{"id":1608,"date":"2024-12-30T07:00:00","date_gmt":"2024-12-30T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1608"},"modified":"2024-12-03T14:08:48","modified_gmt":"2024-12-03T13:08:48","slug":"wesentlich-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/12\/30\/wesentlich-nichts\/","title":{"rendered":"Wesentlich Nichts"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Frage danach, was es bedeutet \u201ablack\u2018 (Moten 2013) zu sein, ist eine fundamentale Frage, die viele Autoren besch\u00e4ftigt, die sich mit Blackness auseinandersetzen. Fred Moten stellt sich in <em>Blackness and Nothingness<\/em> diese Frage ebenfalls und dr\u00fcckt dabei mit wundervollen Worten den Begriff \u201aBlackness\u2018 aus. Diese Auseinandersetzung steht in einem besonderen Zusammenhang zur Mystik, da sich Moten in seinem Ausdruck von \u201aBlackness\u2018 auf die Funktion von \u201aNichts\u2018 in der Sprache bezieht. Dieser Beitrag widmet sich der Frage, inwiefern Motens Ausdruck von \u201aBlackness\u2018 im Zusammenhang mit \u201aNichts\u2018 eine sprachliche Herausforderung darstellt und wie sich Motens Auseinandersetzung mit Nichts, Sprache und Blackness daher als eine \u201aBewegung an die Grenzen des M\u00f6glichen\u2018 einordnen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Suche danach, was es bedeutet \u201ablack\u2018 zu sein, widmet sich Moten der Sprache Pidgin, deren Untersuchung er wie folgt beschreibt: \u201eWe study in the sound of an unasked question. Our study is the sound of an unasked question. We study the sound of an unasked question.\u201c (Moten 2013, S.&nbsp;756)<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Formulierung, \u201aDer Klang einer ungestellten Frage\u2018, macht deutlich, warum die Untersuchung von Pidgin kein leichtes Unterfangen ist. Denn eine ungestellte Frage ist eine Frage, die nie ge\u00e4ussert wurde. Erst das \u00c4ussern einer Frage w\u00fcrde Klang produzieren. Der Klang einer ungestellten Frage ist demzufolge eine Leerstelle, wesentlich Nichts. Baut man diese Schlussfolgerung nun in die Formulierung Motens ein, so lautet sein Vorhaben: \u201aWe study the sound of nothing. Our study is nothing, we study nothing.\u2018 Hierbei wird angedeutet, dass \u201aNichts\u2018 in gewisserweise \u201aPidgin\u2018 wesentlich konstitutiert und zusammenwebt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee, dass Nichts wesentlich konsitutiv sein kann, ist nicht leicht nachzuvollziehen und bewegt die Lesenden von Motens Gedanken an die Grenze des M\u00f6glichen. Um diese nahezu unm\u00f6gliche Idee begreiflich zu machen, widmet sich Moten der Musik. Hier ber\u00fchrt er in seiner Auseinandersetzung das Nichts, wenn er sich auf ein Jazz-Duett von Don Cherry und Ed Blackwell bezieht, aufgenommen im Jahr 1982. Moten verweist darauf, dass im Lied nach etwa zweieinhalb Minuten die Aufmerksamkeit auf eine Beziehung zwischen Fantasie und Nichts gelenkt wird. Hier wirke der Klang von Nichts, indem der Klang der Instrumente ausbleibt. Die Instrumente Schweigen. Innerhalb dieser musikalischen Leerstelle aber passiere etwas in unserer Fantasie. Dort spiele die Musik weiter und wirke einen besonderen Zauber. Diesen nennt Moten Mu. Mu wirke auf die H\u00f6renden, w\u00e4hrend Nichts gespielt werde. Doch wirke Mu auch \u00fcber den Moment des Aussetzens der Instrumente hinaus und somit auf das Lied als Ganzes. In diesem Lied hat insbesondere das, was nicht ist, Einfluss darauf, was ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sich in diesem St\u00fcck die Wirkung von Nichts beobachten l\u00e4sst, so l\u00e4sst sich diese Wirkung auch in Pidgin beobachten. Die Schwierigkeit, diese Sprache zu untersuchen, besteht also zun\u00e4chst darin, dass Nichts in dieser Sprache eine bedeutende Rolle spielt, respektive in bedeutsamer Weise auf die Sprache wirkt. In einem Lied ist es ein Leichtes, den Effekt von Nichts nachzuvollziehen, bei Pidgin ist diese Wirkung jedoch schwerer zu untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Zusammenhang von Nichts und Pidgin zu verstehen, soll zun\u00e4chst darauf eingegangen werden, wie Pidgin entstanden ist. In seiner Rekonstruktion bezieht sich Moten hier auf Linebaughs Charakterisierung der Sprache:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cThe most magnificent drama of the last thousand years of human history\u201d was not enacted with its strophes and prosody ready-made. It created a new speech. A combination of, first, nautical English; second, the \u201csabir\u201d of the Mediterranean; third, the hermetic-like cant talk of the \u201cunderworld\u201d; and fourth, West African grammatical construction, produced the \u201cpidgin English\u201d that became in the tumultuous years of the slave trade the language of the African coast. (Linebaugh 1982, S.&nbsp;110f.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Pidgin soll es sich um eine Sprache handeln, die das Resultat des ewigen Kolonialterrors ist, der sich in den letzten tausend Jahren abgespielt hat. Die Identit\u00e4t dieser Sprache ist jedoch nur schwer zu bestimmen. Sie setzt sich aus Sprachen zusammen, die an diesem Drama beteiligt waren. Pidgin an sich ist nicht auf einen geografischen Entstehungsort zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auf einen gewaltsamen Transport. Insofern verweist gerade die Tatsache, dass es den geografischen Entstehungsort nicht gibt, darauf, dass der Gebrauch dieser Sprache aus dem Nichts stammt. Und \u00e4hnlich wie bei der Musik weckt wieder Nichts die Fantasie der Pidgin-Sprechenden. Nichts hat hier einen Einfluss auf die vorangegangenen Sprachen und wirkt als Mu auf den Moment ihrer Entstehung und dar\u00fcber hinaus auf ihren Gebrauch bis in die Gegenwart. Des Weiteren verzichtet Pidgin auf eine rigide Syntax und Morphologie. Wie Moten hervorhebt, ist diese Sprache nicht institutionalisiert, sondern lediglich m\u00fcndlich \u00fcberliefert. Die Einwirkung von Mu verleiht dieser Sprache ihren Charakter. In dem Sinne lehrt Nichts den Gebrauch der Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nun wieder auf unser Ausgangszitat einzugehen, betrachten wir den Aspekt einer ungestellten Frage. Welche Frage ist Moten zufolge \u00fcberhaupt ungestellt und weshalb muss die Frage ungestellt sein?<\/p>\n\n\n\n<p>That question whose necessity is so fundamental that it must be unasked\u2014the question of the meaning of (black) being, the question of the meaning of (black) things (Moten 2013, S.&nbsp;756)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage danach, was es bedeutet \u201ablack\u2018 zu sein, ist eine fundamentale Frage, die viele Autoren besch\u00e4ftigt, die sich mit Blackness auseinandersetzen. Und ausgerechnet diese Frage muss nun gem\u00e4ss Moten ungestellt bleiben\/sein. Diese Forderung scheint zun\u00e4chst paradox. Jedoch ist der Modus des Ungestellt-seins notwendig, um den Zusammenhang von Nichts und Blackness verstehen zu k\u00f6nnen. Denn die Frage blieb in der Entwicklung dessen, was Blackness bedeutet, ebenfalls ungestellt. Hierbei enth\u00fcllt die nur schwer begreiffliche Frage als eine Bewegung an die Grenze des M\u00f6glichen einen Konnex zwischen Nichts, Pidgin und Blackness.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir konnten bereits festhalten, dass Nichts ein wesentlicher Bestandteil von Pidgin ist. Die Untersuchung von Pidgin muss sich demnach auf die Auswirkung von Nichts auf Pidgin richten. Besch\u00e4ftigt man sich nun mit der Frage, was es bedeutet, \u201ablack\u2018 zu sein, so muss man sich ebenfalls mit der Auswirkung von Nichts auf diese Frage auseinandersetzen. Moten zufolge l\u00e4sst sich die fundamentale Auswirkung von Nichts respektive die Wirkung von Mu auf diese Frage nur dann beobachten, wenn sie ungestellt ist. Wie bereits angedeutet, ist die Auseinandersetzung mit dieser Frage auch eng mit Pidgin verwoben, weil Pidgin der Klang der ungestellten Frage danach ist, was es bedeutet \u201ablack\u2018 zu sein. Somit deutet Moten auf den verwobenen Komplex von Pidgin, Nichts und Blackness durch die drei Aspekte, die er im Ausgangszitat aufwirft, und zeigt dabei auf, wie fundamental das Ungestellt-sein der Frage ist.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWe study in the sound of an unasked question\u201c verweist darauf, dass die Untersuchungen von Blackness, in der durch \u201aNichts\u2018 verwobenen Sprache \u201aPidgin\u2018 selbst geschieht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOur study is the sound of an unasked question\u201c: Die Untersuchungen selbst sind Ausdruck der ungestellten Frage, was es bedeutet \u201ablack\u2018 zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWe study the sound of an unasked question\u201c verweist auf den Klang von Nichts, die Wirkung von Mu, als den Gegenstand der Frage. Dieser Konnex stellt eine Bewegung an die Grenze des M\u00f6glichen dar, denn die Frage, die Moten aufwirft, ist eine, die ungestellt sein muss und somit sprachlich an der Grenze des M\u00f6glichen ist. Moten gelingt es in seinem Text dennoch, etwas durch den Klang einer ungestellten Frage zu bewirken, und so deutet er performativ auf die Wirkung Mu von Nichts. Hierbei wirkt sich der Klang von \u201aNichts\u2018 auf den Text aus, und Moten untersucht, was nicht ist, mit dem und durch das, was nicht ist: Der Klang einer ungestellten Frage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage danach, was es bedeutet \u201ablack\u2018 (Moten 2013) zu sein, ist eine fundamentale Frage, die viele Autoren besch\u00e4ftigt, die sich mit Blackness auseinandersetzen. Fred Moten stellt sich in Blackness and Nothingness diese Frage ebenfalls und dr\u00fcckt dabei mit wundervollen Worten den Begriff \u201aBlackness\u2018 aus. 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