{"id":988,"date":"2025-12-18T13:27:59","date_gmt":"2025-12-18T13:27:59","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=988"},"modified":"2026-02-09T16:32:11","modified_gmt":"2026-02-09T16:32:11","slug":"article-de-jil-christine-sauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/fr\/2025\/12\/18\/article-de-jil-christine-sauer\/","title":{"rendered":"Gabrielle Nanchens Elternurlaubsvorschlag von 1977: Zum Scheitern eines fr\u00fchen Versuchs, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz zu f\u00f6rdern"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\">Article de Jil-Christine Sauer<\/h4>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Wenn heute u\u0308ber Elternzeit in der Schweiz diskutiert wird, wirkt das Thema erstaunlich aktuell. Dabei reicht die politische Auseinandersetzung um einen Elternurlaub weit zuru\u0308ck. Bereits 1977 forderte die Nationalra\u0308tin Gabrielle Nanchen mit einer parlamentarischen Initiative einen Elternurlaub, der beiden Elternteilen offenstehen sollte. Ihr Vorschlag war seiner Zeit weit voraus und scheiterte deutlich im Parlament.<\/p>\r\n<p>In meiner Bachelorarbeit gehe ich der Frage nach, weshalb dieser fru\u0308he Versuch, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz zu verbessern, keine politische Mehrheit fand. Um die Gru\u0308nde fu\u0308r dieses Scheitern zu verstehen, genu\u0308gt es nicht, allein den inhaltlichen Vorschlag Nanchens zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr der politische und gesellschaftliche Kontext, in dem er eingebracht wurde. Anfang der 1980er Jahre pra\u0308gten bu\u0308rgerliche Parteien den Nationalrat deutlich, wa\u0308hrend Frauen politisch stark untervertreten waren. Diese Zusammensetzung beeinflusste die parlamentarische Debatte wesentlich.<\/p>\r\n<p>Die Betrachtung der Beratungen im Nationalrat sowie der Stellungnahme des Bundesrates zeigt, dass wirtschaftliche Argumente eine zentrale Rolle spielten. Der Elternurlaub wurde prima\u0308r als finanzielles Risiko und nicht als sozialpolitische Investition wahrgenommen. Die Befu\u0308rchtung zusa\u0308tzlicher Staatsausgaben bestimmte grosse Teile der Diskussion. Gleichzeitig wurde Kinderbetreuung weitgehend als private Aufgabe der Familie verstanden und faktisch den Mu\u0308ttern zugeschrieben. In den parlamentarischen Wortmeldungen zeigt sich ein klares Rollenversta\u0308ndnis, das staatliche Verantwortung im Familienbereich skeptisch beurteilte. Hinzu kommt, dass bis zur Revision des Eherechts der Ehefrau die Betreuung der Kinder und des Haushalts sogar gesetzgeberisch zugewiesen war. Ein Elternurlaub, der eine partnerschaftliche Aufteilung von Betreuungs- und Erwerbsarbeit vorsah, stand somit in deutlichem Widerspruch zu den damaligen gesellschaftlichen Leitvorstellungen, die sich auch in den Positionen vieler Parlamentsmitglieder widerspiegelten.<\/p>\r\n<p>Vor diesem Hintergrund wurde Nanchens Initiative weniger als notwendige Reform wahrgenommen, sondern vielmehr als politisch und wirtschaftlich nicht tragbar beurteilt. Ihr Vorschlag stellte bestehende Strukturen in Frage und stiess damit auf erheblichen Widerstand.<\/p>\r\n<p>Auch wenn der Elternurlaub bis heute nicht umgesetzt ist, bleibt Nanchens Vorstoss bedeutsam. Politische Forderungen entfalten ihre Wirkung oft nicht unmittelbar, sondern langfristig. Ihre Initiative war ein fru\u0308her Beitrag zu einer Diskussion, die bis heute anha\u0308lt. Dass einzelne Elemente, spa\u0308ter doch umgesetzt wurden, zeigt, dass politische Ideen nicht wirkungslos bleiben, nur weil sie zuna\u0308chst scheitern.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Meine Arbeit macht deutlich, dass der Elternurlaub nicht deshalb scheiterte, weil die Idee ungeeignet gewesen wa\u0308re, sondern weil das politische und gesellschaftliche Umfeld noch nicht bereit dafu\u0308r war. Das damalige Rollenversta\u0308ndnis, wirtschaftliche Interessen und die Mehrheitsverha\u0308ltnisse im Parlament verhinderten eine grundlegende Reform. Der Blick auf den fru\u0308hen Vorstoss von Gabrielle Nanchen zeigt, dass die heutige Diskussion um Elternzeit keine neue ist, sondern Teil einer langen politischen Entwicklung. Nanchens Initiative mag im Parlament gescheitert sein, doch sie war kein vergeblicher Versuch. Sie hat ein Thema aufgegriffen, das weiterhin ungelo\u0308st ist und politisch immer wieder neu verhandelt wird. Dass heute erneut u\u0308ber umfassende Elternzeitmodelle diskutiert wird, zeigt, wie langfristig politische Ideen wirken ko\u0308nnen, selbst wenn sie zuna\u0308chst keine Mehrheit finden.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"style\":{\"typography\":{\"textDecoration\":\"underline\"}}} --><\/p>\r\n<p style=\"text-decoration: underline;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Amtliches Bulletin der Bundesversammlung, Parlamentarische Initiative Familienpolitik (Nanchen), Nationalrat, Sitzung vom 16. Ma\u0308rz 1983, Band II<\/p>\r\n<p>Bericht des Bundesrates, Empirische Evidenzen und Machbarkeit einer gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Betrachtung verschiedener Elternzeitmodelle, Bericht des Bundesrates in Erfu\u0308llung des Postulates 21.3961 eingereicht von der Kommission fu\u0308r soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates am 23.06.2021, Bern 2025<\/p>\r\n<p>Botschaft u\u0308ber die A\u0308nderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Wirkungen der Ehe im allgemeinen, Ehegu\u0308terrecht und Erbrecht) vom 11. Juli 1979, BBl 1979 II 1191 ff.<\/p>\r\n<p>Botschaft u\u0308ber die Volksinitiative \u00abfu\u0308r einen wirksamen Schutz der Mutterschaft\u00bb vom 17. November 1982, BBl 1982 III 845 ff.<\/p>\r\n<p class=\"p1\">Nanchen Gabrielle, Interview, Universit\u00e4t Z\u00fcrich, Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, 2024<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article de Jil-Christine Sauer Wenn heute u\u0308ber Elternzeit in der Schweiz diskutiert wird, wirkt das Thema erstaunlich aktuell. 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