{"id":112,"date":"2018-11-15T02:00:32","date_gmt":"2018-11-15T01:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=112"},"modified":"2019-01-29T15:32:13","modified_gmt":"2019-01-29T14:32:13","slug":"medien-abschaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/11\/15\/medien-abschaffen\/","title":{"rendered":"Medien abschaffen!"},"content":{"rendered":"<p>\u201eMedium\u201c \u2013 diesen Begriff in der historisch-geisteswissenschaftlichen Textproduktion verwenden zu m\u00fcssen, aktivierte eine Weile lang (wohl in der ersten H\u00e4lfte der 2000er Jahre) meine Nackenhaare: zu modisch, zu ubiquit\u00e4r, zu anbiedernd an (nicht mehr ganz) aktuelle Paradigmen und gesellschaftliche Debatten. Dazu der Anspruch, die enorme Breite medienwissenschaftlicher Wissensproduktion ad\u00e4quat mitzudenken. Mit Bedacht habe ich ihn in meiner kunsthistorischen Promotionsschrift zu vermeiden gesucht oder sonst zumindest durch Kompositabildung spezifiziert (\u201eTr\u00e4germedium\u201c).<\/p>\n<p>Dann trat irgendwann eine Phase der Entspannung ein, Medientheorie ist zwar nicht \u00fcberholt, aber nicht mehr trendy und der allgemeine Gebrauch zeugt davon, dass nicht alles eingepreist werden muss (und kann!), was an medientheoretischem Wissen zirkuliert. Viel zu breit und widerspr\u00fcchlich ist alles ausdifferenziert. Eine historische Konstellation als \u201amedial\u2018 zu bezeichnen, steht nicht mehr im Ruch effekthascherischen Metaphorisierens, sondern ist legitime Wissenschaftssprache \u2013 wenn sich etwas medientheoretisch Relevantes damit verbindet. Und es stehen nicht mehr automatisch die McLuhmanns \u2013 Brangelina der Medientheorie \u2013 im Raum und sehen einem kritisch \u00fcber die Schulter.<\/p>\n<p>Man passt sich, wenn man den Begriff nicht schlicht so wie fr\u00fcher auch schon im Fach Kunstgeschichte als Bezeichnung von Materialien bzw. Techniken verwendet, dem spezifischen Begriffsverst\u00e4ndnis eines Autors oder einer Theorieposition an und weist dies zumindest andeutungsweise aus. Oder aber: man hat aufgrund eines medientheoretischen <em>anything goes<\/em> offenbar die Lizenz, den Begriff im Sinne eines diffusen Alltagsverst\u00e4ndnisses einzusetzen.<\/p>\n<p>Letzteres ist es, was in F\u00e4chern, die in ihrer Breite nicht direkt an medientheoretischer Forschung partizipieren, zu problematischen Aush\u00f6hlungseffekten f\u00fchrt. Man wei\u00df oft nicht mehr, was gemeint ist, wenn jemand \u201aMedium\u2018 sagt \u2013 ein misslicher Zustand f\u00fcr Wissenschaftssprache. Nat\u00fcrlich war es gerade die Medienwissenschaft, die gezeigt hat, dass nahezu alles als Medium fungieren und ergo so bezeichnet werden kann. Aber sie hat doch nie behauptet, alle Formen der medialen Operation tr\u00e4ten immer zugleich auf, sobald etwas als Medium adressiert wird! In diese Richtung indes scheint mir der problematische Wortgebrauch zu gehen. Es d\u00fcrfte noch common sense sein, dass mit der Wahl des Wortes entweder die Sph\u00e4re der Kommunikation als Rahmen aufgerufen oder aber eine Perspektive impliziert wird, die beobachten will, dass etwas durch etwas hindurch muss, eine Form der Materialit\u00e4t oder der Formatierung\/Codierung, die dem \u201aetwas\u2018 ihre eigenen Gesetze auferlegt, die Einschr\u00e4nkungen und spezifische Wahrnehmungsformen zeitigt. Aber \u00fcber diese allgemeinen Konnotationen des Begriffsgebrauchs hinaus wird es schnell sehr indifferent, wenn der Kontext nicht klar macht, was gemeint ist.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Problem, das ich beim derzeitigen Gebrauch der Begriffe \u201aMedium\u2018 und \u201amedial\u2018 etc. in F\u00e4chern wie der Kunstgeschichte beobachte, ist die mangelnde Reflexion dessen, dass es aufgrund der Vielzahl von Formen medialer Vermittlung, Speicherung, Wahrnehmbarmachung etc. einer gedanklichen Entscheidung und sprachlichen Markierung bedarf, was davon genau gemeint ist. Die Rede vom \u201aMedium\u2018 verf\u00fchrt in besonderer Weise dazu, solche Unterscheidungen zu unterdr\u00fccken. Sie impliziert n\u00e4mlich eine relativ feste Zuordnung eines mit fixen Eigenschaften versehenen Etiketts an eine ebenfalls fixe Sache. Nehmen wir die Druckgraphik als Beispiel, das historische Paradebeispiel f\u00fcr medialen Wandel und seine epistemischen wie sozialen Folgen, #Gutenberggalaxis, #Medien der Reformation.<\/p>\n<p>Das Problem ist nun weniger, dass nicht in jedem Fall sprachlich zwischen Hoch- und Tiefdruck, Einblattdruck und Buchdruck usw. unterschieden wird. Es kann ja in bestimmten F\u00e4llen durchaus praktisch und zielf\u00fchrend sein, auf einem h\u00f6heren Abstraktionsniveau schlicht von \u201eDruckgraphik\u201c zu sprechen und in den anderen F\u00e4llen leistet der Zusammenhang den Rest. Noch deutlich unproduktiver ist es, wenn sich die Art der adressierten medialen Operation entzieht.<\/p>\n<figure style=\"width: 304px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cd\/The_Large_Virgin_of_Einsiedeln.jpg\" width=\"304\" height=\"472\"><figcaption class=\"wp-caption-text\">Meister E.S., Die grosse Jungfrau von Einsiedeln, 1466<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Kupferstich des Meisters E.S., der ein Gnadenbild in Einsiedeln zeigt, kann in verschiedensten Konstellationen als \u201aMittel\u2018 oder \u201aMittleres\u2018 fungieren: Die Technik mit ihrer mehrstufigen Bildentstehung und dem mit ihr verkn\u00fcpften Distributionssystem sind mediale Bedingungen k\u00fcnstlerischen Schaffens, in einem gewissen Blickwinkel auch \u201eMedien der Kunst\u201c (Hans Belting differenzierte diese von \u201eMedien des Bildes\u201c, also Tr\u00e4germedien in bildtheoretischer Hinsicht). Die Bildentstehung muss durch das Nadel\u00f6hr eines materiellen und technischen Komplexes. Eine bestimmte \u00c4sthetik ist die Folge, doch es gibt auch Auswirkungen bis in die Wahl der Motive \u2013 Blut ist nicht so attraktiv wie in der zeitgen\u00f6ssischen Malerei zum Beispiel. Auch treten Portr\u00e4ts von Einzelpersonen naturgem\u00e4\u00df weitaus seltener auf, eine Folge des implizierten unpers\u00f6nlichen Distributionssystems, das die k\u00fcnstlerische Graphikproduktion im engeren Sinne grosso modo mit dem Flugblattwesen oder dem Buchdruck teilt.<\/p>\n<p>Des Weiteren gibt es da eine bestimmte kl\u00f6sterliche Gemeinschaft, die im Besitz eines Gnadenbildes ist, mit dem sie regelm\u00e4\u00dfige Events (Wallfahrten) veranstalten. Diese Gemeinschaft nutzt die Darstellungsleistung des K\u00fcnstlers und das technische Verfahren hundertfacher Vervielf\u00e4ltigung, um ihre Botschaft weit zu verbreiten. Ist das nicht eine v\u00f6llig andere \u201amediale\u2018 Konstellation?<\/p>\n<p>Die Weisungen des Gnadenbildes stehen wiederum in einer gr\u00f6sseren medialen Achse, der vom S\u00fcndenfall gest\u00f6rten Kommunikation zwischen Gl\u00e4ubigen und Gott, die durch allerlei Mittel \u00fcberbr\u00fcckt werden muss. Unter diesen ist Maria (als <em>mediatrix<\/em> verehrt) ein zentrales, das Derivat ihres (begnadeten) Bildes und das Derivat vom Derivat, also das gedruckte Bild vom Gnadenbild reihen sich durchaus nicht ohne Wirkungsversprechen (Ablass!) in einer Art best\u00e4ndigem Supplementieren ein. Es gibt auf dieser globalen religi\u00f6sen Achse auch interessante \u201aEpizyklen\u2018, in denen Einzelpersonen sich eines Bildes als Instrument bedienen, weniger um indirekt \u00fcber gezeigte Heilige Kontakt aufzunehmen zur Gottheit, sondern vielmehr, um sich durch Erreichen eines geforderten Zustands der Kontemplation, Bu\u00dfe, Identifikation usw. \u00fcberhaupt f\u00fcr eine funktionierende Kontaktaufnahme mit \u201aganz oben\u2018 zu qualifizieren. Auch das ist eine weitere mediale Konstellation f\u00fcr sich, die das gedruckte Bild anders verortet, als wenn es als Substitut eines personalen Mittlers oder Gnadenbildes betrachtet wird.<\/p>\n<p>Gerade weil sich diese Funktionskomplexe oft eng einander anschmiegen oder gar punktuell \u00fcberlagern, gerade weil z.B. gesellschaftlich-kommunikative Prozesse k\u00fcnstlerisch-\u00e4sthetische mediale Zusammenh\u00e4nge gleichsam rekrutieren k\u00f6nnen (wobei sich im vorliegenden Fall die Repr\u00e4sentation einer bestimmten Skulptur zugunsten k\u00fcnstlerischer Eigenlogik erstaunlich weit vom Original entfernt) scheint mir Differenzierung geboten. Nat\u00fcrlich kann ich mit gutem Recht sagen, diese Druckgraphik sei ein Medium \u2013 sie ist sogar mindestens f\u00fcnf Medien, nur in den klassischsten Interessenshorizonten kunsthistorischer Analyse! Nur wenn nicht alles in einem Begriff implodiert, der immer schon alles zugleich ausdr\u00fccken soll, lassen sich die verschiedenen Konstellationen und Ebenen so weit analytisch auseinanderziehen, dass ihre fraglos existierenden Zusammenh\u00e4nge anschlie\u00dfend auch detailliert und historisch spezifisch beschrieben werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist also keineswegs nur sprachliche Sorglosigkeit oder gedankliche Differenzierungsverweigerung, die das Problem bilden. Selbst Lexikonartikel zum Stichwort Medium oder anspruchsvolle Texte in Einf\u00fchrungen zeigen das Problem, dass versucht wird, alles m\u00f6glichst eng zu verschr\u00e4nken, anstatt es m\u00f6glichst voneinander zu unterscheiden. Es scheint mir die mit dem Substantiv \u201aMedium\u2018 verbundene Idee, es gebe eine fixe Klasse von Gegenst\u00e4nden, die als solches benannt werden k\u00f6nnte, welche einen gro\u00dfen Teil der Probleme verursacht. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte und sollte man angesichts des Beispiels differenzieren zwischen dem Medium Kupferstich, dem Medium Druck, dem Medium Bild, dem Medium Maria, dem Medium Andachtsbild etc. Noch hilfreicher aber ist es, statt nach einem hoffnungslos \u00fcberdeterminierten Ding namens Medium vielmehr nach verschiedenen Prozessen und Konstellationen Ausschau zu halten und statt eines Substantivs Verben und Adjektive oder zumindest Genitivkonstruktionen (Medium wessen?) zu favorisieren, wenn es um mediale Zusammenh\u00e4nge geht.<\/p>\n<p><em>Marius Rimmele lehrt und forscht am Kunsthistorischen Institut der Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/em><\/p>\n<p><strong>N\u00e4chster Beitrag (1.12.):&nbsp;<\/strong>Der Gegenschuss aus dem dritten Jahrtausend der Christenheit (Raoul DuBois)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMedium\u201c \u2013 diesen Begriff in der historisch-geisteswissenschaftlichen Textproduktion verwenden zu m\u00fcssen, aktivierte eine Weile lang (wohl in der ersten H\u00e4lfte der 2000er Jahre) meine Nackenhaare: zu modisch, zu ubiquit\u00e4r, zu anbiedernd an (nicht mehr ganz) aktuelle Paradigmen und gesellschaftliche Debatten. Dazu der Anspruch, die enorme Breite medienwissenschaftlicher Wissensproduktion ad\u00e4quat mitzudenken.<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/11\/15\/medien-abschaffen\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":438,"featured_media":315,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":null,"_FSMCFIC_featured_image_hide":null,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["entry","author-marimm","post-112","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/438"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=112"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":518,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112\/revisions\/518"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}