{"id":1038,"date":"2023-06-19T11:34:17","date_gmt":"2023-06-19T09:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1038"},"modified":"2023-06-19T12:13:42","modified_gmt":"2023-06-19T10:13:42","slug":"1038","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/06\/19\/1038\/","title":{"rendered":"Licht und Schatten: Gryphius\u2019 Gespenster und \u201aSpecial Effects\u2018"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Computer-generated Imagery<\/em> \u2013 oder kurz <em>CGI<\/em> \u2013 macht es m\u00f6glich: Tupac Shakur (\u2020&nbsp;1996) performt auf dem <em>Coachella<\/em> (2012). Harold Ramis (\u2020&nbsp;2014) hilft in <em>Ghostbusters: Afterlive<\/em> (2021) als Totengeist von Egon Spengler, den Weltuntergang zu verhindern. Und Carrie Fisher (\u2020&nbsp;2016) richtet als Leia Organa in <em>Star Wars 9: The Rise of Skywalker<\/em> (2019) letzte Worte an Rey und Poe. Auch wenn es bei den genannten Beispielen noch kleinere Probleme bei der k\u00fcnstlerischen Restauration \u2013 speziell von Mimik, Sprechverhalten und Alterung \u2013 der wiederbelebten Personen gibt,<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a> stellen diese einen technischen H\u00f6hepunkt von Authentizit\u00e4t im Spannungsfeld von Deep-Fake und w\u00fcrdigender Memorialkultur dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell ist das Bed\u00fcrfnis, die Toten durch Technik wiederzuerwecken, nicht neu. Bereits in der Bibel wird unter Strafandrohung davor gewarnt, Nekromanten, also Totenbeschw\u00f6rer, aufzusuchen, um mit den Toten zu sprechen (Lev. 19,31; 20,6; 20,27; Deu 18,9-31); eine Zauberpraxis, die auch von antiken Philosophen wie Platon, Cicero und Augustinus als betr\u00fcgerisch abgelehnt wurde.<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> Nichtsdestotrotz finden sich \u2013 im legitimierten Raum der Theaterkunst \u2013 auf antiken B\u00fchnen vielfach Totengeister, die die Vergangenheit metastrukturell repr\u00e4sentieren und kommentieren. Exemplarisch genannt seien hier nur der Geist Klytaimnestras aus Aischylos <em>Eumeniden<\/em> oder der Geist Agrippinas in Senecas <em>Octavia<\/em>.<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> \u00dcber die technische Ausgestaltung solcher Geisterauftritte im antiken Theater kann mit \u00fcber 2000 Jahren Abstand nur spekuliert werden. Nachvollziehbarer wird die Liaison von technischer und geisterpoetischer Innovation hingegen beim Blick in das Theater der Fr\u00fchen Neuzeit. Hier soll beispielhaft anhand der Trauerspiele von Andreas Gryphius gezeigt werden, dass im Spiel von Licht und Schatten jeder technischen Innovation auch ein Gespenst innewohnen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutlich wird dies f\u00fcr die Fr\u00fche Neuzeit am Beispiel der \u201aLaterna magica\u2018, die laut Johann Samuel Halle (1784) ihren Namen aufgrund ihrer <em>Gespenstermacherey<\/em><a id=\"_ednref4\" href=\"#_edn4\">[4]<\/a> bekommen hat. Als Erfinder des vormodernen Diaprojektors wird der holl\u00e4ndische Physiker Christian Huygens (1629\u20131695) angesehen, der bereits 1659 einen Apparat zur Projektion von Glasbildern konzipierte. In der Fr\u00fchen Neuzeit aber war die Laterna magica mit Athanasius Kircher verbunden, der sie allerdings erst nachtr\u00e4glich in der Zweitauflage seiner Schrift <em>Ars magna lucis et umbrae<\/em> (<em>Die gro\u00dfe Kunst von Licht und Schatten<\/em>, Erstauflage 1646) erw\u00e4hnte. Der Grund f\u00fcr die Verbindung von Kircher mit der Laterna magica k\u00f6nnte in der wirkm\u00e4chtigen Bildskizze liegen, die 1671 die technische Beschreibung begleitet und als Projektion bzw. Bild im Bild ein Totengerippe zeigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"780\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-1024x780.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1031\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-1024x780.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-300x229.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-768x585.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-1536x1170.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-465x354.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt-656x500.jpg 656w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Kircher_Laterna-magica_Ausschnitt.jpg 1985w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ausschnitt aus: Athanasii Kircheri: Ars Magna Lucis et Umbrae. Amsterdam: G. J. Waesberge 1671, S. 769.<br>Online: <a href=\"https:\/\/digi.ub.uni-heidelberg.de\/diglit\/kircher1671\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/digi.ub.uni-heidelberg.de\/diglit\/kircher1671<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass die Bildauswahl keinen Zufall darstellt, betont Kircher im argumentatorischen Fortgang seiner Schrift. Gerade die Darstellung von Totengerippen, Teufeln und Gespenstern aller Art hat in der verst\u00e4rkten Kontrastierung von Licht und Schatten einen gr\u00f6\u00dferen didaktischen bzw. kathartischen Mehrwert:<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist aber diese Vorstellung der Bilder und Schatten in finstern Gem\u00e4chern viel f\u00f6rchterlicher als die so durch die Sonne gemacht wird. Durch diese Kunst k\u00f6nten gotlose Leute leichtlich von Begehrung vieler Laster abgehalten werden \/ wenn man auff den Spiegel des Teufels Bildnuss entw\u00fcrffe und an einen finstern Ort hinschl\u00fcge.<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke, durch k\u00fcnstliche Gespensterbilder die Leute zu schrecken und damit im Sinne der neostoischen <em>atrocitas<\/em>-Lehre vom Laster abzuhalten, f\u00e4llt m. E. bei Kircher zum ersten Mal. Generell aber ist die Idee, Gespenster durch optische Mittel k\u00fcnstlich zu beschw\u00f6ren, nicht neu. Bereits Daniel Schwenter hat 1651 eine Verbindung von (Zauber-)Kunst und Gespenstern gezogen: <em>Man schreibet viel von Zauberern und Hexen \/ welche vorgaben \/ sie k\u00f6nnen Geister und Gespenste erscheinend machen \/ welches doch meistentheils nat\u00fcrlich zugehet \/ und aus den catoptrica oder Spiegelkunst herr\u00fchret<\/em>.<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a> Und diese Verbindung bleibt f\u00fcr die Laterna magica auch f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahrhunderte erhalten, denkt man an Schillers <em>Geisterseher<\/em> (1787) oder den Holzstich zu Robertsons Phantaskop (aus einer Vorf\u00fchrung von 1797) aus dem Jahre 1885.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"709\" height=\"538\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Robertson_Phantaskop_Ausschnitt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1032\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Robertson_Phantaskop_Ausschnitt.jpg 709w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Robertson_Phantaskop_Ausschnitt-300x228.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Robertson_Phantaskop_Ausschnitt-465x353.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Robertson_Phantaskop_Ausschnitt-659x500.jpg 659w\" sizes=\"auto, (max-width: 709px) 100vw, 709px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ausschnitt aus: Felix Ahrens u. v. a (Hg.): Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien. Bd. 2: Die Kr\u00e4fte der Natur und ihre Benutzung. Physikalische Technologie. Leipzig: Otto Spamer 1898, S. 357.<br>Online: <a href=\"https:\/\/www.e-rara.ch\/zut\/content\/zoom\/8605096\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.e-rara.ch\/zut\/content\/zoom\/8605096<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von der m\u00f6glichen Projektion zu Geistern und Gespenstern auf der Theaterb\u00fchne ist es kein gro\u00dfer Schritt mehr und es ist durchaus im Rahmen des M\u00f6glichen, dass Geistererscheinungen in sp\u00e4tbarocken Dramen per Laterna magica inszeniert wurden. Allerdings mangelt es an hinreichenden Belegen; paratextuell \u00e4u\u00dfern sich Barockautoren meist nur in kurzen Anweisungen \u00fcber die Inszenierungsweise einer Geistererscheinung.<a href=\"#_edn7\" id=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz ist das Spiel mit Licht und Schatten auch f\u00fcr die bekanntesten Dramatiker des Barock von Bedeutung, insbesondere wenn man die Menge an Geisterszenen bedenkt, die in Trauerspielen von Gryphius, Lohenstein oder Hallmann vorkommen. Nahezu alle der hier bedachten Geisterauftritte spielen bei Nacht, und so wundert es nicht, dass die traditionelle Requisite des Totengeists die Fackel darstellt. Man m\u00f6ge sich die unheimliche Wirkung vorstellen: Ein einsames Licht in einem wohl ansonsten abgedunkelten Theaterraum. Will man die Alterit\u00e4t des Totengeists gegen\u00fcber den Lebenden noch erh\u00f6hen, braucht es ein gewisses Ma\u00df an \u201aSpecial Effects\u2018. Und davon gibt es reichlich in barocken Trauerspielen, allein wenn man sich auf die Geisterszenen des Autors Andreas Gryphius konzentriert.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gryphius\u2019 <em>Leo Armenius<\/em> etwa wird der Einsatz einer Hebeb\u00fchne im Nebentext beschrieben, die den Rachegeist Tarasius unter Violenklang und samt <em>etliche[r] Lichter sonder Leuchter<\/em> aus den Tiefen der B\u00fchne emporhebt und ihn nach seiner Rede auch wieder dahin verschwinden l\u00e4sst. Unterschiedliche B\u00fchnentiefen d\u00fcrften auch bei anderen Geister- und Gespensterinszenierungen eine Rolle gespielt haben, zumindest zieht der Wiederg\u00e4nger Marcellus seine ehemalige Partnerin Celinde in <em>Cardenio und Celinde<\/em> fast mit sich in die dunkle Tiefe und der Geist Severus verk\u00fcndet im <em>Papinianus<\/em> seinen Aufstieg aus dem Dunkel der aufbrechenden Erde. Doch es gibt auch Totengeister, die aus dem Himmel heraus auftreten, zumindest beschreibt Chach Abas in seiner H\u00f6llenvision, wie <em>der Himmel bricht<\/em><a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a> und ihm der Geist Catharinas erscheint. Maximilian Bergengruen hat darin den Einsatz einer Flugmaschine gesehen und begr\u00fcndet.<a href=\"#_edn9\" id=\"_ednref9\">[9]<\/a> Ebenso sieht er im eng getakteten Schauplatzwechsel rund um die Gespenstererscheinung Olympias einen Versuch des Autors Gryphius, die zur damaligen Zeit technische Innovation des romanischen Telari-Systems, das f\u00fcr den B\u00fchnenhintergrund mit drehbaren Prismen arbeitet, auf der deutschen B\u00fchne praktikabel zu machen.<a href=\"#_edn10\" id=\"_ednref10\">[10]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesen b\u00fchnentechnischen Hebe-, Flug- und Wechsel-Vorrichtungen treten Geister und Gespenster h\u00e4ufig mit Blitzen, Feuer und Rauch auf. Unter Funkenschl\u00e4gen etwa wird der hier schon beschriebene Severus auf die B\u00fchne gehoben, w\u00e4hrend die Furien im Hintergrund dem Totengeist auf einem Amboss einen Dolch schmieden. Donnergrollen begleitet die Geister der ermordeten K\u00f6nige im <em>Carolus Stuardus<\/em>. Chach Abas ist beim Erscheinen des Totengeists Catharinas von einem (imaginierten) H\u00f6llenfeuer umgeben. Und bereits der H\u00f6llische Geist im <em>Leo Armenius<\/em> entsteigt der bebenden Erde laut dem Zauberer Iamblichos, der zuvor bereits einiges an R\u00e4ucherwerk und andere mordbeladene Requisiten zur Beschw\u00f6rung benutzt hat, umgeben von Flammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein die f\u00fcr Gryphius beschriebenen Geisterszenen weisen eine reichhaltige F\u00fclle an \u201aSpecial Effects\u2018 auf, die auch als Wortkulisse in der Phantasie der Zuschauer bzw., im Kontext der abgedunkelten B\u00fchne, der Zuh\u00f6rer eine enorme Wirkung entfaltet haben d\u00fcrfte. Gryphius hat diese Art der Geisterinszenierung im Vorwort von <em>Cardenio und Celinde<\/em> theaterpoetologisch zu rechtfertigen gesucht: <em>Ob jemand seltsam vorkommen d\u00f6rffte \/ da\u00df wir nicht mit den Alten einen Gott aus dem Ger\u00fcste; sondern einen Geist aus dem Grabe herf\u00fcrbringen; der bedencke was hin und wider von den Gespensten geschriben<\/em>.<a id=\"_ednref11\" href=\"#_edn11\">[11]<\/a> Gryphius bezieht sich hierbei wohl auf die antiken Geistergeschichten, etwa aus Historien oder Briefen (vgl. exemplarisch Cassius Dio oder Plinius), sowie auf neuere Geistertraktate, die um 1600 im Umkreis der Hexendebatte zunehmend im Gelehrtendiskurs zirkulieren (Lavater, Weyer oder Bodin). Dabei lenkt er die Debatte \u00fcber Geister und deren kathartisches sowie lysisches Potential mit zwei nacherz\u00e4hlten Geistergeschichten aus Johannes Moschus\u2019 <em>Geistlichen Wiesen<\/em> auf das Theater um: Als metaphysische Wesen k\u00f6nnen Geisterschatten entweder bekehrend das g\u00f6ttliche Licht verk\u00fcnden oder strafend auf das Dunkel der H\u00f6lle vorausdeuten. Um den heilsamen Schrecken und damit das kathartische Potential zu steigern, braucht es wiederum eine ausgefeilte Theatertechnik bzw. Illusionskunst. Darauf hatte ja auch Athanasius Kircher mit dem Einsatz der Laterna magica hingewiesen. Allerdings darf die Produktion f\u00fcrchterlicher Gespensterbilder zum Zweck der Lasterabkehr nicht von einer Theaterkunst zu einer Zauberkunst verfallen. Der Schl\u00fcssel zur \u201aEntzauberung\u2018 solcher sensationellen Geisterszenen liegt, zumindest bei Gryphius, im Moment der Desillusionierung innerhalb der Illusion zwischen Figur und Zuschauer. \u00c4hnlich wie Lessings sp\u00e4tere Furcht-Konzeption, spiegelt sich im Geistersehen fr\u00fchneuzeitlicher Tyrannen und M\u00e4rtyrer das f\u00fcr den Zuschauer auf sich selbst bezogene Mitleid. Zu Gryphius\u2019 Zeiten ist dies die Furcht vor dem eigenen lasterhaften Handeln und der m\u00f6glichen g\u00f6ttlichen Strafe; man leidet nicht mit dem geistersehenden Tyrannen auf der B\u00fchne, sondern durch diesen f\u00fcr sich selbst. Je gr\u00f6\u00dfer also die Illusion einer wahrhaften und dadurch umso erschreckenderen Geistererscheinung, desto gr\u00f6\u00dfer die Desillusionierung des Selbst beim Zuschauer, der sein eigenes (ggf. lasterhaftes) Handeln reflektieren soll. Im Sinne der \u201atheatrum mundi\u2018-Metapher, dass die Welt nur ein Schauspiel im Angesicht Gottes ist, sowie der platonischen H\u00f6hlen-Metapher tritt der Mensch aus dem Schatten der weltlichen (B\u00fchnen-)Illusionen in das g\u00f6ttliche Licht der wahren (Selbst-)Erkenntnis. Getragen wird dieses affektpoetologische Momentum durch die liminale Katalysatorfigur des Gespensts, dessen wahrhaft metaphysische \u00dcbernat\u00fcrlichkeit durch die scheinbar \u00fcbernat\u00fcrliche Physik der \u201aSpecial-Effects\u2018 auf der Theaterb\u00fchne re-pr\u00e4sentiert wird. Wenn dementsprechend jeder technischen Innovation ein Gespenst innewohnt, dann wohnt in Gryphius\u2019 Geisterpoetik auch jedem Gespenst eine Technik des Selbst inne.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Conrad Fischer ist seit 2018 Doktorand an der JMU W\u00fcrzburg und promoviert zum Thema <\/em>Geistererscheinungen in Andreas Gryphius\u2018 Trauerspielen<em>. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Wissensgeschichte um 1650, Hauntology, Erz\u00e4hltheorie, dem Barockdrama, b\u00fcrgerlichen Trauerspiel und der Fallgeschichte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Vgl. exemplarisch das Interview von Adam Savage mit Jason Reitman \u00fcber das CGI von Egon Spengler: How Ghostbusters: Afterlife Brought Back THAT Legacy Character. Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u5CDKWnWpPs\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=u5CDKWnWpPs<\/a>; ge\u00f6ffnet am: 10.04.2023.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[2]<\/a> Vgl. Georg Luck: Magie und andere Geheimlehren in der Antike. Stuttgart 1990.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[3]<\/a> Vgl. Egon Treppmann. Besuche aus dem Jenseits. Geistererscheinungen auf dem deutschen Theater im Barock. Z\u00fcrich 1954 \/ Konstanz 1999.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> Johann Samuel Halle: Magie, oder die Zauberkr\u00e4fte der Natur. So auf den Nutzen und die Belustigung angewandt worden. Mit 9 Kufertafeln. Erster Theil. Zweyte Auflage. Gedruckt bey Joachim Pauli. Berlin 1784, S. 238. Internetquelle: <a href=\"https:\/\/www.google.de\/books\/edition\/Magie_oder_die_Zauberkr%C3%A4fte_der_Natur_s\/yj4jlCkyPdwC?hl=de&amp;gbpv=1&amp;dq=samuel+halle+magie&amp;printsec=frontcover\">https:\/\/www.google.de\/books\/edition\/Magie_oder_die_Zauberkr%C3%A4fte_der_Natur_s\/yj4jlCkyPdwC?hl=de&amp;gbpv=1&amp;dq=samuel+halle+magie&amp;printsec=frontcover<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Kaspar Schott: Magia optica (=kommentierte deutsche Ausgabe von Kirchers <em>Ars magna lucis et umbrae<\/em>), W\u00fcrzburg 1671, S. 407, zit. n. J\u00fcrgen <em>Berger<\/em>:<em> Die Projektion<\/em>. Anmerkungen zur Geschichte der Laterna Magica. In: Laterna Magica \u2013 Vergn\u00fcgen, Belehrung, Unterhaltung. Der Projektionsk\u00fcnstler Paul Hoffmann (1829\u20131888). Eine Ausstellung des Historischen Museums&nbsp;Frankfurt. Frankfurt am Main 1981, S. 29\u201354, hier S. 30f.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[6]<\/a> Daniel Schwenter: Deliciae physico-mathematicae oder mathematisch und philosophische Erquickstunden, N\u00fcrnberg 1651, S. 304; zit. n. Detlev Hoffmann \/ Almut Junker: Laterna Magica. Lichtbilder aus Menschenwelt und G\u00f6tterwelt. Berlin 1982, S. 22.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref7\" id=\"_edn7\">[7]<\/a> Zumindest aber erw\u00e4hnt Gryphius in seiner Leichabdankung Winter-Tag Menschlichen Lebens (1653) Kirchers <em>Ars magna lucis et umbrae<\/em> und eine dort beschriebene \u201aGeister-Apparatur\u2018. Im Kontext von g\u00f6ttlichem Licht, reinigendem Feuer und teuflischem Rauch hei\u00dft es: <em>Kirchnerus in seiner Wissenschaft des Liechts und Schattens giebt Anleitung \/ wie man \/ verm\u00f6ge eines sonderbaren Rauchs \/ allerhand Gesichter vorstellen k\u00f6nne; weil selbiger wegen der Dikke und Fettigkeit die Bilder der umstehenden Menschen als ein Spiegel zur\u00fcck wirfft \/ aber wegen der steten Bewegung und Unlauterkeit selbige sehr abscheulich entwirfft.<\/em> (Andreas Gryphius: Winter-Tag Menschlichen Lebens. In: Andreae Gryphii Dissertationes Funebres, Oder Leich-Abdanckungen. Leipzig 1667, S. 241f.)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Andreas Gryphius: Catharina von Georgien. In: Ders.: Dramen. Hg. von Eberhard Mannack. Frankfurt am Main 1991, S. 220, V. 385.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Vgl. Maximilian Bergengruen: Heilung des Wahns durch den Wahn. Psychologie, Theologie und Technik der Geistererscheinungen in Gryphius\u2019 <em>Cardenio und Celinde<\/em>. In: Daphnis 44 (2016), S. 374\u2013395, hier S. 388.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> Vgl. ebd., S. 391.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde. In: Ders.: Dramen. Hg. von Eberhard Mannack. Frankfurt am Main 1991, S. 231.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Computer-generated Imagery \u2013 oder kurz CGI \u2013 macht es m\u00f6glich: Tupac Shakur (\u2020&nbsp;1996) performt auf dem Coachella (2012). Harold Ramis (\u2020&nbsp;2014) hilft in Ghostbusters: Afterlive (2021) als Totengeist von Egon Spengler, den Weltuntergang zu verhindern. 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