{"id":1682,"date":"2026-07-17T12:08:29","date_gmt":"2026-07-17T12:08:29","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1682"},"modified":"2026-09-17T12:09:25","modified_gmt":"2026-09-17T12:09:25","slug":"zwischen-ehe-und-aufenthalt-untersuchung-der-abhaengigkeitsverhaeltnisse-verheirateter-migrantinnen-im-wandel-des-migrationsrechts-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/en\/2026\/07\/17\/zwischen-ehe-und-aufenthalt-untersuchung-der-abhaengigkeitsverhaeltnisse-verheirateter-migrantinnen-im-wandel-des-migrationsrechts-2\/","title":{"rendered":"Zwischen Ehe und Aufenthalt: Untersuchung der Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse verheirateter Migrantinnen im Wandel des Migrationsrechts"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Article by Suray Hirda<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">F\u00fcr in die Schweiz nachgezogene Migrantinnen stellte die Ehe lange Zeit nicht nur eine pers\u00f6nliche Beziehung dar, sondern sie galt h\u00e4ufig als Voraussetzung f\u00fcr ein Leben in der Schweiz. Im schweizerischen Migrationsrecht kommt der Ehe eine entscheidende Bedeutung f\u00fcr den Erwerb eines Aufenthaltsrechts zu. Insbesondere im Kontext des Familiennachzugs ist sie f\u00fcr Personen aus Drittstaaten oft der einzige Weg, um in die Schweiz einzureisen und eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Die aufenthaltsrechtliche Stellung nachgezogener Migrantinnen war nach dem fr\u00fcheren Bundesgesetz \u00fcber Aufenthalt und Niederlassung der Ausl\u00e4nder (ANAG) stark vom Fortbestand der Ehe abh\u00e4ngig. Der Familiennachzug erm\u00f6glichte zwar den Zugang zu einem Aufenthaltsrecht, die weitere Aufenthaltsberechtigung war jedoch eng mit dem Bestehen der ehelichen Gemeinschaft verkn\u00fcpft. Die eheliche Gemeinschaft stellte somit nicht nur den Ausgangspunkt des Familienlebens dar, sondern fungierte auch als Grundlage f\u00fcr die pers\u00f6nliche und rechtliche Zukunft in der Schweiz. Die enge Verkn\u00fcpfung zwischen Ehe und Aufenthaltsstatus hatte zur Folge, dass pers\u00f6nliche Lebensentscheidungen oft nicht unabh\u00e4ngig von migrationsrechtlichen Konsequenzen getroffen werden konnten. Im Falle einer Trennung oder Scheidung konnte es neben der Beendigung der Beziehung auch zu einer Gef\u00e4hrdung der aufenthaltsrechtlichen Sicherheit kommen. Diese Problematik zeigte sich insbesondere in Situationen ehelicher Konflikte oder h\u00e4uslicher Gewalt. Entscheidungen \u00fcber eine Trennung wurden in der Regel nicht ausschliesslich auf Basis pers\u00f6nlicher Umst\u00e4nde getroffen, sondern auch unter Ber\u00fccksichtigung potenzieller Konsequenzen f\u00fcr den weiteren Aufenthalt. Unter dem ANAG gab es zwar vereinzelt H\u00e4rtefalll\u00f6sungen, aber ein gesetzlich verankerter Anspruch auf die Weiterf\u00fchrung des Aufenthaltsrechts nach Aufl\u00f6sung der Familiengemeinschaft bestand jedoch nicht. Gleichzeitig verf\u00fcgten die Beh\u00f6rden \u00fcber einen erheblichen Ermessensspielraum, wodurch die Rechtslage f\u00fcr Betroffene zus\u00e4tzlich erschwert wurde.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Mit der Einf\u00fchrung des Ausl\u00e4ndergesetzes (AuG) und dessen Weiterentwicklung zum heutigen Ausl\u00e4nder- und Integrationsgesetz (AIG) soll diese Form der Abh\u00e4ngigkeit reduziert werden. In diesem Zusammenhang ist Art.\u00a050\u00a0AIG von zentraler Bedeutung. Die Bestimmung schafft erstmals einen gesetzlichen Anspruch auf die Fortf\u00fchrung der Aufenthaltsbewilligung nach Aufl\u00f6sung der Ehe- oder Familiengemeinschaft. Ein weiterer Aufenthalt ist insbesondere dann m\u00f6glich, wenn die Ehegemeinschaft mindestens drei Jahre bestanden hat, eine erfolgreiche Integration vorliegt oder wichtige pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde dies erfordern. Dadurch wurde die unmittelbare Bindung des Aufenthaltsrechts an den Fortbestand der Ehe abgeschw\u00e4cht und der Schutz besonders vulnerabler Personen \u2013 insbesondere im Zusammenhang mit h\u00e4uslicher Gewalt \u2013 gest\u00e4rkt.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Diese Entwicklung wirft jedoch neue Fragen auf. Obwohl die direkte Bindung an die Ehe reduziert wurde, bleibt der eigenst\u00e4ndige Aufenthalt weiterhin an Voraussetzungen gekn\u00fcpft, deren praktische Anwendung nicht immer vorhersehbar erscheint. Dies zeigt sich insbesondere bei der Anerkennung wichtiger pers\u00f6nlicher Gr\u00fcnde. F\u00e4lle h\u00e4uslicher Gewalt sind h\u00e4ufig von Isolation, psychischem Druck und eingeschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten gepr\u00e4gt, Erlebtes nachzuweisen. Gleichzeitig werden hohe Anforderungen an die Glaubhaftmachung und die Belege gestellt.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Die Entwicklung von Art. 50 AIG verdeutlicht somit weniger einen vollst\u00e4ndigen Bruch mit der fr\u00fcheren Rechtslage als vielmehr eine Ver\u00e4nderung der Mechanismen, durch welche aufenthaltsrechtliche Abh\u00e4ngigkeiten entstehen und fortbestehen. An die Stelle der fr\u00fcheren ehebezogenen Abh\u00e4ngigkeit sind heute teilweise neue H\u00fcrden in Form von Integrationsanforderungen, Nachweispflichten und beh\u00f6rdlichen Auslegungsspielr\u00e4umen getreten. W\u00e4hrend die aufenthaltsrechtliche Sicherheit vormals in erster Linie vom Fortbestand der ehelichen Verbindung abhing, ist sie heutzutage in zunehmendem Masse an die Erf\u00fcllung rechtlicher und praktischer Voraussetzungen gekn\u00fcpft In der Folge verschiebt sich die Abh\u00e4ngigkeit von der ehelichen Beziehung hin zu Verfahren, Nachweisen und beh\u00f6rdlichen Bewertungen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400; color: #333333;\">Die rechtliche Stellung nachgezogener Migrantinnen wurde durch Art. 50 AIG zweifellos gest\u00e4rkt. Die Entwicklung des schweizerischen Migrationsrechts zeigt jedoch, dass die rechtliche Unabh\u00e4ngigkeit nicht allein durch gesetzliche Anspr\u00fcche entsteht. Entscheidend ist, ob diese Anspr\u00fcche in der Praxis tats\u00e4chlich zug\u00e4nglich sind und den Betroffenen erm\u00f6glichen, pers\u00f6nliche Entscheidungen unabh\u00e4ngig von aufenthaltsrechtlichen Unsicherheiten treffen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong style=\"text-decoration: underline;\"><u>Bibliography<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Botschaft zum Bundesgesetz \u00fcber die Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder vom 8. M\u00e4rz 2002, BBl\u00a02002 3709 ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Botschaft zur Parlamentarische Initiative Bei h\u00e4uslicher Gewalt die H\u00e4rtefallpraxis nach Artikel 50 AIG garantieren, Bericht der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates 21.504 vom 12. Oktober 2023, BBl 2023 2418 ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Bryner Angela, Die Frau im Asyl- und Ausl\u00e4nderrecht, in: Uebersax Peter\/M\u00fcnch Peter\/Geiser Thomas\/Arnold Martin(Hrsg.), Ausl\u00e4nderrecht, Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder im \u00f6ffentlichen Recht, Privatrecht, Strafrecht, Steuerrecht und Sozialrecht der Schweiz, Basel 2002, S.\u00a01055 ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Caroni Martina\/Thurnherr Martina (Hrsg.), St\u00e4mpflis Handkommentar zum Ausl\u00e4nder- und Integrationsgesetz, 2. Aufl., Bern 2024<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Eidgen\u00f6ssischen Kommission f\u00fcr Frauenfragen, Stellungnahme zur Vernehmlassung zum Bundesgesetz \u00fcber Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder (AuG), November 2000, in: Eidgen\u00f6ssische Kommission f\u00fcr Frauenfragen (Hrsg.): Fachzeitschrift \u00abFrauenfragen\u00bb 1.2001, S.\u00a021\u00a0ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Gassner Nora, Die Ausl\u00e4ndergesetzgebung im Lichte der Geschlechtergleichstellung, Z\u00fcrich\/Basel\/Genf 2020<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Montisano Luca, Das Recht auf Ehe und Familie im Migrationsrecht, Z\u00fcrich\/Basel\/Genf\u00a02019<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Progin-Theuerkauf Sarah, Der nacheheliche H\u00e4rtefall bei h\u00e4uslicher Gewalt, in: De Weck Fanny\/Fargahi Babak\/Oleschak-Pillai Rekha\/Priuli Valerio\/Uebersax Peter (Hrsg.), Beitr\u00e4ge zum Migrationsrecht, Festschrift f\u00fcr Marc Spescha, Z\u00fcrich 2025, S. 333 ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Spescha Marc\/Bolzli Peter\/De Weck Fanny\/Hruschka Constantin\/Priuli Valerio\/Z\u00fcnd Andreas (Hrsg.), Orell F\u00fcssli Kommentar zum Migrationsrecht, 6.\u00a0Aufl., Z\u00fcrich\u00a02026<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Spescha Marc\/Bolzli Peter\/De Weck Fanny\/Priuli Valerio, Handbuch zum Migrationsrecht, 4. Aufl., Z\u00fcrich 2020<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Stellungnahme des Bundesrates vom 14. April 1999 zur Parlamentarische Initiative Rechte f\u00fcr Migrantinnen (Goll), Bericht vom 4. M\u00e4rz 1999 der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates, BBl 1999 5033 ff.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Traub Kaspar, Familiennachzug im Ausl\u00e4nderrecht, Diss., Basel 1992<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">Zanga Bruno\/Guhl Camillus, Familiennachzug ausl\u00e4ndischer Personen in die Schweiz mit Ber\u00fccksichtigung der Praxis im Kanton St. Gallen, in: AJP 2001, S. 403 ff.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article by Suray Hirda F\u00fcr in die Schweiz nachgezogene Migrantinnen stellte die Ehe lange Zeit nicht nur eine pers\u00f6nliche Beziehung dar, sondern sie galt h\u00e4ufig&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":894,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_customify_content_layout":"","_customify_sidebar":"","_customify_page_header_display":"default","_customify_disable_header":"","_customify_disable_header_top":"","_customify_disable_header_main":"","_customify_disable_header_bottom":"","_customify_disable_page_title":"","_customify_disable_content_vertical_padding":"","_customify_disable_footer_top":"","_customify_disable_footer_main":"","_customify_disable_footer_bottom":"","_customify_breadcrumb_display":"","_customify_header_transparent_display":"default","footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-1682","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-articles-en"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1682","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/894"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1682"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1682\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1683,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1682\/revisions\/1683"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}