{"id":1241,"date":"2026-05-31T04:09:04","date_gmt":"2026-05-31T04:09:04","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1241"},"modified":"2026-05-31T04:09:04","modified_gmt":"2026-05-31T04:09:04","slug":"klimaklage-mit-feministischer-dimension-der-fall-klimaseniorinnen-schweiz-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/fr\/2026\/05\/31\/klimaklage-mit-feministischer-dimension-der-fall-klimaseniorinnen-schweiz-4\/","title":{"rendered":"Klimaklage mit feministischer Dimension? Der Fall Klimaseniorinnen Schweiz"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Article de Moesha Hagmann<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #333333;\">Am 9. April 2024 entschied die Grosse Kammer des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) im Fall Verein KlimaSeniorinnen Schweiz und Andere gegen Schweiz, dass die Schweiz durch ihre unzureichende Klimapolitik Konventionsrechte verletzt hat, namentlich Art. 8 EMRK sowie, f\u00fcr die vorliegenden Ausf\u00fchrungen weniger zentral, Art. 6 EMRK. Es war das erste Mal in der Geschichte des Gerichtshofs, dass ein Staat wegen klimapolitischen Unterlassens f\u00fcr eine Menschenrechtsverletzung verurteilt wurde. Was auf den ersten Blick wie ein reiner Klimarechtsfall erscheint, weist bei n\u00e4herer Betrachtung eine feministische Dimension auf, die rechtlich bis anhin kaum ausgesch\u00f6pft wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Verein KlimaSeniorinnen Schweiz wurde 2016 gegr\u00fcndet mit dem Ziel, die Schweiz wegen unzureichenden Klimaschutzes gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. Das prozessuale Konzept der egoistischen Verbandsklage, getragen von einer Gruppe \u00e4lterer Frauen als besonders betroffene Personengruppe, wurde von der Rechtsanw\u00e4ltin Cordelia B\u00e4hr entwickelt. Ihr sowie Ursula Brunner geb\u00fchrt massgebliches Verdienst daran, dass dieser Fall \u00fcberhaupt vor den EGMR gebracht werden konnte. Nach einem langen innerstaatlichen Instanzenzug, in dem alle Schweizer Instanzen die Klimaseniorinnen abwiesen, obsiegten sie 2024 vor dem EGMR: Die Schweiz hatte ihre staatliche Schutzpflicht nach Art. 8 EMRK verletzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Dass ausgerechnet ein Verein \u00e4lterer Frauen diesen historischen Entscheid erk\u00e4mpfte, ist kein Zufall. Wissenschaftlich ist belegt, dass Frauen von den Folgen des Klimawandels \u00fcberproportional betroffen sind. Eine Analyse von 130 Studien ergab, dass 68 Prozent davon zum Schluss kamen, Frauen seien durch den Klimawandel st\u00e4rker gesundheitlich belastet als M\u00e4nner. Wenn extreme Wetterereignisse eintreten, sind Frauen besonders gef\u00e4hrdet, denn sie sterben \u00f6fter und fr\u00fcher als M\u00e4nner, leiden h\u00e4ufiger unter psychischen Folgesch\u00e4den und sind in Notsituationen aufgrund ungleicher Ressourcen, eingeschr\u00e4nkter Handlungsspielr\u00e4ume und gesellschaftlich verankerter Rollenbilder strukturell benachteiligt. Diese Vulnerabilit\u00e4t ist nicht prim\u00e4r biologisch bedingt, sondern Ausdruck tiefgreifender sozialer Ungleichheiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Trotz dieser nachgewiesenen Betroffenheit hat der EGMR die feministische Dimension nicht rechtlich gew\u00fcrdigt. Die Einzelkl\u00e4gerinnen scheiterten am hohen Massstab f\u00fcr die Opferstellung, und das Geschlecht als eigenst\u00e4ndige rechtliche Kategorie blieb unber\u00fccksichtigt. Der EGMR signalisierte damit, dass geschlechterspezifische Vulnerabilit\u00e4t im klimarechtlichen Kontext bis anhin kein eigenst\u00e4ndiges rechtliches Gewicht tr\u00e4gt.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #333333;\">Dabei w\u00e4re rechtliches Potenzial vorhanden. Es l\u00e4sst sich argumentieren, dass eine feministische Klimaklage hypothetisch auf Art. 14 EMRK in Verbindung mit Art. 8 EMRK gest\u00fctzt werden k\u00f6nnte, auch wenn eine solche Konstellation bislang nicht geltend gemacht wurde. Da staatliches Unterlassen im Klimaschutz Frauen aufgrund struktureller Ungleichheiten faktisch st\u00e4rker trifft, liegt eine indirekte Diskriminierung nahe. Als Auslegungsinstrument k\u00f6nnte zudem die UN-Frauenrechtskonvention (CEDAW), insbesondere die Allgemeine Empfehlung Nr. 37, herangezogen werden. Hinsichtlich der Opferstellung k\u00f6nnten besonders betroffene Frauen, die eine konkrete, individuell nachweisbare klimabedingte Beeintr\u00e4chtigung geltend machen k\u00f6nnen, die hohe vom Gerichtshof gesetzte Schwelle k\u00fcnftig \u00fcberwinden. Ob ein solches Vorbringen Bestand h\u00e4tte, bleibt naturgem\u00e4ss offen; die im Fall KlimaSeniorinnen entwickelten Grunds\u00e4tze bieten hierf\u00fcr jedoch eine rechtlich belastbare Ausgangslage.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Fall KlimaSeniorinnen Schweiz ist damit nicht nur ein Meilenstein f\u00fcr den Klimaschutz, sondern auch ein Ausgangspunkt f\u00fcr eine frauenrechtliche Weiterentwicklung der europ\u00e4ischen Klimajustiz. Es wurde hiermit eine Grundlage geschaffen. Denn der Kampf gegen die Klimakrise ist und bleibt ein Kampf mit allen f\u00fcr alle. Die rechtliche Anerkennung geschlechterspezifischer Betroffenheit ist dabei kein Widerspruch zu diesem kollektiven Anliegen, sondern eine notwendige Voraussetzung daf\u00fcr: Erst wenn strukturelle Ungleichheiten abgebaut sind, k\u00f6nnen alle von derselben Ausgangslage aus gemeinsam f\u00fcr eine lebenswerte Zukunft eintreten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong style=\"text-decoration: underline;\"><u>Bibliographie<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">BRUNNER URSULA\/B\u00c4HR CORDELIA\/LOOSER MARTIN: Begehren um Einstellung von Unterlassungen im Klimaschutz im Sinne von Art. 25a VwVG sowie Art. 6 Ziff. 1 und 13 EMRK vom 25. November 2016, &lt;https:\/\/www.klimaseniorinnen.ch =&gt; Dokumente =&gt; 2016-2020&gt; (zuletzt besucht am 18. April 2026).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">BRUNNER URSULA\/B\u00c4HR CORDELIA\/LOOSER MARTIN: Beschwerde in \u00f6ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten, Verein KlimaSeniorinnen Schweiz et al. gegen Eidgen\u00f6ssisches Departement f\u00fcr Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK vom 21. Januar 2019, &lt;https:\/\/www.klimaseniorinnen.ch =&gt; Dokumente =&gt; 2016-2020&gt; (zuletzt besucht am 25. April 2026).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">BRUNNER URSULA\/B\u00c4HR CORDELIA\/LOOSER MARTIN: Beschwerde Verein KlimaSeniorinnen Schweiz et al. gegen Eidgen\u00f6ssisches Departement f\u00fcr Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK vom 26. Mai 2017, &lt;https:\/\/www.klimaseniorinnen.ch =&gt; Dokumente =&gt; 2016-2020&gt; (zuletzt besucht am 16. April 2026).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">HEFTI ANGELA: \u00abIntersectionality and Standing in Climate-Related Human Rights Cases\u00bb, Harvard Law School Human Rights Program, 2. Januar 2025, &lt;https:\/\/hrp.law.harvard.edu =&gt; Publications =&gt; Reflections&gt; (zuletzt besucht am 14. April 2026).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">HERI CORINA: Drei Missverst\u00e4ndnisse bez\u00fcglich des KlimaSeniorinnen-Urteils, recht 2024, S. 184-187.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">H\u00dcRLIMANN BRIGITTE\/B\u00c4HR CORDELIA\/STERN ELISABETH: Als die Schweiz ins Schwitzen kam (1. A. Z\u00fcrich 2025).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">NEUMAYER ERIC\/PL\u00dcMPER THOMAS: The Gendered Nature of Natural Disasters: The Impact of Catastrophic Events on the Gender Gap in Life Expectancy, 1981-2002, Association of American Geographers 97\/2007, S. 551ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">SELLERS SAM: Gender and Climate Change: A Closer Look at Existing Evidence, Global Gender and Climate Alliance (GGCA), November 2016.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Urteil EGMR, Verein KlimaSeniorinnen Schweiz und Andere gegen Schweiz, EGMR Nr. 53600\/20.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Article de Moesha Hagmann Am 9. 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