{"id":905,"date":"2025-12-04T10:57:08","date_gmt":"2025-12-04T10:57:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=905"},"modified":"2026-01-21T12:54:35","modified_gmt":"2026-01-21T12:54:35","slug":"article-de-sarah-wacker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/fr\/2025\/12\/04\/article-de-sarah-wacker\/","title":{"rendered":"Frauenrechte im Bundesparlament: Gabrielle Nanchens Pionierarbeit f\u00fcr soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\">Article de Sarah Wacker<\/h4>\r\n<p><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>Als 1971 in der Schweiz endlich die ersten Frauen im Bundesparlament sassen, wurden sie mit Blumen empfangen und mit \u201cFrau Nationalrat\u201d angesprochen. Es brauchte viel, bis sich der Umgang \u00e4nderte in einem politischen System, welches in der m\u00e4nnerb\u00fcndischen Schweiz entstanden und darauf aufgebaut ist. Bis 1971 wurden Frau und Mann als so ungleich betrachtet, dass ihnen nicht die gleichen Rechte zugestanden wurden. Dieses \u00e4usserst hierarchische Denken hat seinen Ursprung in den tief verankerten Rollenbildern, nach denen die Frau aufgrund ihrer biologischen Verbindung mit Schwangerschaft und Mutterschaft Haushalt und Kindern verpflichtet, und der Mann f\u00fcr die \u2018\u00f6ffentliche Sph\u00e4re\u2019 von Politik und Gesellschaft zust\u00e4ndig war. Die Schweiz wurde der Sage nach von M\u00e4nnern gegr\u00fcndet (R\u00fctlischwur) und von einem Mann gerettet (Wilhelm Tell); Frauen waren stets nur zur Unterst\u00fctzung des Mannes da, und vor allem um \u2018schweizerische Grundwerte\u2019 wie ebenjene des M\u00e4nnerbundes (der Mann als republikanischer Kopf und die Frau als dessen Gef\u00e4hrtin) an die Kinder der Nation weiterzugeben. Wie sollten Frauen vor diesem Hintergrund \u2018pl\u00f6tzlich\u2019 mitreden k\u00f6nnen?<br \/><br \/>Gabrielle Nanchen, die urspr\u00fcnglich Sozialwissenschaften und Sozialarbeit studiert hat, war von ihrer Wahl in den Nationalrat so \u00fcberrascht, dass sie erst gar nicht annehmen wollte. Doch schliesslich erkannte sie das Potenzial, endlich Ver\u00e4nderung in der schweizerischen Politik bewirken zu k\u00f6nnen und trat das Amt als eine der ersten Frauen im Bundesparlament an. Als SP-Politikerin engagierte sie sich f\u00fcr einen besseren Sozialstaat Schweiz, unter anderem f\u00fcr ein flexibles Rentenalter, die Verbesserung des Saisonnierstatus und eine Familienpolitik, \u201cdie diesen Namen tats\u00e4chlich verdiente\u201d.<br \/><br \/>Nanchen erkannte fr\u00fch, wie konservative Werte, vereint mit dem Schweizer Demokratiesystem, Ver\u00e4nderungen in der Schweiz oft sehr langwierig machten. Als sie 1977 eine parlamentarische Initiative zur Einf\u00fchrung eines besseren Mutterschutzes einreichte, wurde der Vorschlag \u00fcber sechs Jahre diskutiert, bis er dann abgeschrieben wurde \u2013 aus Kostengr\u00fcnden und weil der Bundesrat einen indirekten Gegenvorschlag ausgearbeitet hatte, welcher dieselben Themen, aber um einiges weniger umfangreich behandelte. Es war ausserdem ein grosses Anliegen, den Schutz der Mutterschaft aus der Krankenversicherung herauszul\u00f6sen und eigensta\u0308ndig zu regeln: Mutterschaft sollte nicht als Krankheit angesehen werden. Dies wurde letztendlich durchgesetzt, allerdings erst 2004 und nach etlichen Vorst\u00f6ssen.<br \/><br \/>Und obwohl Nanchen w\u00e4hrend ihrer zwei Legislaturen keine konkreten Ergebnisse in Form eines Gesetzes oder \u00e4hnlichem erzielen konnte, so war ihr Verdienst dennoch gross \u2013 indem sie als Frau anwesend war, und in vielen Fragen eine neue Perspektive einbrachte. Beim Thema Familienpolitik wollte Nanchen einerseits die Arbeit der Mutter aufwerten (bis heute ein Thema, Stichwort unbezahlte care-Arbeit), andererseits auch insbesondere die sog. \u2018Frauenfragen\u2019 zu Problematiken machen, die alle B\u00fcrger*innen betrafen. Es gab und gibt durchaus Themen, welche Frauen gezwungenermassen mehr betreffen \u2013 sei das aufgrund des teilweise bis heute noch gepflegten Hausfrau-Ern\u00e4hrer-Modells oder aufgrund der Biologie ihres K\u00f6rpers und der Art, wie die Gesellschaft damit umgeht. Doch diese Themen wurden oft als solche abgeschrieben, die ausschliesslich den weiblichen Teil der Gesellschaft etwas angingen und machte diesen dadurch zum \u2018Anderen\u2019, das nicht zur Hauptpolitik geh\u00f6rte und beiseitegeschoben werden konnte.<br \/><br \/>Es wurde den Themen und den Personen (vor allem Frauen), die sie einbrachten, mit Heiterkeit und Spott begegnet \u2013 sie wurden oft nicht ernst genommen. Immer wieder begegneten Politiker ihren Kolleginnen auf deren fundiert argumentierte Wortmeldungen mit unsachlichen Witzen, in denen sie auf \u00c4usserlichkeiten anstelle des eigentlichen Themas eingingen: z.B. als ein Kollege Nanchens meinte, man k\u00f6nne angesichts ihres Liebreizes nur \u201cOui Madame\u201d erwidern, ohne dabei wirklich auf den Inhalt ihres Vorschlages einzugehen. Nanchen wurde oft auf ihr \u00c4usseres und ihre Rolle als Mutter reduziert und darauf, dass sie als \u201creizende\u201d und \u201clebhafte\u201d junge Frau endlich mehr Freundlichkeit und Licht in die \u201cstrenge Versammlung\u201d der Regierung bringen w\u00fcrde. Nanchen begegnete dieser Geringsch\u00e4tzung mit stoischer Ausdauer und setzte ihre Arbeit mit viel Geduld immerzu fort. Sie bildete eine Art \u00fcberparteilichen Frauenausschuss und pr\u00e4sidierte die Eidgen\u00f6ssische Kommission f\u00fcr Frauenfragen und die Organisation Frauen-Begegnung-Arbeit. Obwohl Klassen- und Parteigrenzen teilweise trotzdem st\u00e4rker waren als die \u201cFrauensolidarit\u00e4t\u201d, investierte Nanchen stark in den \u00fcberparteilichen und internationalen Austausch zwischen Frauen.<br \/><br \/>Nanchen erkannte, dass sich Frauen mit Politik erst einmal vertraut machen mussten \u2013 z.B. war die Wahlbeteiligung von Frauen in den Siebzigerjahren noch erschreckend tief. So nutzte Nanchen neben ihrer grossen fachlichen Kompetenz auch ihre Popularit\u00e4t als h\u00fcbsche junge Politikerin, um junge Frauen und junge Menschen generell zu erreichen und sie dazu zu ermutigen, ihre eigene Stimme zu finden.<br \/><br \/>Nanchen scheiterte schliesslich dann doch auch selbst an den patriarchalen Strukturen, als sie wegen der Betreuung ihrer Kinder ihr politisches Amt aufgeben musste. Dennoch hat sie mit ihrer Beharrlichkeit und ihrem Mut den Weg zu einer gleichgestellteren Gesellschaft und Debattenkultur geebnet.<\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"style\":{\"typography\":{\"textDecoration\":\"underline\"}}} --><\/p>\r\n<p style=\"text-decoration: underline;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>Amlinger Fabienne, Unerho\u0308rt: Die ersten Politikerinnen im Bundeshaus, Zu\u0308rich 2025.<br \/><br \/>Amtliches Bulletin der Bundesversammlung 1983.<br \/><br \/>Bruttin Fran\u00e7oise, Quand le parti socialiste valaisan joue la Dame de coeur: Gabrielle Nanchen, in: Femmes suisses et le Mouvement fe\u0301ministe: organe officiel des informations de l\u2019Alliance de Socie\u0301te\u0301s Fe\u0301minines Suisses, 65 Jg., 1977, Nr. 6, S. 8.<br \/><br \/>Nanchen Gabrielle, Interview, Universita\u0308t Zu\u0308rich, Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, Sion 2024.<br \/><br \/>R. J.-P., Le sourire du Valais au Conseil national: Gabrielle Nanchen, in: Ai\u0302ne\u0301s: mensuel pour une retraite plus heureuse, 3 Jg., 1973, Nr. 5, S. 3\u20135.<br \/><br \/>Schl\u00e4ppi Erika, Vom Stimm- und Wahlrecht zur effektiven politischen Partizipation: Formelle und materielle Gleichheit \u2013 und die Notwendigkeit positiver Massnahmen, in: Juristinnen Schweiz (Hrsg.), Recht und Geschlecht: Herausforderungen der Gleichstellung \u2013 Quelques re\u0301flexions 50 ans apre\u0300s le suffrage des femmes, Zu\u0308rich\/St. Gallen 2022, S. 47\u201370.<br \/><br \/>Wecker Regina, \u201cDer Staat bin ich! Was geht das die Frauen an?\u201d: Plakate in der Auseinandersetzung um das Frauenstimmrecht im Kanton Basel-Stadt, in: Georg Kreis (Hrsg.), Das Basler Frauenstimmrecht: Der lange Weg zur politischen Gleichberechtigung von 1966, Basel 2016, S. 127\u2013147.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article de Sarah Wacker Als 1971 in der Schweiz endlich die ersten Frauen im Bundesparlament sassen, wurden sie mit Blumen empfangen und mit \u201cFrau Nationalrat\u201d&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":894,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[272],"tags":[],"class_list":["post-905","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-articles-fr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/894"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=905"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1072,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions\/1072"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}