{"id":894,"date":"2025-12-04T10:35:34","date_gmt":"2025-12-04T10:35:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=894"},"modified":"2026-01-21T13:41:41","modified_gmt":"2026-01-21T13:41:41","slug":"article-de-ladina-flury","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/fr\/2025\/12\/04\/article-de-ladina-flury\/","title":{"rendered":"Wenn internationales Recht nationale Realita\u0308t vera\u0308ndert: CEDAW und die Beka\u0308mpfung geschlechtsbezogener Gewalt in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\">Article de Ladina Flury<\/h4>\r\n<p><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>\u00abDas Zuhause ist fu\u0308r Frauen heute der gefa\u0308hrlichste Ort.\u00bb Dieser Satz wirkt provokativ, aber trifft doch einen Kern gesellschaftlicher Realita\u0308t. Auch in der Schweiz ist Gewalt gegen Frauen, insbesondere in Paarbeziehungen, kein Randpha\u0308nomen. Ja\u0308hrlich registriert die Polizei zehntausende Fa\u0308lle ha\u0308uslicher Gewalt, dabei sind Frauen deutlich ha\u0308ufiger betroffen als Ma\u0308nner. Hinter diesen Zahlen stehen nicht nur individuelle Schicksale, sondern strukturelle Ungleichheiten.<br \/><br \/>Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Welchen Einfluss haben internationale Menschenrechtsinstrumente tatsa\u0308chlich auf die nationale Politik? Ein besonders wichtiges Instrument ist das UNO-U\u0308bereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau, besser bekannt als CEDAW.<br \/><br \/>Die CEDAW wurde 1979 von der UNO verabschiedet und gilt als \u00abinternationale Charta der Frauenrechte\u00bb. Es verpflichtet die Vertragsstaaten, Diskriminierung von Frauen in allen Lebensbereichen abzubauen. Gewalt gegen Frauen wurde im urspru\u0308nglichen Vertragstext zwar nicht ausdru\u0308cklich erwa\u0308hnt, doch der zusta\u0308ndige UNO-Ausschuss entwickelte den Inhalt der Konvention weiter. In sogenannten General Recommendations wurde Gewalt gegen Frauen ausdru\u0308cklich als Form von Diskriminierung anerkannt und damit spa\u0308ter auch als Menschenrechtsverletzung.<br \/><br \/>Auch die Schweiz hat die CEDAW ratifiziert. Doch die Wirkung entfaltet sich weniger durch direkte Anwendbarkeit vor Gerichten als durch politische Steuerung. Vertragsstaaten mu\u0308ssen regelma\u0308ssig Berichte einreichen, in denen sie darlegen, wie sie die Konvention umsetzen. Der CEDAW-Ausschuss pru\u0308ft diese Berichte kritisch und richtet Empfehlungen an die Staaten.<br \/><br \/>Die Schweizer Umsetzung zeigt ein deutliches Spannungsfeld: Einerseits existieren heute zahlreiche rechtliche Grundlagen zum Schutz vor Gewalt, vom Strafrecht u\u0308ber zivilrechtliche Schutzmassnahmen bis hin zum Opferhilfegesetz. Andererseits fu\u0308hrt der stark fo\u0308derale Aufbau der Schweiz zu grossen kantonalen Unterschieden. Wa\u0308hrend einige Kantone gut ausgebaute Schutzstrukturen kennen, fehlen andernorts ausreichend Pla\u0308tze in Frauenha\u0308usern oder spezialisierte Beratungsstellen. Gerade diese Ungleichheiten geraten durch die internationale Berichterstattung in den Fokus. Der CEDAW-Ausschuss hat die Schweiz wiederholt aufgefordert, ihre Schutzmechanismen zu vereinheitlichen und einen nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen zu schaffen. Damit wird internationale Kritik zu einem politischen Druckmittel.<br \/><br \/>Ein wichtiger Wendepunkt war die zusa\u0308tzliche Ratifizierung der Istanbul-Konvention des Europarats, die in der Schweiz seit 2018 in Kraft ist. Sie verpflichtet die Staaten explizit zur Pra\u0308vention von Gewalt, zum Schutz der Betroffenen und zur strafrechtlichen Verfolgung der Ta\u0308ter. Viele Reformen \u2013 etwa die Modernisierung des Sexualstrafrechts oder der Ausbau von Pra\u0308ventions- und Ausbildungsprogrammen \u2013 lassen sich im Lichte dieses internationalen Drucks verstehen.<br \/><br \/>Dennoch bleibt die Umsetzung in der Praxis oft fragmentiert. Insbesondere bei der Finanzierung von Frauenha\u0308usern, der Datenerhebung zu Gewalt und der Koordination zwischen Bund und Kantonen bestehen weiterhin Lu\u0308cken.<br \/><br \/>Der Einfluss von der CEDAW in der Schweiz ist weniger spektakula\u0308r als unmittelbar wirksam. Die Konvention funktioniert nicht als direkt durchsetzbares Recht, sondern als normativer Kompass. Sie setzt Standards, schafft O\u0308ffentlichkeit und zwingt Staaten zur Rechtfertigung ihres Handelns. Gerade in einem politischen System, das auf Konsens und Fo\u0308deralismus ausgelegt ist, wirken solche Impulse oft langsam. Internationale Frauenrechtspolitik vera\u0308ndert nationale Realita\u0308t nicht u\u0308ber Nacht. Doch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, ohne Instrumente wie die CEDAW wa\u0308ren viele Debatten, Reformen und Schutzmechanismen kaum in dieser Form entstanden. Der Weg zur tatsa\u0308chlichen Gleichstellung ist lang, aber er ist rechtlich verankert und international begleitet.<\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"style\":{\"typography\":{\"textDecoration\":\"underline\"}}} --><\/p>\r\n<p style=\"text-decoration: underline;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>ELSUNI SARAH: Geschlechtsbezogene Gewalt und Menschenrechte \u2013 Eine geschlechtertheore- tische Untersuchung der Konzepte Geschlecht, Gleichheit und Diskriminierung im Menschenrechtssystem der Vereinten Nationen, Baden-Baden 2011.<br \/><br \/>Netzwerk Istanbul-Konvention (Hrsg.): Umsetzung der Istanbul-Konvention in der Schweiz \u2013 Alternativbericht der Gesellschaft, Juni 2021.<br \/><br \/>SCHLA\u0308PPI ERIKA\/ ULRICH SILVIA\/ WYTTENBACH JUDITH (HRSG.): CEDAW- Kommentar zum U\u0308bereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminie- rung der Frau, Allgemeine Kommentierung &#8211; Umsetzung in der Schweiz &#8211; Umsetzung in O\u0308sterreich, Bern 2015.<br \/><br \/>VIJEYARASA RAMONA: CEDAW\u2019s General Recommendation No. 35: A quarter of a century of evolutionary approaches to violence against women. Journal of Human Rights, 19(2), 153\u2013167. 2020.<br \/><br \/>Committee on the Elimination of Discrimination against Women (CEDAW): General Recom- mendation Nr. 19: Violence against Women, UN Dok. A\/47\/38. 1992.<br \/><br \/>Committee on Elimination of Discrimination against Women (CEDAW): General Recommendation Nr. 35: Gender based violence against women, UN Dok. C\/GC\/35. 2017.<br \/><br \/>PATRICIA SCHULZ: Interview mit Patricia Schulz, https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsge- schichte\/2024\/02\/27\/patricia-schulz-2\/. Zuletzt besucht: 21.10.2025.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article de Ladina Flury \u00abDas Zuhause ist fu\u0308r Frauen heute der gefa\u0308hrlichste Ort.\u00bb Dieser Satz wirkt provokativ, aber trifft doch einen Kern gesellschaftlicher Realita\u0308t. 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