{"id":114,"date":"2018-12-15T02:00:08","date_gmt":"2018-12-15T01:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=114"},"modified":"2019-01-29T15:32:24","modified_gmt":"2019-01-29T14:32:24","slug":"faust-zwischen-wittenberg-krakau-ingolstadt-und-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/12\/15\/faust-zwischen-wittenberg-krakau-ingolstadt-und-muenchen\/","title":{"rendered":"Faust(us) zwischen Wittenberg, Krakau, Ingolstadt \u2013 und M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<h3>M\u00fcnchen<\/h3>\n<figure id=\"attachment_123\" aria-describedby=\"caption-attachment-123\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/faust.muenchen.de\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-123 size-medium\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival-300x185.png\" alt=\"Screenshot der Homepage des Faust-Festivals M\u00fcnchen\" width=\"300\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival-300x185.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival-768x475.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival-1024x633.png 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival-465x287.png 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival-695x430.png 695w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faust-Festival.png 1231w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-123\" class=\"wp-caption-text\">Faust-Festival in M\u00fcnchen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Faust und M\u00fcnchen \u2013 dies war gerade im Zeichen des \u201aFaust-Festivals\u2018, das in diesem Blog von Mike Bill ausf\u00fchrlich besprochen wurde, eine einschl\u00e4gige Kombination: \u201eEin Drama, eine Stadt, hunderte Events\u201c. <!--more-->Dem anbiedernden Wahlspruch der Ausstellung in der Kunsthalle folgend (\u201aDu bist Faust\u2018), der die primitivste Form der Rezeption fordert, n\u00e4mlich die identifikatorische, und vielleicht nicht einmal dies einl\u00f6st, weht der faustische Geist, oder das, was daf\u00fcr gehalten wird, durch alle Winkel der Stadt, bis jeder wei\u00df: \u201eWir alle sind Faust.\u201c \u2013 Derlei kollektivistische Statements h\u00e4tten in der Stadt an der Isar oder allgemein in oberbayrischen Gefilden vor vierhundert Jahren noch ein entschiedenes: \u201aNein, danke\u2018 geerntet. Spektakel hin oder her. Faust und die Patrona Bavariae, das sind zwei Dinge, die kaum zusammengehen. Es gibt historische Gr\u00fcnde und alte Feindschaften. Diese zeigen sich gerade in historisch-mediologischer Perspektive: Faust(us) \u2013 das ist zum einen nat\u00fcrlich eine historische Figur, \u00fcber die allerdings nicht mehr allzuviel gewusst werden kann (und vielleicht nie werden konnte). Faust(us) \u2013 das ist zum anderen ein Kristallisationspunkt verschiedener Diskurse, der zum Medienereignis wurde und zu dessen Profilierung immer auch die Medialit\u00e4t des Raums mitgenutzt wurde. St\u00e4dte sind nicht einfach nur historische Gegebenheiten, sondern Medien eines Wissens: in diesem Fall von Eigenem und Fremdem,\u00a0von Rechtgl\u00e4ubigkeit und Orthodoxie, ja von Heil und Verdammnis.<\/p>\n<h3>Wittenberg<\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-134 alignleft\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/Faustus-Historia-193x300.png\" alt=\"Titelblatt der Historia von D. Johann Fausten\" width=\"193\" height=\"300\" \/>Der erste Text, der umfassend \u00fcber Fausts Leben und Sterben unterrichtet, ist die 1587 bei Johann Spies gedruckte Historia von D. Johann Fausten. Sie l\u00e4sst Faustus als Bauernsohn in \u201aRod bey Weinmar\u2018 geboren sein, der zu Wittenberg aber zahlreiche Verwandte hatte, wo er auch Theologie studierte und schlie\u00dflich sogar promoviert wurde zum Doctor Theologiae. Dies freilich war nur der vielversprechende Anfang, ehe Faustus sich f\u00fcr Dinge interessierte, f\u00fcr die er sich nicht interessieren durfte. Der Teufel sollte ihm die Antworten geben, die er sich selbst nicht geben konnte, und es ist eine besonders traurige Pointe, dass Mephostophiles daf\u00fcr, dass Faustus ihm seine Seele verschreibt, nur veraltetes Wissen bieten kann \u2013 und eine Menge faulen Zaubers. Die Spie\u00dfsche Historia geht virtuos mit zu ihrer Zeit schon veralteten Wissensbest\u00e4nden um, montiert sie sinnwidrig, verst\u00fcmmelnd, richtet aus altem, aber noch nicht abwegigen Wissensbest\u00e4nden einen Tr\u00fcmmerhaufen auf, dessen Schrottcharakter daf\u00fcr steht, was vom Teufel zu erwarten ist. Der Text, denunziatorisch von Anfang bis Ende, warnt vor Teufelsbund und Zauberei angesichts der Tatsache, dass beides den Abfall von Gott bedeutet. Entsprechend wird Faustus in diesem Text, der gerade in der Vorrede und in den Marginalien f\u00fcr einen Lutheranismus strengster Observanz steht, als Negativexempel, ja mehr noch: als Anti-Luther pr\u00e4sentiert, der die Bibel unter die Bank legt.<\/p>\n<p>Dennoch aber war Faustus auf diese Weise &#8211; und nicht zuletzt auch durch die zahlreichen Raubdrucke und Fortschreibungen &#8211; mit Wittenberg verkn\u00fcpft, wenn das auch in einer inversen Logik geschehen war. Es dauerte nicht lange, bis sich gegen diese Version der Geschichte Widerstand regte. Der Einspruch kam 1593 durch Hermann Witekind, ebenfalls Protestant, allerdings eher Anh\u00e4nger Melanchthons als Teil der Luther verg\u00f6tzenden Kreise, aus denen die Historia von D. Johann Fausten stammt. Witekind hatte sich zuvor schon mit Faustus besch\u00e4ftigt; die Verbindung des Zauberers Faustus mit dem Teufel geht auf ihn zur\u00fcck, aber er kann ganz und gar nicht damit leben, dass Faustus in Wittenberg studiert h\u00e4tte.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDa\u00df man in solcher Vniuersitet einen solchen\u00a0\/ den Melanthon ein schei\u00dfhau\u00df vieler teufel pflag zu nennen\u00a0\/ solte zum Magister\u00a0\/ ich geschweige zum Doctor Theologi\u00e6 gemacht haben\u00a0\/ welches dem grad vnd ehren titul ein ewige schmach vnd schand flecke were\u00a0\/ wer glaubet das?\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h3>Krakau<\/h3>\n<p>Ja, wer glaubt das, dass Faustus, den Melanchthon ein \u201eschei\u00dfhau\u00df vieler teufel\u201c nannte, in Wittenberg magistriert und promoviert worden w\u00e4re? Das konnte nur ein orthodoxer Lutheraner strengster Observanz sein, jedenfalls niemand, der (wie Witekind) mit Melanchthon sympathisierte. F\u00fcr Witekind ist dagegen klar, dass Faustus in Krakau studiert hatte \u2013 eine Universit\u00e4t, die f\u00fcr die Nigromantie, die \u201eschwartze kunst\u201c ber\u00fchmt war. Witekind beharrt darauf, dass Faustus weder in Wittenberg studiert habe noch dass ihn dort der Teufel holte. Faustus machte sich nach Witekinds Darstellung n\u00e4mlich auf und davon, nachdem man ihn einsperren wollte, da\u00a0\u201e<span lang=\"DE\">ers zu grob machete\u201c. Wittenberg erscheint in dieser Perspektive weniger als die Stadt Luthers, sondern vor allem als Stadt der Universit\u00e4t, die mit Melanchthon verbunden ist und unter keinen Umst\u00e4nden besch\u00e4digt werden darf.<\/span><\/p>\n<h3>Ingolstadt<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend Faustus in den innerprotestantischen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts so jeweils polemisch funktionalisiert wird, ger\u00e4t zugleich in den Hintergrund, wo der Feind denn eigentlich steht. Georg Rudolff Widman hingegen berichtet 1599 davon, wie Faustus, der bei ihm auch Sohn armer Bauern ist, vom reichen Wittenberger Vetter, den auch die Spiessche Historia kennt, an Kindes statt angenommen und an die Universit\u00e4t Ingolstadt geschickt wurde, wo er das Magisterexamen ablegt.<br \/>\nDas war freilich gegen\u00fcber den oberbayrischen Bildungsinstitutionen nicht freundlich gemeint, denn wer hat schon gerne etwas mit einem aus urprotestantischen Zusammenhang stammenden Teufelsb\u00fcndler zu tun, der schlie\u00dflich in der H\u00f6lle landet? Sicher niemand; die altgl\u00e4ubige Seite hatte dem protestantischen Negativexempel aber auch etwas entgegenzustellen.<br \/>\nTheophilus, den die \u00e4ltere Forschung den \u201eFaust des Mittelalters\u201c nannte, ist ebenfalls Teufelsb\u00fcndler, wird aber von der Jungfrau Maria gerettet wird \u2013 eine Option, die Faustus im lutherischen Umfeld nat\u00fcrlich nicht hatte. Entsprechend tritt am Ende des im Oktober 1621 am Jesuitengymnasium in Ingolstadt aufgef\u00fchrten Theophilus-Dramas Faustus zusammen mit einem italienischen Zauberer auf, die beide in der H\u00f6lle schmoren und deren ewige Verdammnis der Rettung des Theophilus kontrastiv gegen\u00fcbergestellt wird. Hier nun erscheint Faustus leibhaftig im Stadtraum, auf der B\u00fchne des Jesuitendramas, und verk\u00f6rpert das Ensemble aus kontroverstheologischem Diskurs und stadtr\u00e4umlicher Verortung, das in den Medien des Drucks erzeugt und umgeschrieben worden war.<\/p>\n<p>Figur und Stadtraum \u2013 diese bilden einen Zusammenhang, der die Auseinandersetzungen mit Faustus im 16. und 17. Jahrhundert pr\u00e4gt. Bei Goethe ist dieser Nexus weitestgehend aufgegeben; erst Thomas Mann wird mit der Verbindung von Adrian Leverk\u00fchn und Kaisersaschern auch diesen Aspekt des fr\u00fchneuzeitlichen Zusammenhangs transformieren. Nun also noch einmal: Faust und M\u00fcnchen? Ist da nur der titanische Faust Goethescher Pr\u00e4gung gemeint? Oder w\u00e4re\u00a0der verdammte Faust(us), der sich \u00fcber die Grenzen legitimer Erkenntnis hinwegsetzt und daf\u00fcr in der H\u00f6lle landet, nicht doch auch mitgemeint? So oder so, man sollte den M\u00fcnchner eine Ausstellung ans Herz legen, in der alle emphatisch bekennen k\u00f6nnen: \u201eWir sind Theophilus!\u201c In diesem Sinne gesegnete Festtage.<\/p>\n<p><em>Maximilian Benz lehrt und forscht im Bereich der \u00c4lteren deutschen Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/p>\n<p>Mit diesem Beitrag geht der medioscope-Newsletter des ZHM in eine Weihnachtspause. Weitere Beitr\u00e4ge folgen nach einer kurzen Unterbrechung im neuen Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcnchen Faust und M\u00fcnchen \u2013 dies war gerade im Zeichen des \u201aFaust-Festivals\u2018, das in diesem Blog von Mike Bill ausf\u00fchrlich besprochen wurde, eine einschl\u00e4gige Kombination: \u201eEin Drama, eine Stadt, hunderte Events\u201c.<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/12\/15\/faust-zwischen-wittenberg-krakau-ingolstadt-und-muenchen\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":434,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":null,"_FSMCFIC_featured_image_hide":null,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[7,8,9,10],"class_list":["entry","author-maxben","has-more-link","post-114","post","type-post","status-publish","format-standard","category-allgemein","tag-faust","tag-kontroverstheologie","tag-maria","tag-reformation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/434"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=114"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":516,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions\/516"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}