{"id":1225,"date":"2026-05-31T03:37:02","date_gmt":"2026-05-31T03:37:02","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1225"},"modified":"2026-05-31T03:42:54","modified_gmt":"2026-05-31T03:42:54","slug":"wenn-scheidung-den-aufenthaltsstatus-gefaehrdet-migrantinnen-zwischen-familien-und-migrationsrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/2026\/05\/31\/wenn-scheidung-den-aufenthaltsstatus-gefaehrdet-migrantinnen-zwischen-familien-und-migrationsrecht\/","title":{"rendered":"Wenn Scheidung den Aufenthaltsstatus gef\u00e4hrdet: Migrantinnen zwischen Familien- und Migrationsrecht"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Artikel von Lisa de Marco<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">F\u00fcr viele Migrantinnen entscheidet eine Scheidung nicht nur \u00fcber ihre famili\u00e4re Zukunft, sondern auch dar\u00fcber, ob sie in der Schweiz bleiben d\u00fcrfen. Wird die Ehe aufgel\u00f6st, hat dies neben famili\u00e4ren Folgen auch migrationsrechtliche Konsequenzen. Die Situation nach einer Scheidung ist damit durch ein enges Zusammenspiel von Familien- und Migrationsrecht gepr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p>Im Familienrecht basiert die nacheheliche Situation auf dem Prinzip der Eigenverantwortung. Der Anspruch auf nachehelichen Unterhalt nach Art. 125 ZGB setzt voraus, dass einer Partei die eigenst\u00e4ndige Deckung ihres geb\u00fchrenden Unterhalts nicht zugemutet werden kann. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass insbesondere Frauen aufgrund von Betreuungsaufgaben in ihrer Erwerbst\u00e4tigkeit eingeschr\u00e4nkt sind, was ihre \u00f6konomische Selbstst\u00e4ndigkeit erschwert. Die \u00f6konomische Situation ist nicht nur familienrechtlich von Bedeutung, sondern wird auch im Rahmen migrationsrechtlicher Entscheidungen unmittelbar ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Migrationsrechtlich basiert die Aufenthaltsbewilligung von Ehegattinnen im Rahmen des Familiennachzugs grunds\u00e4tzlich auf dem Fortbestand der ehelichen Gemeinschaft (Art. 42 f. AIG). Mit deren Aufl\u00f6sung entf\u00e4llt der Aufenthaltszweck, womit grunds\u00e4tzlich auch der Bewilligungsanspruch dahinf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Art. 50 AIG normiert Ausnahmetatbest\u00e4nde, welche den Weiterbestand des Aufenthaltsrechts unter bestimmten Voraussetzungen gew\u00e4hrleisten. Nach Art. 50 Abs. 1 lit. a AIG besteht ein eigenst\u00e4ndiger Aufenthaltsanspruch, sofern die eheliche Gemeinschaft mindestens drei Jahre gedauert hat und eine erfolgreiche Integration vorliegt. Die Integrationskriterien sind in Art. 58a AIG geregelt. Deren Beurteilung erfolgt im Rahmen einer zukunftsgerichteten Gesamtw\u00fcrdigung und umfasst insbesondere das Legalverhalten, die sprachliche Verst\u00e4ndigung (Referenzniveau A1) sowie die wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit von der Sozialhilfe.<\/p>\n<p>Alternativ statuiert Art. 50 Abs. 1 lit. b AIG einen nachehelichen H\u00e4rtefall, der bei Vorliegen wichtiger pers\u00f6nlicher Gr\u00fcnde einen weiteren Aufenthaltsanspruch begr\u00fcndet. Darunter fallen insbesondere F\u00e4lle h\u00e4uslicher Gewalt sowie eine erhebliche Gef\u00e4hrdung der sozialen Wiedereingliederung im Herkunftsstaat. Die Norm bezweckt die Vermeidung unzumutbarer H\u00e4rtef\u00e4lle und die Entsch\u00e4rfung migrationsrechtlicher Abh\u00e4ngigkeiten.<\/p>\n<p>In der Rechtsanwendung zeigt sich jedoch, dass diese Schutzmechanismen mit erheblichen Unsicherheiten verbunden sind. Die Beurteilung erfolgt einzelfallbezogen und unterliegt einem erheblichen beh\u00f6rdlichen Ermessensspielraum. Insbesondere die Auslegung der Integrationskriterien variiert, was die Prognose eines eigenst\u00e4ndigen Aufenthaltsrechts f\u00fcr Betroffene erschwert.<\/p>\n<p>Diese Unsicherheit hat konkrete Auswirkungen. Viele Migrantinnen verbleiben aus Angst vor dem Verlust ihrer Aufenthaltsbewilligung l\u00e4nger in belastenden oder sogar gewaltgepr\u00e4gten Beziehungen. Die migrationsrechtliche Abh\u00e4ngigkeit wirkt damit als zus\u00e4tzlicher Druckfaktor innerhalb der Ehe und kann bestehende Machtverh\u00e4ltnisse zus\u00e4tzlich verst\u00e4rken. Hinzu kommt die wirtschaftliche Situation nach der Trennung. Viele Frauen sind w\u00e4hrend der Ehe finanziell vom Partner abh\u00e4ngig, insbesondere wenn sie Betreuungsarbeit leisten. Nach der Scheidung erschweren Sprachbarrieren und fehlende Qualifikationsanerkennung den Zugang zum Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wird gerade diese finanzielle Eigenst\u00e4ndigkeit im Rahmen der Integrationspr\u00fcfung vorausgesetzt, wodurch ein Spannungsverh\u00e4ltnis entsteht, das die Situation zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft und strukturelle Ungleichheiten verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Auch der Zugang zu staatlicher Unterst\u00fctzung ist problematisch. Obwohl Sozialhilfe eine wichtige Absicherung darstellen k\u00f6nnte, verzichten viele Betroffene darauf, da sie negative Auswirkungen auf ihren Aufenthaltsstatus bef\u00fcrchten. Dies kann dazu f\u00fchren, dass sie unter prek\u00e4ren Bedingungen leben oder weiterhin in Abh\u00e4ngigkeit vom ehemaligen Partner bleiben.<\/p>\n<p>Besonders anspruchsvoll ist zudem die Beweisf\u00fchrung bei h\u00e4uslicher Gewalt. W\u00e4hrend k\u00f6rperliche Gewalt teilweise dokumentiert werden kann, ist der Nachweis psychischer Gewalt deutlich schwieriger. Die hohen Anforderungen f\u00fchren dazu, dass die in Art. 50 AIG vorgesehenen Schutzmechanismen in solchen F\u00e4llen oft nicht wirksam greifen.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigt sich, dass die rechtliche Verkn\u00fcpfung von Familien- und Migrationsrecht die Situation von Migrantinnen nach der Scheidung massgeblich pr\u00e4gt. Die geltende Regelung bietet zwar formell Schutz, doch bleibt dieser in der praktischen Umsetzung aufgrund struktureller H\u00fcrden und restriktiver Anwendung vielfach unzureichend. Damit zeigt sich eine zentrale Spannung des geltenden Rechts: Obwohl Art. 50 AIG Schutz bieten soll, reproduziert die enge Verkn\u00fcpfung von Aufenthaltsrecht, Integration und wirtschaftlicher Selbstst\u00e4ndigkeit gerade jene Abh\u00e4ngigkeiten, vor denen die Norm sch\u00fctzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong style=\"text-decoration: underline;\"><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><span style=\"color: #333333;\">B\u00dcCHLER ANDREA\/VETTERLI ROLF\/MARGARIA ALICE\/MORETTI LAURA, Ehe Partnerschaft <\/span><span style=\"color: #333333;\">Kinder: Eine Einf\u00fchrung in das Familienrecht der Schweiz, 4. Aufl., Basel 2022, S. 148 f.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">CARONI MARTINA\/SCHEIBER NICOLE\/PREISIG CHRISTINA\/PLOZZA MONIKA, Migrationsrecht, <\/span><span style=\"color: #333333;\">5. Aufl., Bern 2022, S. 249 ff., N 611 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">DUBACHER CLAUDIA\/REUSSER LENA, H\u00e4usliche Gewalt und Migrantinnen, Schweizerische <\/span><span style=\"color: #333333;\">Beobachtungsstelle f\u00fcr Asyl- und Ausl\u00e4nderrecht (Hrsg.), Bern, 2011, abrufbar unter: https:\/\/www.migesplus.ch\/publikationen\/haeusliche-gewalt-und-migrantinnen, zuletzt besucht am 09.02.2026, S. 3 ff., 23 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Eidgen\u00f6ssisches B\u00fcro f\u00fcr die Gleichstellung von Frau und Mann, H\u00e4usliche Gewalt im Migrationskontext, Gewaltspezifische Informationen, Bern, Januar 2025, abrufbar unter: https:\/\/www.ebg.admin.ch\/dam\/de\/sd-web\/r-cM2NWdWnv9\/b5%20haeuslich<\/span><span style=\"color: #333333;\">e-gewalt-im-migrationskontext.pdf, zuletzt besucht am 09.02.2026, S. 3 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, Stellungnahme zur \u00c4nderung des Ausl\u00e4nder- und Integrationsgesetzes (2022\/79); Pa. Iv. Bei h\u00e4uslicher Gewalt die H\u00e4rtefallpraxis nach Artikel 50 AIG garantieren, Z\u00fcrich 28. Februar 2023, abrufbar <\/span><span style=\"color: #333333;\">unter: https:\/\/fizinfo.ch\/images\/content\/Downloads_DE\/Publikationen\/Stellungnahmen\/Stellungnahme_AIG50_2022_79_FIZ.pdf, zuletzt besucht am 09.02.2026, S. 2 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">SPESCHA MARC\/Z\u00dcND ANDREAS\/BOLZLI PETER\/HRUSCHKA CONSTANTIN\/DE WECK FANNY, Migrationsrecht Kommentar, Orell F\u00fcssli Kommentar, 5. Aufl., Z\u00fcrich 2019, Art. 50, S. 244, N 7.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">UEBERSAX PETER\/RUDIN BEAT\/HUGI YAR THOMAS\/GEISER THOMAS\/VETTERLI LUZIA (Hrsg.), Ausl\u00e4nderrecht: Eine umfassende Darstellung der Rechtsstellung von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern in der Schweiz, Basel 2022, S. 1406 f., N 23.319 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">WOLF STEPHAN\/MINNIG YANNICK, Familienrecht, 2., vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitete Aufl., Bern 2025, S. 106, N 430.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel von Lisa de Marco F\u00fcr viele Migrantinnen entscheidet eine Scheidung nicht nur \u00fcber ihre famili\u00e4re Zukunft, sondern auch dar\u00fcber, ob sie in der Schweiz&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":894,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_customify_content_layout":"","_customify_sidebar":"","_customify_page_header_display":"default","_customify_disable_header":"","_customify_disable_header_top":"","_customify_disable_header_main":"","_customify_disable_header_bottom":"","_customify_disable_page_title":"","_customify_disable_content_vertical_padding":"","_customify_disable_footer_top":"","_customify_disable_footer_main":"","_customify_disable_footer_bottom":"","_customify_breadcrumb_display":"","_customify_header_transparent_display":"default","footnotes":""},"categories":[270],"tags":[],"class_list":["post-1225","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1225","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/users\/894"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1225"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1225\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1228,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1225\/revisions\/1228"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}