{"id":110,"date":"2019-09-09T08:00:36","date_gmt":"2019-09-09T06:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/?p=110"},"modified":"2019-08-12T18:34:28","modified_gmt":"2019-08-12T16:34:28","slug":"glaube-in-stein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2019\/09\/09\/glaube-in-stein\/","title":{"rendered":"Medien des Ged\u00e4chtnisses im Stra\u00dfburger M\u00fcnster"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Das w\u00e4r&#8216; antik! Ich w\u00fc\u00dft&#8216; es nicht zu preisen,<br \/>\nEs sollte plump und \u00fcberl\u00e4stig hei\u00dfen.<br \/>\nRoh nennt man edel, unbeh\u00fclflich gro\u00df.<br \/>\nSchmalpfeiler lieb&#8216; ich, strebend, grenzenlos;<br \/>\nSpitzb\u00f6giger Zenit erhebt den Geist;<br \/>\nSolch ein Geb\u00e4u erbaut uns allermeist.<br \/>\n(Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, 1. Akt, V. 6409\u20136414)<\/p><\/blockquote>\n<p>Was Johann Wolfgang von Goethe so programmatisch in seinem Hymnus auf Erwin von Steinbach und das Stra\u00dfburger M\u00fcnster als Inbegriff deutscher Baukunst preist, wird in dieser etwas entlegeneren Stelle im \u201aFaust\u2018 subtil eingespielt. Die Leistung dieses spezifisch \u201agotischen\u2018 architektonischen Modells zielt mit den Schlagw\u00f6rtern \u201eerheben\u201c und \u201eerbauen\u201c auf den menschlichen \u201eGeist\u201c, dem (in einer christlich-vertikalen Denkordnung) eine Teilhabe an der grenzenlosen himmlischen Glaubensoffenbarung zuteil werde.<\/p>\n<p>Das Stra\u00dfburger M\u00fcnster ist nicht nur im Hinblick auf seine materiale, \u201agotische\u2018 Monumentalit\u00e4t zum Erinnerungsort par excellence avanciert, sondern durch zahlreiche, ihm gleichsam eingeschriebene mediale \u201aReflexionen\u2018 von Heil: Merkmale wie die architektonische Form, die Bildprogramme der Skulpturen an den Portalen wie diejenigen der Glasfenster im Innenraum verweisen auf eine christlich-ekklesiologische Symbolwelt, in deren medialer Pr\u00e4sentation sich ein h\u00f6chst diffiziles Verh\u00e4ltnis von Tradition und Novation im Bauprozess spiegelt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_207\" aria-describedby=\"caption-attachment-207\" style=\"width: 297px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-207\" src=\"http:\/\/www.phil.uzh.ch\/elearning\/blog\/medioscope\/files\/2018\/06\/munster-341254_1280-225x300.jpg\" alt=\"Stra\u00dfburger M\u00fcnster Westfassade\" width=\"297\" height=\"396\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/munster-341254_1280-225x300.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/munster-341254_1280-768x1024.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/munster-341254_1280-413x550.jpg 413w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/munster-341254_1280-375x500.jpg 375w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2018\/06\/munster-341254_1280.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-207\" class=\"wp-caption-text\">Stra\u00dfburger M\u00fcnster Westfassade<\/figcaption><\/figure>\n<p>Konkret manifestieren sich die Memorialzeichen an einzelnen \u201aErinnerungsorten\u2018, zumal im Innenraum des M\u00fcnsters, die Leben und Tod historischer Pers\u00f6nlichkeiten pr\u00e4sent halten. Tr\u00e4germedium solcher \u201aGedenktafeln\u2018 sind Stein und Schrift, die sowohl r\u00e4umliche als auch zeitliche Dimensionen institutionalisierten Ged\u00e4chtnisses er\u00f6ffnen, exemplarisch ablesbar an den Epitaphien auf den ber\u00fchmten Stra\u00dfburger M\u00fcnsterprediger Johann Geiler von Kaysersberg (1445\u20131510). Weil das steinerne Objekt als Tr\u00e4ger von Schriftzeichen die <em>memoria\u00a0<\/em>nicht nur an die Person, der die Inschrift gilt, sondern auch deren sch\u00f6pferisches Subjekt f\u00fcr alle Zeiten bewahrt, verwundert es kaum, dass es unter den zeitgen\u00f6ssischen Literaten zu einem regelrechten Dichterwettstreit um die Formulierung gekommen ist, an dem sich einige der angesehenen Humanisten beteiligten: Sebastian Brant, Philipp Melanchthon, Johannes Reuchlin, Beatus Rhenanus, Jakob Wimpfeling. Zwar w\u00e4hlte man f\u00fcr den Grabstein eine schlichte Version (<em>Anno Domini etc. mortuus est Dominus Joannes etc. Requiescat anima eius in pace<\/em>); doch wurden in der eigens f\u00fcr Geiler von Kaysersberg im Jahr 1485 errichteten Kanzel die ersten beiden Distichen des von Sebastian Brant verfassten Epitaphs verewigt:<\/p>\n<blockquote><p><em>Quem merito defles urbs Argentina Ioannes<br \/>\n<\/em><em>Geiler, Monte quidem caesaris egenitus,<br \/>\n<\/em><em>Sede sub hac recubat quam rexit praeco tontantis<br \/>\n<\/em><em>Per sex lustra docens verba salutifera <\/em>(Brant, KT, Nr. 427)<\/p>\n<p>\u201aJohannes Geiler, den Du, Stra\u00dfburg, zurecht beklagst, der freilich in Kaisersberg aufgewachsen ist, ruht unter diesem Sitz, den er als Prediger Gottes leitete und 30 Jahre lang heilbringende Rede lehrte.\u2018<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Position der Epitaphien im Raum \u2013 der Grabstein in unmittelbarer N\u00e4he zum Altar, die Kanzel im Kirchenschiff \u2013 markieren symbolisch Geilers Bedeutung als Prediger inmitten seiner Gemeinde von Gl\u00e4ubigen sowie seine \u201aBerufung\u2018 als Sprachrohr Gottes. Als Schriftmedien von \u00fcberzeitlichem Material sind sie Formen der Repr\u00e4sentation der erinnerten Person, deren Ged\u00e4chtnis sie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sichern.<\/p>\n<p>Bedeutend \u00fcber die Grenzen Stra\u00dfburgs hinaus wurde Geilers 1498\/99 gehaltene Predigtreihe \u00fcber einen der gr\u00f6\u00dften Bucherfolge der Fr\u00fchen Neuzeit:Sebastian Brants \u201aNarrenschiff\u2018 (Basel: Johann Bergmann von Olpe 1494). Den in der Narrensatire angeprangerten orientierungslosen Zustand der Stadtgesellschaft sah\u00a0 Geiler auch in Stra\u00dfburg als gegeben an und vermittelte durch das Medium der Predigt die von Brant fokussierten Inhalte direkt an die im Stra\u00dfburger M\u00fcnster anwesende Stadtbev\u00f6lkerung. Der Sakralbau wird damit zum Reflexionraum grundlegender gesellschaftlicher Konzepte, innerhalb derer die durch den Zustand der\u00a0<em>blintheyt\u00a0<\/em>und\u00a0<em>vinstrer nacht\u00a0<\/em>gekennzeichnete Vergangenheit und Gegenwart mit einer auf Selbsterkenntnis basierenden zuk\u00fcnftigen Heilserwartung konfrontiert werden. Das Stra\u00dfburger M\u00fcnster erscheint in diesem Hinblick als Ort, an dem das durch die Epitaphien in Stein materialisierte Ged\u00e4chtnis auf eine mediale Konstellation verweist, die das Medium zugleich selbst \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p><i>Julia Frick lehrt und forscht \u00c4ltere deutsche Literaturwissenschaft an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das w\u00e4r&#8216; antik! Ich w\u00fc\u00dft&#8216; es nicht zu preisen, Es sollte plump und \u00fcberl\u00e4stig hei\u00dfen. Roh nennt man edel, unbeh\u00fclflich gro\u00df. 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