{"id":1244,"date":"2026-06-01T03:20:13","date_gmt":"2026-06-01T03:20:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1244"},"modified":"2026-06-01T03:20:13","modified_gmt":"2026-06-01T03:20:13","slug":"sexuelle-integritaet-und-selbstbestimmung-als-rechtsgut-im-sexualstrafrecht-der-alternativentwurf-von-elisabeth-freivogel-im-lichte-strafrechtlicher-reformdebatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/2026\/06\/01\/sexuelle-integritaet-und-selbstbestimmung-als-rechtsgut-im-sexualstrafrecht-der-alternativentwurf-von-elisabeth-freivogel-im-lichte-strafrechtlicher-reformdebatten\/","title":{"rendered":"Sexuelle Integrit\u00e4t und Selbstbestimmung als Rechtsgut im Sexualstrafrecht \u2013 Der Alternativentwurf von Elisabeth Freivogel im Lichte strafrechtlicher Reformdebatten"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Artikel von Roxana Sillack<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #333333;\">Das Sexualstrafrecht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend ver\u00e4ndert. W\u00e4hrend fr\u00fchere Regelungen stark von moralisch-sittlichen Vorstellungen gepr\u00e4gt waren, steht heute zunehmend der Schutz der individuellen Freiheit und Autonomie im Zentrum der strafrechtlichen Bewertung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die sexuelle Selbstbestimmung gilt als vergleichsweise junges Rechtsgut. Erst seit dem sp\u00e4ten 20. Jahrhundert trat sie im Strafrecht an die Stelle des fr\u00fcheren Leitbilds der \u201eSittlichkeit\u201c. Deutschland reformierte sein Sexualstrafrecht bereits 1973 umfassend, die Schweiz folgte 1992 und \u00d6sterreich 2004.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Heute wird die sexuelle Selbstbestimmung als zentrales Rechtsgut des Sexualstrafrechts verstanden. Sie umfasst das Recht, frei \u00fcber das \u201eOb\u201c, \u201eWann\u201c und \u201eWie\u201c sexueller Handlungen zu entscheiden, als auch den Schutz vor unerw\u00fcnschten sexuellen Eingriffen. Strafbar sind sexuelle Handlungen ohne freiwillige Einwilligung, etwa bei Ablehnung, Bewusstlosigkeit oder Zwang. Kritisch wird jedoch darauf hingewiesen, dass eine formale Zustimmung nicht immer echte Selbstbestimmung bedeutet, insbesondere wenn T\u00e4uschung oder Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse ausgenutzt werden. Der EGMR betonte im Urteil \u201eM.C. gegen Bulgarien\u201c, dass das fehlende Einverst\u00e4ndnis das zentrale Merkmal der Vergewaltigung darstellt und Staaten verpflichtet sind, s\u00e4mtliche nicht einvernehmlichen sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen, auch dann, wenn das Opfer keinen k\u00f6rperlichen Widerstand geleistet hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich das Konzept der sexuellen Integrit\u00e4t als erg\u00e4nzende oder alternative Bestimmung des Rechtsguts verstehen. Es r\u00fcckt st\u00e4rker die objektive Verletzung der pers\u00f6nlichen Unversehrtheit in den Fokus und ist nicht allein an die Willensbildung gebunden. In der strafrechtsdogmatischen Literatur wird die sexuelle Integrit\u00e4t als eigenst\u00e4ndiges Rechtsgut diskutiert, das \u00fcber die sexuelle Selbstbestimmung hinausgeht. W\u00e4hrend Selbstbestimmung das Recht auf Zustimmung oder Ablehnung sexueller Handlungen betont, hebt der Integrit\u00e4tsbegriff den Schutz des k\u00f6rperlich-seelischen Unversehrtseins in seiner sexuellen Dimension hervor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Elisabeth Freivogel, geboren am 2. Januar 1953 in Liestal und aufgewachsen in Gelterkinden BL, studierte 1974\u20131978 in Basel Jura, engagierte sich intensiv in feministischer Rechts- und Staatstheorie, wirkte an Gesetzgebungsvorhaben mit, beriet Parlamentskommissionen und vertrat die Schweiz bei UNO-Frauenrechtsorganen. Sie verfasste 1987 mit weiteren Autorinnen den Alternativentwurf: ,,Was heisst hier Vergewaltigung?\u2019\u2019 welcher das Sexualstrafrecht aus feministischer Sicht betrachtet. Der Entwurf besteht aus kommentierten Artikeln, welche das weibliche Geschlecht sch\u00fctzen sollen. Kernpunkt des Entwurfs ist die sexuelle Integrit\u00e4t der Frau und des M\u00e4dchens, welche immer dann als verletzt gilt, wenn eine Handlung das Selbstbestimmungsrecht \u00fcber den eigenen K\u00f6rper tangiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die Rolle der M\u00e4nner spielt im gesamten Entwurf eine entscheidende Rolle. Sie sollen den Willen der Frau besser deuten und verstehen lernen. Deswegen sollen auch ausdr\u00fccklich fahrl\u00e4ssige Tathandlungen unter Strafe gestellt werden, denn ungewolltes Verhalten soll auch dann strafrechtlich verfolgt werden, wenn die Frau nicht ausdr\u00fccklich nein gesagt hat, sondern auch dann, wenn er h\u00e4tte wissen k\u00f6nnen und m\u00fcssen, dass die Handlung ungewollt geschieht. Es wird demnach eine Sorgfaltspflicht f\u00fcr die M\u00e4nner statuiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">In der Schweiz f\u00fchrte die Reform von 1992 zu einer st\u00e4rkeren Ausrichtung der Sexualdelikte am Schutz der sexuellen Selbstbestimmung. Aktuelle Reformdebatten im Zusammenhang mit \u201eNein-heisst-Nein\u201c- bzw. \u201eNur-Ja-heisst-Ja\u201c-Modellen zeigen die fortlaufende Kl\u00e4rung ihrer dogmatischen Einordnung. Mit der am 1. Juli 2024 in Kraft getretenen Revision wurde der Schutz weiter gest\u00e4rkt und am Prinzip \u201eNein heisst Nein\u201c ausgerichtet. Sexuelle Handlungen ohne Zustimmung sind nun strafbar, ohne dass Gewalt oder Zwang nachgewiesen werden muss. Diese Entwicklung steht zumindest in gewissen Teilen im Einklang mit dem Alternativentwurf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die \u00dcberlegungen zur Versch\u00e4rfung von fahrl\u00e4ssigem Handeln und der Einf\u00fchrung einer Sorgfaltspflicht im Sexualstrafrecht setzten sich bislang jedoch noch nicht ausreichend durch. Eine fahrl\u00e4ssige Strafbarkeit sollte insbesondere dann als gerechtfertigt angesehen, wenn durch das Verhalten besonders gewichtige Rechtsg\u00fcter beeintr\u00e4chtigt werden. Da die sexuelle Selbstbestimmung ein zentrales h\u00f6chstpers\u00f6nliches Rechtsgut darstellt, kann auch ihre fahrl\u00e4ssige Verletzung als ausreichend schwerwiegend betrachtet werden. Im Vergleich zu bestehenden Fahrl\u00e4ssigkeitsdelikten, etwa im Bereich der k\u00f6rperlichen Integrit\u00e4t, besteht bereits eine fahrl\u00e4ssige Strafbarkeit, diese sollte im Sexualstrafrecht ebenfalls vorstellbar und damit f\u00fcr eine Reform geeignet sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Aus der Strafbarkeit der Fahrl\u00e4ssigkeit ergibt sich sodann die genannte Sorgfaltspflicht. Dies umfasst die Pflicht, aufmerksam wahrzunehmen und zu erkennen, ob eine Handlung gewollt ist oder nicht, auch wenn die betroffene Person ihren Willen nicht ausdr\u00fccklich \u00e4ussert. Denkbar w\u00e4re hier, dass bei der Einf\u00fchrung einer Sorgfaltspflicht Fallgruppen gebildet werden, bei denen die Sorgfaltspflicht unterschiedlich ausgepr\u00e4gt ist. So soll sie bei Paaren weniger streng beurteilt werden, wie bei Personen, die sich nicht kennen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Zusammenfassend zeigt sich, dass sich das Sexualstrafrecht stetig wandelt aber weiterhin Problematiken aufwirft. Insgesamt wird deutlich, dass das Sexualstrafrecht auch k\u00fcnftig weiterentwickelt werden muss, um einen modernen, koh\u00e4renten und wirksamen Rechtsschutz zu gew\u00e4hrleisten. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong style=\"text-decoration: underline;\"><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fiolka Gerhard, Das Rechtsgut: Strafgesetz versus Kriminalpolitik, dargestellt am Beispiel des allgemeinen Teil des schweizerischen Strafgesetzbuches, des Strassenverkehrsgesetzes (SVG) und des Bet\u00e4ubungsmittelgesetzes (BetmG), Niggli Alexander M.\/Amstutz J\u00fcrg\/Bors Hanspeter (Hrsg.), 1. Aufl., Basel 2006<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fischer Barbara\/Freivogel Elisabeth\/Sprecher-Bertschi Susanne\/ St\u00e4rkle Lisa, Sexualstrafrecht aus feministischer Sicht: Was heisst hier Vergewaltigung?, Teil I: Straftaten gegen die sexuelle Integrit\u00e4t und Selbstbestimmung der Frau, Demokratische Juristinnen (Hrsg.), Basel 1987<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Freivogel Elisabeth, Interview von Zita K\u00fcng, Universit\u00e4t Z\u00fcrich, Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, Z\u00fcrich, 07.05.25<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Holzleithner Elisabeth, Sexuelle Selbstbestimmung als Individualrecht und als Rechtsgut, in: Lembke Ulrike (Hrsg.), Regulierung des Intimen: Sexualit\u00e4t und Recht im modernen Staat, Band 60, Wiesbaden 2017, S. 31-47<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Kentler Helmut, Taschenlexikon Sexualit\u00e4t, D\u00fcsseldorf 1982<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Laubenthal Klaus, Handbuch Sexualstraftaten: Die Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung, W\u00fcrzburg 2012<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Lembke Ulrike, Sexualit\u00e4t und Recht: Eine Einf\u00fchrung, in: Lembke Ulrike (Hrsg.), Regulierung des Intimen: Sexualit\u00e4t und Recht im modernen Staat, Band 60, Wiesbaden 2017, S. 3-27<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Scheidegger Nora, Das Sexualstrafrecht der Schweiz: Grundlagen und Reformbedarf, Bern 2018<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333333;\">Stellungnahme des Bundesamts f\u00fcr Justiz \u00fcber die Auswirkungen der Revision des Sexualstrafrechts auf die Opferhilfe vom 01.11.2024, Aktenzeichen: 382-3441\/7, S. 1 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Widmer Barbara, Die Strafbarkeit sexueller \u00dcbergriffe: Eine theoretische, dogmatische und rechtstats\u00e4chliche Betrachtung, in: Bung Jochen\/Burchard Christoph\/Eisele J\u00f6rg\/Hoven Elisa\/Kaspar Johannes\/Reinbacher Tobias\/Rostalski Frauke et al., (Hrsg.), Beitr\u00e4ge zum Strafrecht &#8211; Contributions to Criminal Law, Band 21, 1. Aufl., Baden-Baden 2024<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel von Roxana Sillack Das Sexualstrafrecht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend ver\u00e4ndert. 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