{"id":1382,"date":"2024-02-23T07:00:00","date_gmt":"2024-02-23T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1382"},"modified":"2024-02-29T15:05:16","modified_gmt":"2024-02-29T14:05:16","slug":"carmen-miserabile-texit-weben-und-erzaehlen-in-den-metamorphosen-ovids-und-kim-de-lhorizons-blutbuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/02\/23\/carmen-miserabile-texit-weben-und-erzaehlen-in-den-metamorphosen-ovids-und-kim-de-lhorizons-blutbuch\/","title":{"rendered":"carmen miserabile texit. Weben und Erz\u00e4hlen in den Metamorphosen Ovids und Kim de l\u2019Horizons Blutbuch"},"content":{"rendered":"\n<p>Unterhalb und innerhalb der \u00fcberbordenden Medienberichterstattung, die Kim de l\u2019Horizons <em>Blutbuch<\/em><a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a> seit seiner dreifachen Pr\u00e4mierung 2022 umgibt,<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> formieren sich nach und nach neue Dispositive einer autofiktionalen Poetik. Beg\u00fcnstigt und aktualisiert werden diese nicht zuletzt dadurch, dass Kim de l\u2019Horizon als <em>persona<\/em> politische und kulturelle Diskurse immer wieder selbst \u00f6ffentlich mitanst\u00f6sst<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> und dabei insbesondere Konstrukte und Unsicherheiten auf dem Feld der Geschlechtlichkeit, deren Ausdruck sowie Sprache benennt und hinterfragt. W\u00e4hrend das Hauptaugenmerk der Literaturkritik dementsprechend auf der autofiktionalen Verarbeitung von Queerness sowie auf dem Suchen und Finden einer Sprache liegt, die dies ausstellt und reflektiert, geht bisweilen unter, dass das <em>Blutbuch<\/em> die Autofiktion einer Mythopoetik unterstellt, von der selbst die Kritik \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 miterfasst wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick scheint es sich dabei nur um Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene zu handeln. In der NZZ etwa wird angemerkt, dass jener \u201eRoman [\u2026] vom Anfangen erz\u00e4hlt: von den vielen Anf\u00e4ngen des Ichs, das in manche Metamorphosen verstrickt ist\u201c.<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[4]<\/a> Auch der Buchumschlag verweist auf einen Wandlungsprozess, tut dies aber bereits als gestaffelte intermediale Anspielung: Das Cover n\u00e4mlich zeigt auf blauem Grund eine in rot dargestellte Skulpturengruppe der Nymphe Daphne, die, von Apoll verfolgt, in einen Lorbeerbaum verwandelt wird, um den begierigen H\u00e4nden des Gottes zu entkommen. Die Skulptur und das Cover mit ihr setzen somit einen der kritischen Punkte eines Mythos ins Bild, der zu den rezeptionsst\u00e4rksten Erz\u00e4hlungen aus den <em>Metamorphosen<\/em> Ovids z\u00e4hlt und f\u00fcr die Lekt\u00fcre des <em>Blutbuchs<\/em> mancherlei Ankn\u00fcpfungspunkte bietet. Zum einen wird damit ganz allgemein ein \u201amythisches Feld\u2018 betreten, das den analytischen Blick f\u00fcr Fiktionsmarker sch\u00e4rft. Dar\u00fcber hinaus stehen die Skulptur und der Mythos, den sie abbildet, auch ikonisch f\u00fcr die vielf\u00e4ltigen, von sexualisierter Gewalt durchzogenen Verwandlungsgeschichten. Demnach fungiert das Cover nicht bloss als \u201aeye-catcher\u2018, sondern gerade im letztgenannten Aspekt schl\u00e4gt es eine Br\u00fccke zum Inhalt des <em>Blutbuchs<\/em>, da mittels Lorbeerbaum auf die Blutbuche als Leitmotiv angespielt und zugleich eine matrilineare Familiengeschichte freigelegt wird, die von Gewalt und Unterdr\u00fcckung gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"707\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-707x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1379\" style=\"width:335px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-707x1024.png 707w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-207x300.png 207w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-768x1112.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-1060x1536.png 1060w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-1414x2048.png 1414w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-380x550.png 380w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover-345x500.png 345w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Blutbuch_Cover.png 1757w\" sizes=\"auto, (max-width: 707px) 100vw, 707px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Cover Kim de l&#8217;Horizons Blutbuch (2022).<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Wenn man diese paratextuelle Anbindung an die Ovid\u2019schen <em>Metamorphosen<\/em> ernst nimmt, wirft dies die Frage auf, ob und wie viel \u201aMetamorphotisches\u2018 im <em>Blutbuch<\/em> steckt. Dieses Untersuchungsinteresse kann, so wird im Folgenden zu zeigen sein, produktiv mit den Fragen zur autofiktionalen Poetik im <em>Blutbuch<\/em> verbunden werden. Denn neben der gewaltt\u00e4tigen Unterdr\u00fcckung von Frauen pr\u00e4sentiert der antike Text zudem eine Vielzahl von poetologischen sowie medialen Reflexionen, die das Erz\u00e4hlen und seine jeweils m\u00f6gliche Ausformung ausstellen. In Ovids Erz\u00e4hlungen von Arachne sowie Philomela und Prokne wird dies besonders deutlich. Die Weberin Arachne tritt in einen Webwettbewerb gegen die G\u00f6ttin Minerva, wird jedoch aufgrund ihrer Hybris zu einer Spinne degradiert. Die von ihr im Wettstreit gewobenen \u201aGeschichten\u2018 der sch\u00e4ndlichen Liebesaff\u00e4ren der G\u00f6tter werden so sanktioniert und die Weberin als Erz\u00e4hlerin stummgeschaltet. Die Kunstfertigkeit des Webens und die piktorale Gestaltung von Geschichten werden ebenfalls im Mythos von den Schwestern Philomela und Prokne in den Vordergrund ger\u00fcckt. Prokne wurde als K\u00f6nigstochter dem Thrakerk\u00f6nig Tereus zur Frau gegeben. Nach Jahren der Ehe vermisst sie ihre zur\u00fcckgebliebene Schwester, weshalb sie Tereus bittet, diese zu sich zu holen. Tereus entbrennt beim Anblick der Schwester in feuriges Begehren und sperrt sie unter falschen Vorw\u00e4nden in eine Waldh\u00fctte, um sie zu vergewaltigen. Doch nicht genug: Ihre Zunge wird abgeschnitten, um das Verbrechen zu verhehlen. Im Glauben, dass ihre Schwester tot sei, trauert Prokne um Philomela. Doch findet diese einen Weg, Prokne eine Nachricht zukommen zu lassen. Sie stellt ein Gewebe her, das ihre Geschichte \u201aerz\u00e4hlt\u2018. Nachdem Prokne die Nachricht erhalten und verstanden hat, befreit sie ihre Schwester und plant eine drastische Rache: Die Schwestern t\u00f6ten und setzen Philomelas Sohn dem Vater als Mahl vor. Nach der Enth\u00fcllung der Schandtat geht Tereus auf die Schwestern los und alle verwandeln sich in V\u00f6gel: Wiedehopf, Nachtigall und Schwalbe.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"875\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-875x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1380\" style=\"width:484px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-875x1024.png 875w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-256x300.png 256w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-768x899.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-1313x1536.png 1313w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-465x544.png 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne-427x500.png 427w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Apollo_Daphne.png 1709w\" sizes=\"auto, (max-width: 875px) 100vw, 875px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gian Lorenzo Bernini: Marmorskulptur Apollo und Daphne (1622\/25).\nBildnachweis: Kristina Hermann Fiore: Apollo e Dafne del Bernini nella Galleria Borghese. Fotografie di Araldo De Luca. Milano 1997, S. 113.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Beide Ovid\u2019schen Metamorphosen lassen sich als Intertexte des Blutbuchs lesen; besonders deutlich wird das in der Binnengeschichte \u201eFr\u00e4nzi Bethli J\u00f6rg und J\u00fcrgli\u201c (BB&nbsp;83\u201384) sowie deren unmittelbarem Kontext; hier findet sich eine nahezu mythopoetische Bearbeitung insbesondere von \u201aPhilomela und Prokne\u2018, deren Geschichte fast identisch, aber mit ver\u00e4nderten Namen wiedergegeben wird. Die Schwestern heissen hier Bethli und Fr\u00e4nzi, der l\u00fcsterne Ehemann J\u00f6rg und das zu verspeisende Kind J\u00fcrgli. Vergleicht man den Mythos von Philomela und Prokne in der Bearbeitung durch Ovid mit der Binnengeschichteim <em>Blutbuch<\/em>, halten gemeine Motive, Symbole und Handlungszusammenh\u00e4nge eine Erz\u00e4hlkontinuit\u00e4t aufrecht. Die Webkunst spielt dabei eine bedeutende Rolle. Ihrer Zunge beraubt weiss Bethli n\u00e4mlich geistreiche Auswege, um sich Fr\u00e4nzi dennoch mitzuteilen:\u201eBethli, im Waldgef\u00e4ngnis, war aber gescheit. Sie verlangte, wenigstens weben zu d\u00fcrfen. Bethli wob eine Sch\u00fcrze f\u00fcr Fr\u00e4nzi. In die wob sie heimlich ihre Geschichte. So, dass es nur Fr\u00e4nzi verstand.\u201c (BB&nbsp;83)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Polyptoton (\u201eweben-wob-wob\u201c) lenkt die Aufmerksamkeit auf den handwerklichen Vorgang, der gleich in doppelter Hinsicht mit Alternativen zur Verbalsprache in Verbindung gebracht wird: Zum einen zeigt Bethli, dass sie auch nach ihrer Stummschaltung noch \u00fcber eine Form zumindest gestischer Kommunikation verf\u00fcgt. Zum anderen beabsichtigt sie, ihre vergangenen Erlebnisse mittels der handwerklichen Kunst zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei Ovid umfasst die Erz\u00e4hlung von der Initiation des Webens, dessen Prozess und der Fertigstellung des Gewebes bloss wenige Verse:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\"><em>os mutum facti caret indice. grande doloris<br>ingenium est, miserisque venit sollertia rebus.<br>stamina barbarica suspendit callida tela<br>purpureasque notas filis intexuit albis,<br>indicium sceleris, perfectaque traditit uni<\/em><br>(Met.\u00a0IV,\u00a0574\u2013578)<br><br>[\u2026] es fehlt dem stummen Mund der Anzeiger. Gro\u00df im Erfinden ist der Kummer, Geschicklichkeit stellt sich ein, wenn die Not ruft. Schlau befestigte sie am barbarischen Webstuhl den Zettel, wob in die wei\u00dfen F\u00e4den purpurne Schriftzeichen, die den Frevel anzeigten, gab dann einer das fertige Werk [\u2026].<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Bethli, die \u201aGescheite\u2018, als auch Philomela, die <em>callida<\/em>, zeichnen sich dadurch aus, dass sie qua dieses Wesenszuges ihre Handlungsunf\u00e4higkeit \u00fcberwinden. W\u00e4hrend dieser Eigenschaft in den <em>Metamorphosen<\/em> viel Raum gegeben und quasi sentenzenhaft die Gewitztheit zur Schau gestellt wird,<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> kondensiert sie sich im <em>Blutbuch<\/em> einzig auf die Figur Bethli. Philomelas Gewebe (= <em>tela<\/em>) wird als barbarisch (= <em>barbarica<\/em>) bezeichnet, was auf den von ihr zu vermittelnden Inhalt \u2013 die Vergewaltigung durch Tereus \u2013 und somit auch auf deren T\u00e4ter zu beziehen ist. Augenf\u00e4llig ist hier die Beschreibung des Materials (<em>stamina<\/em>\/Zettel), des \u201aMusters\u2018 (<em>notas<\/em>\/Schriftzeichen) und des Endprodukts (<em>vestes<\/em>\/Gewebe). Bei letzterem geht aus dem lateinischen Text hervor, dass es sich um ein Gewebe handelt, doch wird dies selbst im nachfolgenden Vers nicht spezifiziert, da lediglich von <em>vestes<\/em><a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a> (Met.&nbsp;VI,&nbsp;581) und <em>carmen<\/em> (Met.&nbsp;VI,&nbsp;582) die Rede ist. Im <em>Blutbuch<\/em> hingegen wird diese semantische Offenheit auf eine Sch\u00fcrze rubriziert. Jene eigenwillige Umschrift der Vorlage ist narrativ dahingehend funktionalisiert, dass sie die weibliche Codierung der Webarbeit<a href=\"#_edn7\" id=\"_ednref7\">[7]<\/a> durch die Assoziation der Sch\u00fcrze mit der Hausarbeit verdeutlicht.<a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"796\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela-1024x796.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1381\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela-1024x796.png 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela-300x233.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela-768x597.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela-465x361.png 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela-644x500.png 644w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2024\/01\/Burne-Jones_Illustration-Philomela.png 1367w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Edward Burne-Jones: Holzschnitt\/Buchillustration f\u00fcr den &#8218;Kelmscott Chaucer&#8216; (1896). Philomela am Webstuhl, ein Webschiffchen haltend, im Hintergrund der halbgewebte Wandteppich mit ihrer Geschichte. Bildnachweis: The British Museum, 1912,0612.372. Digitalisat: <a href=\"https:\/\/www.britishmuseum.org\/collection\/object\/P_1912-0612-372\">https:\/\/www.britishmuseum.org\/collection\/object\/P_1912-0612-372<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was den Inhalt und dessen Darstellung im Gewebe bzw. auf der Sch\u00fcrze betrifft, bleiben beide Texte im Allgemeinen verhaftet.<a href=\"#_edn9\" id=\"_ednref9\">[9]<\/a> Ob man sich eine piktorale oder doch skripturale Ausf\u00fchrung der Geschichte vorstellen soll, ist im <em>Blutbuch<\/em> vollkommen unbestimmt, wohingegen die <em>Metamorphosen<\/em> mit der Bezeichnung als <em>notae<\/em> zumindest eine m\u00f6gliche Konkretisierung anbieten. Trotz der Interpretationsm\u00f6glichkeit als \u201aZeichen\u2018<a href=\"#_edn10\" id=\"_ednref10\">[10]<\/a> sind diese immer wieder als \u201aSchriftzeichen\u2018 \u00fcbersetzt worden, gest\u00fctzt durch die Beobachtung, dass die Rezeption des \u201aGewebes\u2018 in Analogie zur Lekt\u00fcre einer Schriftrolle vollzogen wird:<a href=\"#_edn11\" id=\"_ednref11\">[11]<\/a> <em>evolvit vestes <\/em>[\u2026]<em> fortunaeque suae carmen miserabile legit <\/em>(\u201esie entrollt das Gewebe [\u2026] und liest das beklagenswerte Lied ihres Geschicks\u201c; Met.&nbsp;VI,&nbsp;581&nbsp;f.). Innerhalb weniger Zeilen er\u00f6ffnet Ovid eine vom <em>Blutbuch<\/em> genutzte Bandbreite medialer Ausformungen, nach deren Massgabe man eine Geschichte erz\u00e4hlen und lesen kann. Im Weiteren werden die von Philomela gewobenen <em>notae<\/em> mit dem Attribut <em>purpureas\/<\/em>purpur versehen, die in den weissen Grundstoff gewoben worden sind und die materielle Qualit\u00e4t des Stoffes erw\u00e4hnen. Die Kontrastierung von weiss und rot ist nicht nur von einer erheblichen Symbolhaftigkeit gepr\u00e4gt, die die Sch\u00e4ndung des \u201areinen\u2018 K\u00f6rpers materialisiert;<a href=\"#_edn12\" id=\"_ednref12\">[12]<\/a> dem Farbkontrast komme insofern eine K\u00f6rperlichkeit zu, als Philomela \u201edem heimlich angefertigten Gewand die Botschaft mit ihrem Blut einwebt\u201c<a href=\"#_edn13\" id=\"_ednref13\">[13]<\/a> und somit einen Teil ihrer selbst ins Gewebe lege.<a href=\"#_edn14\" id=\"_ednref14\">[14]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Weiss und Purpur sind zwar in der Binnengeschichte des <em>Blutbuches<\/em> nicht genannt, jedoch finden sich auf der n\u00e4chsth\u00f6heren narrativen Ebene Weiterf\u00fchrungen dieses motivischen Farbspiels. Das nachfolgende dritte Kapitel, das aus Sicht der herangewachsenen Ich-Figur erz\u00e4hlt wird, nimmt dies gleich zu Beginn auf:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">Bloody hell, bloody beech, bloody bitch, bloody fucking hell, die Wolle ist zu hell, diese Wolle ist doch wieder eins zu hell f\u00fcr den Pulli, den ich Grossmeer schulde, und jetzt ist auch noch die Wunde am Kiefer aufgebrochen, weil ich st\u00e4ndig an ihr rumfingere, und tropft auf diese scheisshelle Scheisswolle f\u00fcr diesen Scheisspulli, den ich Grossmeer versprochen habe [\u2026], ich habe [\u2026] lang nach der Geschichte der Blutbuche gew\u00fchlt und versucht, \u00fcber sie zu schreiben, und nichts hab ich geschrieben, nur gesammelt, und jetzt, wo Grossmeer in das Dinosauerierheim eingeliefert worden ist, jetzt, wo ich sie besuchen sollte und statt des Besuchens den pinken Pulli stricke oder zu stricken mich anschicke [\u2026]. (BB&nbsp;118)<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar nicht am Webstuhl sitzend, doch strickend stellt die Erz\u00e4hlfigur einen Stoff her. An dieser Stelle nun wird das Gewebe in Form und Farbe spezifiziert: ein pinker Pulli.<a href=\"#_edn15\" id=\"_ednref15\">[15]<\/a> Bezeichnenderweise ver\u00e4ndert sich die farbliche Qualit\u00e4t \u00fcber wenige Zeilen hinweg: W\u00e4hrend sie zu Beginn noch \u201ahell\u2018 ist, verf\u00e4rbt sie sich ins Pink, da das Blut aus der Wunde sich mit der hellen Wolle mischt. Dies referenziert den lateinischen Text, in dem rote Zeichen auf weissem Grund gewoben werden, modifiziert ihn aber dahingehend, dass die Farben im <em>Blutbuch<\/em> keinen Kontrast erzeugen und voneinander distinguiert werden. Vielmehr werden sie zu einem solchen Grad vermengt, dass eine neue homogene Farbe entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Farbvermischung besitzt mythopoetische Valenz, verschafft sich in ihr doch die Weiterentwicklung der Autofiktion zum Mythos Ausdruck, insofern die Vermischung des \u201areinen\u2018 Weiss mit dem roten Blut der Wunde, die der Erz\u00e4hlfigur zugef\u00fcgt worden ist (\u201e[\u2026] wo ich femme-butch bloody verpr\u00fcgelt wurde, wo mir Aggloschweine einen zweiten, stummen Mund am Kiefer geschlagen haben [\u2026]\u201c; BB&nbsp;118), eine \u00dcberziehung des \u201areinen\u2018 K\u00f6rpers mit dem auf das Trauma verweisenden Blut darstellt. Zwei Komponenten, die nicht mehr voneinander geschieden werden k\u00f6nnen; die sinnbildliche Gewalttat wird in G\u00e4nze einverleibt. W\u00e4hrend aber in der <em>Metamorphosen<\/em>-Version das <em>indicium sceleris<\/em> noch als Einzelnes zu \u201alesen\u2018 ist, da die roten Schriftzeichen sich als durch Farbgrenzen erkennbare Formen gegen\u00fcber dem weissen Grund zeigen, verformt es sich im <em>Blutbuch<\/em>, sodass es \u00fcber den (Schrift-)Zeichenrand hin\u00fcberschwappt und dadurch keinerlei Grenze zwischen K\u00f6rper und Stigma mehr herrscht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig wird in diesem \u201aAnmischen\u2018 der Farbe das poetologische Moment so stark, dass auch die Erz\u00e4hlfigur an einer anderen Stelle explizit \u00fcber das Verh\u00e4ltnis ihrer Form der Handarbeit, dem Stricken, und dem eigenen Erz\u00e4hlen reflektiert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">\u201eDie Linie deines Blutes\u201c, sagtest du. [\u2026] Erst nachdem ich beide Stammb\u00e4ume eingehend studiert hatte, fiel mir auf, dass es ja gar nicht DIE Linie meines Blutes ist. Das heisst, es ist nur die H\u00e4lfte. Der Faden der M\u00e4nner. Aber ich sagte es dir nat\u00fcrlich nicht. Wie ich dir auch nicht sage, dass ich das hier schreibe, dass ich endlich den Pulli f\u00fcr dich stricke, dass ich nun alle pinken Wollf\u00e4den, die ich bisher angebraucht habe, miteinander verwebe, auch dasjenige, mit dem ich den dritten Teil angefangen habe, mit dem Blutfleck aus der Wunde am Kiefer, dieser Blutfleck, der geh\u00f6rt jetzt einfach dazu, ja, ich habe dich immer noch nicht besucht und bin daf\u00fcr durch das Zusammennehmen der verschiedenen F\u00e4den auf das richtige Pink gekommen, und so stricke ich hier und sage dir nichts, aber ich schreibe dir dies hier [\u2026]. (BB&nbsp;172&nbsp;f.)<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den expliziten Verweis auf die vorherige Passage wird das \u201aMiteinanderverweben\u2018 als das Herstellen von Zusammenh\u00e4ngen innerhalb eines Textes metaphorisch fassbar. Ebenso offenbart die texttopologische N\u00e4he von Stricken und Schreiben die enge Verkn\u00fcpfung von schreibendem Erz\u00e4hlen und strickender Stoffherstellung. Noch eindeutiger wird dies an einer anderen Stelle: \u201e[\u2026] und wie ich dir das schreibe, auf dem Computer schreibe, sp\u00fcren meine Finger das Stricken [\u2026]; im Stricken, im Schreiben [\u2026] bin ich mit dir verbunden\u201c (BB&nbsp;35). Schreiben bzw. schreibendes Erz\u00e4hlen und Stricken sind f\u00fcr das Ich Strategien, mit der Grossmeer in Kontakt zu treten und die Beziehung aufrechtzuerhalten, was auch f\u00fcr den Schreibprozess des <em>Blutbuches<\/em> von direkter Relevanz ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einer textheoretischen Ebene und unter der Voraussetzung, dass in der Webmetapher einzelne Texte und deren Passagen als F\u00e4den fungieren,<a href=\"#_edn16\" id=\"_ednref16\">[16]<\/a> wird sie f\u00fcr das <em>Blutbuch<\/em> besonders produktiv \u2013 jedoch scheint sie eher f\u00fcr das Endprodukt als f\u00fcr dessen Produktionsprozess g\u00fcltig. In der eigentlichen Schreibpraxis, die in der Diegese am Computer vollzogen und auch als Schreibszene inszeniert wird,<a href=\"#_edn17\" id=\"_ednref17\">[17]<\/a> ist die Metaphorik n\u00e4mlich hinf\u00e4llig, da Textprogramme sp\u00e4tere Korrekturen erlauben, die beim Weben so nicht mehr gemacht werden k\u00f6nnen.<a href=\"#_edn18\" id=\"_ednref18\">[18]<\/a> Daher, so l\u00e4sst sich schliessen, ist die Webmetapher \u201agescheit\u2018 mit dem Stricken kombiniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide K\u00fcnste und ihre Rolle als Bildspender f\u00fcrs Schreiben erlauben eine Aussage \u00fcber die Werkpoetik und deren Reflexion. Da beim Weben insofern restriktivere Bedingungen der Stoffherstellung herrschen, als dass die konkrete Ausgestaltung hinsichtlich Breite und Mustergebung schon vor der effektiven Herstellung geplant werden muss, wird das literarische Erz\u00e4hlen als ordnende und in sich geschlossene Kunst inszeniert, wenn sie mit dem Weben parallelisiert wird. Dieser Restriktivit\u00e4t arbeitet die Poetik des <em>Blutbuches<\/em> aber entgegen, da in der Erz\u00e4hlung der gewebte Stoff durch kombinatorisches Zusammenn\u00e4hen einzelner Stoffpartien zu einer Sch\u00fcrze weiterverarbeitet wird, was sich wiederum auf die Webmetapher auswirkt, die aufgrund des R\u00fcckverweises auf das Weben eine geschlossene Form einfordert. Da die bestimmte Gewebeform im Kontext der Metapher auf Textsorten, Stil und \u00e4hnliche literarische Konventionen \u00fcbertragen und hierin \u00fcberwunden wird, nimmt diese Metaphorik eine erz\u00e4hlerische sowie literarische Formfreiheit f\u00fcr sich in Anspruch und wird werkpoetisch betrachtet auch eingel\u00f6st: Jedes Kapitel ist eigens und sogar Textsorten \u00fcbergreifend stilisiert. Die im Mythos angelegte Webmetapher erh\u00e4lt somit eine eigene Wendung und wird f\u00fcr die Werkpoetik genutzt, indem die Suche und die gleichzeitige Durchbrechung von Formgrenzen eine rhetorisch produktive Entsprechung erhalten, die Grenzen und R\u00e4nder neu vern\u00e4ht und verwoben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In \u00e4hnlicher Weise ist das Stricken zu denken. Im Vergleich zum Weben ist beim Aufschlag der Maschenanzahl ein Anfang gegeben, jedoch kann die Breite des Strickst\u00fccks durch die M\u00f6glichkeit, Maschen zu- und abzunehmen, im Verlauf der Herstellung variiert werden, weshalb zu einem gewissen Grad die Grenzen des Strickst\u00fcckes ausgedehnt bzw. eingeengt werden k\u00f6nnen und eine Verformung auch innerhalb des linearen Herstellungsprozesses m\u00f6glich ist. Im Hinblick auf das Endprodukt, n\u00e4mlich den Pullover f\u00fcr die Grossmeer, m\u00fcssen zudem \u201aVersatzst\u00fccke\u2018 zusammengef\u00fcgt werden, die jeweils eine andere Form aufweisen, woraus sich markante Parallelen zur Werkstruktur des <em>Blutbuches<\/em> ergeben, dessen Kapitel stilistisch divers geschrieben sind. Stricken und im Besonderen die Herstellung des Pullovers versinnbildlichen demnach in Herstellungsprozess und Qualit\u00e4t einerseits die formale Gestaltung des literarischen Werkes und andererseits, durch die intertextuellen Bez\u00fcge auf Philomelas Gewebe sowie die symbolische Referenz, die diegetischen Gewalttaten an Frauen. Die Mehrdeutigkeit von \u201aGewebe\u2018, welches nicht nur die stofflichen, sondern auch die k\u00f6rperlichen Gewebe einschliesst, findet Eingang in der folgenden Passage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\"><em>Trauma <\/em>\u2013 so gut hab ich damals der leitenden Psychiaterin zugeh\u00f6rt \u2013 nennt die Altgriechin <em>Wunde<\/em>. Eine Wunde kann vieles sein, eine Besch\u00e4digung, aber auch zerrissenes Gewebe, etwas Entzweigerissenes. Gewebe, das zusammengeh\u00f6rt, klafft auseinander. Ein Trauma zu vererben, bedeutet also, ein Auseinandergerissensein, ein Nichtverbundensein weiterzugeben, ein Fehlen von Gewebe. (BB&nbsp;132&nbsp;f.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Stricken als Stoffherstellung und die Endverarbeitung in ein zusammenh\u00e4ngendes Textil liest sich hinsichtlich der vielschichtigen verwebenden Verkn\u00fcpfung als Verarbeitungsversuch eines Traumas. Allerdings scheitert diese Aufarbeitung, denn bei der \u00dcbergabe des pinken Pullis (BB&nbsp;228) wird die Botschaft seiner Farbe nicht verstanden. Die Grossmeer \u201aliest\u2018 den Pulli lediglich als Reduktion auf ihre geschlechtliche Vergangenheit (\u201eDu sagtest, als M\u00e4dchen habest du immer Pink und Rosa anziehen m\u00fcssen. Du seist kein M\u00e4dchen mehr\u201c; ebd.), ohne dabei in Kommunikation mit dem Ich zu treten. Da kein Gespr\u00e4ch zwischen den Figuren entsteht und das Ich nur \u00fcber die M\u00f6glichkeit des sprachlichen Austausches nachdenkt, diese aber nicht umsetzt, verh\u00e4rtet sich das Schweigen.<a href=\"#_edn19\" id=\"_ednref19\">[19]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Hier und im Folgenden werden Textverweise auf die Prim\u00e4rtexte in runden Klammern sowie mit der Sigle BB (= Kim de l\u2019Horizon: <em>Blutbuch<\/em>. K\u00f6ln <sup>2<\/sup>2022) bzw. mit der Abk\u00fcrzung Met. (= Ovid: <em>Metamorphoses<\/em>, ed. von W. S. Anderson [Editio stereotypa editionis alterius 1982]. Berlin\/New York 2001) wiedergegeben. Die \u00dcbersetzung der lateinischen Texte stammen, wenn nicht anders angegeben, von Publius Ovidius Naso: <em>Metamorphosen<\/em>. Lateinisch-deutsch, hg. und \u00fcbers. von Niklas Holzberg. Berlin\/Boston 2017 (Sammlung Tusculum).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Dem Roman wurde nacheinander der Literaturpreis der J\u00fcrgen-Ponto-Stiftung, der Deutsche sowie der Schweizer Buchpreis zuerkannt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><sup> <\/sup>Kathrin Hondl: \u201eBlutbuch\u201c von Kim de l\u2019Horizon auf der Shortlist f\u00fcr den Deutschen Buchpreis. In: SWR2 Kulturaktuell, 5.10.2022, <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swr2\/literatur\/blutbuch-von-kim-de-lhorizons-auf-der-shortlist-fuer-den-deutschen-buchpreis-100.html\">https:\/\/www.swr.de\/swr2\/literatur\/blutbuch-von-kim-de-lhorizons-auf-der-shortlist-fuer-den-deutschen-buchpreis-100.html<\/a> (Stand: 20.06.2023.); Kim de l\u2019Horizon: Lieber John Unbekannt, lieber Ueli Maurer, ihr habt mich geschlagen. Aber ich vergebe euch. In: NZZ, 19.10.2022, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kim-de-lhorizon-fragt-ueli-maurer-warum-bekaempfen-sie-mich-ld.1707890\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/kim-de-lhorizon-fragt-ueli-maurer-warum-bekaempfen-sie-mich-ld.1707890<\/a> (Stand: 2.7.2023.); Roman Bucheli: Kim de l\u2019Horizon gewinnt mit dem Roman \u201eBlutbuch\u201c nach dem Deutschen auch den Schweizer Buchpreis. In: NZZ, 11.11.2022, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/der-schweizer-buchpreis-2022-geht-an-kim-delhorizon-ld.17128901\">https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/der-schweizer-buchpreis-2022-geht-an-kim-delhorizon-ld.17128901<\/a> (Stand: 20.06.2023.)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Bucheli 2022 (wie Anm.&nbsp;3). Weitere Beispiele stellen dar: Bettina Kugler: Kim de l\u2019Horizon las in St. Gallen in der neuen Reihe \u201eLoot\u201c. In: St. Galler Tagblatt, 27.01.2023, https:\/\/www.tagblatt.ch\/kultur\/ostschweiz\/lesung-an-einem-koerper-wie-meinem-ist-alles-politisch-kim-de-lhorizon-las-in-stgallen-zwei-schauspielerinnen-performten-danach-ld.2406583?reduced=true (Stand: 13.3.2023.); Ronald Pohl: Kim de l\u2019Horizon: Dichten gegen die Macht der Pronomen. In: Der Standard, 22.10.2023, https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000140198571\/kim-de-lhorizon-dichten-gegen-die-macht-der-pronomen (Stand: 28.6.2023.)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> <em>callida<\/em> k\u00f6nnte hier jedoch nicht bloss mit Philomela, sondern ebenso mit <em>stamina <\/em>kongruieren.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> K.&nbsp;E. Georges: Ausf\u00fchrliches lateinisch-deutsches Handw\u00f6rterbuch, 2 Bde. Hannover <sup>8<\/sup>1913\u20131919. s.&nbsp;v. \u201avestis\u2018: Bekleidung im weiten Sinne, d.&nbsp;h. Kleidung der Menschen oder auch Teppich. In einigen \u00dcbersetzungen wird <em>vestes<\/em> mit Tuch, Gewebe oder Stoff \u00fcbertragen; vgl. Holzberg 2017 (wie Anm.&nbsp;1); Ovid: <em>Metamorphosen. <\/em>Lateinisch\/Deutsch, \u00fcbers. und hg. von Michael von Albrecht. Stuttgart 2010; Ovids Werke. Deutsch im Versmasse der Urschrift, ed. von R. Suchier \/ E. Klussmann \/ A. Berg. 3 Bde., Bd. 3: <em>Metamorphosen<\/em>. Berlin 1855\u20131919.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> \u201eTextile Handarbeiten sind in allen Kulturen, ob matrilokal oder patriarchal, immer weiblich besetzt, und zwar auch in postmythischer Zeit. Die Frau sitzt am Spinnrocken und am Webrahmen.\u201c; Erika Greber: Textile Texte. Poetologische Metaphorik und Literaturtheorie. Studien zur Tradition des Wortflechtens und der Kombinatorik. K\u00f6ln 2002 (Pictura et Poesis&nbsp;9), S.&nbsp;24&nbsp;f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Gleichsam nimmt die Sch\u00fcrze das Kochen J\u00fcrglis gewissermassen vorweg. Ausserdem wird in manchen Interpretationen zu der Textstelle argumentiert, dass das textile St\u00fcck als \u201eSubstitut des m\u00e4nnlichen, m\u00fcndlichen Diskurses\u201c und als Geheimsprache zwischen den beiden Schwestern fungiert; vgl. Lena Behmenburg: Philomela. Metamorphosen eines Mythos in der deutschen und franz\u00f6sischen Literatur des Mittelalters. Berlin\/New York 2009 (Trends in Medieval Philology&nbsp;15), S.&nbsp;42; Gabriele Stein: Mutter \u2013 Tochter \u2013 Geliebte. Weibliche Rollenkonflikte bei Ovid. M\u00fcnchen\/Leipzig 2004 (Beitr\u00e4ge zur Altertumskunde&nbsp;204), S.&nbsp;145.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Bei Chr\u00e9tien de Troyes zugeschriebener Erz\u00e4hlung folgt an dieser Stelle eine nach der mittelalterlichen Tradition der <em>amplificiatio<\/em> folgende Ekphrasis; vgl. Behmenburg: Philomela(wie Anm.&nbsp;8), S.&nbsp;196.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> \u201eObwohl das lateinische <em>notas<\/em> gleicherma\u00dfen als Schriftzeichen und bildhafte Darstellung interpretiert werden kann, wird in den unterschiedlichen \u00dcbersetzungen dieser Passage die \u00dcbertragung als \u201aSchriftzeichen\u2018 bevorzugt [\u2026]. Ebenfalls findet sich die \u00dcbertragung als \u201aZeichen\u2018, was im Deutschen der scripto-pikturalen Vagheit der purpurfarbenen Botschaft entspricht.\u201c; ebd., S.&nbsp;189.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> Vgl. Vanessa Klomfa\u00df: Eingewebte Mythologie. Zur Signifikanz und Transformation der F\/Philomela-Figur in Abrams\u2019\/Dorsts S. In: Barbara Bollig (Hg.): Mythos und Postmoderne. Mythostransformation und mythische Frauen in zeitgen\u00f6ssischen Texten. G\u00f6ttingen 2022 (Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien&nbsp;32), S.&nbsp;87\u201399, hier S.&nbsp;91&nbsp;f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref12\" id=\"_edn12\">[12]<\/a> Vgl. Behmenburg 2009 (wie Anm.&nbsp;8), S.&nbsp;194.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref13\" id=\"_edn13\">[13]<\/a> Erika Greber: Art. Gewebe\/Faden. In: G\u00fcnter Butzer \/ Joachim Jacob (Hg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole. Erweiterte und um ein Bedeutungsregister erg\u00e4nzte Auflage. Berlin <sup>3<\/sup>2021, S.&nbsp;219\u2013222, hier S.&nbsp;221.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref14\" id=\"_edn14\">[14]<\/a> Vgl. Klomfa\u00df 2022 (wie Anm.&nbsp;11), S.&nbsp;92.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref15\" id=\"_edn15\">[15]<\/a> Ebenso verweist der pinke Pulli als Kleidungsst\u00fcck mit dessen Implikationen intratextuell auf Reflexionen \u00fcber Ausdruck und Geschlecht hin; vgl. BB&nbsp;39f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref16\" id=\"_edn16\">[16]<\/a> Zu dieser Deutungsoption vgl. allgemeiner Greber 2002 (wie Anm.&nbsp;7) und im Besonderen im Hinblick auf antike Texte C\u00e9dric Scheidegger L\u00e4mmle: Einige Pendenzen. Weben und Text in der antiken Literatur. In: Henriette Harich-Schwarzbauer (Hg.): Weben und Gewebe in der Antike. Materialit\u00e4t, Repr\u00e4sentation, Episteme, Metapoetik. Oxford 2016, S.&nbsp;167\u2013204.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref17\" id=\"_edn17\">[17]<\/a> Vgl. BB&nbsp;35 sowie \u201eDie Kreise meines Schreibens schliessen sich nicht, [\u2026] sie [= Spiralen] ziehen von der Blutbuche in mein Begehren, sie ziehen eine weitere Schlaufe von diesem Computer zur\u00fcck ins Papier, dieses ehemalige Holz, und ich frage mich, wie sehr das Schreiben meine agency ist und wie sehr die Wirkkraft beim Holz selbst liegt.\u201c (BB&nbsp;172)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref18\" id=\"_edn18\">[18]<\/a> Vgl. ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref19\" id=\"_edn19\">[19]<\/a> Dieser Blogeintrag bildet einen kleineren und ver\u00e4nderten Teil eines l\u00e4ngeren Beitrages; vgl. Shana Fehr: <em>De fagu sanguinea mutata<\/em>. Die Metamorphosen Ovids in Kim de l\u2019Horizons Blutbuch. In: Germanistik in der Schweiz (GiS) 19\/2022 (2023), S.&nbsp;72\u201394.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterhalb und innerhalb der \u00fcberbordenden Medienberichterstattung, die Kim de l\u2019Horizons Blutbuch[1] seit seiner dreifachen Pr\u00e4mierung 2022 umgibt,[2] formieren sich nach und nach neue Dispositive einer autofiktionalen Poetik. Beg\u00fcnstigt und aktualisiert werden diese nicht zuletzt dadurch, dass Kim de l\u2019Horizon als persona politische und kulturelle Diskurse immer wieder selbst \u00f6ffentlich mitanst\u00f6sst[3]<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2024\/02\/23\/carmen-miserabile-texit-weben-und-erzaehlen-in-den-metamorphosen-ovids-und-kim-de-lhorizons-blutbuch\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":776,"featured_media":1381,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["entry","author-shana-fehr","post-1382","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1382","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/776"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1382"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1382\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1391,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1382\/revisions\/1391"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1381"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}