{"id":1271,"date":"2023-11-08T07:00:00","date_gmt":"2023-11-08T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1271"},"modified":"2023-11-07T18:47:56","modified_gmt":"2023-11-07T17:47:56","slug":"die-hoehle-als-heterotopischer-zeitenraum-in-der-melusine-thuerings-von-ringoltingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/11\/08\/die-hoehle-als-heterotopischer-zeitenraum-in-der-melusine-thuerings-von-ringoltingen\/","title":{"rendered":"Die H\u00f6hle als heterotopischer Zeitenraum in der &#8218;Melusine&#8216; Th\u00fcrings von Ringoltingen"},"content":{"rendered":"\n<p>Die H\u00f6hle in der mittelalterlichen Literatur kann als eine literarische Form einer Anderswelt verstanden werden. Wahrnehmungs- und Wissensprozesse werden in der Anderswelt der H\u00f6hle gleichzeitig in Bezug und in Abgrenzung zur allt\u00e4glichen Lebenswelt verhandelt. Die H\u00f6hle ist r\u00e4umlich von der Aussenwelt abgegrenzt, da sie zumeist schwer zug\u00e4nglich und ein in sich geschossener Raum ist, der aber gleichzeitig durch die Beschreibungen des H\u00f6hleninneren, beispielsweise als eine sch\u00f6n gestaltete und mit Reicht\u00fcmern bef\u00fcllte Kammer, mit der Aussenwelt verbunden bleibt. Die H\u00f6hle als ein wirklicher Ort, der sowohl von der Gesellschaft abgegrenzt als auch mit ihr verbunden ist, kann nach Foucault als eine Heterotopie verstanden werden. Heterotopien sind als \u201eGegenplatzierungen oder Widerlager [\u2026], in denen die wirklichen Pl\u00e4tze innerhalb der Kultur gleichzeitig repr\u00e4sentiert, bestritten und gewendet sind\u201c,<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a> zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Darstellung einer H\u00f6hle als Heterotopie findet sich in der <em>Melusine <\/em>(1456) Th\u00fcrings von Ringoltingen. Bereits in der Vorrede wird deutlich, dass es sich beim Roman um eine Genealogieerz\u00e4hlung handelt. So weist der Erz\u00e4hler darauf hin, dass von der Wasserfee Melusine grosse und m\u00e4chtige Geschlechter von K\u00f6nigen, F\u00fcrsten und Rittern abstammen (vgl. 11, 6\u201312).<a id=\"_ednref2\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a> In der Erz\u00e4hlung ist die Genealogiegeschichte der Figuren mit der Heterotopie der Grabkammer verk\u00fcpft, denn auf einer Steintafel in der reich verzierten Grabkammer ist die Geschichte von Melusines Familie festgehalten. Geffroy, der Sohn von Melusine und Reymund, findet auf seiner Reise den Berg <em>Awalon<\/em>, in dessen Innern sich die Grabkammer seiner Grosseltern, K\u00f6nig Helmas und Presine, befindet. Seine Genealogie offenbart sich Geffroy in der auf der Steintafel festgehaltenen Erz\u00e4hlung seiner Geschichte. Die Grabh\u00f6hle bzw. Grabkammer in Th\u00fcrings <em>Melusine <\/em>(1456)ist somit ein Erinnerungs- und Offenbarungsraum.<a id=\"_ednref3\" href=\"#_edn3\">[3]<\/a> Zudem sind in der Grabh\u00f6hle verschiedene Heterotopien ineinander und \u00fcbereinander gelagert, die sich zu einer Heterotopie im utopisch-heterotopischen Spiegel der Steintafel vereinen und somit Geffroy seine Genealogie offenbaren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Berg als Heterotopie<\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"663\" height=\"461\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Abb_Geffroy-Berg.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1272\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Abb_Geffroy-Berg.png 663w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Abb_Geffroy-Berg-300x209.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Abb_Geffroy-Berg-465x323.png 465w\" sizes=\"auto, (max-width: 663px) 100vw, 663px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 1: Holzschnitt von Geffroys Eintritt in den Berg. In: Th\u00fcring von Ringoltingen: Melusine. Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit s\u00e4mtlichen Holzschnitten. Hg. von Jan-Dirk M\u00fcller. Berlin 1990 (Bibliothek der fr\u00fchen Neuzeit 1), S. 136.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Geffroy reist in der Absicht nach <em>Norheme<\/em>, den Riesen Grymmolt zu t\u00f6ten. Als er den Berg <em>Awalon<\/em> erreicht, findet er Grymmolt auf einer vor dem Berg liegenden Wiese. Geffroy greift den Riesen an und ein gewaltsamer Kampf bricht aus. Dem besiegten Riesen gelingt jedoch <em>die flucht in den velsen <\/em>(133, 20). Er springt <em>in ein vinster loch <\/em>(134, 5), in welchem Geffroy ihn nicht erreichen kann und in welches er dem Riesen auch nicht folgen will (vgl. 134, 5\u20136). Als die <em>landes herren <\/em>(134, 15) erfahren, dass der Riese in den Berg entfliehen konnte, erz\u00e4hlt einer der Landesherren Geffroy, dass ihr K\u00f6nig Helmas von seinen drei T\u00f6chtern aus Rache in den Berg eingeschlossen worden sei, da er das <em>gel\u00fcbde <\/em>(135, 23) seiner Frau Presine gegen\u00fcber gebrochen habe, indem er sie trotz Verbots im <em>kindtpedt <\/em>(135, 18\u201319) aufgesucht hatte (vgl. 135, 12\u201326). Seit Helmas\u2019 Zeit sei <em>ein ri\u00df hie gewesen \/ der dieses perges alle zeit geh\u016ftet <\/em>(135, 29\u201330) und das Land verw\u00fcstet habe. Geffroy gelobt den Landesherren daraufhin, den Riesen umzubringen. Mit seiner Lanze (<em>glenen<\/em>) dringt Geffroy in das <em>vinster loch <\/em>(137, 3) vor (Abb. 1). Der Berg und das Berginnere k\u00f6nnen als eine Heterotopie verstanden werden, denn das Berginnere und die Grabkammer sind \u201egleichzeitig isoliert und durchdringlich\u201c<a id=\"_ednref4\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a>. Nach Foucaults f\u00fcnftem Grundsatz zeichnen sich Heterotopien durch \u201eein System von \u00d6ffnungen und Schlie\u00dfungen\u201c<a id=\"_ednref5\" href=\"#_edn5\">[5]<\/a> aus, welches die Heterotopien schwer zug\u00e4nglich und gleichzeitig betretbar macht. Das Berginnere ist einerseits nur schwer und bedingt zug\u00e4nglich, da der Eingang vom Riesen Grymmolt bewacht wird. Andererseits kann in das Berginnere durch den finsteren Eingang vorgedrungen werden. Weiter zeigt sich in der Erz\u00e4hlung und im Holzschnitt, dass in den Berg weitere Heterotopien eingelagert sind. Die sich im Berginnern befindende Grabkammer von K\u00f6nig Helmas und Presine ist durch eine T\u00fcr verschlossen \u2013 der Eintritt in die Grabkammer ist bedingt und privilegiert, da nur die Nachfahren K\u00f6nig Helmas\u2019 und Presines den Berg betreten d\u00fcrfen (vgl. 139, 21\u201324). Zudem geht aus der Beschreibung des Bergs hervor, dass im Berginneren weitere H\u00f6hlen (vgl. 141, 23\u201324) und Kammern (vgl. 142, 4\u20139) zu finden sind. Die Verbindung, die zwischen den verschiedenen Heterotopien in der Erz\u00e4hlung hergestellt wird, zeigt sich ebenfalls im Holzschnitt. Die Felsen der Burg und die Mauer der Burg gehen ineinander \u00fcber und der Eingang in das Berginnere befindet sich zwischen den Felsen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Heterotopie der sch\u00f6nen Grabkammer im Berginnern<\/h4>\n\n\n\n<p>Im Berginneren findet Geffroy eine sch\u00f6ne <em>kamer <\/em>(137, 21),die <em>in den velsen gehawen was <\/em>(137, 21\u201322)und die durch eine T\u00fcr verschlossen ist. Die Kammer ist mit Reicht\u00fcmern gef\u00fcllt und <em>wol gecziert mit gold vnd edelm gestein <\/em>(137, 24). [I]<em>n der mitte derselben kamer <\/em>(137, 26) befindet sich <em>ein erhaben grab <\/em>(137, 26). Das Grab steht auf sechs goldenen Pfeilern und ist mit kostbaren Edelsteinen reich verziert. In die Grabplatte ist das Abbild des K\u00f6nigs Helmas und zu seinen F\u00fcssen ein <em>frawenpilde <\/em>(138, 7) gehauen. In ihren H\u00e4nden h\u00e4lt die Frau eine <em>tafel <\/em>(138, 7), auf der ihre Lebensgeschichte als eine Ich-Erz\u00e4hlung festgehalten ist. Aus dieser Ich-Erz\u00e4hlung in der Erz\u00e4hlung erf\u00e4hrt Geffroy, dass Presine mit ihren drei T\u00f6chtern Melusine, Meliora und Palatine verschwunden ist, nachdem ihr Ehemann Helmas sein Versprechen, sie niemals im<em> kindtpedt<\/em> (138, 13) aufzusuchen, gebrochen hat. Weiter erf\u00e4hrt er, dass die drei T\u00f6chter ihren Vater aus Rache f\u00fcr den Versprechensbruch in den Berg geschlossen haben. Er erkennt, dass er in der Grabkammer seines Grossvaters, K\u00f6nig Helmas, steht, und erf\u00e4hrt, dass seine Mutter und ihre zwei Schwestern von seiner Grossmutter Presine <em>dre\u00ff gob <\/em>(139, 24) erhalten haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kammer kann als ein heterotopischer Zeitenraum verstanden werden, denn es werden chronotopische und heterotopische Eigenschaften im Raum miteinander verbunden.<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a> Die Grabkammer ist einerseits ein geschlossener, reich verzierter Raum, der nur den Nachfahren Presines und Helmas\u2019 zug\u00e4nglich ist. In der Grabtafel wird Geffroy andererseits seine Genealogie offenbart und es findet eine Spiegelung zwischen dem urspr\u00fcnglichen Tabubruch seiner Grosseltern und dem Tabubruch seiner Eltern statt. In der Grabh\u00f6hle ist \u201egenealogische Identit\u00e4t mit raumzeitlicher Gegenbildlichkeit\u201c<a href=\"#_edn7\" id=\"_ednref7\">[7]<\/a> verkn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der utopisch-heterotopische Spiegel der Grabtafel<\/h4>\n\n\n\n<p>In der Grabtafel werden zugleich Geffroys genealogische Identit\u00e4t offenbart sowie die zeitlich miteinander verkn\u00fcpften Heterotopien vereint und miteinander gespiegelt. Die Heterotopien sind nicht nur r\u00e4umlich miteinander verkn\u00fcpft, indem sie, wie bereits ausgef\u00fchrt, ineinander gelagert sind, sie sind ebenfalls zeitlich miteinander verbunden. In der Erz\u00e4hlung werden die Heterotopien des Bergs und der Grabkammer im Zuge von Geffroys Vordringen ins Berginnere erz\u00e4hlt. In der Grabkammer erf\u00e4hrt Geffroy jedoch aus der Schrift auf der Steintafel, wie die Grabkammer entstanden ist. Geffroys Vordringen in den Berg und in die Kammer wird in der Erz\u00e4hlung auf der Tafel gespiegelt, denn auf ihr wird erz\u00e4hlt, wie K\u00f6nig Helmas von seinen drei T\u00f6chtern aus Rache in den Berg gesperrt und wie bei seinem Tod das Grabmal von seiner Frau Presine errichtet worden ist. Die Heterotopien des Bergs und der Grabkammer werden durch die auf der Grabtafel festgehaltene Erz\u00e4hlung, in der die Entstehung der Heterotopien beschrieben wird, in ihrer Erz\u00e4hlgegenwart mit der Vergangeheit gespiegelt. Die Grabtafel kann als ein utopisch-heterotopischer Spiegel verstanden werden, denn sie enth\u00e4lt die von Foucault beschriebene doppelte Funktion von Spiegeln, die Merkmale von Utopien und Heterotopien in sich tragen und miteinander verbinden. Der Spiegel als Utopie ist nach Foucault ein \u201eOrt ohne Ort\u201c<a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a>. Im Spiegel sieht sich die hineinblickende Person dort, wo sie nicht ist. Sie sieht sich \u201ein einem unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfl\u00e4che auftut\u201c<a href=\"#_edn9\" id=\"_ednref9\">[9]<\/a>. Dem nach seiner Identit\u00e4t suchenden Geffroy wird in der Grabtafel seine eigene Herkunft vor Augen gef\u00fchrt. In der Binnenerz\u00e4hlung er\u00f6ffnet sich Geffroy der Raum, in dem er sich befindet, in der Vergangenheit, da die steinerne Presine vom Berg, der Entstehung der Grabkammer und der Steintafel erz\u00e4hlt. Es findet somit eine Doppelung zwischen dem in der Binnenerz\u00e4hlung erz\u00e4hlten Berg, der Grabkammer und der Grabtafel und dem zuvor erz\u00e4hlten Eintritt Geffroys in den Berg und in die Grabkammer sowie vom Fund der Grabtafel statt, vom der ausgehend sich die Binnenerz\u00e4hlung entwickelt. Gleichzeitig erm\u00f6glicht die heterotopische Spiegelfunktion der Grabkammer Geffroy, sich dort wieder einzufinden, wo er ist. Die Grabtafel als heterotopischer Spiegel schickt die in den Spiegel blickende Person \u201eauf den Platz zur\u00fcck, den [sie] wirklich [einnimmt]\u201c,<a href=\"#_edn10\" id=\"_ednref10\">[10]<\/a> und l\u00e4sst sie den eigenen Blick wieder auf sich selbst richten. Geffroy erkennt, dass die in der Grabtafel erz\u00e4hlte Grabkammer diejenige ist, in der er sich befindet. Er realisiert, dass er in der Grabkammer seines Grossvaters steht und die Geschichte seiner Familie auf der Tafel festgehalten ist. Im utopisch-heterotopischen Spiegel vereinen sich die ineinander und zeitlich \u00fcbereinander gelagerten Heterotopien des Bergs und der Kammer miteinander.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Spiegel als Nexus-Heterotopie<\/h4>\n\n\n\n<p>Durch das Lesen der Tafel erf\u00e4hrt Geffroy den Ursprung seines Geschlechts. Ihm wird von seiner Grossmutter erz\u00e4hlt, dass auch sie ein Tabu ausgesprochen hat: Niemand durfte mit ihr in der Zeit ihres Kindbetts sein. K\u00f6nig Helmas, ihr Ehemann, versprach ihr, dass er sie an jenem Ort <em>nymmer bes\u016fchen<\/em> (138, 13) w\u00fcrde. Doch er konnte sein Versprechen nicht halten und verlor seine Ehefrau als Konsequenz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1274\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-300x200.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-768x512.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-1536x1023.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-2048x1364.jpg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-465x310.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/11\/Huebner_1844_Melusine-695x463.jpg 695w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abb. 2: Julius H\u00fcbner: Die sch\u00f6ne Melusine (1844). National Museum Pozna\u0144 . Konstanty Kalinowski: Sammlung Graf Raczy\u0144ski. Malerei der Sp\u00e4tromantik aus dem Nationalmuseum Pozna\u0144. Ausst. Kat. M\u00fcnchen, Berlin, Kiel 1992\u20131993. M\u00fcnchen 1992, Kat. Nr. 46. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aufgrund des Tabus werden der Zeit-Raum, in dem sich Presine im Wochenbett befindet, und das Badezimmer, in welches sich Melusine jeden Samstag zur\u00fcckzieht, zu verkn\u00fcpften Heterotopien. Beide R\u00e4ume sind aufgrund des Zutrittverbots f\u00fcr ihre Ehem\u00e4nner, K\u00f6nig Helmas und Reymund, \u201eprivilegierte und [\u2026] verbotene Orte\u201c <a id=\"_ednref11\" href=\"#_edn11\">[11]<\/a>. Durch das Betreten der Heterotopie, durch das unerlaubte Einbrechen in einen sch\u00fctzenden Raum, bricht K\u00f6nig Helmas das Tabu und l\u00f6st die Heterotopie infolgedessen auf. W\u00e4hrend das Tabu eine Heterotopie entstehen l\u00e4sst, l\u00f6st der Tabubruch sie wieder auf und l\u00e4utet zugleich das Ende von K\u00f6nig Helmas ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund dieses Tabubruchs wurden die drei T\u00f6chter mit einem eigenen Tabu, einer <em>gob <\/em>(139, 24), belegt. Melusine darf an keinem Samstag besucht werden, da sie sich dann vom Bauchnabel abw\u00e4rts verwandelt. Reymund willigte in diese Voraussetzung zur Ehe ein, er <em>schw\u016fr <\/em>[<em>ez<\/em>]<em> ir<\/em> (26, 1) sogar. Einige Zeit ging es gut, Melusine konnte sich im Bad unbeobachtet verwandeln, und die Heterotopie sowie das Tabu konnten gewahrt werden. Doch wie bereits Helmas kann auch der menschliche, triebgesteuerte Reymund den Reizen nicht widerstehen und spioniert Melusine nach. Er schaut durch ein Loch in der T\u00fcr auf Melusines Schlangenk\u00f6rper und erhascht einen Blick auf das ihm Verborgene und dringt somit in Melusines Heterotopie ein. Das \u00d6lgem\u00e4lde von Julius H\u00fcbner (Abb. 2) unterstreicht dies deutlich: Gut zu erkennen sind die zwei voneinander abgetrennten und in ihrer Darstellung unterschiedlichen R\u00e4ume. Auf der einen Seite befindet sich der menschliche Reymund auf einer dunklen Treppe. Auf der anderen Seite befindet sich Melusine in ihrer wahren Gestalt, die tabuisiert ist, in einem zauberhaften, hellen Badezimmer \u2013 ihrer Heterotopie. Auch ist zu erkennen, wie Reymunds Blick auf Melusines Bauchnabel gerichtet ist, die Trennungslinie ihres menschlichen Oberk\u00f6rpers und ihres animalischen Unterk\u00f6rpers. Nicht nur der Bauchnabel fungiert mit seiner runden Form sowie der durchtrennten Nabelschnur bei der Geburt als ein zyklisches Element, auch Melusines Heterotopie ist in ihrer Funktion zyklischer Natur.<a href=\"#_edn12\" id=\"_ednref12\">[12]<\/a> Sie wird jeden Samstag gesteigert, da sich Melusine w\u00f6chentlich ins Badezimmer zur\u00fcckzieht und verwandelt. Durch den Vertrauensmissbrauch werden die Heterotopien von Presine und Melusine gewaltsam betreten und aufgel\u00f6st. Die \u00f6ffentliche Bekanntmachung von Melusines Natur bricht das Tabu endg\u00fcltig und besiegelt das Elend von Reymund.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Kurzes Fazit<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Relevanz der H\u00f6hle am Beispiel der Grabkammer in der <em>Melusine <\/em>zeigt, dass die H\u00f6hle eine zentrale und vielf\u00e4ltige Erz\u00e4hlfunktion einnehmen kann. In der <em>Melusine<\/em> ist die Kammer zugleich Erinnerungs- und Offenbarungsraum und bildet den Kern der Erz\u00e4hlung, denn hier werden Erz\u00e4hlgegenwart und Vergangenheit miteinander gespiegelt und die Genealogie der Figuren aufgedeckt. Geffroy erf\u00e4hrt, woher er stammt, indem die Kammer ihm einen Blick in die Vergangenheit erm\u00f6glicht. Sie fungiert als Verbindungsheterotopie, die Vergangenheit und Zukunft sichtbar macht.<a href=\"#_edn13\" id=\"_ednref13\">[13]<\/a> Der Sohn Melusines befindet sich an einem Ort der \u201eDauer und der Nicht-Dauer in einem\u201c<a href=\"#_edn14\" id=\"_ednref14\">[14]<\/a>; die Grabh\u00f6hle vermittelt ihm die unausweichliche Richtung seiner zuk\u00fcnftigen Existenz, indem sie Vergangenes festzuhalten versucht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Michel Foucault: Andere R\u00e4ume. In: Karlheinz Barck u.&nbsp;a. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen \u00c4sthetik. Leipzig&nbsp;1992, S.&nbsp;34\u201346, hier S.&nbsp;39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Zitiert nach der Ausgabe: Th\u00fcring von Ringoltingen: Melusine. Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit s\u00e4mtlichen Holzschnitten. Hg. von Jan-Dirk M\u00fcller. Berlin&nbsp;1990 (Bibliothek der fr\u00fchen Neuzeit&nbsp;1), S.&nbsp;9\u2013176; im Folgenden mit Angabe der Seiten- und Zeilenzahl im Flie\u00dftext.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Vgl. Christian Kiening: Zeitenraum und <em>mise en abyme<\/em>. Zum \u201aKern\u2018 der Melusinegeschichte. In: Deutsche Vierteljahrsschrift f\u00fcr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte&nbsp;79 (2005), S.&nbsp;3\u201328, hier S.&nbsp;1520; Andreas Hammer: Art. H\u00f6hle, Grotte. In: Tilo Renz\/Monika Hanauska\/Mathias Herweg (Hg.): Literarische Orte in deutschsprachigen Erz\u00e4hlungen des Mittelalters. Ein Handbuch. Berlin\/Boston&nbsp;2018, S.&nbsp;286\u2013296, hier S.&nbsp;295f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Foucault: Andere R\u00e4ume (wie Anm. 1), S.&nbsp;44.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> Vgl. Hammer: H\u00f6hle (wie Anm. 3), S.&nbsp;295.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> Kiening: Zeitenraum (wie Anm. 3), S.&nbsp;17.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Foucault: Andere R\u00e4ume (wie Anm. 1), S.&nbsp;39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> Ebd., S.&nbsp;40.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref12\" id=\"_edn12\">[12]<\/a> Vgl. Coralie Rippl: Raum der Herkunft, Ort des Erz\u00e4hlens. Zum Ph\u00e4nomen der anderweltlichen Herkunft im Roman der Fr\u00fchen Neuzeit. In: Maximilian Benz\/Katrin Dennerlein (Hg.): Literarische R\u00e4ume der Herkunft. Fallstudien zu einer historischen Narratologie. Berlin\/Boston&nbsp;2016, S.&nbsp;205\u2013233, hier S.&nbsp;220.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref13\" id=\"_edn13\">[13]<\/a> Vgl. ebd., S.&nbsp;225.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref14\" id=\"_edn14\">[14]<\/a> Kiening: Zeitenraum (wie Anm. 3), S.&nbsp;17.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die H\u00f6hle in der mittelalterlichen Literatur kann als eine literarische Form einer Anderswelt verstanden werden. Wahrnehmungs- und Wissensprozesse werden in der Anderswelt der H\u00f6hle gleichzeitig in Bezug und in Abgrenzung zur allt\u00e4glichen Lebenswelt verhandelt. Die H\u00f6hle ist r\u00e4umlich von der Aussenwelt abgegrenzt, da sie zumeist schwer zug\u00e4nglich und ein in<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/11\/08\/die-hoehle-als-heterotopischer-zeitenraum-in-der-melusine-thuerings-von-ringoltingen\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":776,"featured_media":1272,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[62,61],"tags":[],"class_list":["entry","author-alina-jamilah-falch","post-1271","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-hoehlen","category-serien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1271","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/776"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1271"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1271\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1277,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1271\/revisions\/1277"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1272"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1271"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1271"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1271"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}