{"id":1518,"date":"2024-10-04T07:00:00","date_gmt":"2024-10-04T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1518"},"modified":"2024-10-03T17:27:22","modified_gmt":"2024-10-03T15:27:22","slug":"radikale-religion-askese-enthusiasmus-schwaermerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/10\/04\/radikale-religion-askese-enthusiasmus-schwaermerei\/","title":{"rendered":"Radikale Religion: Askese \u2013 Enthusiasmus \u2013 Schw\u00e4rmerei"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#e1e1e1\">\u201eIch nenne die Erfahrung eine Reise ans Ende des dem Menschen M\u00f6glichen. Jeder kann diese Reise auch nicht machen, aber wenn er sie macht, so setzt das voraus, dass die bestehenden Autorit\u00e4ten und Werte negiert sind, die das M\u00f6gliche begrenzen. Aufgrund dessen, dass sie die Negation anderer Werte, anderer Autorit\u00e4ten ist, wird die Erfahrung in ihrer positiven Existenz rechtsg\u00fcltig selbst zum Wert und zur Autorit\u00e4t.\u201c<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>George Bataille bringt in dieser Charakterisierung der von ihm angestrebten \u201einneren Erfahrung\u201c auf den Punkt, was uns in einem Blockseminar, das im Sommer 2024 an der UZH stattfand,<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> ma\u00dfgeblich besch\u00e4ftigt hat: Grenzg\u00e4nge des Menschen, (gedankliche) Bewegungen zwischen Selbstentbl\u00f6\u00dfung und intensiver (experientieller) Selbsterkundung, die Entgrenzungen der Sprache fordern und nicht nur dadurch zu Grenzverletzungen im Sozialen f\u00fchren k\u00f6nnen, die Sprengpotential haben (sollen) und darin zugleich bedrohlich, aber wohl auch attraktiv wirken. W\u00e4hrend Bataille bestrebt ist, diese grenzmarkierende, -verschiebende oder gar -\u00fcberschreitende Erfahrung von jeglichem religi\u00f6s motivierten Glauben zu entkoppeln, macht er die Traditionslinie des von ihm Angezielten doch deutlich. Denn er \u201everstehe unter innerer Erfahrung das, was man gew\u00f6hnlich mystische Erfahrung nennt: die Zust\u00e4nde der Ekstase, der Verz\u00fcckung oder wenigstens einer meditativen Gem\u00fctsbewegung\u201c<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> \u2013 innerhalb derer im abendl\u00e4ndischen Denken die Grenz\u00fcberschreitung in den meisten F\u00e4llen ausgel\u00f6st ist durch eine explizit gemachte Liebe zu Gott, der so nicht nur Movens, sondern immer auch Ziel und darin letztlich, wie Bataille es kritisiert, begrenzendes Moment jeder ausbrechenden \u2013 mitunter selbst- und gesellschaftstransformierenden \u2013 Regung darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Lekt\u00fcre exemplarischer Texte von der Sp\u00e4tantike bis zur Neuzeit n\u00e4herte sich die Seminardiskussion sowohl dem Begriff der (abendl\u00e4ndischen) \u201aMystik\u2018 an, vor allem aber dem in dieser Erlebnis- und Ausdrucksform scheinbar starken Zusammenhang von christlich verankertem Glauben und radikalen Positionen, die sich verschiedentlich \u2013 etwa in intensiver Erfahrung, destruktiver Askesepraxis, Selbstkasteiung, sozialer Gemeinschaftsbildung, Freiheitspostulaten oder eschatologischer Erwartung \u2013 \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. In der Moderne wird die mystische Haltung oft mit Schw\u00e4rmerei, extravaganter Erotik und Irrationalit\u00e4t identifiziert oder als Artikulation sozialrevolution\u00e4rer Visionen und Antizipation eschatologischer Erf\u00fcllung gelesen. Durch die Zeiten hindurch aber verbindet sich mit ihr eine Absonderung, eine Bewegung an die R\u00e4nder der Gesellschaft, die sowohl als Befreiung (von Autorit\u00e4ten und Normen) gedeutet werden kann, sich als deren Verachtung durch eine Elite ausnimmt, in selbstgew\u00e4hlter Isolation eine Besinnung auf anderes erm\u00f6glicht, aber auch durch Ausschluss Marginalisierung bewirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgehend von Dionysius Areopagitas <em>Mystischer Theologie<\/em>, einem sp\u00e4tantiken Grundtext des mystischen Denkens, bewegten wir uns zu Formen sp\u00e4tmittelalterlicher Mystik, wie sie etwa bei Hadewijch von Antwerpen oder den beiden Dominikanern Meister Eckhart und Heinrich Seuse begegnen. Unsere Aufmerksamkeit galt Fragen nach der religi\u00f6sen Erfahrung, ihrer Artikulation und Produktion und insbesondere ihrer medialen Vermittlung, da gerade Texte der zuletzt genannten Autoren verhandeln, wie \u00fcber oder ohne Medien Zugang zu und Verst\u00e4ndnis von Gott gewonnen werden soll. Da diese textuell verhandelte und bestenfalls auch angeregte N\u00e4he zu Gott zu einer Neuformung auch der Welterfahrung f\u00fchren kann, machen sich Rezipierende gewisserma\u00dfen schon w\u00e4hrend ihrer Lekt\u00fcre auf einen Weg der Transformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Einblicke in die apokalyptische Mystik hingegen lie\u00dfen die politische Dimension derartiger Denk-, Diskurs- und eben auch Lebensformen aufscheinen, wie sie etwa bei Joachim von Fiore in einer skizzierten Neuordnung der (endzeitlichen) Gesellschaft oder bei Thomas M\u00fcntzer gar im Aufruf zur umst\u00fcrzlerischen und durchaus gewaltt\u00e4tigen Sozialrevolution sichtbar werden. Die Transformation soll hier nicht mehr allein im Einzelmenschen, sondern innerhalb einer gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft provoziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben derart sozialpolitisch anmutenden Formen einer innerweltlichen Umsetzung heilsgeschichtlicher Vorstellungen kann sich die \u00dcberschreitung der Innerlichkeit einer Einzelseele hin zum Fruchtbarwerden in der Welt auch als kosmopoetische Neuformung der Erfahrung des G\u00f6ttlichen ausnehmen, wie sie etwa in Jacob B\u00f6hmes <em>Aurora<\/em> vorliegt. Die quillende, quellende, wallende, quallende, qualifizierende Natur wird zur Immanenz des G\u00f6ttlichen, das nicht allein in der Seele kontinuierlich wiedergeboren wird, sondern auch in allem, was den Menschen umgibt. Dem Anschein nach weitaus geordneter in der \u00e4u\u00dferen Form, dabei aber keineswegs weniger explorativ in der Sprachnutzung wie -sch\u00f6pfung oder weniger \u00fcberzeugt in der Annahme eines Einklangs mit der Natur zeigen sich poetisch-literarische Stilisierungen g\u00f6ttlicher Erfahrung etwa durch Angelus Silesius oder Katharina Regina von Greiffenberg, bei denen seelische und sprachliche Grenzg\u00e4nge sich vereinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr, dass \u2013 und ein kleines bisschen ebenfalls in welcher Form \u2013 die uns interessierende mystische Tradition in teils s\u00e4kularisierter, meist \u00e4sthetisierter Weise, da nicht zuletzt im Produktivwerden von rhetorischen Elementen, auch das Denken seit dem 19. Jahrhundert gepr\u00e4gt hat, mag das Eingangszitat Batailles repr\u00e4sentativ stehen; f\u00fcr die Literatur w\u00e4ren hier u.&nbsp;a. Goethes <em>Bekenntnisse einer sch\u00f6nen Seele<\/em> oder Musils <em>Die Vollendung der Liebe<\/em> zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die folgende Serie von Beitr\u00e4gen, die von Seminarteilnehmenden verfasst wurden, reflektiert in ihren gebotenen Schlaglichtern sowohl die Diskussionen des Sommers, f\u00fchrt dar\u00fcber hinaus aber Gedanken eigenst\u00e4ndig weiter, die allesamt in der einen oder anderen Weise an einer \u201aBewegung ans Ende des dem Menschen M\u00f6glichen\u2018 orientiert sind: sei es durch eine scheinbar kontraintuitive Verbindung von Ordnungswillen und Grenz\u00fcberschreitung; sei es durch Konzeptionalisierungen gemeinschaftlichen Lebens an der Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits; sei es durch eine Dichtkunst, in der nicht mehr allein der dichtende Mensch wirkt, sondern in welche Gottes Schaffenskunst selbst Einzug h\u00e4lt; sei es durch das Aufzeigen eines lyrischen Prozesses, der mystische Erfahrung als sprachlich spannungsvollen Aufschwung in Liebe zu Gott und in Gott hinein fasst; sei es durch \u00dcberlegungen zum Feuer des Heiligen Geistes, das entz\u00fcnden, aber auch verbrennen kann; sei es durch Spekulationen \u00fcber das <em>gegenwertige<\/em> <em>n\u00fa<\/em> oder durch solche \u00fcber das <em>Nichts<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/radikale-religion\/\">Zur Serie<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> George Bataille: Die innere Erfahrung nebst Methode der Meditation und Postskriptum 1953 (Atheologische Summe I). Aus dem Franz\u00f6sischen von Gerd Bergfleth. Mit einem Essay von Maurice Blanchot. Berlin&nbsp;2017, S.&nbsp;19.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Unter der Leitung von Niklaus Largier (UC Berkeley) und Daniela Fuhrmann (UZH) im Rahmen der Lehre des Deutschen Seminars der UZH.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Bataille: Die innere Erfahrung (wie Anm.&nbsp;1), S.&nbsp;14.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch nenne die Erfahrung eine Reise ans Ende des dem Menschen M\u00f6glichen. Jeder kann diese Reise auch nicht machen, aber wenn er sie macht, so setzt das voraus, dass die bestehenden Autorit\u00e4ten und Werte negiert sind, die das M\u00f6gliche begrenzen. 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