{"id":1432,"date":"2024-05-20T07:00:00","date_gmt":"2024-05-20T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1432"},"modified":"2024-05-13T13:22:04","modified_gmt":"2024-05-13T11:22:04","slug":"wie-handschriften-in-pentiment-zum-leben-erweckt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/05\/20\/wie-handschriften-in-pentiment-zum-leben-erweckt-werden\/","title":{"rendered":"Wie Handschriften in \u201aPentiment\u2018 zum Leben erweckt werden"},"content":{"rendered":"\n<p>Die <em>Historia de labyrintho librorum<\/em><a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a> ist in der Medi\u00e4vistik ein durchaus bekanntes Werk, das zusammen mit einigen anderen im Point-and-Click-Adventure-Spiel <em>Pentiment<\/em> auftaucht. Beim Durchsuchen der Bibliothek der Abtei Kiersau begutachtet der Protagonist Andreas Maler verschiedene Handschriften, darunter auch diese: ein \u201eBericht \u00fcber das Labyrinth der B\u00fccher\u201c.<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> Der Ausschnitt zeigt zwei Pergamentbl\u00e4tter mit je einer Illumination; die vorgezeichnete Linierung ist noch erkennbar. Die Schrift \u00e4hnelt einer gotischen Textura, allerdings vereinfacht. Die Darstellung wirkt wie ein Digitalisat der Handschrift, entspricht aber auch der graphischen \u00c4sthetik des Spiels. Auf diese Weise werden in <em>Pentiment<\/em> noch zahlreiche weitere Handschriften und Drucke pr\u00e4sentiert. Einige beinhalten fiktive Werke, wie die oben abgebildete: Die beiden Lagepl\u00e4ne stammen aus Umberto Ecos <em>Der Name der Rose<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ecos Roman war eine Inspirationsquelle f\u00fcr <em>Pentiment<\/em>.<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> Dies macht sich sowohl im Setting \u2013 ein wichtiger Handlungsort ist ein aus der Zeit gefallenes Kloster auf einem H\u00fcgel \u2013 als auch in der Handlung bemerkbar: <em>Pentiment<\/em> spielt im 16.&nbsp;Jahrhundert im fiktiven niederbayrischen Ort Tassing. Im Hintergrund steht, wie in <em>Der Name der Rose<\/em>, ein Buch, dessen Existenz und Inhalt von einer der Figuren um jeden Preis verschleiert wird. Der T\u00e4ter schreckt vor nichts zur\u00fcck, weshalb in drei Kapiteln jeweils ein Verbrechen geschieht. Die Spieler:innen begeben sich als Andreas Maler und sp\u00e4ter als Magdalene Druckeryn auf Spurensuche \u2013 und sto\u00dfen dabei immer wieder auf Handschriften und Drucke unterschiedlicher Art.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sind oft f\u00fcr die Handlung relevant und basieren teilweise auf real existierenden Werken. Wie schon im obigen Beispiel ist ihre Darstellung stark an tats\u00e4chlichen Handschriften orientiert und macht die Existenz dieser Werke plausibel. Gleichzeitig ist erkennbar, dass es sich um Nachbildungen von Handschriften handelt. Dar\u00fcber hinaus kommt teilweise im Rahmen der Ermittlungen der Spieler:innen ein interaktiver Aspekt hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Darstellungsweise der Handschriften \u00f6ffnet also ein Spannungsfeld zwischen der Ann\u00e4herung an tats\u00e4chliche historische Handschriften und der Nutzung kreativer digitaler M\u00f6glichkeiten. Die Frage ist, welche Effekte aus dieser Spannung resultieren \u2013 und welche Denkanst\u00f6\u00dfe sie Forschenden geben k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine Welt wie eine Handschrift<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Welt des Spiels ist zweidimensional in einem \u201eextreme stylistic flattening\u201c<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[4]<\/a> dargestellt, wodurch auch der Bewegungsradius der Spielfiguren auf bestimmte Pfade festgelegt ist. Diese Darstellungsform ist nicht nur zweckm\u00e4\u00dfig, weil weniger aufw\u00e4ndig, sondern \u00e4hnelt auch den aus Handschriften und Drucken bekannten Perspektiven.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nicht nur die \u201evisual language\u201c<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> von <em>Pentiment<\/em> ist an Handschriften und Drucken orientiert, sondern auch der Aufbau der Spiel- und Erz\u00e4hlwelt sowie die direkte Rede von Figuren, die mittels Sprechblasen wiedergegeben wird. Was wie eine vergleichsweise einfache L\u00f6sung scheint, ist es hier keineswegs: Die Schrift entsteht vor den Augen der Betrachter:innen und wurde tats\u00e4chlich von Hand erstellt.<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a> Die verschiedenen Schriftarten sind an historischer Schrift orientiert, wenn auch vereinfacht, und inkorporieren Prinzipien der Handschriftlichkeit. So werden beispielsweise Schreibfehler ausradiert und nachgebessert, Tintenflecke erscheinen bei zornigen Aussagen und statt einer Sprachausgabe wird jedes Gespr\u00e4ch vom Kratzen einer Schreibfeder begleitet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"786\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2-1024x786.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1435\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2-1024x786.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2-300x230.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2-768x590.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2-465x357.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2-651x500.jpg 651w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_2.jpg 1201w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Bei dieser Figur ist sogar zu sehen, wie die Buchstaben nach dem virtuellen Eintauchen ins Tintenfass dicker und dunkler aussehen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Aspekte tragen zur Immersion in die zeitliche Verortung des Spiels im 16.&nbsp;Jahrhundert bei, sind aber auch kleine \u201aEaster Eggs\u2018, versteckte Referenzen, f\u00fcr diejenigen, die in der mittelalterlichen und fr\u00fchneuzeitlichen Literatur und Handschriftenkunde bewandert sind. Zus\u00e4tzlich bieten sie einen Eindruck von der zeitgen\u00f6ssischen Schriftlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eintauchen in Handschriften und historische Themen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Im Lauf der Handlung betreten die Figuren verschiedene Handschriften und Drucke \u2013 oder vielmehr die Illuminationen darin. Eine erste solche Erfahrung machen Spieler:innen bei einer Sammel-Aufgabe, die im Folgenden als Beispiel dienen soll: Man sucht f\u00fcr eine Nonne, Schwester Illuminata, drei B\u00fccher im Skriptorium. Sobald man eines der B\u00fccher gefunden hat, \u00f6ffnet es sich und der Protagonist, Andreas Maler, sowie Schwester Illuminata tauchen in den Miniaturen der Handschrift auf. Dort beginnen sie ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das jeweilige Werk und damit verkn\u00fcpfte Themen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1436\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-300x169.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-768x432.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-1536x863.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-465x261.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3-695x391.jpg 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_3.jpg 1918w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 3: Andreas Maler und Schwester Illuminata in einer <em>Aeneis<\/em>-Handschrift.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Miniaturen scheinen Fenster auf eine hinter dem Pergament liegende Ebene zu sein. Beide Figuren kommen jeweils vom \u00e4u\u00dferen Rand hineingelaufen, und im obigen Beispiel wechselt Schwester Illuminata von der linken Miniatur in die rechte, indem sie hinter dem Buchfalz wie hinter einer S\u00e4ule vorbeigeht. Au\u00dferdem nehmen die Spielfiguren die Positionen und Haltungen der Figuren in den Miniaturen ein. Das jeweilige Gespr\u00e4chsthema von Andreas und Illuminata ist dabei an das Werk angepasst, in dem sich die beiden befinden: In den Miniaturen der <em>Aeneis<\/em> wird analog zu Didos Selbstmord \u00fcber die Stellung der Frau in der Fr\u00fchen Neuzeit gesprochen, im <em>Il Guerrin Meschino<\/em> \u2013 kontr\u00e4r zur Abbildung eines Ritters auf einem Pferd \u2013 \u00fcber monastische Pflichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Formal gesehen verdeutlichen die Figuren in <em>Pentiment<\/em> so ihren Standpunkt in der jeweiligen Debatte. Inhaltlich betrachtet versetzen sie sich gewisserma\u00dfen in die Position der Figuren aus dem jeweiligen Werk und n\u00e4hern sich dessen Inhalt auf eine sehr pers\u00f6nliche Weise. So beleben sie die Handschriften in einer Form, die nur im Spiel m\u00f6glich ist. Das ist nicht nur ein augenzwinkernder Verweis f\u00fcr ein wissenschaftliches Publikum oder eine \u00e4sthetische Spielerei, sondern vermittelt ein tiefgehendes Interesse an der Geschichte und (Schrift-)Kultur der Fr\u00fchen Neuzeit.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Handschriften \u2013 des R\u00e4tsels L\u00f6sung?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Andere Handschriften sind instrumental f\u00fcr die Handlung, indem sie Hinweise f\u00fcr verschiedene R\u00e4tsel beinhalten. F\u00fcr die Interaktion mit den Handschriften werden bestimmte Stellen mit schwarzen Unterstreichungen markiert und man bedient als Spieler:in eine Zeigehand, eine Art <em>Manicula<\/em>, die rot aufleuchtet, sobald eine der entsprechenden Stellen ber\u00fchrt wird. Klickt man sie an, \u00e4u\u00dfert Andreas Maler seine Gedanken dazu. Danach verschwinden die Markierungen, sodass die Handschrift wie ein regul\u00e4res Digitalisat erscheint.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"637\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4-1024x637.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1437\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4-1024x637.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4-300x187.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4-768x477.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4-465x289.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4-695x432.jpg 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_4.jpg 1372w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 4: Eine Seite in der Handschrift, die man zur L\u00f6sung eines R\u00e4tsels untersucht.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Handschriften werden zu diesem Zweck in G\u00e4nze gezeigt und befinden sich auf einem Hintergrund, der an Papierunterlagen in Archiven und Leses\u00e4len erinnert. Auch die Kommentare, die Andreas zu den Handschriften macht, erinnern teilweise an die wissenschaftliche Herangehensweise; beispielsweise, wenn er \u00dcberlegungen zur Schrift der oben abgebildeten Handschrift anstellt: \u201eBastarda-Schrift. Burgundisch? Fl\u00e4misch. Nicht von hier und nicht neu.\u201c Diese pal\u00e4ographischen Untersuchungen sind Teil der Bem\u00fchungen, die Verbrechen aufzukl\u00e4ren. Denn ein Schl\u00fcssel zur L\u00f6sung des R\u00e4tsels sind Zettel, die bei den Verd\u00e4chtigen gefunden werden und die alle die gleiche Handschrift aufweisen \u2013 welche sich schlie\u00dflich in einem Codex in der Bibliothek der Abtei wiederfindet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"465\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5-1024x465.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1438\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5-1024x465.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5-300x136.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5-768x349.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5-465x211.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5-695x316.jpg 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_5.jpg 1147w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 5: Der Zettel, der beim ersten Opfer gefunden wird\u2026<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1439\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-300x169.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-768x432.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-1536x863.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-465x261.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6-695x391.jpg 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_6.jpg 1918w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 6: \u2026und Andreas\u2019 quasi-pal\u00e4ographische \u00dcberlegungen dazu.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Handschriften sind in dieser Digitalisat-\u00e4hnlichen Ansicht Hybride aus tats\u00e4chlichen Handschriften, der \u201avisual language\u2018 von <em>Pentiment<\/em> und digitalen Interaktionsm\u00f6glichkeiten. Das Material sieht Pergament teilweise so \u00e4hnlich, dass sogar die durchscheinende Tinte der R\u00fcckseite zu sehen ist (Abb.&nbsp;7); die Schrift ist an vormodernen Schriften orientiert, aber vereinfacht; die Buchstaben sind zwar von Hand geschrieben, aber digital zu einem Text zusammengesetzt;<a href=\"#_edn7\" id=\"_ednref7\">[7]<\/a> es sind Linierungen zu sehen, aber die Tinte ist fast schon zu gleichm\u00e4\u00dfig verteilt. Zudem existieren die gezeigten Werke teilweise nicht, obwohl sie plausibel scheinen, beispielsweise die <em>Mysteria Astra<\/em>. Und auch wenn die Werke tats\u00e4chlich in Handschriften \u00fcberliefert sind, ist doch keine der Handschriften in <em>Pentiment<\/em> eine direkte Kopie davon.<a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"896\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7-1024x896.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1440\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7-1024x896.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7-300x263.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7-768x672.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7-465x407.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7-571x500.jpg 571w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/05\/Abb_7.jpg 1232w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 7: Andreas\u2019 Aussage gibt bereits einen Hinweis darauf, dass das Werk nicht existiert.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass die Handschriften in <em>Pentiment<\/em> so nah wie m\u00f6glich an realen Handschriften orientiert sind, regt die Spieler:innen mit einer gewissen Textkenntnis an, die entsprechende Handschrift zu finden. Au\u00dferdem vermittelt es \u00fcber die blo\u00dfe Immersion ins Spiel hinaus einen relativ akkuraten Eindruck von Handschriften und Drucken. Dass manche der Handschriften zus\u00e4tzlich interaktiv zug\u00e4nglich sind, ist nicht nur f\u00fcr die Spurensuche als Andreas Maler interessant. Es ist dar\u00fcber hinaus sowohl eine Gelegenheit zur Weitergabe von Informationen \u00fcber das Werk als auch eine Einladung, sich selbst mit den genannten Werken auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h4>\n\n\n\n<p>Handschriften und Drucke sind in <em>Pentiment<\/em> mehr als nur die Basis der \u201avisual language\u2018 oder \u00e4sthetische Beigaben. Obwohl ihre Darstellung keinen wissenschaftlichen Anspruch hat und teilweise fiktive Werke simuliert werden, ist sie zum Gro\u00dfteil sehr akkurat und mitunter von pal\u00e4ographischen Beobachtungen des Protagonisten begleitet. Die zahlreichen Ausschnitte und Andeutungen bieten einen Blick auf die Fr\u00fche Neuzeit und k\u00f6nnen so das Interesse der Spieler:innen wecken und sie zu eigenen Nachforschungen motivieren. Besonders, da das Spiel eine direkte Interaktion mit den Handschriften erm\u00f6glicht. Dieser Umgang mit Handschriften ist aufgrund der virtuellen Plattform nicht von Ehrfurcht und Bem\u00fchungen zur Erhaltung der Werke gepr\u00e4gt und kann so dabei helfen, die Schwelle der Besch\u00e4ftigung mit Handschriften f\u00fcr ein Laienpublikum zu senken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberlegungen zur didaktischen Nutzbarkeit in der Schule wurden bereits angestellt,<a href=\"#_edn9\" id=\"_ednref9\">[9]<\/a> doch dar\u00fcber hinaus kann <em>Pentiment<\/em> vielleicht auch Denkanst\u00f6\u00dfe f\u00fcr Medi\u00e4vist:innen bieten, wenn es darum geht, das Mittelalter und vor allem die Fr\u00fche Neuzeit allgemeiner zug\u00e4nglich zu machen. Das muss nicht bedeuten, dass Computerspiele als direkte Br\u00fccke zwischen Forschung und \u00d6ffentlichkeit genutzt werden sollen. Doch es ist ein best\u00e4ndiges Interesse an <em>Pentiment<\/em> sichtbar: Erst Anfang April 2024 wurde ein Fanzine<a href=\"#_edn10\" id=\"_ednref10\">[10]<\/a> ver\u00f6ffentlicht, das mit \u00fcber 30 Beitr\u00e4gen durchaus von einer gro\u00dfen Fangemeinde zeugt. Auch das Interesse von Medi\u00e4vist:innen an <em>Pentiment<\/em> ist gro\u00df, wie einige der hier zitierten Blogartikel und ein noch zu erscheinender Sammelband beweisen.<a href=\"#_edn11\" id=\"_ednref11\">[11]<\/a> Das gemeinsame Interesse richtet sich nicht nur auf das Spiel, sondern auch auf die inkorporierten Handschriften, Drucke, und die historische Rahmung der Handlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Digitale Zug\u00e4nge zu Handschriften bestehen bereits \u00fcber Digitalisate. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnte man in ausgew\u00e4hlten Kontexten, beispielsweise im Rahmen einer (Online-)Ausstellung, interaktivere Modi der Darstellung erarbeiten. So k\u00f6nnten Digitalisate \u00e4hnlich wie in <em>Pentiment<\/em> dazu beitragen, verschiedene historische Themenfelder f\u00fcr ein Laienpublikum mittels einer ansprechenden Pr\u00e4sentation zug\u00e4nglicher zu gestalten und sie ihm n\u00e4herzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re spannend, auf welche Weisen man diese Begeisterung f\u00fcr Handschriften sowie medi\u00e4vistische und fr\u00fchneuzeitliche Forschungsinhalte noch wecken kann. Medien wie Handschriften und Spiele scheinen jedenfalls ein guter Anfang zu sein.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Die im Artikel verwendeten Bilder sind Screenshots aus dem Spiel <em>Pentiment <\/em>von Obsidian Entertainment. Dieser Artikel wird nicht von Obsidian Entertainment, Inc. unterst\u00fctzt und spiegelt nicht die Ansichten oder Meinungen von Obsidian Entertainment, Inc. oder irgendjemandem wider, der offiziell an der Herstellung von <em>Pentiment<\/em> beteiligt ist. <em>Pentiment<\/em> und Obsidian Entertainment sowie alle zugeh\u00f6rigen Logos sind Marken oder eingetragene Marken von Obsidian Entertainment, Inc.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Vgl. den Eintrag im spielinternen Glossar.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Vgl. eine Aussage des Spielentwicklers Joshua Sawyer in einem Interview: Allie Alvis: <em>Pentiment<\/em>. An Interview with Josh Sawyer, online abrufbar unter: https:\/\/sharpweb.org\/sharpnews\/2022\/12\/07\/pentiment-an-interview-with-josh-sawyer\/; zuletzt abgerufen am 23.04.2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Hannah Kennedy: Deep Dive. Behind the evocative medieval manuscript art of <em>Pentiment<\/em>, online abrufbar unter: https:\/\/www.gamedeveloper.com\/art\/deep-dive-the-art-of-pentiment; zuletzt abgerufen am 18.04.2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> Riley Cran: A Lettermatic Case Study. Giving Characters a Typographic Voice in Obsidian\u2019s New RPG, online abrufbar unter: https:\/\/lettermatic.com\/custom\/pentiment; zuletzt abgerufen am 18.04.2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Vgl. Sawyers Aussage in einem Interview mit Lucas Haasis und Alan van Beek, online abrufbar unter: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mptRooNj0Dg; zuletzt abgerufen am 22.04.2024. Die Stelle, auf die Bezug genommen wird, ist Minute 12:50 und folgende: https:\/\/youtu.be\/mptRooNj0Dg?t=776; zuletzt abgerufen am 22.04.2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Auf dem Blog des Arbeitskreises Geisteswissenschaften und Digitale Spiele sind zwei Kurzbeitr\u00e4ge zu dieser Frage erschienen: Lorenz Prager: <em>Pentiment<\/em>. Geschichte wird gemalt. Und: Lucas Haasis et al.: <em>Pentiment<\/em> in Schule und Lehrkr\u00e4ftebildung an der Universit\u00e4t, beides online abrufbar unter: https:\/\/gespielt.hypotheses.org\/5490; zuletzt abgerufen am 18.04.2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> Ein \u201aFan-Magazine\u2018, also ein von Fans eines Mediums erstelltes Magazin, das \u201aFanart\u2018 beinhaltet \u2013 kreative Beitr\u00e4ge von Fans in Bild- und teilweise auch Textform. Das <em>Fanzine<\/em> \u201aPalimpsest. A <em>Pentiment<\/em> Fanzine\u2018 ist online abrufbar unter https:\/\/palimpsestzine.itch.io\/zine; zuletzt abgerufen am 03.05.2024.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> Vgl. den Blogeintrag von Aurelia Brandenburg: Sammelband und Stream. <em>Pentiment<\/em> \u2013 eine Zeitenwende?, online abrufbar unter: https:\/\/gespielt.hypotheses.org\/5675; zuletzt abgerufen am 23.04.2024.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Historia de labyrintho librorum[1] ist in der Medi\u00e4vistik ein durchaus bekanntes Werk, das zusammen mit einigen anderen im Point-and-Click-Adventure-Spiel Pentiment auftaucht. Beim Durchsuchen der Bibliothek der Abtei Kiersau begutachtet der Protagonist Andreas Maler verschiedene Handschriften, darunter auch diese: ein \u201eBericht \u00fcber das Labyrinth der B\u00fccher\u201c.[2] Der Ausschnitt zeigt zwei<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/05\/20\/wie-handschriften-in-pentiment-zum-leben-erweckt-werden\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":776,"featured_media":1434,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["entry","author-katharina-brost","post-1432","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/776"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1432"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1442,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1432\/revisions\/1442"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1434"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}