{"id":111,"date":"2018-12-01T01:00:32","date_gmt":"2018-12-01T00:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=111"},"modified":"2019-01-29T15:32:19","modified_gmt":"2019-01-29T14:32:19","slug":"der-gegenschuss-aus-dem-dritten-jahrtausend-der-christenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2018\/12\/01\/der-gegenschuss-aus-dem-dritten-jahrtausend-der-christenheit\/","title":{"rendered":"Der Gegenschuss aus dem dritten Jahrtausend der Christenheit"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"DE\">Mit der Aussicht auf den Y2K-induzierten Kollaps der Zivilisation, einem Rekordfeuerwerk in nahezu jeder Metropole dieser Welt und einem Konzert von Jean-Michel Jarre zwischen den Pyramiden von Gizeh bot das Ende des 20. Jahrhunderts exzellente Aussicht auf einen hochkar\u00e4tigen Fernsehabend. Wer die letzte Jahrtausendwende vor dem heimischen Kathodenstrahlr\u00f6hrenbildschirm verbracht hat wei\u00df allerdings, dass die imposanten Inszenierungen, die dieses bedeutende Ereignis begleiteten, auf keinen Fall f\u00fcr den Bildschirm konzipiert wurden. Als gro\u00dfe Ausnahme ist in diesem Zusammenhang die TV-\u00dcbertragung anl\u00e4sslich des Auftakts des Jubeljahres 2000 vom 24. Dezember 1999 aus dem Vatikan zu bezeichnen. Zweifelsohne die wirkm\u00e4chtigste Inszenierung einer Zeitenwende des Jahres \u2013 zumindest aus Sicht des Zuschauers vor dem Fernsehger\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><!--more--><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">In Schweigen und ein schillerndes Pluvial geh\u00fcllt durchquert Johannes Paul II. auf vier Schultern gest\u00fctzt\u00a0das Atrium des Petersdoms. Dann am Fuss der Stufen, die zum n\u00f6rdlichsten Portal empor f\u00fchren, h\u00e4lt er inne \u2013 die <em>Porta sancta<\/em>. Das\u00a0\u00d6ffnen dieses stets verschlossenen, zugemauerten und versiegelten Zugangs zur Basilika markiert seit \u00fcber f\u00fcnf Jahrhunderten den Beginn des\u00a0<em>annum sanctum<\/em>, des heiligen, gnadenbringenden Jahres.<\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 177px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/ba\/Benedict_XIII_opens_the_Holy_Door_Jubilee_of_1725.jpg\" alt=\"Darstellung des \u00d6ffnens einer Porta Sancta aus dem 18. Jahrhundert\" width=\"177\" height=\"256\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Die Porta Sancta 1725<\/figcaption><\/figure>\n<p>1299 verk\u00fcndet Bonifatius VIII. in der Bulle\u00a0<em>Antiquorum habet fida relatio<\/em>, dass beginnend mit der bevorstehenden Jahrhundertwende alle 100 Jahre ein sogenanntes Heiliges Jahr zelebriert werden soll.\u00a0W\u00e4hrend dieses Jahres der Demut und der inneren Umkehr\u00a0soll einem jeden Pilger, der sich nach Rom begibt, um an der Eucharistiefeier im Petersdom teilzuhaben, Ablass f\u00fcr all seine S\u00fcnden gew\u00e4hrt werden. Die Idee stellte sich umgehend als durchschlagender Erfolg heraus. Schenkt man den Aufzeichnungen des florentinischen Geschichtsschreibers Giovanni Villani Vertrauen, sollen sich w\u00e4hrend dieses Jahres mehr als 200.000 Pilger zwecks\u00a0innerer Erneuerung nach Rom begeben haben. Es vermag aus diesem Grund kaum zu \u00fcberraschen, dass der Rhythmus von 100 Jahren noch vor der n\u00e4chsten Jahrhundertwende mehrfach reduziert wurde: 1343 halbierte Clemens VI. die Dauer und glich den Brauch damit dem alttestamentlichen Jubeljahr an. Urban VI. reduzierte das Intervall 1389 auf 33 Jahre und Paul II. setzte es im Jahr 1470 schliesslich auf jene 25 Jahre fest, die auch heute \u2013 von einzelnen Ausnahmen abgesehen \u2013 den Rhythmus des<em> annum sanctum<\/em>\u00a0diktieren.<\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Als Urszene in Bezug auf das rituelle \u00d6ffnen von T\u00fcren im Rahmen eines <em>annum sanctum<\/em>\u00a0l\u00e4sst sich das heilige Jahr 1423 identifizieren, zu dessen feierlichem Einl\u00e4uten Martin V. die\u00a0<em>Porta sancta<\/em>\u00a0der Lateranbasilika in Rom \u00f6ffnen liess. Bereits 1500 war das \u00d6ffnen aller vier heiligen T\u00fcren in Rom zum festen Bestandteil des heiligen Jahres erwachsen.\u00a0Der entsprechende Ablauf f\u00fcr die <em>Porta sancta <\/em>des Petersdoms ist in Aufzeichnungen des 16. Jahrhundert \u00fcberliefert \u2013 er hat sich in den letzten 500 Jahren kaum ver\u00e4ndert. Auf die Oratio\u00a0<em>Deus qui per Moysen<\/em> folgend, schl\u00e4gt der Papst mit einem in Gold und Silber gefassten Hammer dreimal gegen das versiegelte Mauerwerk, worauf dieses herausgebrochen und so der heilbringende Weg in die Basilika f\u00fcr die Pilger freigegeben wird. In Anlehnung an die Stellen des Johannes- und des Lukasevangeliums (Johannes 10,9; Lukas 11,9) wird die T\u00fcr als Symbol f\u00fcr Christus zu jenem zentralen Medium, an dem sich der Akt der <em>conversio\u00a0<\/em>vollzieht. Das \u00d6ffnen der T\u00fcr gibt den Weg zur\u00fcck zu Gott frei.<\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"_rz _27 _41 _2j\" src=\"https:\/\/i.pinimg.com\/564x\/27\/66\/b2\/2766b2b12256f7921efab6c27a7e7f3f.jpg\" alt=\"Panel from the Holy Door - St. Peter's Basilica\" width=\"234\" height=\"316\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Darstellung auf der Porta Sancta<\/figcaption><\/figure>\n<p>Diese Botschaft wird auch dem Betrachter des von\u00a0Vico Consorti \u2013 dem <em>maestro degli usci<\/em>\u00a0\u2013 entworfenen\u00a0Bildprogramms vermittelt, das die massiven bronzenen T\u00fcrfl\u00fcgel ziert, mit denen das 3.65m hohe und 2.30m breite Portal seit 1950 verschlossen wird.\u00a0Auf 16 bronzenen Relieftafeln finden sich Darstellungen aus dem Leben Jesu, die um den thematischen Schwerpunkt von S\u00fcnde und Vergebung kreisen. Davon unterscheiden sich die beiden obersten Relieftafeln des linken T\u00fcrfl\u00fcgels, auf denen die Vertreibung aus dem Paradies dargestellt ist, sowie\u00a0die untere rechte Bildtafel des rechten T\u00fcrfl\u00fcgels, auf dem anstelle einer biblischen Szene, die selbstreferentielle Darstellung des \u00d6ffnens der <em>Porta sancta<\/em> abgebildet is<em>t<\/em>.\u00a0Diese sinntr\u00e4chtige Gegen\u00fcberstellung gereicht der medialen Funktion der <em>Porta sancta<\/em> zu \u00e4usserster Deutlichkeit: Indem \u00fcber das Motiv der T\u00fcr Anfang und Ende respektive Fall und R\u00fcckkehr verkn\u00fcpft werden, wird die <em>Porta sancta\u00a0<\/em>als Mittel der Heilserlangung inszeniert und markiert den Anfang des Wegs zur\u00fcck ins Paradies. In Form des Papstes mit dem goldenen Hammer wird weiter jenes Gegenmodell des Engels mit dem flammenden Schwert installiert, das den Wiedereinzug ins Paradies erm\u00f6glicht. Das im Lukasevangellium erw\u00e4hnte Anklopfen wird dabei als zentrales Moment der Verheissung ausgestellt, weswegen es kaum zu erstaunen vermag, dass ausgerechnet dieses Moment Souvenirs und Gedenkm\u00fcnzen ziert und dar\u00fcber hinaus auch den H\u00f6hepunkt der filmischen Berichterstattungen darstellt. Nach gut 500 Jahren wurde 1999 schliesslich entschieden mit dieser Tradition gebrochen. Nachdem Paul VI. 1975 bei der letzten \u00d6ffnung im Rahmen eines ordentlichen Jubeljahres beinahe unter einer gr\u00f6\u00dferen Menge herabfallenden Schutts begraben wurde, fiel der Entschluss, in Zukunft auf das spektakul\u00e4re Herausbrechen des Mauerwerkes zu verzichten. Mit der sinntr\u00e4chtigen Abfolge von Anklopfen und \u00d6ffnen der heiligen T\u00fcr schien die Zeremonie ihres\u00a0symbolischen und visuellen H\u00f6hepunktes beraubt. Ein Verlust, der es n\u00f6tig machte, die Inszenierung von Grund auf neu zu konzipieren.<\/p>\n<figure style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"details-image\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/Bell.jpg\" alt=\"\" width=\"309\" height=\"308\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Detail der Glocke in den vatikanischen G\u00e4rten<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einen ersten Vorstoss in diese Richtung stellt die Abbildung auf der anl\u00e4sslich des heiligen Jahres 2000 gegossenen Glocke dar, die sich heute in den vatikanischen G\u00e4rten befindet. Zu sehen ist kein Papst mit einem Hammer, sondern Johannes Paul II. beim \u00dcberschreiten der Schwelle der <em>Porta <\/em><em>sancta<\/em>\u00a01983.\u00a0Im Vergleich zum klassischen Darstellungstypus wurde die Bewegung vom Arm auf die Beine verschoben, indem das \u00d6ffnen der heiligen T\u00fcr dem \u00dcberschreiten ihrer Schwelle wich.\u00a0Dar\u00fcber hinaus ersetzt mit der p\u00e4pstlichen Ferula der Hirtenstab den Hammer als Mittelpunkt des Bildes. Durch diese Verlagerung des Fokus&#8216; von der T\u00fcr auf die Schwelle einereits und vom Akt des \u00d6ffnens auf den Akt des F\u00fchrens\u00a0andererseits erscheint die Rolle des Papstes in diesem symbolischen Akt grundlegend ver\u00e4ndert.\u00a0Dar\u00fcber hinaus war durch die notwendig gewordene Neukonzipierung der Zeremonie auch die Chance gegeben, ihre Inszenierung an die ver\u00e4nderte mediale Situation des n\u00e4herr\u00fcckenden 21. Jahrhunderts anzupassen und diese mit Blick auf den wachsenden Stellenwert der TV-Live\u00fcbertragungen attraktiver f\u00fcr die Zuschauer am heimischen Fernsehger\u00e4t zu gestalten.<\/p>\n<figure style=\"width: 308px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"irc_mi\" src=\"http:\/\/img.cancaonova.com\/cnimages\/canais\/uploads\/sites\/11\/2015\/11\/paulo-vi-final.jpg\" alt=\"\u00c4hnliches Foto\" width=\"308\" height=\"154\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Paul VI vor der Porta Sancta 1975<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit dem Versikel <em>Haec porta Domini<\/em> (Psalm 118,20) durchbricht Johannes Paul II. die angespannte Stille im Atrium des Petersdoms, worauf mit dem entsprechenden\u00a0<em>Iusti intrabunt in eam<\/em> aus dem Off der Raum selbst zu antworten scheint. Nach zwei weiteren Psalmversen (Psalm 5,8; Psalm 118,19) steigt Johannes Paul II. die drei Stufen zur <em>Porta sancta<\/em> empor, klopft vorsichtig an und legt anschliessend seine H\u00e4nde auf die massiven bronzenen T\u00fcrfl\u00fcgel.\u00a0Das Entfallen des \u00fcber die Jahrhunderte unver\u00e4ndert gebliebenen\u00a0Ablaufs wird vor allem im Fehlen der dr<span lang=\"DE\">ei Schl\u00e4ge des goldenen Hammers offenbar, die bis anhin\u00a0das bevorstehende \u00d6ffnen der <em>Porta sancta<\/em> ank\u00fcndigten. Das visuelle Spektakel der einst\u00fcrzenden Mauer wird dabei durch einen nicht minder bewegenden Moment der <em>Suspense<\/em> ersetzt: Ohne den gewohnten Ablauf des Rituals entwickeln sich die Sekunden, die zwischen dem Aufl<\/span><span lang=\"DE\">egen der H\u00e4nde und dem Erblicken der \u00d6ffnung zwischen den bronzenen T\u00fcrfl\u00fcgel verstreichen, zu einem Moment h\u00f6chster Spannung. Dann als sich die T\u00fcre langsam zu \u00f6ffnen scheint und die Erl\u00f6sung aus der Spannung greifbar wird\u2026 Schnitt.<\/span><\/p>\n<p><span lang=\"DE\">Von einem Augenblick auf den n\u00e4chsten befindet man sich als Zuschauer nicht mehr im Atrium des Petersdoms. Ohne es zu wissen hat man die heilsbringende Schwelle\u00a0zur\u00a0Basilika \u00fcberschritten von wo aus nun, den Blick auf die sich langsam \u00f6ffnenden T\u00fcrfl\u00fcgel in der Bildmitte gerichtet, sehns\u00fcchtig die Ankunft des Papstes im dritten J<\/span><span lang=\"DE\">ahrtausend der Christenheit erwartet wird.\u00a0Diese ungewohnte Perspektive ist nicht nur ein absolutes Novum in der Geschichte der kirchenstaatlichen TV-\u00dcbertragung, sondern richtet den Blick dar\u00fcber hinaus auf die M\u00f6glichkeiten moderner \u00dcbertragungsmedien im religi\u00f6sen Zeremoniell.\u00a0Raffinierte Schnitttechnik machte es m\u00f6glich, dass am Heiligabend des Jahres 1999 Millionen von Zuschauern gleichzeitig im Bruchteil einer Sekunde die virtuelle Schwelle der <em>Porta sancta<\/em> \u00fcberschritten, weswegen in diesem Zusammenhang gleich in mehrerlei Hinsicht vom wohl erl\u00f6sendsten Gegenschuss in der Geschichte der Live\u00fcbertragung gesprochen werden kann.<\/span><\/p>\n<figure style=\"width: 643px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"details-image\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/Trio.jpg\" alt=\"\" width=\"643\" height=\"161\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Der erl\u00f6sendste Gegenschuss in der Geschichte der vatikanischen TV-\u00dcbertragung<\/figcaption><\/figure>\n<p><span lang=\"DE\"><em>Raoul DuBois\u00a0lehrt und forscht im Bereich der \u00c4lteren deutschen Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Aussicht auf den Y2K-induzierten Kollaps der Zivilisation, einem Rekordfeuerwerk in nahezu jeder Metropole dieser Welt und einem Konzert von Jean-Michel Jarre zwischen den Pyramiden von Gizeh bot das Ende des 20. 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