{"id":169,"date":"2019-05-30T08:00:38","date_gmt":"2019-05-30T06:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=169"},"modified":"2019-05-01T06:50:11","modified_gmt":"2019-05-01T04:50:11","slug":"formen-und-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/05\/30\/formen-und-erinnern\/","title":{"rendered":"Ist das ein Ding?"},"content":{"rendered":"<h2><strong><em>Werkbundarchiv \u2013 Museum der Dinge<\/em><\/strong><\/h2>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ins Museum geht man, um Dinge zu sehen, die man sonst nicht sieht. Bei diesen Dingen handelt es sich vielfach um Artefakte, das hei\u00dft, absichtsvoll geschaffene Gegenst\u00e4nde, die \u00fcber Vergangenheit und Gegenwart Auskunft geben und besonders, selten oder kostbar sind. Ausstellungsst\u00fccke legen Bez\u00fcge zu Epochen offen und machen Vernetzungen zwischen K\u00fcnstlern und Kulturen sichtbar. Zuallererst stehen sie aber selbst als Objekte im Mittelpunkt, an denen sich Reflexionen \u00fcber das Eigene und das Fremde, das \u00c4sthetische und Sch\u00f6ne vollziehen.<\/p>\n<p>Bei Museumsbesuchen geht es darum, Neues zu entdecken, Altes zu verstehen und Einblicke zu bekommen in Welten, die der eigenen enthoben sind. Der Besuch soll ein Erlebnis sein, das Aufmerksamkeit hervorruft und Kommunikation anregt. Dem \u201eWarst du eigentlich schon in dieser Ausstellung?\u201c folgen Meinungsaustausch, Bewertung von Eindr\u00fccken und schlie\u00dflich das wohlige Gef\u00fchl, Kultur nicht nur erlebt, sondern vor allem anderen davon berichtet zu haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_181\" aria-describedby=\"caption-attachment-181\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-181 size-medium\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Schreibmaschine-291x300.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Schreibmaschine-291x300.jpg 291w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Schreibmaschine.jpg 338w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-181\" class=\"wp-caption-text\">Antike Schreibmaschine. Quelle: Museum der Dinge<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie soll man aber mit einem Museum umgehen, das eben nicht das Besondere, das Wertvolle oder Kostbare ausstellt, sondern das Allt\u00e4gliche, Gegenw\u00e4rtige und gut Zug\u00e4ngliche in den Vordergrund r\u00fcckt? Erf\u00fcllt dieses Museum \u00fcberhaupt noch die \u00fcblichen Anspr\u00fcche? Wieso sollte man einen Ort besuchen, der sich eigentlich kaum von einer unaufger\u00e4umten Wohnung unterscheidet und der deshalb auf den ersten Blick wenig Aufmerksamkeit erregt?<\/p>\n<p>Das <em>Werkbundarchiv \u2013 Museum der Dinge\u00a0<\/em>in Berlin unternimmt genau dieses Experiment: Es tr\u00e4gt Alltags- und Gebrauchsgegenst\u00e4nde der vornehmlich deutschen Industriegesellschaft zusammen. Die Sammlung umfasst 35.000 Dokumente und 40.000 Objekte vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart; der Schwerpunkt liegt auf Gegenst\u00e4nden aus dem 20. Jahrhundert. Die Exponate werden in Glasschr\u00e4nken ausgestellt, ein Ordnungskonzept ist nicht zu erkennen.<\/p>\n<p>Das Museum versteht sich als \u201ezugleich gezieltes wie auch kontingentes Resultat einer ausstellungs- und forschungsorientierten Praxis\u201c (<a href=\"https:\/\/www.museumderdinge.de\/sammlungen\/zur-sammlung\">Link<\/a>). Gezeigt wird, was in Gebrauch war und nun in einen musealen Kontext \u00fcberf\u00fchrt wurde. So werden Dinge nicht nur aus den gewohnten Kontexten herausgehoben, sondern auch von Alltagsgegenst\u00e4nden zu Anschauungsobjekten stilisiert. Die Besucher sehen beim Gang durch die Dauerausstellung Gebrauchsgegenst\u00e4nde, die sie aus ihrem Alltag kennen.<\/p>\n<p>Der Weg von Exponat zu Exponat \u2013 und damit auch durch die Jahrzehnte \u2013 wird nicht gekennzeichnet oder vorbereitet. Nebeneinander stehen Zinnfiguren, gro\u00dfe Waschmitteltr\u00f6ge aus Pappmaschee, Geschirr der 1960er, 1970er und 1980er Jahre, bald schlicht, bald \u00fcppig, verziert mit farbintensiven Blumenmustern, Gie\u00dfkannen in unterschiedlichen Formen und Farben, Telefone mit oder ohne W\u00e4hlscheibe, B\u00fcgeleisen verschiedener Generationen, Plastikfiguren, Konserven aller Art, Spardosen und K\u00fcchenmaschinen, um nur einen Bruchteil der reichen Sammlung aufzuz\u00e4hlen. So weit, so unspektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Doch genau an diesem Punkt kommt der individuelle Faktor ins Spiel, der aus Beliebigkeit Aufmerksamkeit generiert und Pr\u00e4senz schafft. In meinem Fall sind es kleine, bunte Haarspangen aus Plastik, die es vor wenigen Jahrzehnten paarweise zu kaufen gab. Gemacht, um d\u00fcnnes Kinderhaar zusammenzubinden, am besten geeignet f\u00fcr zwei Z\u00f6pfe und schneller verloren als sie je in Benutzung waren. Die Ausstellung zeigt nicht nur ein Paar, sondern gleich zehn davon. Die Erinnerung zwingt mich innezuhalten, zu betrachten und zu kommunizieren: Vergangenes wird vergegenw\u00e4rtigt und die Kindheit vor Augen gestellt. Der Fund ist im Chaos der Zusammenstellung \u00fcberraschend und erzeugt dadurch umso gr\u00f6\u00dfere Wirkung. Als Ausstellungsst\u00fcck rufen die Haarspangen Staunen hervor. Das ist es, was das <em>Museum der Dinge\u00a0<\/em>ausmacht: Allt\u00e4gliches unaufgeregt als Besonderes auszustellen. Ein besonderer Raum wurde geschaffen, in dem aus Krimskrams Medien der Erinnerung gemacht werden. Die Besucher erarbeiten sich einen je individuellen Weg durch die Sammlung und lesen die Objekte auf ihre Art. Das <em>Werkbundarchiv \u2013 Museum der Dinge\u00a0<\/em>gibt keine Geschichten vor, sondern regt die Erinnerung an die eigene Geschichte an.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/05\/xl_Goldi_72dpi.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-594\" width=\"183\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/05\/xl_Goldi_72dpi.jpg 311w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2019\/05\/xl_Goldi_72dpi-233x300.jpg 233w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><figcaption>Goldi. Quelle: Museum der Dinge<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Beim Gang durch die Ausstellung handelt der Besucher immer wieder aufs Neue aus, welche Gegenst\u00e4nde f\u00fcr ihn wertvoll und bedeutsam sind. Die schiere F\u00fclle davon erscheint bei der ersten Sichtung erdr\u00fcckend. Die schlichte Aufreihung in Glasvitrinen erweckt einen musealen Eindruck, wirkt aber gleichzeitig befremdlich. Wie sonst kann man sich erkl\u00e4ren, dass die eigentlich kostenlose Commerzbank-Werbefigur \u201eGoldi\u201c hinter Glas steht und mit dem Slogan \u201eIst das ihr Ding\u201c dazu aufruft, eine \u201eDingpflegschaft\u201c (ab 30 Euro im Jahr) zu \u00fcbernehmen? Der Wert der Pflegschaft \u00fcbersteigt den Wert der Figur um ein Vielfaches.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Objekte hinter Glas nicht mehr dem Gebrauch, sondern der Anschauung dienen, sieht man ihre Materialit\u00e4t und Form neu. Auch die \u201eAuseinandersetzung mit Fragen der Vermarktung\/Warenkultur, d.h. dem Labelling und Branding durch Marken, Firmenstrategien [und] Entwerfernamen\u201c (<a href=\"https:\/\/www.museumderdinge.de\/sammlungen\/zur-sammlung\">Link<\/a>) tritt hervor. Geht es auf einer ersten Ebene um die eigene Geschichte, sind die Sammlungsobjekte auf einer zweiten Ebene auch immer Zeugen des gesellschaftlich-politischen und \u00f6konomischen Wandels.<\/p>\n\n\n\n<p>Was viele wegwerfen, wird im <em>Museum der Dinge&nbsp;<\/em>archiviert und als Ausstellungsst\u00fcck pr\u00e4sentiert. Die Frage: \u201eIst das Kunst oder kann das weg\u201c stellt sich einmal mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Werkbundarchiv \u2013 Museum der Dinge<\/em>, Oranienstra\u00dfe 25, D-10999 Berlin,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.museumderdinge.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Homepage Museum der Dinge<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Pia Selmayr<\/em> <em>lehrt und forscht im Bereich der \u00c4lteren Deutschen Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werkbundarchiv \u2013 Museum der Dinge<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/05\/30\/formen-und-erinnern\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":435,"featured_media":170,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[18,17,19],"class_list":["entry","author-pselma","has-more-link","post-169","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","tag-dinge","tag-doktoratsprogramm-medialitaet","tag-museum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/435"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=169"}],"version-history":[{"count":27,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":600,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/169\/revisions\/600"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/170"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}