{"id":875,"date":"2025-12-01T08:29:48","date_gmt":"2025-12-01T08:29:48","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=875"},"modified":"2026-01-21T13:46:10","modified_gmt":"2026-01-21T13:46:10","slug":"article-by-sarah-angelina-baumann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/en\/2025\/12\/01\/article-by-sarah-angelina-baumann\/","title":{"rendered":"Vom Verfassungsauftrag zur Lebensrealit\u00e4t. Faktische Gleichstellung im Bereich K\u00f6rper und Sexualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\">Article by Sarah Angelina Baumann<\/h4>\r\n<p><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>Die Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern ist seit 1981 ausdr\u00fccklich in der Bundesverfassung verankert. Doch der Weg von der normativen Gleichheitsgarantie hin zur faktischen Gleichstellung war und ist mit Hindernissen behaftet. Gerade im Bereich der k\u00f6rperlichen und sexuellen Selbstbestimmung zeigt sich exemplarisch, wie stark rechtliche Normen von gesellschaftlichen Machtstrukturen und Moralvorstellungen gepr\u00e4gt sind.<br \/><br \/>Mit der Revision der Verfassung im Jahr 1981 erhielt die Gleichstellung in Art. 4 Abs. 2 aBV eine klare programmatische Ausrichtung. Der Gesetzgeber wurde verpflichtet, strukturelle Benachteiligung aktiv abzubauen. Diese Verpflichtung wurde 1999 in Art. 8 Abs. 3 BV \u00fcberf\u00fchrt. Gleichzeitig zeigte die Rechtsprechung des Bundesgerichts jedoch lange Zur\u00fcckhaltung und folgte einem formalistischen Gleichheitsverst\u00e4ndnis, das gesellschaftliche Realit\u00e4ten weitgehend ausblendete und nicht in die Rechtsprechung miteinbezog.<br \/><br \/>Obgleich die Bundesverfassung programmatisch eine faktische Gleichstellung postuliert, offenbart insbesondere der rechtliche Umgang mit dem weiblichen K\u00f6rper, dass auf legislativer Ebene weiterhin substanzielle Regelungsl\u00fccken bestanden, namentlich hinsichtlich der effektiven Sicherung der Selbstbestimmung. Diese Benachteiligung war Ausdruck tief verankerter gesellschaftlicher Machtstrukturen, die m\u00e4nnliche Dominanz privilegierten und eine faktische Gleichstellung verhinderten.<br \/><br \/>Beispielhaft l\u00e4sst sich dies an der historischen Entwicklung der Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs sowie den Revisionen des Sexualstrafrechts aufzeigen.<br \/><br \/>Bis ins 21. Jahrhundert war der Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz strafbar. Erst 2002, nach jahrzehntelangen politischen Vorst\u00f6ssen sowie ausserparlamentarischem Engagement aus feministischen Kreisen, wurde die heutige Fristenregelung eingef\u00fchrt. Die fr\u00fchere Strafbarkeit bedeutete faktisch eine Verweigerung reproduktiver Autonomie und machte staatliche Kontrolle \u00fcber den K\u00f6rper geb\u00e4rf\u00e4higer Personen sichtbar. Auch neuere politische Initiativen, wie etwa die 2021 lancierten, aber gescheiterten Initiativen f\u00fcr strengere Vorgaben beim Abbruch, zeigen, dass reproduktive Rechte weiterhin umk\u00e4mpft sind. Gleichstellung bleibt somit ein stets gef\u00e4hrdeter Fortschritt.<br \/><br \/>Bis zur Revision von 1992 war die Rechtsordnung gepr\u00e4gt von patriarchalen Vorstellungen sexueller Rollen. So galt die Vergewaltigung innerhalb der Ehe lange Zeit nicht als strafbare Handlung. Dar\u00fcber hinaus wurde generell davon ausgegangen, dass eine einmal erteilte Einwilligung zu sexuellen Handlungen auch f\u00fcr alle sp\u00e4teren Handlungen fortwirke. Erst die breite feministische Mobilisierung und gesellschaftliche Debatten f\u00fchrten zur Anerkennung, dass die sexuelle Selbstbestimmung gesch\u00fctzt werden muss.<br \/><br \/>Mit der Revision verschob sich der Fokus des Sexualstrafrechts: weg von einer moralisch gepr\u00e4gten Ordnungsvorstellung hin zu einem Schutzgut der sexuellen Selbstbestimmung. Gleichwohl blieb das System \u00fcber lange Zeit hinweg defizit\u00e4r. Da der Tatbestand der Vergewaltigung weiterhin als N\u00f6tigungsdelikt konzipiert war, blieben zahlreiche \u00dcbergriffe ohne nachweisbare Gewalt- oder Drohanwendung straflos.<br \/><br \/>Erst die 2024 in Kraft getretene Revision des Sexualstrafrechts brachte einen bedeutenden Schritt an das internationale Konsenserfordernis, indem sexuelle Handlungen, die dem erkennbaren entgegenstehenden Willen zuwiderlaufen, strafbar sind (\u00abNein heisst Nein\u00bb).<br \/><br \/>Mit der Ratifikation von CEDAW und der Istanbul-Konvention verpflichtete sich die Schweiz, strukturelle Gewalt gegen Frauen systematisch zu bek\u00e4mpfen und reproduktive Rechte zu sch\u00fctzen. Insbesondere die Istanbul-Konvention definiert geschlechtsspezifische Gewalt als Menschenrechtsverletzung und Hindernis der Gleichstellung.<br \/><br \/>Im GREVIO-Bericht 2022 zur Schweiz zeigen sich jedoch noch deutliche Defizite. In der Schweiz liegt der Fokus stark auf h\u00e4uslicher Gewalt und l\u00e4sst andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt unsichtbar werden. Gewaltformen wie etwa digitale Gewalt, psychische Manipulation oder Dr\u00e4ngen, um einen Sexualakt zu erschleichen.<br \/><br \/>Die Schweiz hat im Bereich der k\u00f6rperlichen und sexuellen Selbstbestimmung bedeutende Fortschritte erzielt. Doch das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Verfassungsauftrag und Lebensrealit\u00e4t bleibt bestehen. Reproduktive Rechte bleiben angreifbar, gesellschaftliche Stereotype wirken fort, und das Strafrecht reagiert nur langsam auf neue Erscheinungsformen sexueller Gewalt. Eine tats\u00e4chliche Gleichstellung ist nur erreichbar, wenn rechtliche Normen konsequent umgesetzt, gesellschaftliche Strukturen hinterfragt und der Schutz der k\u00f6rperlichen und sexuellen Autonomie vorangetrieben wird.<br \/><br \/>Mit dem in dieser Arbeit bewusst gesetzten Schwerpunkt auf Fragen der Gleichstellung im Hinblick auf den weiblichen K\u00f6rper bleibt unber\u00fccksichtigt, dass Benachteiligungen in vielen F\u00e4llen intersektional verlaufen. Es ist zudem hervorzuheben, dass die gegenw\u00e4rtige Gleichstellungsdebatte nicht an einem bin\u00e4ren Geschlechtersystem festhalten darf, sondern zwingend um eine queere Perspektive zu erweitern ist.<\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"style\":{\"typography\":{\"textDecoration\":\"underline\"}}} --><\/p>\r\n<p style=\"text-decoration: underline;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/p>\r\n<p><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p>Biggler-Eggenberger Margrith, Justitias Waage \u2013 wagemutige Justitia, Die Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Gleichstellung von Frau und Mann, Basel 2003<br \/><br \/>Gerhard Ute, Gleichheit ohne Angleichung. Frauen im Recht. M\u00fcnchen 1990<br \/><br \/>GREVIO, Baseline Evaluation Report Switzerland, Istanbul Convention, Strasbourg Cedex 2022<br \/><br \/>K\u00e4gi-Diener Regula \/ Schneeberger Christine, CEDAW: Internationales Instrument f\u00fcr Frauenmenschenrechte, Anwaltsrevue &#8211; Revue de l\u2019avocat, H. 6\/7\/2013<br \/><br \/>Lauterburg Greta, Vergewaltigung \u2013 ein Delikt oder keines? Zur Revision des Vergewaltigungsartikels in: Eidgen\u00f6ssische Kommission f\u00fcr Frauenfragen (Hrsg.), Fachzeitschrift \u00abFrauenfragen\u00bb 1986_1, 1986<br \/><br \/>Maier Philipp, Die N\u00f6tigungsdelikte im neuen Sexualstrafrecht: die Tatbest\u00e4nde sexuelle N\u00f6tigung (Art.189) und Vergewaltigung (Art. 190) unter besonderer Ber\u00fccksichtigung von sexual- und sozial-wissenschaftlichen Grundlagen, Z\u00fcrich 1994<br \/><br \/>Scheidegger Nora, Das Sexualstrafrecht der Schweiz \u2013 Grundlagen und Reformbedarf, Bern 2018<br \/><br \/>Scheidegger Nora, Of Nagging and Guilt-Tripping. Lack of Consent in One\u2019s Own Activities, in: Hoven Elisa \/ Weigend Thomas (Hrsg.), Consent ans Sexual Offenses, Baden-Baden 2022 (zit. SCHEIDEGGER Lack of Consent)<br \/><br \/>Stratenwerth G\u00fcnther, Die Revision des schweizerischen Sexualstrafrechts in: Eidgen\u00f6ssische Kommission f\u00fcr Frauenfragen (Hrsg.), Fachzeitschrift \u00abFrauenfragen\u00bb 1986_1, 1986<br \/><br \/>Suter Anja, Die 1980er-Jahre, in: Schmid Denise (Hrsg.), Jeder Frau ihre Stimme \u2013 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971-2021, 2. Aufl., Z\u00fcrich 2020<br \/><br \/>Weber-D\u00fcrler Beatrice, Aktuelle Aspekte der Gleichberechtigung von Mann und Frau, in: Zeitschrift des bernischen Juristenvereins (ZBJV), Bd. 128\/1992, S. 357-380 (zit. WEBER-D\u00dcRLER ZBJV, \u2026)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article by Sarah Angelina Baumann Die Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern ist seit 1981 ausdr\u00fccklich in der Bundesverfassung verankert. 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