{"id":1257,"date":"2023-10-05T07:00:00","date_gmt":"2023-10-05T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1257"},"modified":"2023-10-01T14:10:21","modified_gmt":"2023-10-01T12:10:21","slug":"die-minnegrotte-im-tristan-als-multifunktionales-medium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/10\/05\/die-minnegrotte-im-tristan-als-multifunktionales-medium\/","title":{"rendered":"Die Minnegrotte im &#8218;Tristan&#8216; als multifunktionales Medium"},"content":{"rendered":"\n<p>Was kann auf dem Weg zu einer H\u00f6hle alles vermittelt werden? Worin gr\u00fcndet das informationstragende Potenzial von unterschiedlichen H\u00f6hlenzug\u00e4ngen? Welche Bedeutung kommt der Gestaltung des H\u00f6hleninnenraums zu? Im folgenden Beitrag untersuchen wir verschiedene Teile der Minnegrotte aus Gottfrieds <em>Tristan<\/em> auf ihre medialen Funktionen hin. Dieser Raum geh\u00f6rt wohl zu den bekanntesten literarischen H\u00f6hlen und hat von der Forschung ein breites Interesse erfahren. Auch im Roman selbst ist die Minnegrotte zentral: Nur hier k\u00f6nnen Tristan und Isolde unbeschwert ihre Liebe ausleben, die sich nicht mit der h\u00f6fischen Ordnung vereinbaren l\u00e4sst.<a id=\"_ednref1\" href=\"#_edn1\">[1]<\/a> Die kunstvoll gestaltete H\u00f6hle wird im <em>Tristan<\/em> zuerst objektiv beschrieben, danach wird eine zweite Bedeutungsebene erschlossen, in welcher Wertvorstellungen der Liebe allegorisch an der H\u00f6hle festgemacht werden. Dass die Minnegrotte als Tr\u00e4gerin von wichtigen Informationen fungiert, geht aus dem Text selbst hervor: <em>Nune sol iuch niht verdriezen, \/ ir enl\u00e2t iu daz entsliezen, \/ durch welher slahte meine \/ diu fossiure in dem steine \/ betihtet waere, als si was<\/em>.<a id=\"_ednref2\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a> Durch die angek\u00fcndigte Aufschl\u00fcsselung der Optik der H\u00f6hle legt der Text nahe, dass die Minnegrotte ganz bewusst gestaltet wurde, um bestimmte Informationen zu transportieren. Unsere Grundannahme ist, dass die H\u00f6hle im Text als Ort der Vermittlung zu begreifen ist, was der nachfolgende Rundgang vom Garten bis ins H\u00f6hleninnere veranschaulichen soll.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Garten<\/h4>\n\n\n\n<p>Um zur Minnegrotte zu gelangen, durchquert man zun\u00e4chst einen idyllischen Garten, der die Grotte umgibt. Die Erz\u00e4hlinstanz stellt diesen Garten als einen Ort der romantischen Begegnung von Tristan und Isolde dar. Ein wichtiges Merkmal dieses Gartens sind die Lindenb\u00e4ume, die das kleine Paradies zieren und im Text mehrmals erw\u00e4hnt werden (vgl. V. 16731, 16741, 16882 und 17169). Sie sind auch die einzigen Pflanzen, die nach ihrer Art genannt und nicht mit einem Oberbegriff aufgez\u00e4hlt werden. In der N\u00e4he der Grotte befinden sich drei dichtbelaubte Linden und noch drei weitere in der N\u00e4he einer Quelle. Im sp\u00e4teren Verlauf des Textes erkl\u00e4rt die Erz\u00e4hlinstanz, dass Tristan und Isolde viel Zeit unter diesen B\u00e4umen verbrachten und miteinander ruhten, dem Rauschen der Quellen zuh\u00f6rten oder \u00fcber ihre Liebe redeten. Somit k\u00f6nnen die Lindenb\u00e4ume auch als Sinnbild f\u00fcr die romantische Beziehung zwischen Tristan und Isolde verstanden werden, die dar\u00fcber hinaus verst\u00e4rkend auf die Beziehung wirken. Zudem galten Lindenb\u00e4ume in der Literatur des Mittelalters als Symbol verl\u00e4sslicher Liebesbekundung, enger Freundschaft oder tragischer Leidenschaft.<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> Zwischen dem Verhalten des Paares und den Linden kann eine metonymische Beziehung festgestellt werden. Denn nicht nur die Liebkosung Tristans und Isoldes intensiviert als K\u00f6rperzeichen die Zeichenhaftigkeit der lieblichen B\u00e4ume; diese wirken aufgrund ihrer r\u00e4umlichen N\u00e4he zum Paar ebenso zur\u00fcck auf die Qualit\u00e4t der Partnerschaft zwischen den beiden. Diese Darstellungsform der metonymischen Beziehung des Paares mit den Linden verst\u00e4rkt das Thema der Liebe im Garten der Minnegrotte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch nennt die Erz\u00e4hlinstanz nicht ausschliesslich die Lindenb\u00e4ume, sondern listet bei der Beschreibung der Gartenanlage auch Blumen, Gras, eine Quelle, V\u00f6gel und den Wind auf. Im Vergleich zum Leben am Hofe des K\u00f6nigs Marke, in dem Tristan und Isolde von Rittern, M\u00e4gden und der \u00fcbrigen Hofgesellschaft umgeben waren, begr\u00fcndet die Erz\u00e4hlinstanz das Gl\u00fcck des Paares damit, dass dieser umliegende Garten nun ihren neuen Hofstaat darstelle: <em>Ir staetez ingesinde \/ daz was diu gr\u00fcene linde, \/ der schate und diu sunne, \/ diu riviere unde der brunne, \/ bluomen, gras, loup unde bluot, \/ daz in den ougen sanfte tuot<\/em> (V. 16881\u201316886). Die Erz\u00e4hlinstanz versucht somit, den h\u00f6fischen Lebensstil und dessen Personal mit dem Garten und seinen Best\u00e4nden zu substituieren. Die umliegende Natur wird nun zur Dienerin der Verliebten; obendrein bietet sie den Verliebten Schutz, Geborgenheit und Sicherheit, aber auch Unterhaltung. In diesem Sinne besteht die zentrale Funktion des Gartens darin, dass er zwischen den beiden Lebenswelten vermittelt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die T\u00fcr<\/h4>\n\n\n\n<p>Bevor wir nun in die Minnegrotte eintreten, treffen wir auf eine metallene T\u00fcr, welche einerseits den Eingang zur Grotte bildet, andererseits selbst aber auch schon mit viel Bedeutung aufgeladen ist. Die <em>\u00ear\u00eene t\u00fcr <\/em>(V. 17006) stellt die Grenze zwischen dem Garten und der eigentlichen H\u00f6hle dar, was sie aber keineswegs nur zu einem simplen Ein- und Ausgang macht. Ihre Funktion besteht auch in der Vermittlung zwischen Aussen und Innen sowie der Aussonderung von unerw\u00fcnschten \u00e4usseren Einfl\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bedeutsam, ob eine T\u00fcr ge\u00f6ffnet oder geschlossen ist. Eine ge\u00f6ffnete T\u00fcr gew\u00e4hrt einen Einblick in das Innere, dieser kann limitiert sein und Neugierde sch\u00fcren, ist die T\u00fcr einen Spalt weit ge\u00f6ffnet; er kann aber auch, bei weit ge\u00f6ffneter T\u00fcr, einladend als Angebot wirken. Die Aussenwelt erh\u00e4lt durch die T\u00fcr\u00f6ffnung visuelle Informationen \u00fcber die Welt auf der anderen Seite der T\u00fcr, dies gilt vice versa in gleichem Ma\u00dfe. Ein einfaches Schliessen der T\u00fcre stoppt diese Informationsvermittlung. Doch auch eine geschlossene T\u00fcr kann \u00dcbermittler von Information sein: Aussenstehende erhalten den Eindruck, dass im Inneren etwas geschieht, das nur f\u00fcr die Augen der sich dort befindenden Personen bestimmt ist. Zus\u00e4tzlich kann eine geschlossene T\u00fcr auch dazu einladen, ge\u00f6ffnet zu werden, um die andere, dahinterliegende Welt im Berg zu erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Personen, die sich in der Grotte befinden, steht sie f\u00fcr Schutz, was bei der Minnegrotte vor allem durch den einzigartigen Schliessmechanismus gew\u00e4hrleistet wird: <em>Mit disen zwein insigelen, \/ mit disen reinen rigelen \/ s\u00f4 ist der Minnen h\u00fbs bewart, \/ valsch unde gewalte vor bespart<\/em> (V. 17027\u201317030). Die T\u00fcr besitzt, neben einem versteckten Schnappschloss, zwei Riegel an der Innenseite, durch die Personen im Inneren ihre Geliebten hereinlassen k\u00f6nnen. Dieser Mechanismus sch\u00fctzt nicht nur vor gewaltsamem Eindringen von Unerw\u00fcnschten, sondern das Schloss erm\u00f6glicht der Person im Innern zugleich, der anderen im Au\u00dfen zu zeigen, dass sie sie liebt und hereinlassen will. Da die Person im Inneren selbst entscheiden kann, ob sie die T\u00fcr \u00f6ffnet, ist sie gegen erzwungene Liebe gesch\u00fctzt. Somit wird die T\u00fcr mit ihrem Schloss zu einem Medium der Kommunikation, das Treue, Liebe und Einverst\u00e4ndnis auf die andere Seite \u00fcbermitteln kann, was aber nur funktioniert, wenn beide Personen die T\u00fcr zu deuten verm\u00f6gen. Durch die Erz\u00e4hlinstanz erf\u00e4hrt man von der Bedeutung der T\u00fcr, die allegorisch vermittelt wird und die man zuerst erlernen muss, um \u00d6ffnen und Schliessen der T\u00fcr interpretieren zu k\u00f6nnen. Ist man dazu in der Lage, dann steht die T\u00fcr nicht nur allegorisch f\u00fcr eine treue und best\u00e4ndige Liebe, sondern im Moment, in dem sie sich von innen \u00f6ffnet, sagt sie dies nonverbal auch selbst aus: <em>Durch daz ist d\u00e2 der Minnen tor, \/ diu \u00earine t\u00fcr vor, \/ die nieman kann gewinnen, \/ ern gewinne s\u00ee mit minnen<\/em> (V. 17005 \u201317008). Eine \u00d6ffnung kann somit als ein Beweis der Liebe gedeutet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine T\u00fcr ist also nicht nur Grenze und Grenzraum zwischen zwei Welten, sondern l\u00e4sst sich auch als Schwelle deuten, an der \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob sie ge\u00f6ffnet oder geschlossen ist \u2013 eine stetige Kommunikation zwischen den beiden Seiten stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die drei Fenster<\/h4>\n\n\n\n<p>Neben der T\u00fcr fallen auch Fenster als potenzielle \u00d6ffnungen der H\u00f6hle ins Auge. Die Erz\u00e4hlstimme l\u00f6st hier direkt auf, wof\u00fcr die Fenster stehen sollen, n\u00e4mlich f\u00fcr <em>g\u00fcete, diem\u00fcete und zuht<\/em> (V. 17063\u201317065). Somit werden die Fenster als Teil der Allegorie greifbar gemacht. Doch die Fenster haben zus\u00e4tzlich eine spezielle Aufgabe: Sie vermitteln je nach Situation und je nach Person, die hindurchblickt, Unterschiedliches.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"697\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-697x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1263\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-697x1024.jpg 697w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-204x300.jpg 204w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-768x1129.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-1045x1536.jpg 1045w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-374x550.jpg 374w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte-340x500.jpg 340w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/10\/Abb_Minnegrotte.jpg 1340w\" sizes=\"auto, (max-width: 697px) 100vw, 697px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Marke beobachtet den Schlaf der Liebenden in der Minnegrotte und verstopft eines der Fenster (Mitte). &#8218;Tristan&#8216;-Handschrift (erste H\u00e4lfte 13. Jh.), M\u00fcnchen, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 51, fol. 90r. Digitalisat: <a href=\"https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/de\/view\/bsb00088332?page=183\">https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/de\/view\/bsb00088332?page=183<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>So scheint etwa die Sonne durch die Fenster in die H\u00f6hle hinein (vgl. V. 17061f.). Damit wird klar markiert, dass es ein Innen und ein Aussen gibt. Die Art und Weise, wie die Sonne in die H\u00f6hle scheint, wird anschliessend ausgef\u00fchrt: <em>Ze disen dr\u00een \/ d\u00e2 lachet \u00een der s\u00fceze sch\u00een, \/ diu saelige gleste, \/ \u00eare, aller liehte beste \/ und erliuhtet die fossiure \/ wertl\u00eecher \u00e2ventiure<\/em> (V. 17065\u201317070). Das Sonnenlicht aktiviert hier gewissermassen die h\u00f6fischen Werte <em>g\u00fcete<\/em>, <em>diem\u00fcete<\/em> und <em>zuht<\/em> in der H\u00f6hle durch die Fenster. Die Fenster spenden nicht nur Licht, sondern k\u00f6nnen mit ihrem Glanz bis <em>in daz herze m\u00een<\/em> (V. 17134) dringen. Die Erz\u00e4hlinstanz schreibt hier den Fenstern das Potenzial zu, die Allegorie \u00fcber den Text hinaus auf Herzen, vielleicht sogar auf die der Rezipierenden, wirken lassen zu k\u00f6nnen. Die Fenster fungieren somit als vermittelnde Schnittstelle sowohl zwischen Minnegrotte und Hof als auch zwischen dem Text und den Leser*innen sowie zwischen Innen und Aussen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald begegnet man einem weiteren Fenster, durch das sogar eine Figur der Handlung Einblick in die Minnegrotte erh\u00e4lt. Dies n\u00e4mlich, als der J\u00e4ger Markes zuf\u00e4llig auf die Grotte st\u00f6sst, durch die T\u00fcr nicht eintreten kann und auf der Suche nach einem anderen Eingang dieses Fenster entdeckt. Die Betonung liegt hier auf dem Singular des Wortes: <em>ein tougenl\u00eeches vensterl\u00een<\/em> (V. 17435). Es handelt sich um eines der drei Fenster, das nun in seiner Eigenst\u00e4ndigkeit eine neue Funktion einnimmt. Genau wie die T\u00fcr, die nur wahre Liebende eintreten l\u00e4sst, wandelt sich auch dieses eine Fenster in seiner Funktion je nach Situation. Tritt der J\u00e4ger an das Fenster, ist der Kontrast vom \u00e4usseren H\u00f6fischen zum inneren Mythischen klar markiert, zumal der J\u00e4ger beim Anblick der Liebenden Angst versp\u00fcrt und denkt, [\u2026] <em>ez waere \/ estwaz von wilden dingen<\/em> (V. 17450f.). Das Fenster fungiert hier somit wieder als eine Verbindung von Aussen und Innen. Es wirkt zudem als ein Medium des Sehens, durch das Marke, wenn auch nur indirekt mittels seines J\u00e4gers, das Liebespaar, getrennt durch das Schwert, erblickt (vgl. V. 17503\u201317507). Dabei handelt es sich jedoch keineswegs um eine versch\u00e4rfende Sehhilfe. Das Fenster fungiert eben gerade nicht, wie so oft in der mittelalterlichen Literatur, als Metapher der Erkenntnis.<a id=\"_ednref4\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a> Markes Sicht durch das Fenster ist getr\u00fcbt und er l\u00e4sst sich durch die Sch\u00f6nheit Isoldes blenden, welche durch das einfallende Sonnenlicht besonders erstrahlt (vgl. V. 17576\u2013177586). Das eintretende Sonnenlicht ist demnach nicht das Licht der Erkenntnis oder Bringer von h\u00f6fischen Tugenden, sondern es wird aufgrund des sich wandelnden Fensters zum Medium der T\u00e4uschung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Boden und das Bett<\/h4>\n\n\n\n<p>Treten wir nun als Abschluss dieses Rundgangs in die Minnegrotte selbst ein. In der ersten Beschreibung der Grotte ist der gr\u00fcne Marmorboden das Einzige, das einen Vergleich erf\u00e4hrt. So heisst es in V. 16713\u201316715: <em>und unden was der ester\u00eech [\u2026] von gr\u00fcenem marmel alse gras.<\/em> Der Boden der Grotte macht also den Eindruck, als ob er aus Gras best\u00fcnde. In der Allegorese wird der Fussboden mit der <em>staete<\/em> gleichgesetzt, was auf Neuhochdeutsch u.&nbsp;a. mit Treue, Best\u00e4ndigkeit und Dauer \u00fcbersetzt werden kann.<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> Der Erz\u00e4hlinstanz zufolge ist <em>staete<\/em> die treffendste Deutung des Bodens, da er gr\u00fcn und ebenm\u00e4ssig ist (vgl. V. 16969\u201316976). Dabei f\u00e4llt besonders auf, dass der Text auf den Vergleich mit dem Gras aus der ersten Beschreibung rekurriert: <em>diu staete sol ze rehte \/ ingr\u00fcene s\u00een reht alse gras<\/em> (V. 16974\u201316975). Die Best\u00e4ndigkeit soll so zuverl\u00e4ssig sein wie die Tatsache, dass Gras gr\u00fcn ist. Interessant ist, dass die Erz\u00e4hlinstanz den Boden in seiner Funktion als Informationstr\u00e4ger f\u00fcr die Botschaft <em>staete<\/em> \u00fcber die Farbe legitimiert. Die entscheidende Br\u00fccke zwischen Farbe und Information des Bodens wird dabei \u00fcber den zweifachen Vergleich mit dem gr\u00fcnen Gras geschlagen. Die Erz\u00e4hlinstanz begr\u00fcndet jedoch nicht nur das vermittelnde Element, sondern teilt durch die Bewertung von <em>staete<\/em> als treffendste Deutung implizit mit, dass der Boden auch andere Inhalte transportieren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kristallbett in der Mitte der Minnegrotte ist der einzige Einrichtungsgegenstand, der ohne Allegorese der Erz\u00e4hlinstanz von den Leser*innen als Medium erkannt werden kann. Rundum sind n\u00e4mlich Buchstaben in das Bett eingraviert, die besagen, dass das <em>Bett \u00fbz cristall\u00eenem steine<\/em> (V. 16718) der <em>gottinne Minne<\/em> (V. 16723), also der Liebesg\u00f6ttin, gewidmet ist. Diese Information erhalten die Leser*innen bereits bei der ersten, vorwiegend deskriptiven Beschreibung der Minnegrotte. In der zweiten Schilderung der Grotte, der Allegorese, geht die Erz\u00e4hlinstanz interessanterweise nicht mehr auf die Inschrift ein. Der Fokus liegt hier auf dem Material des Bettes, dem Kristall. Dieser \u00fcbermittelt die Information, dass die Minne genau wie der Edelstein klar, durchsichtig und lauter sein soll (vgl. V. 16977\u201316984). Folglich ist das Kristallbett ein doppeltes Medium: Einerseits vermittelt es durch seine Materialit\u00e4t einen Teil der <em>minne<\/em>-Wertvorstellungen, die aber von der Erz\u00e4hlinstanz aufgeschl\u00fcsselt werden m\u00fcssen. Andererseits tr\u00e4gt es die explizite Botschaft, dass dieses Bett der Liebesg\u00f6ttin geweiht und somit ein Ort der Liebe ist. Diese Doppelung stellt das Kristallbett nicht nur als r\u00e4umliches, sondern auch als allegorisches Zentrum der Minnegrotte aus.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Austritt aus der Grotte und R\u00fcckblick<\/h4>\n\n\n\n<p>Die bisherigen Streifz\u00fcge haben den Nachweis zu erbringen versucht, dass nicht nur Bilder, Filme oder Erz\u00e4hlinstanzen, sondern auch der Text an sich oder Objekte in der Erz\u00e4hlung Informationen tragen k\u00f6nnen. Dies manifestiert sich bereits im Garten, der in seiner Abgeschiedenheit das Zusammenleben des Paares erst erm\u00f6glicht und somit als vermittelnde Instanz der Liebe und als Durchlass des H\u00f6fischen fungiert. Noch klarer er\u00f6ffnen sich mediale Funktionen an der T\u00fcr mit dem Liebesschloss als Vermittler zwischen Innen und Aussen sowie als Kommunikationspunkt. Mit den Fenstern kommen die Komponenten des Sehens und der T\u00e4uschung hinzu. Im beschrifteten Bett, das durch die Inschrift sich selbst als Medium zu erkennen gibt, erreichen die unterschiedlichen informations\u00fcbermittelnden Funktionen der Minnegrotte ihren H\u00f6hepunkt. Somit unterstreicht der in diesem Beitrag aufgezeigte facettenreiche Vermittlungscharakter, dass H\u00f6hlen und Grotten mehr sind als eindimensionale Schaupl\u00e4tze und sich eine eingehendere Untersuchung als \u00e4usserst fruchtbar erweisen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Andreas Hammer: Minnegrotte. In: Tilo Renz \/ Monika Hanauska \/ Mathias Herweg (Hg.): Literarische Orte in deutschsprachigen Erz\u00e4hlungen des Mittelalters. Ein Handbuch. Berlin\/Boston 2019, S. 427\u2013436, bes. S. 429.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn2\" href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> Gottfried von Stra\u00dfburg: Tristan. Band 2. Mittelhochdeutsch \/ Neuhochdeutsch. Reclam. Stuttgart 2002 (Tristan Band 4472), V. 16923\u201316927. Im Folgenden werden bei Zitation dieser Prim\u00e4rliteratur nur die Verse angegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Gerhard Robert Richter: Zur Kulturgeschichte der Linde. In: LWF Wissen 78 (2016), S. 73\u201378, bes. S. 75.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Pia Selmayr: Tor, T\u00fcr, Treppe, Fenster. In: Tilo Renz \/ Monika Hanauska \/ Mathias Herweg (Hg.): Literarische Orte in deutschsprachigen Erz\u00e4hlungen des Mittelalters. Ein Handbuch. Berlin\/ Boston 2019, S. 519\u2013531, bes. S. 520.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Beate Hennig: Art. st\u00e6te. In: Kleines mittelhochdeutsches W\u00f6rterbuch. 6. Auflage (2014), S. 299.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was kann auf dem Weg zu einer H\u00f6hle alles vermittelt werden? Worin gr\u00fcndet das informationstragende Potenzial von unterschiedlichen H\u00f6hlenzug\u00e4ngen? Welche Bedeutung kommt der Gestaltung des H\u00f6hleninnenraums zu? Im folgenden Beitrag untersuchen wir verschiedene Teile der Minnegrotte aus Gottfrieds Tristan auf ihre medialen Funktionen hin. 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