{"id":1707,"date":"2026-08-02T12:47:05","date_gmt":"2026-08-02T12:47:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1707"},"modified":"2026-09-17T12:47:39","modified_gmt":"2026-09-17T12:47:39","slug":"sexuelle-integritaet-im-wandel-der-zeit-menschenrechtliche-grundlagen-des-schweizerischen-sexualstrafrechts-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/it\/2026\/08\/02\/sexuelle-integritaet-im-wandel-der-zeit-menschenrechtliche-grundlagen-des-schweizerischen-sexualstrafrechts-3\/","title":{"rendered":"Sexuelle Integrit\u00e4t im Wandel der Zeit \u2013 Menschenrechtliche Grundlagen des schweizerischen Sexualstrafrechts"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Articolo di Clara Bernhardt<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Mit der Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts 1971 gewann die gesellschaftliche Diskussion \u00fcber Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit in der Schweiz neue Dynamik. Unter anderem geriet auch das Sexualstrafrecht zunehmend in den Fokus feministischer Kritik. Die neue Frauenbewegung forderte ad\u00e4quate Gesetze gegen sexuelle Gewalt und eine effektive Strafverfolgung. Thematisiert wurde auch der damals fehlende strafrechtliche Schutz bei sexueller Gewalt in der Ehe. Nach langj\u00e4hrigen Bem\u00fchungen trat am 01.10.1992 das revidierte Recht in Kraft. Der relevante Titel im Strafgesetzbuch wich von \u00abSittlichkeit\u00bb zu \u00absexueller Integrit\u00e4t\u00bb. Die tatbestandliche Struktur blieb jedoch zwangsorientiert: Strafbarkeit setzte weiterhin Gewalt, Drohung oder das Herbeif\u00fchren von Widerstandsunf\u00e4higkeit voraus. Die Missachtung des Willens der betroffenen Person als solche war nicht tatbestandsrelevant.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Dieser Widerspruch zwischen proklamiertem Schutzgut und tatbestandlicher Ausgestaltung wurde fr\u00fch erkannt. Elisabeth Freivogel, Schweizer Juristin, Anw\u00e4ltin und Hochschuldozentin, erarbeitete bereits in den 1980er-Jahren zusammen mit den Demokratischen Juristinnen Basel einen Alternativentwurf zum damaligen Sexualstrafrecht. Ausgangspunkt war eine tiefe Unzufriedenheit mit einer Rechtsordnung, in der die Definitionsmacht \u00fcber sexuelle Integrit\u00e4t faktisch bei m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Massst\u00e4ben lag. Freivogels Konzept kn\u00fcpfte Strafbarkeit nicht an die Intensit\u00e4t angewandter Gewalt, sondern an die Missachtung des Willens der betroffenen Person \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob zus\u00e4tzliche N\u00f6tigungsmittel vorlagen. Besonders pr\u00e4gend war dabei die Begr\u00fcndung einer strafbewehrten Sorgfaltspflicht des T\u00e4ters: Nicht das Opfer muss sein \u00abNein\u00bb beweisen, sondern der T\u00e4ter tr\u00e4gt die Verantwortung, sich aktiv \u00fcber das Vorliegen einer Einwilligung zu vergewissern. Freivogel wies zudem die verbreitete Argumentation zur\u00fcck, wonach schwere Beweisbarkeit Straflosigkeit rechtfertige \u2013 Strafw\u00fcrdigkeit und Beweisbarkeit seien strikt zu trennen.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Parallel zur feministischen Rechtskritik entwickelte der EGMR schrittweise verbindliche Schutzstandards aus Art. 8 EMRK, der das Recht auf Achtung des Privatlebens gew\u00e4hrleistet. Den Ausgangspunkt bildet das Urteil <em>X. and Y. v. Netherlands (1985)<\/em>, in dem der Gerichtshof erstmals ausdr\u00fccklich festhielt, dass der Schutz des Privatlebens positive staatliche Pflichten erfordert \u2013 namentlich die Schaffung wirksamer strafrechtlicher Normen zum Schutz vor sexuellen \u00dcbergriffen durch Private. Den eigentlichen Paradigmenwechsel vollzog <em>M.C. v. Bulgaria (2003)<\/em>: Der EGMR stellte fest, dass ein Strafrecht, das physischen Widerstand voraussetzt, konventionswidrig ist, und etablierte das Konsensmodell als menschenrechtlichen Mindeststandard. Einen dritten Meilenstein setzte <em>J.L. v. Italy (2021)<\/em>, das die verfahrensrechtliche Dimension konkretisierte: Geschlechtsbezogene Stereotype in strafgerichtlichen Entscheiden \u2013 etwa \u00fcber Lebensstil oder Verhalten des Opfers \u2013 sind mit Art.\u00a08\u00a0EMRK unvereinbar und begr\u00fcnden sekund\u00e4re Viktimisierung.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Erst am 01.07.2024 vollzog das Schweizer Sexualstrafrecht den Schritt, den Freivogel und der EGMR seit langem einforderten. Die Revision f\u00fchrte die sogenannte Ablehnungsl\u00f6sung (\u00abNein heisst Nein\u00bb) ein: Strafbar ist nun die Missachtung eines ge\u00e4usserten oder aus den Umst\u00e4nden erkennbaren entgegenstehenden Willens, ohne Nachweis einer N\u00f6tigungshandlung (Art.\u00a0189\u00a0StGB). Gleichzeitig wurde der Vergewaltigungstatbestand geschlechtsneutral ausgestaltet. Die Reform ist ein echter Wendepunkt, aber kein Abschluss. Das \u00abNein heisst Nein\u00bb-Modell setzt voraus, dass ein entgegenstehender Wille erkennbar ist. In Situationen von Schockstarre (\u00abFreezing\u00bb), in denen weder ein ausdr\u00fcckliches noch ein konkludentes \u00abNein\u00bb ge\u00e4ussert wird, drohen Strafbarkeitsl\u00fccken. Die normative Verantwortungsverschiebung vom Opfer auf den T\u00e4ter, die Freivogel konsequent eingefordert hatte, bleibt im geltenden Recht unvollst\u00e4ndig: Eine strafbewehrte Pflicht zur aktiven Einholung der Zustimmung kennt das Schweizer Recht bis heute nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400; color: #333333;\">Der europ\u00e4ische Kontext zeigt, wo die Entwicklung hinf\u00fchrt. Schweden f\u00fchrte 2018 neben dem \u00abJa heisst Ja\u00bb-Modell auch den Tatbestand der fahrl\u00e4ssigen Vergewaltigung ein \u2013 strukturell entspricht dies Freivogels Sorgfaltspflichtkonzept. Auch Spanien (2022) und Frankreich (2025) vollzogen den Schritt zum vollst\u00e4ndigen Zustimmungsmodell, ausgel\u00f6st jeweils durch \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung \u00fcber konkrete F\u00e4lle, die die Grenzen des N\u00f6tigungsmodells f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit sichtbar gemacht hatten. Die Grundlagen f\u00fcr ein konsequent autonomiebasiertes Verst\u00e4ndnis sexueller Integrit\u00e4t sind somit l\u00e4ngst gelegt. Die Analyse des schweizerischen Sexualstrafrechts zeigt: Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und in welchem Umfang die Schweiz diesen Schritt vollziehen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong style=\"text-decoration: underline;\"><u>Bibliografia<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Amnesty International, Time for change, Justice for rape survivors in the Nordic Countries, 2019<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Assembl\u00e9e nationale, Proposition de loi visant \u00e0 modifier la d\u00e9finition p\u00e9nale du viol et des agressions sexuelles, texte n<sup>\u00b0<\/sup>1604<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Botschaft zur Harmonisierung der Strafrahmen und zur Anpassung des Nebenstrafrechts an das ge\u00e4nderte Sanktionenrecht vom 25.04.2018, BBl 2018 2827 ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Eidgen\u00f6ssische Kommission f\u00fcr Frauenfragen, Zur Geschichte der Gleichstellung in der Schweiz 1848-2000, Sexuelle Integrit\u00e4t und Gewalt an Frauen, 11.02.2009<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">European Parliament, Press Release, Rape must be defined based on the absence of consent in all EU countries, 28.04.2026, &lt;https:\/\/www.europarl.europa.eu\/news\/en\/press-room\/20260423IPR41832\/rape-must-be-defined-based-on-the-absence-of-consent-in-all-eu-countries&gt; (zuletzt besucht am 03.05.2026)<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Fischer Barbara\/Freivogel Elisabeth\/Sprecher-Bertschi Susanne\/St\u00e4rkle Lisa, Was heisst hier Vergewaltigung?, Sexualstrafrecht aus feministischer Sicht, Hrsg. Demokratische Juristinnen Basel, Basel\u00a01987<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Macaluso Alain\/Moreillon Laurent\/Queloz Nicolas, Commentaire Romand, Code p\u00e9nal II, 2. Aufl., Basel 2025<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Nilsson Gabriella, Towards voluntariness in Swedish rape law, Hyper-medialised group rape cases and the shift in the legal discourse, in: Rape in the Nordic Countries and change, 2019, S. 101-119<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Perrier Depeursinge Camille\/Arnal Justine, R\u00e9vision du viol en droit suisse, in: ZStrR\u00a0142\/2024, S.\u00a021-57<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Schweizerische Eidgenossenschaft, Neues Sexualstrafrecht ab 1. Juli 2024, 10.01.2024, &lt;https:\/\/www.news.admin.ch\/de\/nsb?id=99508&gt; (zuletzt besucht am: 05.04.2026)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Articolo di Clara Bernhardt Mit der Einf\u00fchrung des Frauenstimmrechts 1971 gewann die gesellschaftliche Diskussion \u00fcber Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit in der Schweiz neue Dynamik. 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