{"id":994,"date":"2025-12-18T13:53:10","date_gmt":"2025-12-18T13:53:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=994"},"modified":"2026-01-21T12:22:28","modified_gmt":"2026-01-21T12:22:28","slug":"article-by-oriana-azzarito","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/en\/2025\/12\/18\/article-by-oriana-azzarito\/","title":{"rendered":"Eine Pionierin in der gerichtlichen Durchsetzung der Lohngleichheit: Lili Nabholz-Haidegger und der Fall der Pflegefachfrauen gegen die Stadt Z\u00fcrich (1982-1990)"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Article by Oriana Azzarito<\/span><\/h4>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Seit 1981 garantiert die Bundesverfassung einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf gleichen Lohn f\u00fcr gleichwertige Arbeit. Heute ist dieser Anspruch in Art. 8 Abs. 3 Satz 3 BV verankert und wird auf Gesetzesstufe durch Art. 3 ff. GlG konkretisiert. In der Rechtspraxis bleibt der Anspruch gleichwohl nur teilweise verwirklicht.\u00a0Dies h\u00e4ngt wesentlich mit dem Verst\u00e4ndnis der \u00abgleichwertigen Arbeit\u00bb zusammen.\u00a0Der Wert einer T\u00e4tigkeit ist kein objektiv feststehender Massstab, sondern Ergebnis normativ gepr\u00e4gter Bewertungen. Solche Bewertungen sind anf\u00e4llig f\u00fcr diskriminierende Annahmen und geschlechtsbezogene Stereotype. Werden formal geschlechtsneutrale Merkmale wie K\u00f6rperkraft oder Dienstalter systematisch h\u00f6her gewichtet, beg\u00fcnstigt dies strukturellen Verzerrungen in typischerweise nach Geschlecht segregierten T\u00e4tigkeitsfeldern.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Exemplarisch zeigt sich dies am Z\u00fcrcher Pionierfall der Pflegefachfrauen gegen die Stadt Z\u00fcrich (VGr ZH VK 87\/0021, Entscheid vom 24. August 1990), in dem Rechtsanw\u00e4ltin Lili Nabholz-Haidegger den Anspruch auf Lohngleichheit prozessual zur gerichtlichen Kl\u00e4rung brachte. Die Kl\u00e4gerinnen st\u00fctzten sich vor dem Verwaltungsgericht Z\u00fcrich erstmals unmittelbar auf Art. 4 Abs. 2 Satz 3 aBV und machten als indirekte Diskriminierung eines typischen Frauenberufs geltend, ihre Funktion werde im Vergleich zu m\u00e4nnlich dominierten Referenzfunktionen der Verwaltung systematisch unterbewertet. Sie verlangten die Feststellung einer Lohndiskriminierung, die Einreihung in eine h\u00f6here Besoldungsklasse und die Nachzahlung der Lohndifferenzen. Das Verfahren f\u00fchrte zu zwei bundesgerichtlichen Entscheiden und endete 1990 mit der Feststellung einer Verletzung der Lohngleichheit in Besoldungs- und Bef\u00f6rderungsverh\u00e4ltnissen. Der Z\u00fcrcher Fall setzte dogmatische Grundfragen, die bis heute nachwirken. Dies betraf die Justiziabilit\u00e4t im \u00f6ffentlich-rechtlichen Arbeitsverh\u00e4ltnis, die Auslegung der \u00abgleichwertigen Arbeit\u00bb sowie die Beweisf\u00fchrung unter struktureller Informationsasymmetrie.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Gleichwertigkeit wurde zun\u00e4chst faktisch mit identischer Arbeit gleichgesetzt, bis sich gest\u00fctzt auf die Materialien zu Art. 4 Abs. 2 Satz 3 aBV durchsetzen liess, dass gleichwertige Arbeit auch verschiedenartige T\u00e4tigkeiten erfasst, sofern sie hinsichtlich ihrer Anforderungen gleichwertig sind. Damit wurde die Geltendmachung indirekter Lohndiskriminierungen in typischerweise nach Geschlecht segregierten Berufsfeldern dogmatisch \u00fcberhaupt erst justiziabel. Zugleich zeigte das Verfahren, dass arbeitswissenschaftliche Bewertungsmethoden trotz formal neutraler Kriterien keine wertungsfreien Ergebnisse garantieren, sondern diskriminierende Bewertungsannahmen enthalten k\u00f6nnen, da ihre Aussagekraft von Auswahl und Gewichtung der Kriterien abh\u00e4ngt. Problematisch blieb die faktische Beschr\u00e4nkung des Vergleichs auf die Funktion der Sanit\u00e4ter. Sie erlaubte zwar eine Feststellung der Lohndiskriminierung im konkreten Vergleich, schw\u00e4chte aber die Aussagekraft f\u00fcr die Frage einer systematischen Unterbewertung im breiteren Referenzrahmen. Gerade daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines hinreichend breiten Vergleichsrahmens, wenn strukturelle Unterbewertungen rechtlich greifbar werden sollen.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Zudem verdeutlichte der Fall einen strukturellen Beweisnotstand. Nach Art. 8 ZGB mussten die Kl\u00e4gerinnen Gleichwertigkeit beweisen, obwohl wesentliche Unterlagen zur Arbeitsbewertung bei der Arbeitgeberin lagen. In einem Bericht des Eidgen\u00f6ssischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD) Mitte der 1980er-Jahre wurde unter Bezugnahme auf den Fall die gesetzliche Verankerung einer spezifischen Beweislastregelung empfohlen. Lili Nabholz-Haidegger griff dies im Gesetzgebungsprozess auf und reichte 1989 eine parlamentarische Initiative ein, die eine Beweislastumkehr in Lohnfragen vorschlug. Das Anliegen zielte darauf ab, der Informationsasymmetrie entgegenzuwirken und pr\u00e4ventive Wirkungen \u00fcber transparente Lohnsysteme zu erreichen. Es fand in Art. 6 GlG eine gesetzliche Entsprechung. In der Praxis wird die Zweistufigkeit von Art. 6 GlG jedoch nicht immer klar umgesetzt, weil teils bereits bei der Glaubhaftmachung umfangreiche Belege verlangt werden. Das Beweismass n\u00e4hert sich damit faktisch dem Vollbeweis an, was die gesetzgeberisch intendierte Beweislasterleichterung unterlaufen kann.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Z\u00fcrcher Pionierfall zeigte, dass Lohngleichheit vor Gericht nicht am Wortlaut der Verfassungsnorm entschieden wird, sondern daran, ob Gleichwertigkeit jenseits identischer Funktionen vergleichbar gemacht und unter struktureller Informationsasymmetrie beweisrechtlich bew\u00e4ltigt werden kann. Damit r\u00fcckte er \u00fcber die Konkretisierung der Lohngleichheitsgarantie hinaus das Erfordernis methodischer Vergleichbarkeit und prozessualer Durchsetzbarkeit in den Fokus. Lili Nabholz-Haidegger brachte wesentliche Fragen in den gerichtlichen Diskurs ein, lotete den Auslegungsspielraum des Lohngleichheitsgebots aus und stellte Bewertungs- und Gewichtungskriterien in Frage. Zugleich trug sie die im Verfahren sichtbar gewordene Informationsasymmetrie in den Gesetzgebungsprozess und schlug damit eine Br\u00fccke zwischen Einzelfall, Gesetzgebung und Praxis. Auf diese Weise sch\u00e4rfte sie die Diskriminierungsproblematik der systematischen Unterbewertung von Pflege- und Betreuungsarbeit in typischerweise nach Geschlecht segregierten T\u00e4tigkeitsfeldern und stiess rechtliche Korrekturmechanismen an. Ihre Arbeit verdeutlicht, dass die praktische Wirksamkeit des Lohngleichheitsgebots im Zusammenspiel von gerichtlicher Kl\u00e4rung, gesetzgeberischer Nachsteuerung und \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit entsteht.<\/span><\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"style\":{\"typography\":{\"textDecoration\":\"underline\"}}} --><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"color: #333333; text-decoration: underline;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/span><\/p>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Bigler-Eggenberger Margrith, Art. 4 Abs. 2\/8 Abs. 3 BV &#8211; eine Erfolgsgeschichte?, ZBl 106\/2005, 57 ff.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Bigler-Eggenberger Margrith, Die bundesgerichtliche Rechtsprechung zur Lohngleichheit \u2013 eine kritische Bestandesaufnahme, AJP 2001, 1269 ff.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Bohnet Fran\u00e7ois, Die Glaubhaftmachung im Sinne von Artikel 6 des Bundesgesetztes \u00fcber die Gleichstellung von Frau und Mann im Lichte der Rechtsprechung des Bundesgerichts, Universit\u00e4t Neuenburg im Auftrag des Eidgen\u00f6ssischen B\u00fcros f\u00fcr die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG), Neuenburg 2018.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Eidgen\u00f6ssisches B\u00fcro f\u00fcr die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG), Diskussionspapier zum Diskriminierungspotenzial einzelner Erkl\u00e4rungsfaktoren zur Messung der Lohngleichheit zwischen Frau und Mann aus juristischer Sicht, Bern 2019.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Eidgen\u00f6ssisches B\u00fcro f\u00fcr die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG), Kurzfassung des Schlussberichts der vom Eidgen\u00f6ssischen Justiz- und Polizeidepartement eingesetzten Arbeitsgruppe \u00abLohngleichheit\u00bb, Bern 1990.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Nabholz-Haidegger Lili, Die Lohngleichheit und ihre T\u00fccken, Die Staatsb\u00fcrgerin: Zeitschrift f\u00fcr politische Frauenbestrebungen, 9\u201312\/1983, 10 ff.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, Lili Nabholz-Haidegger, 4.12.2023, Interview vom 30.9.2022, &lt;<a style=\"color: #333333;\" href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/2023\/12\/04\/lili-nabholz-haidegger-2\/\">https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/2023\/12\/04\/lili-nabholz-haidegger-2\/<\/a>&gt; (Abruf 10.10.25).<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Stauber-Moser Susy, Lohngleichheit und bundesgerichtliche Rechtsprechung, AJP 2006, 1352 ff.<\/span><\/p>\r\n<p class=\"p1\"><span style=\"color: #333333;\">Ueberschlag Jakob, Die Anstellung im Umfeld des Geschlechtergleichheitskontexts, Anwaltsrevue 2\/2024, 67 ff.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong><u>Materialienverzeichnis<\/u><\/strong><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Amtliches Bulletin der Bundesversammlung, Parlamentarische Initiative (Nabholz): Lohngleichheit f\u00fcr Mann und Frau. Beweislastregel, Fr\u00fchjahrssession, Nationalrat, Band II 1991, Sitzung 11 vom 18. M\u00e4rz 1991, Gesch\u00e4ftsnummer 89.249, AB N 1991 554 ff.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #333333;\">Botschaft zum Bundesgesetz \u00fcber die Gleichstellung von Frau und Mann (Gleichstellungsgesetz) und zum Bundesbeschluss \u00fcber die Genehmigung einer \u00c4nderung der Verordnung \u00fcber die Zuweisung der \u00c4mter an die Departemente und der Dienste an die Bundeskanzlei vom 24. Februar 1993, BBl 1993 I 1248 ff.<\/span><\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article by Oriana Azzarito Seit 1981 garantiert die Bundesverfassung einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf gleichen Lohn f\u00fcr gleichwertige Arbeit. 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