elaine Scarry) konnte nicht l\u00fcgen. Diese Logik der Tortur, die prominent etwa durch Friedrich von Spee in seiner Cautio criminalis von 1631 dekonstruiert wurde, kehrt damit auf dem Mittelaltermarkt in gespenstischer Weise zur\u00fcck. Einzig ein tempor\u00e4r und aushaltbar geschundener K\u00f6rper verspricht die Wahrheit der Geschichte. Das Motiv der Zeitreise, das f\u00fcr so viele Re-Enactments das grosse Versprechen darstellt, erweist sich so als eine angstlustige Reise in den Schmerz. Auf dem Mittelaltermarkt wiederholt sich die Trag\u00f6die der vormodernen Folter als geschichtskulturelle Farce.<\/p>\n<p><em>Jan-Friedrich Missfelder forscht und lehrt am Historischen Seminar der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n<p>Photos \u00a9 Yasemin Agirbas, Ursina Storrer<\/p>\n<p><strong>N\u00e4chster Beitrag (1.11.):<\/strong> Incubus Faust (Claudia Keller)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der gutgemeinten Warnung \u00abPass doch auf, wo Du hinfolterst!\u00bb l\u00e4sst der deutsche Komiker Otto Waalkes 1984 seine ebenso knappe wie hellsichtige Darstellung des \u00abfinsteren Mittelalters\u00bb kulminieren. Aufpassen, wo er hinfoltert, muss auch der in Lederkluft gewandete Scharfrichter-Darsteller auf dem Mittelaltermarkt im Z\u00fcrcher Oberland. Gerade hat sich eine junge Marktbesucherin<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/10\/15\/folterey-henkerey-spasz-dabei-schmerz-als-geschichtsmedium\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":346,"featured_media":227,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":null,"_FSMCFIC_featured_image_hide":null,"footnotes":""},"categories":[44],"tags":[21,23,20,22],"class_list":["entry","author-jmissf","post-188","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-beitraege","tag-folter","tag-living-history","tag-mittelaltermarkt","tag-reenactment"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/346"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=188"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":479,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions\/479"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/227"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}