{"id":475,"date":"2019-02-19T18:26:59","date_gmt":"2019-02-19T17:26:59","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/?p=475"},"modified":"2019-02-19T18:42:32","modified_gmt":"2019-02-19T17:42:32","slug":"naive-technikeuphorie-und-digitale-zaubertricks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/2019\/02\/19\/naive-technikeuphorie-und-digitale-zaubertricks\/","title":{"rendered":"Naive Technikeuphorie und digitale Zaubertricks"},"content":{"rendered":"\n<p>Fortsetzung von: <a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/2019\/02\/19\/digitalisierung-legitimation-durch-verschleierung\/\">Digitalisierung: Legitimation durch Verschleierung?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Eine naive Technikeuphorie ist gef\u00e4hrlich. Denn nur weil etwas technisch m\u00f6glich ist, heisst das noch lange nicht, dass jede Anwendung auch sinnvoll ist \u2013 oder pr\u00e4ziser: sinnvoll wozu und f\u00fcr wen? Wir sollten uns daher stets Rechenschaft dar\u00fcber ablegen, was der Mehrwert digitaler Technologien ist \u2013 gleichzeitig aber auch stets mit bedenken, welche Risiken damit verbunden sind. In diesem Sinne sollten wir agency einfordern \u2013 beziehungsweise sie uns nehmen. Wir sollten den Einsatz digitaler Technologien aktiv mitgestalten \u2013 und sei es nur, indem wir zum begr\u00fcndeten Urteil kommen, dass sie in gewissen F\u00e4llen nichts verloren hat. Die rasante technologische Entwicklung l\u00e4sst die Kluft zwischen dem, was technisch m\u00f6glich ist und dem mangelnden Verm\u00f6gen wie der fehlenden Sensibilisierung, dieses Potenzial in kritischer Weise anzuwenden und zu bewerten, immer gr\u00f6sser werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dies\ngilt nicht zuletzt auch auf wissenschaftlichem Gebiet. Die Einzelwissenschaften\nsind heute schon so stark ausdifferenziert und spezialisiert, dass wirkliche\nExpertise nur noch in einem sehr engen Bereich erworben werden kann. Sich dabei\nauch noch vertiefte Kenntnisse digitaler Technologien anzueignen, ist h\u00e4ufig schon\naus Kapazit\u00e4tsgr\u00fcnden nur schwer m\u00f6glich. Das ist aber auch nicht unbedingt\nn\u00f6tig. Vielmehr reicht es aus, sich der Gefahren und Risiken bewusst zu werden\nund zumindest ein Grundverst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu gewinnen, wo m\u00f6gliche Probleme\nlauern k\u00f6nnten. Was n\u00f6tig ist, ist eine kritische Grundhaltung gegen\u00fcber\ndigitalen Technologien. Wir sollen daher stets Rechenschaft verlangen und\nErkl\u00e4rungen einfordern: warum ist der Einsatz digitaler Technologien in\nbestimmten Bereichen sinnvoll? Was ist der Nutzen? Welche Risiken sind damit\nverbunden? Letztlich geht es darum, die methodische Kernkompetenz der\nGeschichtswissenschaft auf digitale Technologien anzuwenden: die Quellenkritik.\nAlles kann, richtig befragt, zu einer Quelle werden, die Auskunft \u00fcber die\nVergangenheit bietet. Entscheidend ist dabei aber immer das\nErkenntnisinteresse. Auch mit digitalen Technologien sollten wir analog\nverfahren: sie aktiv nutzen, aber sie stets von unseren explizit formulierten\nBed\u00fcrfnissen ausgehend als Instrument betrachten, die uns helfen, diese\nBed\u00fcrfnisse zu befriedigen. Nur zu oft geschieht es genau umgekehrt: als\nGrundbed\u00fcrfnis wird die Anpassung an das digitale Zeitalter gefordert, wobei\ndann Arbeitsabl\u00e4ufe umgestellt und Strukturen angepasst werden, ohne genau zu\nwissen, wem dies letztendlich zu Gute kommen soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicht\nselten stehen dahinter \u00f6konomische Interessen der Computer- und\nSoftwareindustrie, die in der unbedarften Euphorie von Technikenthusiasten\nVerb\u00fcndete finden. Wer will heute schon zugeben wollen, ein Problem mit dem\nklassischen Instrumentarium gleich gut oder besser l\u00f6sen zu k\u00f6nnen als mit dem\nComputer, wenn man dabei droht in den Ruf der Technikverweigerung zu geraten?\nDer Diskurs zwingt zur Technik-Bejahung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr\nviel seltener ist der Mahnruf zu h\u00f6ren, es sei zu hinterfragen, was die Maschine\nmit unseren Daten macht. Vielmehr haben wir uns durch die ubiquit\u00e4re\nVerbreitung von digitalen Medien an technischen \u201eOutput\u201c gew\u00f6hnt (in Form von Text,\nTabelle, Datenbank, Bild, Audio, Video, Applikation etc.). Gerade im Alltag\ngeschieht die kritische Auswertung kaum. Umso mehr gilt es, das Verst\u00e4ndnis\ndaf\u00fcr zu sch\u00e4rfen, dass digitale Prozesse keine rein mechanische Verarbeitung sind,\nderen Verarbeitungsschritte auch f\u00fcr Laien empirisch leicht zu durchschauen sind.\nVielmehr funktioniert Digitaltechnik eher nach dem Prinzip einer gesteuerten\nInszenierung und Manipulation, die beeindruckende Effekte zu erzeugen im Stande\nist, gerade deswegen aber auch kaum mehr transparent ist: eine Art digitaler \u201eZaubertrick\u201c.\nWas wir also in unserem eigenen Interesse brauchen sind F\u00e4higkeiten und\nVerst\u00e4ndnis im Umgang mit Digitaltechnologie. Solche \u201edigital skills\u201c umfassen\ndie Sensibilisierung f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Funktionsweise technischer Abl\u00e4ufe\nund Manipulationsm\u00f6glichkeiten. Nur so kann das Resultat kritisch bewertet\nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau dies ist der Ausgangspunkt des <a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/startseite\/\">Projektes \u201eDigitale Leistungsnachweise\u201c<\/a>: es sind diese F\u00e4higkeiten, die in den drei Lehrveranstaltungen zusammen mit Studierenden exemplarisch einge\u00fcbt werden sollen. Dazu dienen drei unterschiedliche mediale Formate beziehungsweise digitale Technologien. Wir werden dazu nicht bloss bestehende digitale Angebote nutzen, bestehenden Output nicht nur konsumieren, sondern selber aktiv produzieren. Wer selber unmittelbar digitale Daten am Computer manipuliert, gewinnt ein viel differenzierteres Gesp\u00fcr f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten und Grenzen der jeweiligen Technologie als es jede indirekte Vermittlung je k\u00f6nnte. Es steht also nicht allein der Output im Fokus der Arbeit, sondern der gesamte Arbeitsablauf: Datenbanken, Algorithmen und Workflows sollen in der praktischen Arbeit als Werkzeuge unmittelbar erfahren werden, um selbst\u00e4ndig Kriterien f\u00fcr eine kritische Haltung ihnen gegen\u00fcber zu entwickeln. So werden digitale Produkte im praktischen Einsatz auf ihre Produktionsbedingungen hinterfragt. Gerade in der Wissenschaft ist ein gut ausgestatteter methodischer Werkzeugkasten wichtig, aber auch die Kenntnis, wann welches Werkzeug einzusetzen ist und welchen Mehrwert es generiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"737\" height=\"600\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/files\/2019\/02\/Tools.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-484\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/files\/2019\/02\/Tools.jpg 737w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/files\/2019\/02\/Tools-300x244.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/files\/2019\/02\/Tools-465x379.jpg 465w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/historia-techne\/files\/2019\/02\/Tools-614x500.jpg 614w\" sizes=\"auto, (max-width: 737px) 100vw, 737px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung von: Digitalisierung: Legitimation durch Verschleierung? Eine naive Technikeuphorie ist gef\u00e4hrlich. 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