{"id":1019,"date":"2023-04-20T07:00:00","date_gmt":"2023-04-20T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/?p=1019"},"modified":"2023-04-06T13:47:04","modified_gmt":"2023-04-06T11:47:04","slug":"akte-und-objekt-als-einblick-in-die-gelebte-realitaet-der-fruehen-neuzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/04\/20\/akte-und-objekt-als-einblick-in-die-gelebte-realitaet-der-fruehen-neuzeit\/","title":{"rendered":"Akte und Objekt als Einblick in die gelebte Realit\u00e4t der fr\u00fchen Neuzeit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Content Notifications: Sexuelle Gewalt, Abtreibung, Gewalt gegen Frauen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 15.11.1654 wurde am Hof zu Hessen-Kassel ein Schreiben eingereicht, in dem Konstantin \u201aStam\u2018 Neurath (1633\u20131719), Lakai am Hof der Prinzessin und Schwester des Landesf\u00fcrsten, der <em>nothzucht<\/em> anklagt wird. Verfasserin der Bitte um landesf\u00fcrstlichen Beistand war Anna Martha Wi\u00dfler. Sie identifiziert sich als Hans Georg Wi\u00dflers <em>eheleibliche Tochter<\/em>, ihrer Eltern <em>Eheliches erzeugtes Landts Kindt<\/em>, und bittet um <em>Landts V\u00e4tterlichen<\/em> Beistand. Das Schreiben hat einen Umfang von nur wenig mehr als einer Seite und nimmt Bezug auf eine wom\u00f6glich l\u00e4ngere Bittschrift vom vorhergehenden Tag, die vermutlich nicht erhalten ist. In dem kurzen Brief vom 15.11. wird beklagt, dass Konstantin Neurath <em>abscheidt bekommen<\/em> und die Gegend verlassen habe. Dem Brief h\u00e4ngt au\u00dferdem als Beigabe eine getrocknete Wurzel an, die er Anna Martha Wi\u00dfler nach der Tat mit den Worten gegeben habe, sie solle davon nehmen, es werde ihr Schaden nicht sein und sie werde auch nicht schwanger werden; das h\u00e4tten ihn Frauen in Frankreich gelehrt. Die unidentifizierte Wurzel, die im Aktenordner (zum Zeitpunkt der Einsicht) hinter dem Schreiben in Papier geh\u00fcllt liegt, ist also vermutlich ein pflanzliches Abtreibungsmittel oder ein Notfallverh\u00fctungsmittel.<a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[1]<\/a> Der Brief l\u00e4sst nicht viele Schl\u00fcsse \u00fcber Anna Martha Wi\u00dflers Identit\u00e4t zu. Dass sie sich aber lediglich als Landeskind und \u00fcber ihren Vater identifiziert (statt \u00fcber einen Ehemann oder ihren Stand), legt nahe, dass sie unverheiratet und nicht von gehobener Stellung ist.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1021\" width=\"384\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-225x300.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-413x550.jpg 413w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-375x500.jpg 375w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Anna Martha Wi\u00dflers Schreiben, Landesarchiv Marburg, <em>HStaAM M1 No. 445<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Archivalische Quellen wie der oben erw\u00e4hnte Brief galten seit Leopold von Ranke als Informationstr\u00e4ger von besonderer Authentizit\u00e4t und Bedeutung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis vormoderner Gesellschaften.<a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[2]<\/a> Erst die Verbreitung von Video- und Tontr\u00e4gern hat die Verzerrungen in der Aufzeichnung und Bewahrung archivalischer Quellen deutlich hervortreten lassen.<a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[3]<\/a> Vormoderne Quellen aus dem Archiv sind also in ihrer Objektivit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt, selbst wenn es sich um Akten wie Protokolle handelt und nicht wie hier um kurze Erg\u00e4nzungen zu unauffindbaren Bittschriften. Hinzu kommt, dass das Schreiben kurioserweise in Georg Landaus (1807\u20131865) Materialsammlung unter der Rubrik <em>Aberglaube<\/em> eingeordnet ist,<a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[4]<\/a> wodurch ein ver\u00e4nderter Kontext entsteht. Statt von Anzeigen und Prozessakten wegen (aus moderner Sicht) eher allt\u00e4glicher oder greifbarer Verbrechen wie K\u00f6rperverletzung oder Raub ist Anna Martha Wi\u00dflers Klage umgeben von Verd\u00e4chtigungen wegen Hexenseherei und Wahrsagerei aus den Jahren vor und nach ihrem Brief. Diese Verbrechen w\u00e4ren zu ihrer Zeit vermutlich \u00e4hnlich schwer geahndet worden wie sexuelle Gewalt. Beim Einsehen des Archivordners entsteht aber, f\u00fcr moderne Rezipierende wie uns oder Georg Landau, ein anderer Eindruck. Verbrechen im Umfeld von Hexerei werden in der Moderne als auf falschen Vorstellungen \u00fcber die Welt basierend gesehen und daher als Falschanzeigen verstanden, da es das angezeigte Verbrechen nicht geben kann. Landaus Motivationen sind nicht mehr unzweifelhaft nachzuvollziehen, man kann aber annehmen, dass die angeh\u00e4ngte Wurzel f\u00fcr die Abheftung in diesem Kontext verantwortlich war.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Moment pr\u00e4sentiert sich das Schreiben samt Anhang also als deplatziertes, zusammenhangsloses Kuriosum. W\u00e4re das Schreiben in seinem eigentlichen Kontext abgeheftet worden, w\u00e4re es vermutlich, wie die eigentliche Bittschrift, inzwischen verloren. Das \u00dcberleben, das Erf\u00fcllen der Speicherfunktion der archivalischen Akte, ist hier also nur \u201aversehentlich\u2018 erfolgreich, als Folge seiner Deplatzierung und Dekontextualisierung. Die beigegebene Wurzel, als zus\u00e4tzliche Informationsquelle neben dem geschriebenen Wort, erlaubt also R\u00fcckschl\u00fcsse, die das Schreiben allein nicht im gleichen Ma\u00dfe vermitteln w\u00fcrde, und bedingt die \u00dcberlieferung als aktenfremde Zugabe, die durch die Jahrhunderte hindurch das Interesse erweckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als m\u00f6glicher Teil einer Kriminalakte fehlt dem Schreiben Anna Martha Wi\u00dflers jeglicher Kontext. Kein sich anschlie\u00dfendes Verfahren ist \u00fcberliefert. Es gibt nicht einmal Hinweise in den Akten, dass jemals ein Prozess gegen Konstantin Neurath eingeleitet wurde. Archivalisch ist das Schreiben trotzdem interessant. Es registriert als Negativ<a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[5]<\/a> den Eingang der vorauszusetzenden, jetzt fehlenden Bittschrift und verweist auf eine Leerstelle in den Akten, einerseits im Sinne der fehlenden Korrespondenz, andererseits auf das Ausbleiben eines Verfahrens, das Neuraths Schuldigkeit pr\u00fcft und ahndet. Rechtshistorisch ist die Akte also wohl von mittelm\u00e4\u00dfiger Bedeutung und eher ein Beleg f\u00fcr die geringe Verfolgungsrate von sexualisierter Gewalt gegen Frauen in der fr\u00fchen Neuzeit. Allerdings fehlen auch in dieser Hinsicht wichtige Informationen: Wieviel Zeit lag zwischen der Tat und dem Eingehen der Bittschrift? In welcher Funktion kam Anna Martha Wi\u00dfler mit Konstantin Neurath in Kontakt? Wie alt war sie zum Tatzeitpunkt (eine Frage, die vor allem hinsichtlich der Verweise auf Vaterschaft und Landes-Vaterschaft interessant scheint)? Wie und von wem wurde die Bittschrift verfasst und \u00fcbergeben?<a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[6]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Als ein solches Fallbeispiel ist das Schreiben illustrativ in seinem kontempor\u00e4ren, rechtlichen Kontext und erlaubt einen kleinen Einblick in die konkreten, gelebten Auswirkungen historischer Ereignisse. Im Rahmen einer Modernisierung des Strafprozesses wurde im Jahr 1532, also 122 Jahre vor dem Schreiben, die <em>Constitutio Criminalis Carolina<\/em> im Heiligen R\u00f6mischen Reich eingef\u00fchrt, die Verfahrensweisen in der Strafverfolgung, vor allem von schweren Verbrechen, vereinheitlichen sollte.<a href=\"#_edn7\" id=\"_ednref7\">[7]<\/a> Die <em>Carolina <\/em>setzte Regeln f\u00fcr die Strafverfolgung, die trotz ihrer Unterordnung unter die Landesrechte bis in das 18. Jahrhundert hinein relevant blieben.<a href=\"#_edn8\" id=\"_ednref8\">[8]<\/a> Als vollen Beweis f\u00fcr schwere Straftaten wie <em>nothzucht<\/em>\u2013 also solche, die K\u00f6rperstrafen nach sich zogen \u2013 schrieb sie mindestens zwei Tatzeugen oder ein Gest\u00e4ndnis vor.<a href=\"#_edn9\" id=\"_ednref9\">[9]<\/a> Im vorliegenden Fall gab es also ohne Gest\u00e4ndnis keine Aussicht auf eine Verurteilung, und die Abreise bzw. Flucht Konstantin Neuraths legt nahe, dass er zu einem solchen nicht im Mindesten bereit war. Die Wurzel als weiteres Indiz k\u00f6nnte nachgeliefert worden sein, um den Prozess dringlicher zu machen, die Beweislast zu erweitern. Da Anna Martha Wi\u00dfler, laut eigener Angabe, nicht von der Wurzel genommen hatte, bestand au\u00dferdem die Gefahr einer Schwangerschaft. Diese w\u00e4re dann, sollte f\u00fcr die Obrigkeit kein ausreichender Verdacht gegen Konstantin Neurath vorgelegen haben, als Beweis f\u00fcr Unzucht gesehen worden. Unzucht, anders als Abtreibung, wurde zwar nicht \u201apeinlich\u2018, also mit K\u00f6rperstrafen geahndet, galt aber ebenfalls als ein durch schwere Strafe zu ahndendes Sexualverbrechen.<a href=\"#_edn10\" id=\"_ednref10\">[10]<\/a> Schlimmer noch, sollte eine Schwangerschaft folgen und mit einem Abgang oder einer Totgeburt enden, w\u00e4re Anna Martha Wi\u00dfler als der Abtreibung oder der Kindest\u00f6tung h\u00f6chstverd\u00e4chtig gewesen. Im Kontext der <em>Carolina<\/em> waren prinzipiell alle unverheirateten Frauen (insbesondere von niederem Stand) potentielle Kindsm\u00f6rderinnen, da vor allem diese Frauen Grund hatten, Schwangerschaft und Geburt zu verheimlichen, um Unzucht zu verbergen.<a href=\"#_edn11\" id=\"_ednref11\">[11]<\/a> Da Hinrichtungsraten f\u00fcr Abtreibung und Infantizid nach Kodifikation der <em>Carolina<\/em> in die H\u00f6he schossen, war ein Prozess gegen Konstantin Neurath auch angesichts der hohen Kindersterblichkeitsrate in ihrem Interesse.<a href=\"#_edn12\" id=\"_ednref12\">[12]<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1023\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-300x225.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-768x576.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-465x349.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/files\/2023\/04\/Commichau_Akte-Objekt_Abb2-667x500.jpg 667w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Wurzel, eingelegt in Anna Martha Wi\u00dflers Brief, Landesarchiv Marburg <em>HStaAM M1 No. 445<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die <em>Carolina<\/em> erweiterte zudem die Autorit\u00e4t der weltlichen Gerichtsbarkeit, Folter zur Beweiserbringung jenseits von Strafen wie H\u00e4resie oder Hochverrat einzusetzen.<a href=\"#_edn13\" id=\"_ednref13\">[13]<\/a> Diese Methode war besonders relevant f\u00fcr Straftaten, die von Natur aus schwer nachweisbar waren \u2013 wie zum Beispiel die Abtreibung in einer Zeit, die ohnehin von besonders hoher Kindersterblichkeit gepr\u00e4gt war, oder die Abtreibung w\u00e4hrend einer heimlichen Schwangerschaft. Mit der partiellen Gleichsetzung und Kriminalisierung von Abtreibung und Kindst\u00f6tung reagierte die <em>Carolina<\/em>, beeinflusst wohl auch durch den zunehmenden Fokus auf Moral im Kontext der Reformation und Gegenreformation, auf eine vermeintliche Welle von Unmoral. Um dem beizukommen, was als eine Welle von Gewalt gegen Kinder durch ruchlose Frauen wahrgenommen wurde, wurden schwerste K\u00f6rperstrafen zur Abschreckung verh\u00e4ngt.<a href=\"#_edn14\" id=\"_ednref14\">[14]<\/a> W\u00e4hrend F\u00e4lle vor 1600 in der Regel lokal verhandelt und im Verurteilungsfall eher mit Exil geahndet wurden, waren Exekutionen nach 1600 eine regelm\u00e4\u00dfige Erscheinung.<a href=\"#_edn15\" id=\"_ednref15\">[15]<\/a> Abtreibung, im Gegensatz zu Kindst\u00f6tung (wenn auch in der <em>Carolina<\/em> gemeinsam unter \u201aT\u00f6tung\u2018 verhandelt)<a href=\"#_edn16\" id=\"_ednref16\">[16]<\/a>, ist als Verbrechen gegen\u00fcber dem Vorfall des ungeplanten Abgangs eines F\u00f6tus lediglich durch Absicht zu unterscheiden. Absicht aber ist juristisch schwer zu belegen, weshalb Folter als Instrument der Wahrheitsfindung in diesen F\u00e4llen gebr\u00e4uchlich war.<a href=\"#_edn17\" id=\"_ednref17\">[17]<\/a> Die Anforderung, als vollen Beweis zwei Zeugenaussagen oder ein Gest\u00e4ndnis vorzuweisen, machte die Folter zur Beweiserbringung in privaten oder verborgenen Straftaten wie Abtreibung zu einem logischen Schritt.<a href=\"#_edn18\" id=\"_ednref18\">[18]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Als Fallbeispiel oder Mikrohistorie kann das einfache Dokument mit einem Umfang von nicht mehr als einer Seite also die dramatischen Konsequenzen der fr\u00fchneuzeitlichen Gesetzgebung illustrieren. Im Falle einer Schwangerschaft ohne erbrachten Beweis der <em>nothzucht<\/em> w\u00e4re Anna Martha Wi\u00dfler vermutlich der Unzucht bezichtigt worden, als ledige Frau im Falle eines Abgangs wom\u00f6glich sogar mit \u201apeinlicher\u2018 Befragung bis hin zu Exekution konfrontiert gewesen. Paradoxerweise ist das Wissen um ihren Fall nicht der Speicherfunktion der Archivalie zuzuschreiben, schon gar nicht der Prozessakte, da die Supplik allem Anschein nach in dem Versuch, ein Verfahren einzuleiten, nicht erfolgreich war. Die Akte als Speichermedium<a href=\"#_edn19\" id=\"_ednref19\">[19]<\/a> ist hier vielmehr nur in der Lage, ihre Aufbewahrungsfunktion zu erf\u00fcllen, wegen dem, was ihr eigentlich Fremdes, \u00c4u\u00dferes sein sollte: dem physischen Beweisst\u00fcck. Die Beigabe der Wurzel erm\u00f6glichte es dem Brief \u2013 als Kuriosum statt als Teil einer Prozessakte \u2013, sp\u00e4ter vom Archivar und Historiker Landau aufbewahrt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Akt (\u201edas, was einen bestimmten Typ von Recht generiert\u201c<a href=\"#_edn20\" id=\"_ednref20\">[20]<\/a>) repr\u00e4sentiert der Brief Anna Martha Wi\u00dflers also ein Bruchst\u00fcck oder ein Scheitern. Wesentliche Funktionen der Prozesshaftigkeit von Akten sind durch den ver\u00e4nderten Kontext verlorengegangen, aber auch die Prozesskette, die das Schreiben im juristischen Sinne anzusto\u00dfen suchte, ist unterbrochen\/nicht vorhanden. Ihre Anzeige wurde, soweit der \u00dcberlieferungszustand R\u00fcckschl\u00fcsse zul\u00e4sst, vermutlich ad acta, zu den Akten, gelegt und damit abgeschlossen\/abgebrochen. Es verbleiben keine Hinweise, dass Konstantin Neuraths Schuld gepr\u00fcft oder Anna Martha Wi\u00dfler zu einer weiteren Befragung geladen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen erlaubt das Schreiben also selbst als geringstm\u00f6gliches, de-kontextualisiertes \u00dcberbleibsel noch Schl\u00fcsse auf und Spekulationen \u00fcber das fr\u00fchneuzeitliche Alltagsleben; im Besonderen fungiert es als Zeugnis der Realit\u00e4t einer marginalisierten Gruppe im Heiligen R\u00f6mischen Reich: hier nichtadlige Frauen. Zum anderen wird die Person Anna Martha Wi\u00dflers auf das an ihr ver\u00fcbte Verbrechen reduziert \u2013 soweit ersichtlich ist alles, was in den Akten von ihr bleibt, eine kontextlose Erg\u00e4nzung einer F\u00fcrbitte und ein Abtreibungs- oder Verh\u00fctungsmittel, letzteres als kurioses Artefakt, welches im Aktenordner eigentlich nichts zu suchen hat. Abgeheftet in Georg Landaus Nachlass unter der Rubrik <em>Aberglaube<\/em> ist anzunehmen, dass die Wurzel als aktenfremdes Kuriosum das Interesse des Archivars erweckte und die (aktenfremde) Aktion des De-Kontextualisierens und Auftrennens des Aktenprozesses bedingte, aber letztlich auch die \u00dcberlieferung des Schreibens und der festgehaltenen Anklage in Landaus Nachlass.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Steve Commichau (er\/ihm) ist PhD Kandidat im Bereich Germanistik an der University of British Columbia. Seine Forschungsinteressen beinhalten Monstrosit\u00e4t in vormodernen Texten, mit einem besonderen Fokus auf K\u00f6rper und Geschlecht in nicht-fiktiven, fr\u00fchneuzeitlichen Geisterberichten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-vertical is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-8cf370e7 wp-block-group-is-layout-flex\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[1]<\/a> Das Schreiben, nebst Wurzel, ist erhalten im Landesarchiv Marburg mit der Kennung <em>HStaAM M1 No. 445<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn2\" href=\"#_ednref2\">[2]<\/a> Head, Randolph C.: Making Archives in Early Modern Europe. Proof, Information, and Political Record-Keeping, 1400\u20131700. Cambridge \/ New York 2019, S. 4.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn3\" href=\"#_ednref3\">[3]<\/a> Vismann, Cornelia: Akten. Medientechnik und Recht<em>. <\/em>Frankfurt a. M. 2001, S. 26.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[4]<\/a> https:\/\/arcinsys.hessen.de\/arcinsys\/detailAction?detailid=s200704.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[5]<\/a> Vgl. Vismann, Akten (wie Anm. 3), S. 174.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn6\" href=\"#_ednref6\">[6]<\/a> Fragen nach der Verfolgungsrate von sexualisierter Gewalt (in Europa generell zwischen 1\u20132%) oder nach der Identit\u00e4t der Anzeigenden (h\u00e4ufig V\u00e4ter oder Ehepartner) werden z. B. diskutiert in Steinberg, Sylvie \/ Rubens, Andrew: Reading and Interpreting Accounts of Rape in the Criminal Archives (Early Modern Europe). In: Clio. Women, Gender, History 52 (2020), S. 169\u2013198.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn7\" href=\"#_ednref7\">[7]<\/a> Ignor, Alexander: Geschichte des Strafprozesses in Deutschland. Von der Carolina Karls V. bis zu den Reformen des Vorm\u00e4rz<em>.<\/em> Paderborn 2002, S. 43.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref8\" id=\"_edn8\">[8]<\/a> Ebd.,S. 28.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref9\" id=\"_edn9\">[9]<\/a> Ebd., S. 62.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref10\" id=\"_edn10\">[10]<\/a> Lewis, Margaret B.: Infanticide and Abortion in Early Modern Germany<em>. <\/em>London \/ New York 2016, S. 27.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref11\" id=\"_edn11\">[11]<\/a> Ebd., S. 17, 25.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref12\" id=\"_edn12\">[12]<\/a> Ebd., S. 2.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref13\" id=\"_edn13\">[13]<\/a> Ebd., S. 22.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn14\" href=\"#_ednref14\">[14]<\/a> Ebd., S. 27; Juo Schoeffer [Drucker]: Kaiser Carl des F\u00fcnften und des heiligen R\u00f6mischen Reichs peinliche Halsgerichtsordnung, Meyntz 1534, Bayerische Staatsbibliothek M\u00fcnchen, CXXXI\u2013CXXXIII. Online: <a href=\"https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/view\/bsb00019882?page=1\">https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/view\/bsb00019882?page=1<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref15\" id=\"_edn15\">[15]<\/a> Lewis, Infanticide and Abortion (wie Anm. 10)<em>, <\/em>S. 2, 18.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref16\" id=\"_edn16\">[16]<\/a> Juo Schoeffer, Peinliche Halsgerichtsordnung (wie Anm. 14)<em>,<\/em> CXXXI\u2013CXXXIII.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref17\" id=\"_edn17\">[17]<\/a> Lewis, Infanticide and Abortion (wie Anm. 10), S. 19\u201322.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_edn18\" href=\"#_ednref18\">[18]<\/a> Ignor, Geschichte des Strafprozesses (wie Anm. 7), S. 28.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref19\" id=\"_edn19\">[19]<\/a> Vismann, Akten (wie Anm. 3), S. 11.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref20\" id=\"_edn20\">[20]<\/a> Ebd., S. 9.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Content Notifications: Sexuelle Gewalt, Abtreibung, Gewalt gegen Frauen Am 15.11.1654 wurde am Hof zu Hessen-Kassel ein Schreiben eingereicht, in dem Konstantin \u201aStam\u2018 Neurath (1633\u20131719), Lakai am Hof der Prinzessin und Schwester des Landesf\u00fcrsten, der nothzucht anklagt wird. Verfasserin der Bitte um landesf\u00fcrstlichen Beistand war Anna Martha Wi\u00dfler. Sie identifiziert sich<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/2023\/04\/20\/akte-und-objekt-als-einblick-in-die-gelebte-realitaet-der-fruehen-neuzeit\/\">Weiterlesen&#8230;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":776,"featured_media":1026,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_FSMCFIC_featured_image_caption":"","_FSMCFIC_featured_image_nocaption":"","_FSMCFIC_featured_image_hide":"","footnotes":""},"categories":[1,44],"tags":[],"class_list":["entry","author-steve-commichau","post-1019","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-allgemein","category-beitraege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/users\/776"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1019"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1027,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1019\/revisions\/1027"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1026"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/medioscope\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}