{"id":1699,"date":"2026-07-31T12:31:27","date_gmt":"2026-07-31T12:31:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1699"},"modified":"2026-09-17T12:32:20","modified_gmt":"2026-09-17T12:32:20","slug":"das-auslaender-und-integrationsrecht-aus-gleichstellungsrechtlicher-perspektive-die-rechtsstellung-auslaendischer-ehegattinnen-nach-der-aufloesung-der-ehegemeinschaft-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/it\/2026\/07\/31\/das-auslaender-und-integrationsrecht-aus-gleichstellungsrechtlicher-perspektive-die-rechtsstellung-auslaendischer-ehegattinnen-nach-der-aufloesung-der-ehegemeinschaft-3\/","title":{"rendered":"Das Ausl\u00e4nder- und Integrationsrecht aus gleichstellungsrechtlicher Perspektive \u2013 Die Rechtsstellung ausl\u00e4ndischer Ehegattinnen nach der Aufl\u00f6sung der Ehegemeinschaft"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Articolo di Lorena Rosalina Aronsky<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #333333;\">W\u00e4hrend das Ausl\u00e4nder- und Integrationsrecht bis 1991 den Anspruch auf Familiennachzug allein dem Ehemann einr\u00e4umte, ist es heute formell geschlechtsneutral ausgestaltet. Ein neutraler Wortlaut schliesst jedoch nicht aus, dass das Recht in der Anwendung geschlechtsspezifisch wirkt, sodass zwischen formeller Neutralit\u00e4t und materieller Wirkung eine L\u00fccke bleibt, die sich im Familiennachzug bis heute zeigt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Ausgangspunkt bildet die Aufenthaltsbewilligung der nachgezogenen Person im Familiennachzug nach Art. 42 ff. AIG. Diese ist vom in der Schweiz lebenden Ehegatten abgeleitet und an den Bestand der Ehegemeinschaft gebunden. Bereits der Zugang zum Aufenthalt in der Schweiz ist geschlechtsspezifisch gepr\u00e4gt. Die kontingentierte Erwerbsmigration nach Art. 18 ff. AIG ist f\u00fcr Drittstaatsangeh\u00f6rige auf Branchen ausgerichtet, in denen Frauen untervertreten sind. Frauen reisen deshalb \u00fcberwiegend \u00fcber den Familiennachzug ein und sind h\u00e4ufiger von dessen Folgen betroffen. Die fehlende Erwerbsbiografie in der Schweiz und die Unterbewertung ausl\u00e4ndischer Abschl\u00fcsse und Berufserfahrung beg\u00fcnstigen die berufliche Kontinuit\u00e4t des bereits etablierten Ehegatten, w\u00e4hrend die Migrantin h\u00e4ufig die unbezahlte Haus- und Betreuungsarbeit \u00fcbernimmt. Spracherwerb und beruflicher Anschluss bleiben dadurch zur\u00fcck, teils verst\u00e4rkt durch Einschr\u00e4nkungen des Ehegatten wie die Untersagung von Sprachkursen, schleichende Isolation oder finanzielle Abh\u00e4ngigkeit. W\u00e4hrend der Ehe entsteht damit eine sozio\u00f6konomische Ausgangslage, welche die Integrationsleistung w\u00e4hrend der Ehe wie danach strukturell erschwert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Mit der Aufl\u00f6sung der Ehegemeinschaft besteht die M\u00f6glichkeit der Erteilung einer selbst\u00e4ndigen Aufenthaltsbewilligung gem\u00e4ss Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG, wenn die Ehe mindestens drei Jahre in der Schweiz bestand und die Integrationskriterien nach Art. 58a Abs. 1 AIG erf\u00fcllt sind. Diese Bedingungen treten an die Stelle des entfallenen ehelichen Aufenthaltszwecks. Der Massstab kehrt sich damit um. W\u00e4hrend das Recht w\u00e4hrend der Ehe keine Integrationsleistung verlangte und deren Erf\u00fcllung erschwerte, wird der Migrantin ihr Ausbleiben nun als eigenes Vers\u00e4umnis entgegengehalten. Integrationsbem\u00fchungen, die erst nach der Trennung einsetzen, werden in der Praxis regelm\u00e4ssig als blosse Reaktion auf den ausl\u00e4nderrechtlichen Druck gewertet. Die in der Rechtsprechung wiederkehrende Wendung, eine Integration sei w\u00e4hrend der Ehe, aber sp\u00e4testens nach der Trennung \u00abohne Weiteres\u00bb m\u00f6glich gewesen, \u00fcbergeht, dass Sprachdefizite, fehlende Netzwerke und unterbrochene Erwerbsbiografien auch ohne Zutun des Ehegatten und \u00fcber das Ende der Ehe hinaus fortwirken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Zwar erlaubt Art. 58a Abs. 2 AIG i.V.m. Art. 77f VZAE, bei gewichtigen pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nden von einzelnen Integrationskriterien abzuweichen. Die Ausgangslage wird dadurch aber nur sehr eingeschr\u00e4nkt erfasst, weil die Ausnahme nur f\u00fcr einzelne, extern belegbare Umst\u00e4nde greift. Gerade die in der Ehe entstandene Lage erzeugt kaum solche Ankn\u00fcpfungstatsachen, weshalb Berichte von Fachstellen, \u00c4rztinnen oder Frauenh\u00e4usern regelm\u00e4ssig als blosse Wiedergabe der Angaben der Betroffenen relativiert werden und ihnen der Beweiswert aberkannt wird. Umgekehrt gilt die Dreijahresfrist f\u00fcr die Ehedauer absolut, sodass schon ein Verfehlen um wenige Tage den Anspruch auf eine selbst\u00e4ndige Aufenthaltsbewilligung trotz gelungener Integration entfallen l\u00e4sst. Der Anspruch nach Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG bei wichtigen pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden ist hochschwellig auf systematische Gewalt zugeschnitten, sodass die genannten Einschr\u00e4nkungen unterhalb dieser Schwelle unerfasst bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Rosemarie Weibel, die sich als Anw\u00e4ltin mit den rechtlichen Unsicherheiten von Migrantinnen nach Trennung oder Scheidung befasst hat, bringt diese Verschiebung auf den Punkt. Sie beobachtet, dass die Verantwortung f\u00fcr die nacheheliche Lage einseitig der Migrantin zugewiesen werde, ohne dass die strukturellen Nachteile aus der akzessorischen Aufenthaltsbewilligung und einer geschlechtsbezogenen Rollenteilung w\u00e4hrend der Ehe angemessen abgefedert w\u00fcrden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis dieser Normen zum diskriminierungs- und gleichstellungsrechtlichen Rahmen aus Art. 8 Abs. 2 und Abs. 3 BV. Diese treffen Migrantinnen aufgrund der Verteilung in den Migrationskan\u00e4len und der ehelichen Rollenverteilung h\u00e4ufiger. Die Schlechterstellung entsteht nicht aus dem Geschlecht allein, sondern aus dessen Zusammenwirken mit Herkunft, Aufenthaltsstatus und sozio\u00f6konomischer Lage. Hinzu tritt eine Spannung zum Gleichstellungsauftrag aus Art. 8 Abs. 3 BV, strukturelle Benachteiligungen aktiv abzubauen. Die familienrechtlich gesch\u00fctzte Aufgabenteilung, zu deren Entstehung das Ausl\u00e4nderrecht selbst beitr\u00e4gt, verhindert den Aufbau jener Sprachkenntnisse und wirtschaftlichen Teilhabe, die es sp\u00e4ter als Teilaspekte der Integration voraussetzt. Verst\u00e4rkt wird dies durch eine Integrationsf\u00f6rderung, die Migrantinnen vorwiegend als M\u00fctter und Ehefrauen mit einfachen Sprachkursen adressiert, w\u00e4hrend die Angebote f\u00fcr M\u00e4nner auf die Erwerbsintegration ausgerichtet sind, sodass gerade jene Rollenstereotype fortgeschrieben werden, deren Folgen sie abbauen sollte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Innerhalb des geltenden Rechts liessen sich diese Spannungen abmildern, indem man zum einen den Korrekturmechanismus aus Art. 58a Abs. 2 AIG i.V.m. Art. 77f VZAE so auslegt, dass die in der akzessorischen Phase entstandene Ausgangslage als gewichtiger pers\u00f6nlicher Umstand ber\u00fccksichtigt wird, statt sie der Migrantin als individuelles Defizit anzulasten. Zum anderen k\u00f6nnte eine \u00dcbergangsfrist die Folgen der Aufl\u00f6sung abfedern, indem sie der Migrantin nach der Trennung Zeit zur eigenst\u00e4ndigen Integration einr\u00e4umt. Beide Ans\u00e4tze setzen nicht am neutralen Wortlaut an, sondern an dessen praktischer Auslegung und Anwendung. Solange diese die unter dem akzessorischen Aufenthaltsrecht entstandene Lage als individuelles Vers\u00e4umnis liest, tr\u00e4gt die Migrantin allein die Folgen einer Ausgangslage, die sie w\u00e4hrend der Ehe weder abwenden konnte noch musste.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong style=\"text-decoration: underline;\"><u>Bibliografia<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Achermann Alberto, Geschlechtsspezifische Dimensionen der Integrationsgesetzgebung, in: Hausmann Christina\/K\u00e4lin Walter (Hrsg.), Geschlechtergleichstellung im Migrationskontext: Bevormundung oder Emanzipation?, Bern 2014, S. 55 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Bachmann Susanne\/Ria\u00f1o Yvonne, Emanzipation von oben: Symbolische Qualit\u00e4ten des Schweizer Integrationsrechts, in: Juridikum 4\/2012, S. 494 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Caroni Martina\/Scheiber Nicole\/Preisig Christa\/Plozza Monika, Migrationsrecht, 5. Auflage, Bern 2022.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Gassner Nora, Die Ausl\u00e4ndergesetzgebung im Lichte der Geschlechtergleichstellung, in: Sutter-Somm Thomas (Hrsg.), IMPULSE Nr. 52, Z\u00fcrich 2020.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hotz Sandra\/Frei Nula\/Graf-Brug\u00e8re Anne-Laurence, Kritisches und genderbewusstes Migrationsrecht, in: Uebersax Peter\/Rudin Beat\/Hugi Yar Thomas\/Geiser Thomas\/Vetterli Luzia (Hrsg.), Handb\u00fccher f\u00fcr die Anwaltspraxis, Ausl\u00e4nderrecht, Eine umfassende Darstellung der Rechtsstellung von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern in der Schweiz \u2013 Von A(syl) bis Z(ivilrecht), 3. Auflage, Basel 2022.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">K\u00e4gi-Diener Regula, Kommentierung des Art. 8 BV, in: Ehrenzeller Bernhard\/Egli Patricia\/Hettich Peter\/Hongler Peter\/Schindler Benjamin\/Schmid Stefan G.\/Schweizer Rainer J. (Hrsg.), St. Galler Kommentar, Die schweizerische Bundesverfassung, 4. Aufl., Z\u00fcrich 2023.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Ria\u00f1o Yvonne\/Baghdadi Nadia\/Wastl-Walter Doris, Social Integration and Social Exclusion of Skilled Immigrant Women from Countries outside the European Union, Final research report, University of Bern, Bern 2006.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Schl\u00e4ppi Erika\/Locher Reto, Kommentierung des Art. 1, Allgemein, in: Schl\u00e4ppi Erika\/Ulrich Silvia\/Wyttenbach Judith (Hrsg.), CEDAW \u2013 Kommentar zum \u00dcbereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau, Allgemeine Kommentierung \u2013 Umsetzung in der Schweiz \u2013 Umsetzung in \u00d6sterreich, Bern 2015.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Schweizer Rainer J.\/Fankhauser Kim, Kommentierung des Art. 8 BV, in: Ehrenzeller Bernhard\/Egli Patricia\/Hettich Peter\/Hongler Peter\/Schindler Benjamin\/Schmid Stefan G.\/Schweizer Rainer J. (Hrsg.), St. Galler Kommentar, Die schweizerische Bundesverfassung, 4. Aufl., Z\u00fcrich 2023.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Weibel Rosemarie, Ehe und Familie in der Migration \u2013 von der Schwierigkeit, Utopien zu denken, in: Bannwart Bettina\/Cottier Michelle\/Durrer Cheyenne\/K\u00fchler Anne\/K\u00fcng Zita\/Vogler Annina (Hrsg.), Keine Zeit f\u00fcr Utopien? Perspektiven der Lebensformenpolitik im Recht, Z\u00fcrich\/St. Gallen 2013, S. 321 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Wichmann Nicole, Geschlechtsspezifische Dimensionen von Integrationsmassnahmen, in: Hausmann Christina\/K\u00e4lin Walter (Hrsg.), Geschlechtergleichstellung im Migrationskontext: Bevormundung oder Emanzipation?, Bern 2014, S. 33 ff.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Articolo di Lorena Rosalina Aronsky W\u00e4hrend das Ausl\u00e4nder- und Integrationsrecht bis 1991 den Anspruch auf Familiennachzug allein dem Ehemann einr\u00e4umte, ist es heute formell geschlechtsneutral&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":894,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_customify_content_layout":"","_customify_sidebar":"","_customify_page_header_display":"default","_customify_disable_header":"","_customify_disable_header_top":"","_customify_disable_header_main":"","_customify_disable_header_bottom":"","_customify_disable_page_title":"","_customify_disable_content_vertical_padding":"","_customify_disable_footer_top":"","_customify_disable_footer_main":"","_customify_disable_footer_bottom":"","_customify_breadcrumb_display":"","_customify_header_transparent_display":"default","footnotes":""},"categories":[274],"tags":[],"class_list":["post-1699","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-articoli-it"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1699","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/894"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1699"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1699\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1700,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1699\/revisions\/1700"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1699"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1699"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1699"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}