{"id":1476,"date":"2024-10-07T07:00:00","date_gmt":"2024-10-07T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1476"},"modified":"2024-10-07T09:02:17","modified_gmt":"2024-10-07T07:02:17","slug":"mystik-auf-der-suche-nach-ordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/10\/07\/mystik-auf-der-suche-nach-ordnung\/","title":{"rendered":"Mystik auf der Suche nach Ordnung"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201aMystisch\u2018 \u2013 das Wort bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch schon fast so viel wie \u201ar\u00e4tselhaft\u2018, \u201amagisch\u2018, \u201airrational\u2018. Auch eine tiefere Auseinandersetzung mit mystischen Werken widerlegt diese Konnotationen nur zum Teil. Innerhalb von Religionen, die sonst eher Gemeinschaft und Gesetz betonen, pr\u00e4sentiert sich Mystik n\u00e4mlich tats\u00e4chlich als dynamische, individuelle Bewegung. Sie l\u00f6st Unterschiede auf und betont das Fliessende, Unfassbare; sie str\u00e4ubt sich gegen Reglementierung und Klassifizierung. Von Zeit zu Zeit erblickt man die Mystik aber auch mit einem anderen Gesicht: klar geordnet, systematisch, vielleicht sogar: wissenschaftlich? Dann n\u00e4mlich, wenn Gotteserfahrung als Ordnungserfahrung verstanden wird; als Suche nach der h\u00f6chsten, besten, vollkommen(st)en Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Suche beginnt f\u00fcr uns mit dem sp\u00e4tantiken Mystiker Pseudo-Dionysius. Dieser war wohl ein syrischer M\u00f6nch, der aber unter dem Namen eines Atheners aus dem Neuen Testament, der von Paulus bekehrt worden sei, schrieb \u2013 daher die Bezeichnung \u201aPseudo\u2018-Dionysius. In seiner Schrift <em>\u00dcber die himmlische Hierarchie <\/em>leitet er sein Ordnungskonzept mit dem namensgebenden Begriff \u201aHierarchie\u2018 (\u1f31\u03b5\u03c1\u03b1\u03c1\u03c7\u03af\u03b1) ein. Damit ist mehr als eine blosse Rangliste gemeint! W\u00f6rtlich k\u00f6nnte man das griechische Wort als \u201aheilige Herrschaft\u2018 oder \u201aHohepriesterherrschaft\u2018 \u00fcbersetzen, aber zum Gl\u00fcck definiert Dionysius seine Verwendung selbst: \u201aHierarchie\u2018 sei \u201eheilige Ordnung, Erkenntnis und T\u00e4tigkeit\u201c (\u03c4\u03ac\u03be\u03b9\u03c2 \u1f31\u03b5\u03c1\u03ac \u03ba\u03b1\u03b9 \u1f10\u03c0\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03bc\u03b7 \u03ba\u03b1\u1f76 \u1f10\u03bd\u03ad\u03c1\u03b3\u03b5\u03b9\u03b1), welche sich so weit wie m\u00f6glich der g\u00f6ttlichen Form \u00e4hnlich mache. Im Verlauf der Schrift werden diese drei Aspekte ausgef\u00fchrt, hier eine Zusammenfassung:<\/p>\n\n\n\n<p>Die <strong>Ordnung<\/strong> an sich besteht aus klar definierten R\u00e4ngen von Menschen und Engeln \u2013 sie bilden also doch eine Hierarchie im heutigen Sinne. Dabei sind Engel \u2013 gem\u00e4ss ihrer Etymologie als \u201aBoten\u2018 \u2013 ausnahmslos \u00fcber der Menschheit platziert. Jeder Rang empf\u00e4ngt den von Gott herkommenden Lichtstrahl und \u201e[leitet] das [sein] ganzes Wesen \u00fcberstr\u00f6mende Licht auf die des Lichtes W\u00fcrdigen [\u00fcber]\u201c. Rangh\u00f6he wird also im dionysischen System nicht durch Macht, sondern durch N\u00e4he zu Gott definiert. Je h\u00f6her die Position, desto mehr Licht wird weitergegeben. Hierarchiemitglieder dienen Gott und ihren Mitkreaturen, statt sie zu beherrschen \u2013 so sieht es Dionysius jedenfalls vor. Die Ordnung ist dynamisch in dem Sinne, dass Gottes Licht st\u00e4ndig auf und ab fliesst; es ist aber nicht vorgesehen, dass individuelle Kreaturen ihren Platz wechseln.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"622\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-1024x622.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1478\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-1024x622.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-300x182.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-768x466.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-1536x933.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-2048x1243.jpg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-465x282.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb1_Botticini_Mariae-Himmelfahrt-695x422.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 1: Die neun dionysischen Engelsr\u00e4nge. Francesco Botticini, <em>Mari\u00e4 Himmelfahrt<\/em>, ca. 1446\u20131497, Tempera auf Holz. National Gallery London.<br>Digitalisat: <a href=\"https:\/\/www.nationalgallery.org.uk\/paintings\/francesco-botticini-the-assumption-of-the-virgin\">https:\/\/www.nationalgallery.org.uk\/paintings\/francesco-botticini-the-assumption-of-the-virgin<\/a>.<br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein <strong>Erkenntnis<\/strong>prozess ist die Hierarchie deshalb, weil sie die allm\u00e4hliche Aufw\u00e4rtsbewegung des menschlichen Geistes zu Gott erm\u00f6glicht. Dabei werden die h\u00f6heren Stufen zun\u00e4chst notwendigerweise verschleiert, damit das Denken nicht \u00fcberfordert oder in die Irre geleitet wird: Das einfache Licht muss gebrochen werden in \u201edie bunte F\u00fclle der heiligen Umh\u00fcllungen\u201c. Gleichzeitig macht die Ordnung Unsichtbares sichtbar: Wer n\u00e4mlich die menschliche Hierarchie betrachtet, kann ihr himmlisches Gegenst\u00fcck zumindest ansatzweise erkennen. Auch die bestm\u00f6gliche Ordnung kommt hier aber an ihre Grenzen. Sie leitet den Sinn zwar stetig aufw\u00e4rts, versagt jedoch gerade am letzten Schritt: Um Gott ganz zu erlangen, muss alle Erkenntnis zur\u00fcckgelassen werden, ermahnt Dionysius in der <em>Mystischen Theologie<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Aspekt der Hierarchie, die <strong>T\u00e4tigkeit<\/strong>, ist im dionysischen System zentral: Sie bildet das Ziel der ganzen Ordnung. Dieses Ziel ist hoch und nicht leicht zu verstehen: \u201eZweck der Hierarchie ist also die m\u00f6glichste Ver\u00e4hnlichung und Einswerdung mit Gott\u201c. Irdische und himmlische Hierarchie wirken zusammen, um nicht nur ihre Mitglieder, sondern die gesamte Welt zu verg\u00f6ttlichen. Dies tun sie, indem sie Gottes Licht weitergeben und damit an seinem Wirken in der Welt teilhaben. Die Menschen und Engel, die sich derartig besch\u00e4ftigen, verhelfen damit nicht nur ihren Mitkreaturen zur Gott\u00e4hnlichkeit, sondern werden selbst \u201ezu einem Mitwirkenden mit Gott\u201c, \u201ewas noch g\u00f6ttlicher als alles andere ist\u201c. Dieses Ziel ist freilich so hoch wie abstrakt; es wird weder eine irdische Utopie noch eine himmlische Zukunft in Aussicht gestellt. Vielmehr scheint die T\u00e4tigkeit der Verg\u00f6ttlichung zeitlos zu sein \u2013 eine Dynamik im ewigen Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem dionysischen Entwurf endet die Suche nach vollkommener Ordnung jedoch nicht. Sp\u00e4tere Mystiker:innen haben auf eigene Weise versucht, auf den Grund der Ordnung zu gelangen. Nehmen wir etwa hochmittelalterliche Visionsmystik, wie sie im 12. und 13. Jahrhundert u.&nbsp;a. von Joachim von Fiore, Hadewijch und Mechthild von Magdeburg gepflegt wurde. Diese drei \u2013 ein italienischer M\u00f6nch, eine (vermutliche) Begine aus Brabant und eine deutsche Schwester \u2013 unterscheiden sich nat\u00fcrlich in vielen wichtigen Aspekten. Ihre Werke zeigen aber einen auffallend \u00e4hnlichen Umgang mit mystischer Ordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu Pseudo-Dionysius entwickeln sie n\u00e4mlich kein Gesamtsystem \u2013 das ist zu ihrer Zeit Aufgabe von Theologen an den neu aufkommenden Universit\u00e4ten. Stattdessen nehmen sie die Welt unter die Lupe und lassen die Weltordnung fraktal ins Detail gehen. In anschaulichen Visionen stellen sie jeweils einzelne Systeme dar: Ch\u00f6re des Himmels, Stufen der H\u00f6lle, pers\u00f6nliche Tugenden. W\u00e4hrend Dionysius ein zeitloses System aufgestellt hatte, integrieren Joachim, Hadewijch und Mechthild die Zeit dezidiert in ihre Ordnung: Insbesondere die Heilsgeschichte und das Jenseits gelangen in den Fokus. Das Jahr wird vom Rhythmus des Kirchenkalenders bestimmt, wie ein Blick in Hadewijchs Visionen zeigt: \u201eIt was a Sunday, in the Octave of Pentecost, [\u2026] one Easter Sunday, [\u2026] on the day of the Assumption, [\u2026] on the feast <em>In nativitate beatae Mariae<\/em>\u201c. Joachim hingegen entwickelt ein geschichtsphilosophisches Prinzip, das er <em>concordia<\/em> nennt: \u201eThe persons of the one Testament and those of the other gaze into each others\u2019 faces. City and city, people and people, order and order, war and war, act in the same way\u201c. Die Ereignisse der alt-, neu- und nach-testamentlichen Zeit spiegeln sich also bis ins Detail in einem ausgekl\u00fcgelten System aus \u00fcberlappenden Zeiteinheiten. Durch die Fokussierung der irdischen Zeit wird das ewige Jetzt aber segmentiert; gerade durch ihre Erweiterung wird die Ordnung begrenzter. Diese grunds\u00e4tzliche Spannung bleibt nicht unbemerkt: \u201eDas himmelrich hat ende an siner satzunge, aber an sinem wesende wirt niemer ende funden\u201c, versichert Mechthild. Befriedigend aufgel\u00f6st wird die Paradoxie aber nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"862\" height=\"597\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Joachim-von-Fiore_Liber-Figurarum_MS255A_fol7v.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1488\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Joachim-von-Fiore_Liber-Figurarum_MS255A_fol7v.jpg 862w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Joachim-von-Fiore_Liber-Figurarum_MS255A_fol7v-300x208.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Joachim-von-Fiore_Liber-Figurarum_MS255A_fol7v-768x532.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Joachim-von-Fiore_Liber-Figurarum_MS255A_fol7v-465x322.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Joachim-von-Fiore_Liber-Figurarum_MS255A_fol7v-695x481.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 862px) 100vw, 862px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Joachim von Fiores segmentiertes Zeitmodell aus dem <em>Liber Figurarum<\/em>. Oxford, Corpus Christi College, MS 255A, fol. 7v.<br>Digitalisat: <a href=\"https:\/\/digital.bodleian.ox.ac.uk\/objects\/4fb778ab-7a26-43f8-9a61-b1781dd47d3f\/\">https:\/\/digital.bodleian.ox.ac.uk\/objects\/4fb778ab-7a26-43f8-9a61-b1781dd47d3f\/<\/a>.<br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Visionen Hadewijchs, Joachims und Mechthilds sind Schlaglichter, nicht die allm\u00e4hlich aufgehende Sonne dionysischer Erkenntnis. Obwohl sie Wissensinhalte vermitteln, wird Wissenserwerb in ihnen kaum thematisiert; die Visionen werden als pl\u00f6tzlich und unbeabsichtigt dargestellt. Auch der T\u00e4tigkeitsaspekt, der f\u00fcr Dionysius so wichtig war, geht ins Kleine \u00fcber. Das klare, wenn auch abstrakte Ziel der Verg\u00f6ttlichung wird fragmentiert und ins Detail verschoben. Joachim etwa beschreibt ausf\u00fchrlich die menschliche Zusammenarbeit, welche in einem vollkommenen Klosterorden am Ende der Zeit herrschen werde. Diese streng organisierte Utopie des Gottesvolks kommt aber ganz ohne Mitwirken der himmlischen Hierarchie aus; sie hat auch nicht die endg\u00fcltige Verg\u00f6ttlichung der Menschheit zum Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz dazu ist die mystische Ordnung Jakob B\u00f6hmes nicht fragmentiert, sondern radikal ganzheitlich. Statt Einzelvisionen nimmt dieser Schuster aus der Lausitz um 1600 wieder Universalsysteme ins Blickfeld, die sogar noch umfassender sind als Dionysius\u2019 Hierarchien. Nicht nur Menschen und Engel, sondern die ganze Sch\u00f6pfung \u2013 jede Materie und Kraft \u2013 wird in die Weltordnung integriert. Gleich zu Beginn seines Werkes <em>Morgenr\u00f6te im Aufgang<\/em> macht B\u00f6hme dieses Vorhaben deutlich: \u201eG\u00fcnstiger Leser \/ Jch vergleiche die gantze <em>Philosophiam, Astrologiam <\/em>und <em>Theologiam <\/em>sampt jhrer Mutter einem k\u00f6stlichen Baum der in einem sch\u00f6nen Lustgarten wechst\u201c. Gleichzeitig wird die Welt in immer kleinere Elemente aufgedr\u00f6selt. So wird am Ende des zweiten Kapitels die Sch\u00f6pfung als grosse Kette zusammengefasst: \u201eAus den Kr\u00e4ften Gottes ist worden der himmel \/ auss dem himmel seind worden die sternen \/ auss den Sternen seind worden die <em>elementa<\/em>; aus den <em>elementen <\/em>ist worden die erde und die Creaturen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die mittelalterliche Liebe zum Detail bleibt also, dient aber gerade der Verbindung augenscheinlich getrennter Weltteile.F\u00fcr B\u00f6hme ergibt sich n\u00e4mlich die Analogie und Vernetzung von allem mit allem. Pflanzen, Sterne, der menschliche K\u00f6rper, Engel und Gott sind alle von gegenseitigen \u00c4hnlichkeiten durchzogen und beruhen auf denselben \u201aQualit\u00e4ten\u2018 in unterschiedlichen Kombinationen. Diese Qualit\u00e4ten sind einerseits Eigenschaften, andererseits aktive, dynamische \u2013 oder, in B\u00f6hmes Worten, quillende und quallende \u2013 Kr\u00e4fte. Das unterste Ende dieser Ordnungskette findet B\u00f6hme in der grundlegenden Dualit\u00e4t von Gut und B\u00f6se: \u201eDie Natur aber hat 2. <em>qualit\u00e4ten<\/em> in sich bis in das Gerichte Gottes \/ eine liebliche \/ himlische und heilige \/ und eine grimmige \/ h\u00f6llische und durstige\u201c. Der Anteil der h\u00f6llischen Qualit\u00e4t definiert die N\u00e4he zu Gott; im Himmel ist allein die himmlische Qualit\u00e4t vorhanden.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die untere Grenze der B\u00f6hmeschen Ordnung aus dieser Zweiheit besteht, umfasst das System nach oben hin nicht nur die gesamte Sch\u00f6pfung, sondern auch Gott selbst. Dieser vereint n\u00e4mlich alle Qualit\u00e4ten in sich (selbstverst\u00e4ndlich ausser der H\u00f6llischen). Jede komplexe Qualit\u00e4t \u2013 \u201eliecht \/ hitze \/ kalt \/ weich \/ s\u00fcsse \/ bitter\u201c usw. \u2013 ist in ihrer reinen, guten Form in Gott vorhanden. Da also alles in der Welt aus denselben Qualit\u00e4ten besteht, kann jedes Objekt mithilfe eines anderen verstanden werden. Die auf Qualit\u00e4ten basierende Ordnung f\u00fchrt die menschliche Erkenntnis also durch den Kosmos hindurch bis zu Gott: \u201eSo man aber will von Gott reden \/ was Gott sey \/ so muss man fleissig erwegen die cr\u00e4fte in der Natur \/ darzu die gantze Sch\u00f6pffung\u201c. Das ist das Ziel von B\u00f6hmes Entwurf: durch allumfassende Ordnung an das h\u00f6chste Wissen zu gelangen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"623\" height=\"291\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Newton-Labornotiz_MS-Add-3975_AUSSCHNITT.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1480\" style=\"width:627px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Newton-Labornotiz_MS-Add-3975_AUSSCHNITT.jpg 623w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Newton-Labornotiz_MS-Add-3975_AUSSCHNITT-300x140.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/09\/Abb2_Newton-Labornotiz_MS-Add-3975_AUSSCHNITT-465x217.jpg 465w\" sizes=\"auto, (max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 3: Ausschnitt aus Labornotizbuch mit alchemischen Formeln. Isaac Newton, <em>Laboratory Notebook<\/em>, ca. 1669\u20131693, Cambridge University Library, MS Add. 3975, p. 84.<br>Digitalisat: <em>https:\/\/cudl.lib.cam.ac.uk\/view\/MS-ADD-03975<\/em>.<br><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Mit diesem Ziel und der Annahme, dass die verschiedenen Teile der Welt aus gemeinsamen Grundlagen aufgebaut sind und analog zueinander operieren, ist B\u00f6hme nun gar nicht weit entfernt von der Naturwissenschaft. Die Vorstellung einer organisch vernetzten, von \u00c4hnlichkeit durchzogenen Welt bildet n\u00e4mlich auch die Grundlage der klassischen Naturphilosophie, wie sie bis in die Zeit B\u00f6hmes praktiziert wurde. Gerade die Erfahrungsbetonung und Experimentierfreude der Wissenschaftlichen Revolution fussten auf einem Glauben an die praktischen Effekte kosmischer, mit dem Menschen sympathisch verbundener Kr\u00e4fte. B\u00f6hmes Bem\u00fchen, die gesamte Welt durch Sternenkr\u00e4fte und alchemische Elemente zu erkl\u00e4ren, mag heute abergl\u00e4ubig anmuten. Tats\u00e4chlich verbindet ihn diese Besch\u00e4ftigung eng mit grossen Wissenschaftlern wie Kopernikus und Newton.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessanterweise distanziert sich B\u00f6hme jedoch von der Wissenschaft. Er kontrastiert menschliche forschende Beobachtung n\u00e4mlich mit der erleuchtenden Kraft des Heiligen Geistes. Erstere wird zwar als Errungenschaft \u201evon den hochweisen und klugen \/ geistreichen Menschen durch fleissiges anschawen\u201c gelobt, aber B\u00f6hme w\u00e4hlt f\u00fcr sich einen anderen Weg: \u201emein f\u00fcrnehmen ist nach dem Geist und sinne zu schreiben \/ und nicht nach dem anschawen\u201c. Wer die Welt richtig erkennen m\u00f6chte, meint B\u00f6hme, muss mit dem Kleinen beginnen, aber immer das Ganze \u2013 den Sinn \u2013 im geistigen Auge behalten. W\u00fcrde ihm unsere theoretische Physik vielleicht besser gefallen, die vom Boson bis zum Multiversum Materie, Energie, Raum und Zeit zu vereinen versucht? Von Dionysius\u2019 urspr\u00fcnglicher Rangfolge ist darin nat\u00fcrlich wenig \u00fcbrig; das war aber schon bei Mechthild und Co. der Fall. Geblieben ist die Suche nach einer m\u00f6glichst umfassenden Ordnung, die Erkenntnis erm\u00f6glicht und T\u00e4tigkeit einschliesst.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Bernard McGinn: Joachim of Fiore. In: Apocalyptic Spirituality. Treatises and Letters of Lactantius, Adso of Montier-en-Der, Joachim of Fiore, The Franciscan Spirituals, Savonarola. Translation and Introduction by Bernard McGinn. Preface by Merjorie Reeves. New York 1979 (The Classics of Western Spirituality), S. 97\u2013148.<br>Hadewijch: Visions. In: Hadewijch. The Complete Works. Translation and Introduction by Columba Hart. Preface by Paul Mommaers. New York 1980 (The Classics of Western Spirituality), S. 261\u2013305.<br>Jacob B\u00f6hme: Morgen-Ro\u0364te im Aufgangk. In: Jacob B\u00f6hme. Werke. Hrsg. von Ferdinand van Ingen. Frankfurt a. M. 1997 (Bibliothek deutscher Klassiker 143), S. 9\u2013506.<br>Mechthild von Magdeburg: Das fliessende Licht der Gottheit. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Mittelhochdeutschen \u00fcbers. und hrsg. von Gisela Vollmann-Profe. Frankfurt a. M. 2010 (Bibliothek deutscher Klassiker 19).<br>Pseudo-Dionysius Areopagita: De Coelesti Hierarchia. In: Corpus Dionysiacum II. Hrsg. von G\u00fcnter Heil und Adolf Martin Ritter. Berlin\/New York 1991 (Patristische Texte und Studien 36), S. 5\u201359.<br>Pseudo-Dionysius Areopagita: Himmlische Hierarchie. In: Des heiligen Dionysius Areopagita angebliche Schriften \u00fcber die beiden Hierarchien. Aus dem Griechischen \u00fcbers. von Josef Stiglmayer. M\u00fcnchen 1911 (Bibliothek der Kirchenv\u00e4ter 1\/2), S. 1\u201387.<br>Pseudo-Dionysius Areopagita: The Mystical Theology. In: Pseudo-Dionysius. The Complete Works. Translation by Colm Luibheid. Foreword, Notes, and Translation collaboration by Paul Rorem. Preface by Rene Roques. Introductions by Jaroslav Pelikan, Jean Leclercq, and Karlfried Froehlich. New York 1987 (The Classics of Western Spirituality), S. 133\u2013141.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201aMystisch\u2018 \u2013 das Wort bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch schon fast so viel wie \u201ar\u00e4tselhaft\u2018, \u201amagisch\u2018, \u201airrational\u2018. Auch eine tiefere Auseinandersetzung mit mystischen Werken widerlegt diese Konnotationen nur zum Teil. 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