{"id":1042,"date":"2023-06-22T07:00:00","date_gmt":"2023-06-22T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1042"},"modified":"2023-06-19T12:13:21","modified_gmt":"2023-06-19T10:13:21","slug":"gespenster-oder-unsichtbare-menschen-macht-und-materialitaet-des-teufels-um-1700","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/06\/22\/gespenster-oder-unsichtbare-menschen-macht-und-materialitaet-des-teufels-um-1700\/","title":{"rendered":"Gespenster oder unsichtbare Menschen? Macht und Materialit\u00e4t des Teufels um 1700"},"content":{"rendered":"\n<p>In der reformierten Theologie der Fr\u00fchen Neuzeit galten s\u00e4mtliche Gespenster als Werk des Teufels. Dieser agiere jedoch nicht aus eigenem Antrieb heraus, sondern lediglich als Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Diesbez\u00fcglich h\u00e4lt der Elsauer Pfarrer Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss (1616\u20131700) in seinem Traktat <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3931\/e-rara-36740\"><em>Zorn-Zeichen Gottes<\/em><\/a><em> <\/em>(1665) fest, dass Gott die Teufelsgespenster aussende, um die Frommen zu erschrecken, zu warnen und zu versuchen, und um die S\u00fcnder zu bestrafen.<a id=\"_ednref1\" href=\"#_edn1\">[1]<\/a> Anhorn schreibt weiter, dass Gespenster \u2013 auf Geheiss Gottes \u2013 <em>die Menschen offtmahlen gewalth\u00e4tig zuverletzten pflegen<\/em>.<a id=\"_ednref2\" href=\"#_edn2\">[2]<\/a> Sie waren somit Teil des zu dieser Zeit intensiv gef\u00fchrten Wunderzeichendiskurses. Pestepidemien, Hungersn\u00f6te, Kriege etc. galten als Ausdruck des g\u00f6ttlichen Zorns f\u00fcr eine s\u00fcndhafte Menschheit, gleichzeitig aber auch als Warnung vor zuk\u00fcnftigen Strafen und als expliziter Bussaufruf. W\u00e4hrend die soeben genannten Ph\u00e4nomene als Zeichen einer allgemeinen S\u00fcndhaftigkeit aufgefasst wurden und eine kollektive Bussleistung einforderten, verwies die Erscheinung eines Gespensts aus semiotischer Sicht auf potenzielle S\u00fcnden der von ihm heimgesuchten Person.<a id=\"_ednref3\" href=\"#_edn3\">[3]<\/a> So sind, wie Jan-Friedrich Missfelder im Zusammenhang mit den reformierten Geistern festh\u00e4lt, \u201eGespenstergeschichten immer Mediengeschichten.\u201c<a id=\"_ednref4\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn-637x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1043\" width=\"478\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn-637x1024.png 637w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn-187x300.png 187w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn-768x1235.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn-342x550.png 342w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn-311x500.png 311w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb1_Frontispiz_Anhorn.png 789w\" sizes=\"auto, (max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Frontispiz aus Anhorn: <em>Zorn-Zeichen Gottes<\/em> (1665), KBG Ba 12 (1). Online: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3931\/e-rara-72455\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.3931\/e-rara-72455<\/a>. Unten rechts sind die Larva Sathana, also Teufelsgespenster, dargestellt.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Diese theologische Sichtweise wirkte sich auch auf die Deutungspraxis im fr\u00fchneuzeitlichen Z\u00fcrich aus. Reformierte Pfarrer unterzogen jene Personen, bei denen angeblich ein gewaltt\u00e4tiger Poltergeist w\u00fctete, einer eingehenden Pr\u00fcfung: Gab es Indizien f\u00fcr eine s\u00fcndhafte Lebensweise? Und falls ja, wie konnten diese S\u00fcnder:innen wieder auf den rechten Weg gebracht werden?<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> Obwohl dieses Erkl\u00e4rungsmuster bis in das 18. Jahrhundert hinein bestehen blieb, zeigt sich ab Ende des 17. Jahrhunderts jedoch ein historischer Wandel, was die Macht des Teufels, und damit verbunden \u2013 so die These \u2013 auch dessen Funktion als Vermittler Gottes betrifft. Ein Poltergeistfall aus den 1690er-Jahren veranschaulicht diesen Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1692 berichtete der Pfarrer aus dem z\u00fcrcherischen D\u00f6rfchen Hirzel, Felix Herrliberger (1659\u20131709), dass der Hof Steinmatt von einem Poltergeist heimgesucht werde. Der Geistliche beschreibt unterschiedliche Ph\u00e4nomene: K\u00e4sten, die sich wie von selbst \u00f6ffnen, zerbrochene Gegenst\u00e4nde, zerrissene Kleider oder fehlende Nahrungsmittel. Als Angriffsziel des Teufels galt die siebzehnj\u00e4hrige Verena Hegi, die nach Aussage des Pfarrers von mysteri\u00f6sen Ohnmachtsanf\u00e4llen geplagt wurde und zwischendurch die F\u00e4higkeit zu sprechen verlor.<a id=\"_ednref6\" href=\"#_edn6\">[6]<\/a> Die junge Frau wurde in das Spital <a href=\"https:\/\/hls-dhs-dss.ch\/de\/articles\/012993\/2012-10-25\/\">Oetenbach<\/a> in Z\u00fcrich eingeliefert, wo sie von den st\u00e4dtischen Kundschaftern befragt wurde. An der Ursachenfindung beteiligt waren neben Herrliberger und den Kundschaftern auch die st\u00e4dtischen Geistlichen sowie der Z\u00fcrcher Stadtarzt und Physikprofessor Johannes von Muralt (1645\u20131733). Aufgrund der allgemeinen Ratlosigkeit holte der st\u00e4dtische Rat ein Gutachten von niemand Geringerem als Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss ein,<a id=\"_ednref7\" href=\"#_edn7\">[7]<\/a> der sich nicht nur mit dem oben erw\u00e4hnten Traktat zu den <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3931\/e-rara-36740\"><em>Zorn-Zeichen Gottes<\/em><\/a>einen Namen gemacht hatte, sondern vor allem mit einer \u00fcber 1&#8217;000 Seiten umfassenden d\u00e4monologischen Abhandlung, der <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3931\/e-rara-24323\"><em>Magiologia<\/em><\/a> (1674).<a id=\"_ednref8\" href=\"#_edn8\">[8]<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait-774x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1044\" width=\"387\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait-774x1024.png 774w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait-227x300.png 227w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait-768x1017.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait-415x550.png 415w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait-378x500.png 378w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb2_Anhorn_Portrait.png 948w\" sizes=\"auto, (max-width: 387px) 100vw, 387px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bartholom\u00e4us Anhorh [sic] ab Hartwiss: V.D.M. in agro Tigurino aetatis 67 anno 1683. [Z\u00fcrich?]: [s.n.], 1683. ZBZ, Anhorn, Bartholom\u00e4us I,1. Online: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.7891\/e-manuscripta-38564\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.7891\/e-manuscripta-38564<\/a>.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Stadtarzt von Muralt vertrat ganz in reformierter Manier die Ansicht, dass es sich beim Gespenst um eine g\u00f6ttliche Strafe f\u00fcr die S\u00fcnden von Hegi handeln m\u00fcsse. In der Gegend um Hirzel werde viel Lachsnerei (Hilfszauber)<a id=\"_ednref9\" href=\"#_edn9\">[9]<\/a> getrieben und auch Hegi habe sich unterstanden, einige Zauberst\u00fccke auszuprobieren. Aus diesem Grund habe ihr Gott zur Strafe einen Poltergeist geschickt.<a id=\"_ednref10\" href=\"#_edn10\">[10]<\/a> Pfarrer Herrliberger ging wie die Hirzener Dorfgemeinschaft hingegen davon aus, dass das Gespenst auf den Hof gezaubert worden sei.<a id=\"_ednref11\" href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Der Glaube, dass Zauberer und Hexen jemandem einen Poltergeist ins Haus zaubern k\u00f6nnten, war weit verbreitet und wurde ab Mitte des 17. Jahrhunderts von der Obrigkeit vermehrt als m\u00f6gliche Ursache f\u00fcr Spukph\u00e4nomene verhandelt.<a id=\"_ednref12\" href=\"#_edn12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Bartholom\u00e4us von Anhorn brachte eine dritte Erkl\u00e4rung ins Spiel: Die Sch\u00e4den w\u00fcrden gar nicht durch ein echtes Gespenst verursacht, sondern durch unsichtbare Menschen. Dass der Teufel selbst in Form eines Poltergeists w\u00fcte, halte er aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden f\u00fcr unwahrscheinlich. So h\u00f6re und sehe man das Gespenst am helllichten Tag. Zudem w\u00fcrden die <em>vnmittelbaren Te\u00fcffels gespenst<\/em> keine Kleider, Nahrungsmittel und Mobiliar besch\u00e4digen oder K\u00e4sten auf- und zuschliessen. Er f\u00fchrt weiter aus, dass <em>wahrhaftige gespenster<\/em> keine <em>materialistischen Leiber<\/em> h\u00e4tten und deshalb Gegenst\u00e4nde nicht verstellen k\u00f6nnten. Nur Menschen mit einem <em>fleischernen leib<\/em> sei es m\u00f6glich, auf die Materie einzuwirken. Sein Fazit: Der Schaden werde nicht durch ein <em>leibloses gespenst<\/em> verursacht, sondern durch einen <em>leibhaffte[n] zauberer<\/em>. Anhorn h\u00e4lt weiter fest, dass die Zauberer gar nicht wirklich unsichtbar seien:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb3_Zettel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1045\" width=\"385\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb3_Zettel.jpg 770w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb3_Zettel-300x275.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb3_Zettel-768x704.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb3_Zettel-465x426.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/06\/Abb3_Zettel-545x500.jpg 545w\" sizes=\"auto, (max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss: <em>Muthmassliche Gedancken [\u2026] \u00fcber das vermeinte Steinmatische Gespenst in der Pfarr Hirtzel<\/em>, 24. Mai 1693, Burgerbibliothek Bern, Mss. Hist. Helv. X 91.<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><em>Ihre leiber sind von natur aus sichtbar, unsichtbar aber, weil der Te\u00fcfel die au\u00dferliche sinnligkeit des gesichts verblendet, dass sie nicht gesehen werden, darby er di\u00dfe seine Gott verle\u00fcgnende diener beredt, sie k\u00f6nnen sich selbs unsichtbar machen [\u2026].<\/em><a href=\"#_edn13\" id=\"_ednref13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wie sollte man solchen Ph\u00e4nomenen nun begegnen? Anhorn referiert auf einen \u00e4hnlichen Fall, in welchem der Unsichtbarkeits-Zauber durch eine Verletzung des Zauberers aufgeh\u00f6rt habe. Er schl\u00e4gt dem Z\u00fcrcher Rat deshalb vor, den \u00dcbelt\u00e4ter, wenn m\u00f6glich, aufzugreifen oder in ein Gemach einzuschliessen. Darin solle man mit einem Stab so lange herumschlagen, bis man damit den Zauberer treffe. Diesem Vorschlag musste der Z\u00fcrcher Rat nicht mehr nachkommen, denn der Spuk in Hirzel h\u00f6rte irgendwann von allein auf. In einem letzten Brief aus dem Jahr 1694 heisst es, dass Verena Hegi gesund und wohlauf sei und sich durch fleissige Arbeit ihren Lebensunterhalt selbst verdiene.<a href=\"#_edn14\" id=\"_ednref14\">[14]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Anhorns Ausf\u00fchrungen sind erstaunlich, da er in seinem Traktat zu den g\u00f6ttlichen Zornzeichen im Jahr 1665 noch eine andere Ansicht vertrat. Wie bereits oben erw\u00e4hnt, konnte f\u00fcr ihn der Teufel zu diesem Zeitpunkt Menschen k\u00f6rperlich angreifen und verletzen. Zudem schreibt er, dass der Teufel eine leibliche Gestalt annehmen k\u00f6nne:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Offtmahlen aber nemmen die Gespenster warhafftiger Leiber an sich \/ in denen sie betastet werden k\u00f6nnen [\u2026]. Mit diesen gespenst-leiberen hat es folgende Beschaffenheit. Der Teuffel bereitet ihme einen Leib au\u00df dem Lufft \/ oder einer anderen diken Materi; welcher Leib \/ belangend seine Schw\u00e4re \/ Form \/ Farb \/ Bewegung und Stimm \/ einem menschlichen Leib ganz gleich scheinet<\/em> <em>[\u2026]<\/em>.<a href=\"#_edn15\" id=\"_ednref15\">[15]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der reformierte D\u00e4monologe dem Teufel dreissig Jahre zuvor demnach noch eine fast uneingeschr\u00e4nkte Macht einr\u00e4umt hatte, konnte der Widersacher Gottes f\u00fcr ihn nun nur noch die Sinneswahrnehmung t\u00e4uschen. Anhorns Ausf\u00fchrungen zur Materialit\u00e4t des Teufels h\u00e4ngen ohne Frage mit gesamteurop\u00e4ischen Entwicklungen zusammen. So debattierten Gelehrte ab dem letzten Drittel des 17. Jahrhundert vermehrt dar\u00fcber, wie der Teufel als Geistwesen auf die Materie einwirken k\u00f6nne.<a href=\"#_edn16\" id=\"_ednref16\">[16]<\/a> Wie der Fall in der Steinmatt zeigt, brachte die verminderte Macht des Teufels ein neues Deutungsmuster in Bezug auf Poltergeisterph\u00e4nomene hervor. Es ist wahrscheinlich, dass sich Anhorn eines popul\u00e4ren Glaubens bediente, da Anleitungen, um sich unsichtbar zu machen, h\u00e4ufig in Rezeptsammlungen und Arzneib\u00fcchern zu finden sind.<a href=\"#_edn17\" id=\"_ednref17\">[17]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutete dieser Wandel in Bezug auf den Teufel als Kommunikationsmedium Gottes? Die Erscheinung \u201aechter\u2018 Poltergeister lenkte den Fokus zun\u00e4chst einmal auf die Lebensweise der heimgesuchten Person und galt somit als unmittelbarer Bussaufruf Gottes. Ein angezaubertes Gespenst galt nicht mehr prim\u00e4r als Zeichen Gottes f\u00fcr die Vers\u00fcndigung einer heimgesuchten Person; vielmehr lenkte diese Deutung den Blick auf den b\u00f6sen Willen einer Hexe oder eines Zauberers. Nun kam hinzu, dass nicht mal mehr der Teufel selbst die Ph\u00e4nomene verursacht haben soll, sondern Menschen, die sich mithilfe des Teufels unsichtbar machten. Indem der Widersacher Gottes zunehmend seine Macht verlor, b\u00fcsste er auch seine Funktion als unmittelbares Heilszeichen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen jedoch nicht vergessen, dass die Existenz des Teufels, von Geistern und von Zauberei um 1700, zumindest in der fr\u00fchneuzeitlichen Schweiz, generell nicht in Frage gestellt wurde. Der soeben besprochene Fall belegt anschaulich, dass historischer Wandel nicht als eine Abfolge abrupter und pr\u00e4ziser Z\u00e4suren zu verstehen ist. Vielmehr konkurrierten jeweils mehrere Deutungsmuster miteinander, die sich gleichzeitig aus soteriologisch-religi\u00f6sen, popul\u00e4ren sowie intellektuellen Vorstellungen speisten, und deren Pro und Kontra sorgsam gepr\u00fcft wurden. Dabei kam es zu \u00dcberschneidungen, Spannungen und Integrationen. \u00dcber die Jahrhunderte hinweg zeigt sich jedoch auch eine Konstanz in Bezug auf Spukph\u00e4nomene: Sie dienten schon immer als ideale Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Bef\u00fcrchtungen und Hoffnungen sowie moralische und religi\u00f6se Werte. Auf einer \u00fcbergeordneten Ebene k\u00f6nnen wir mit dem Fokus auf die historische Semiotik von Gespenstern \u00fcber die reine Ph\u00e4nomenologie hinaus ebenjene komplexen Sinngef\u00fcge offenlegen, auf die das Gespenst mit seiner Erscheinung verwies.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Eveline Szarka ist Postdoc.Mobility-Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds SNF an der Universit\u00e4t Heidelberg. Ihre Dissertation <\/em><a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/geschichte\/religionsgeschichte\/57343\/sinn-fuer-gespenster\">Sinn f\u00fcr Gespenster. Spukph\u00e4nomene in der reformierten Schweiz (1570\u20131730)<\/a><em> erschien 2022 im B\u00f6hlau Verlag. Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine gek\u00fcrzte Version eines Kapitels aus der Dissertation. Im Rahmen ihres Habilitationsprojektes erforscht sie Techniken der Geheimkommunikation im fr\u00fchneuzeitlichen Deutschland.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss: Christliche Betrachtung der vielf\u00e4ltigen, sich dieser Zeit erzeigenden Zorn-Zeichen Gottes, und Vorbotten seiner gerechten Straffen. Basel 1665, S. 341f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Ebd., S. 328.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Eveline Szarka: Sinn f\u00fcr Gespenster. Spukph\u00e4nomene in der reformierten Schweiz (1570\u20131730). K\u00f6ln 2022 (Z\u00fcrcher Beitr\u00e4ge zur Geschichtswissenschaft 12), S. 135.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Jan-Friedrich Missfelder: Nichts als Gespenster. Ludwig Lavater und die Medialit\u00e4t der Reformation. In: Archiv f\u00fcr Mediengeschichte 15 (2015), S. 121\u2013129, hier: 122.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><sup> <\/sup>Szarka, Sinn f\u00fcr Gespenster (wie Anm. 3), S. 220.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> StaZH A 27 164, Brief Felix Herrliberger, 22.12.1692. Insgesamt generierte der Schriftverkehr eine Akte mit \u00fcber 40 Dokumenten, vgl. StaZH A 27.164, Akte zum Gespenst Hirzel, 1692\u20131694.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> BBB Mss. Hist. Helv. X. 91, Nr. 8, Bedenken Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss, 24.05.1693.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss: Magiologia. Basel 1674.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Zu diesem Begriff siehe Eveline Szarka: Vom Segnen und Lachsnen. Duldung und Verfolgung des Heilzaubers. In: Loetz, Francisca (Hg.): Gelebte Reformation. Z\u00fcrich 1500\u20131800. Z\u00fcrich 2022, S. 289\u2013302.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> StaZH A 27 164, Bedenken Johannes von Muralt, 11.07.1693.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> StaZH A 27 164, Brief Felix Herrliberger, 16. und 22.03.1693.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref12\" id=\"_edn12\">[12]<\/a> Szarka, Sinn f\u00fcr Gespenster (wie Anm. 3), S. 227.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref13\" id=\"_edn13\">[13]<\/a> BBB Mss. Hist. Helv. X. 91, Nr. 8, Bedenken Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss, 24.05.1693.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref14\" id=\"_edn14\">[14]<\/a> StaZH A 27 164, Brief aus dem Spital Oetenbach, 17.04.1694.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref15\" id=\"_edn15\">[15]<\/a> Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss, Christliche Betrachtung (wie Anm. 1), S. 328.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref16\" id=\"_edn16\">[16]<\/a> Szarka, Sinn f\u00fcr Gespenster (wie Anm. 3), S. 232f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref17\" id=\"_edn17\"><sup>[17]<\/sup><\/a><sup> <\/sup>Ebd., S. 230.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der reformierten Theologie der Fr\u00fchen Neuzeit galten s\u00e4mtliche Gespenster als Werk des Teufels. Dieser agiere jedoch nicht aus eigenem Antrieb heraus, sondern lediglich als Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Diesbez\u00fcglich h\u00e4lt der Elsauer Pfarrer Bartholom\u00e4us Anhorn von Hartwiss (1616\u20131700) in seinem Traktat Zorn-Zeichen Gottes (1665) fest, dass Gott<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/06\/22\/gespenster-oder-unsichtbare-menschen-macht-und-materialitaet-des-teufels-um-1700\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":776,"featured_media":1043,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"1","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["entry","author-eveline-szarka","post-1042","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1042","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/776"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1042"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1042\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1049,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1042\/revisions\/1049"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1043"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}