{"id":958,"date":"2025-12-18T10:29:25","date_gmt":"2025-12-18T10:29:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=958"},"modified":"2026-01-21T12:47:40","modified_gmt":"2026-01-21T12:47:40","slug":"article-by-elisabeth-knirsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/en\/2025\/12\/18\/article-by-elisabeth-knirsch\/","title":{"rendered":"Welche Faktoren trugen dazu bei, dass erst im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert eine Professorin an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich lehren durfte und ein weiteres Jahrhundert lang keine Frau eine juristische Professur innehatte?"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\">Article by Elisabeth Knirsch<\/h4>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Erst im Jahr 1867 konnte eine Frau an der Universita\u0308t Zu\u0308rich einen Doktortitel in Medizin erlangen. Damit war die Universita\u0308t Zu\u0308rich die erste Universita\u0308t Europas, die Frauen zum Studium und zur Promotion zuliess. Jedoch war dies vorerst nicht im juristischen Bereich mo\u0308glich.<\/p>\r\n<p>Die Gesellschaft des 19. Jhd. war aus sozialer Perspektive gepra\u0308gt von Rollenbildern, die den Frauen die Zusta\u0308ndigkeit fu\u0308r das Heim und die Familie zuordnete, wa\u0308hrend Ma\u0308nner im o\u0308ffentlichen Bereich ein Studium machen konnten. Deshalb war eine juristische Karriere in der Hochschullandschaft nur fu\u0308r Ma\u0308nner mo\u0308glich. Trotzdem entstanden bereits im 19. Jhd. die ersten Frauenvereine und Frauenzeitschriften, die aus politisch-historischer Perspektive auf die Frauenrechte und Gleichstellungsproblematik aufmerksam machten. Aus rechtlicher Sicht waren im 19. Jhd. gem. Art. 4a BV von 1874 nur \u201eSchweizer\u201c gleichberechtigt und damit verbunden handlungsfa\u0308hig. All dies erschwerte Frauen eine Karriere in der juristischen Hochschullandschaft, weil dafu\u0308r die Zustimmung des Ehemanns notwendig war.<\/p>\r\n<p>Emilie Kempin-Spyri blieb eine Ausnahme ihrer Zeit, welche diese Entwicklungen durchbrach. Im Jahr 1887 wurde Emilie Kempin-Spyri (1853-1901) die erste promovierte Juristin Europas an der Universita\u0308t Zu\u0308rich. Leider wurde ihr aufgrund der fehlenden Aktivbu\u0308rgerschaft von Frauen gem. Art. 4 aBV die Mo\u0308glichkeit zum Anwaltsberuf trotzdem verwehrt. Auch ihr Habilitationsgesuch wurde in dieser Zeit an der Universita\u0308t Zu\u0308rich abgelehnt und die Familie wanderte in die USA aus. Nach der Ru\u0308ckkehr in die Schweiz erhielt sie 1891 eine Lehrbefugnis \u201evenia legendi\u201c an der Universita\u0308t Zu\u0308rich. Damit wurde sie die erste weibliche Dozentin an der Universita\u0308t Zu\u0308rich. Durch die Anfechtung von Art. 4a BV im BGE 13 I 1 setzte sie sich fu\u0308r die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Anwaltsta\u0308tigkeit ein. Trotz Ablehnung des Bundesgerichts war dies ein wichtiger Grundstein fu\u0308r spa\u0308tere Frauen in Anwaltsberufen. Ausserdem konnte sie mit ihrer Lehrta\u0308tigkeit als erste weibliche Dozentin Europas die gesellschaftlichen Herausforderungen ihrer Zeit durchbrechen. Jedoch dauerte es ein weiteres Jahrhundert, bis Beatrice Weber-Du\u0308rler als zweite Frau in der juristischen Hochschullandschaft dozieren konnte.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Das 20. Jhd. war aus politisch-historischer Perspektive vor allem gepra\u0308gt durch die beiden Weltkriege, die zur Erwerbsintegration der Frauen im o\u0308ffentlichen Bereich fu\u0308hrte, weil die Ma\u0308nner in den Krieg mussten. Die rechtliche Perspektive fu\u0308r Frauen wurde vor allem durch die Einfu\u0308hrung des Stimm- und Wahlrechts 1971 und die Erga\u0308nzung des Gleichstellungsartikels in der BV 1981 gepra\u0308gt. Dadurch war es Frauen wie Du\u0308rler nun mo\u0308glich eine juristische Karriere in der Hochschullandschaft zu erreichen. Aus sozialer Perspektive ru\u0308ckten die Rollenbilder durch die Weltkriege und den Zusammenschluss der Sozialdemokratinnen und Bu\u0308rokratinnen immer mehr in den Hintergrund. Aus diesen Gru\u0308nden dauerte es fast ein Jahrhundert bis Beatrice Weber-Du\u0308rler (1944-) im Jahr 1986 ihre Lehrta\u0308tigkeit an der Universita\u0308t St. Gallen als erste etablierte Professorin im juristischen Bereich antreten konnte. Diese Mo\u0308glichkeit erlangte sie durch ihr Studium und ihre Habilitation and der Universita\u0308t Zu\u0308rich. Von 1990 bis 2008 war sie anschliessend Privatdozentin an der Universita\u0308t Zu\u0308rich. Dies war ein grosser Wendepunkt, da sie im Gegensatz zu Spyri eine Anerkennung als Professorin erhielt. Ihr gelang damit der Schritt, der fu\u0308r Spyri noch unerreichbar war, da sie von der Gesellschaft als Professorin akzeptiert wurde. Zu ihren Errungenschaften geho\u0308ren vor allem ihre verschiedenen Arbeiten im o\u0308ffentlichen Recht. Genau wie Spyri setzte sie sich 1985 mit dem neuen Art. 4 Abs. 2 BV auseinander, der die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau festhielt. Sie stellte dabei fest, dass die Verankerung in der BV von 1981 den Frauen noch nicht die komplette Gleichberechtigung ermo\u0308glichte und beispielsweise ma\u0308nnliche Jugendliche weiterhin in ihren Ausbildungsmo\u0308glichkeiten bevorzugt wurden.<\/p>\r\n<p>Auch heutzutage la\u0308sst sich dieses Problem weiterhin feststellen. Das Grundrecht zur Gleicheberechtigung ist nun in Art. 8 Abs. 3 BV verankert. Darin heisst es, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind. Das Gesetz sorgt fu\u0308r ihre rechtliche und tatsa\u0308chliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn fu\u0308r gleichwertige Arbeit. Trotzdem zeigt eine Studie der Universita\u0308t Zu\u0308rich, dass auch heute nur ca. 30% der Professuren von Menschen mit weiblichem Geschlecht wahrgenommen werden, obwohl u\u0308ber 50% als Studentinnen anfangen. Daran la\u0308sst sich erkla\u0308ren, dass es zwar grosse Vera\u0308ndrungen fu\u0308r Frauen in der juristischen Hochschullandschaft gab, jedoch weiterhin in diesem Bereich noch keine komplette Gleistellung der Geschlechter vorhanden ist.<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<p><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"style\":{\"typography\":{\"textDecoration\":\"underline\"}}} --><\/p>\r\n<p style=\"text-decoration: underline;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Bl\u00f6chlinger Brigitte, Erstmals 30% Professorinnen, Z\u00fcrich 2025, (&lt;https:\/\/www.news.uzh.ch\/de\/articles\/news\/2025\/gleichstellungsmonitoring.html&gt;)<\/p>\r\n<div class=\"page\" title=\"Page 3\">\r\n<div class=\"layoutArea\">\r\n<div class=\"column\">\r\n<p>Delfosse Marianne, Emilie Kempin-Spyri, Das Wirken der ersten Schweizer Juristin, Diss., Zu\u0308rich 1994<\/p>\r\n<p>Kiener Regina\/ K\u00e4lin Walter\/ Wyttenbach Judith, Grundrechte, 4. Aufl., Bern 2024<\/p>\r\n<p>Mesmer Beatrix, Ausgeklammert Eingeklammert, Frauen und Frauenorganisationen in der Schweiz des 19. Jahrhunderts, Basel 1988<\/p>\r\n<p>Seitz Werner, Auf die Wartebank geschoben, der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900, Zu\u0308rich 2020<\/p>\r\n<p>Studer Brigitte\/ Wyttenbach Judith, Frauenstimmrecht, historische und rechtliche Entwicklungen 1848-1971, Zu\u0308rich 2021<\/p>\r\n<p>Weber-D\u00fcrler Beatrice, Auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau &#8211; Erste Erfahrungen mit Art. 4 Abs. 2 BV, in: Zeitschrift fu\u0308r Schweizerisches Recht, Bd. 104 I, Basel 1985, S. 1 ff.<\/p>\r\n<p class=\"p1\">Weber-D\u00fcrler Beatrice, Interview, Universit\u00e4t Z\u00fcrich, Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, 2024<\/p>\r\n<p>Wecker Regina, \u00ab&#8230; denn Frauen werden ja wohl auch zum Volke geza\u0308hlt werden\u00bb, in: Juristinnen Schweiz (Hrsg.): Recht und Geschlecht, Z\u00fcrich\/St. Gallen 2022<\/p>\r\n<p>Werner David, Eine Karriere, die nicht geplant war, Zu\u0308rich 2010, (&lt;https:\/\/www.edi.uzh.ch\/dam\/jcr:00000000-2fac-b12d-ffff- ffff92a94032\/121022_Portraet_Weber-Duerler.pdf&gt;)<\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article by Elisabeth Knirsch Erst im Jahr 1867 konnte eine Frau an der Universita\u0308t Zu\u0308rich einen Doktortitel in Medizin erlangen. 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