{"id":1186,"date":"2026-05-18T04:46:36","date_gmt":"2026-05-18T04:46:36","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/?p=1186"},"modified":"2026-05-18T04:51:19","modified_gmt":"2026-05-18T04:51:19","slug":"elterliche-sorge-nach-scheidung-rechtliche-regelung-und-ihre-geschlechterbezogenen-folgen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/sites\/frauenrechtsgeschichte\/it\/2026\/05\/18\/elterliche-sorge-nach-scheidung-rechtliche-regelung-und-ihre-geschlechterbezogenen-folgen-3\/","title":{"rendered":"Elterliche Sorge nach Scheidung: Rechtliche Regelung und ihre geschlechterbezogenen Folgen"},"content":{"rendered":"<h4 class=\"has-medium-font-size\" style=\"font-style: normal; font-weight: 600;\"><span style=\"color: #333333;\">Articolo di Valentina La Licata<\/span><\/h4>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p><span style=\"color: #333333;\">Trennung und Scheidung geh\u00f6ren in der heutigen Zeit zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t. Gleichzeitig haben sich klassische Familienbilder und Geschlechterrollen in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Die zunehmende Erwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern sowie das Ideal einer gleichberechtigten Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit pr\u00e4gen die heutigen Vorstellungen eines modernen Familienbildes. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die rechtlich verankerte Gleichstellung der Eltern nach einer Scheidung auch zu einer tats\u00e4chlichen Gleichverteilung der Sorge und Verantwortung f\u00fchrt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Das schweizerische Familienrecht sieht nach Art. 296 ZGB ff. die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall vor. Beide Elternteile tragen damit grunds\u00e4tzlich gleichermassen Verantwortung f\u00fcr ihr Kind. Dabei ist hervorzuheben, dass die elterliche Sorge nicht nur Entscheidungsbefugnisse umfasst, sondern auch die Pflicht zur Pflege, Erziehung und F\u00f6rderung des Kindes beinhaltet. Auch bei der Regelung f\u00fcr Obhut, pers\u00f6nlicher Verkehr sowie Kindes- und Betreuungsunterhalt steht das Kindeswohl im Zentrum. Dabei bilden die gemeinsame und alternierende Obhut die zwei Modelle der faktischen Betreuungsm\u00f6glichkeiten. Zudem erfolgt die konkrete Findung und Ausgestaltung des passenden Obhutsmodells stets einzelfallbezogen, wobei Gerichte insbesondere an die vor der Trennung gelebten Betreuungsstrukturen ankn\u00fcpfen. Die dazu vorliegenden gesetzlichen Bestimmungen im Zivilgesetzbuch sind geschlechterneutral formulieret und verfolgen das Ziel formaler Gleichstellung.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Zur Analyse dieser rechtlichen Grundlagen bietet dich das Konzept der sozialen Gerechtigkeit nach Marie-Jos\u00e8phe Lachat an. Die Untersuchung wird dabei in rechtlicher, \u00f6konomischer, sozialer und kultureller Dimension betrachtet, um eine vielseitige Untersuchung der Regelungen zu erm\u00f6glichen. Denn nach Lachats Auffasung wirken diese zusammen und bestimmen so, inwiefern Menschen ihre Rechte tats\u00e4chlich wahrnehmen k\u00f6nnen. In anderen Worten wird Gleichstellung dabei nicht allein an formalen Normen gemessen, sondern an realen Lebensbedingungen und Handlungsm\u00f6glichkeiten jedes Einzelnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Sozial betrachtet, ist trotz Regelung der gemeinsamen elterlichen Sorge die Hauptbetreuung der Kinder nach einer Trennung in der Praxis weiterhin h\u00e4ufig bei den M\u00fcttern. Dies umfasst nicht nur die zeitliche Betreuung, sondern auch die Organisation des Alltags, die Koordination von Terminen sowie die emotionale Begleitung. Diese vielfach unsichtbare Care- Arbeit bleibt gesellschaftlich unterbewertet, pr\u00e4gt jedoch massgeblich den Alltag der Betroffenen. Die Orientierung an bestehenden Betreuungsarrangements f\u00fchrt dazu, dass traditionelle Rollenteilungen auch nach der Scheidung fortgeschrieben werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die ungleiche Verteilung von Betreuungsarbeit hat zudem weitreichende \u00f6konomische Folgen. Aufgrund der \u00fcberwiegenden Betreuungspflicht sind M\u00fctter nach einer Scheidung h\u00e4ufig mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Erwerbst\u00e4tigkeit entweder einzuschr\u00e4nken oder nach l\u00e4ngeren Unterbr\u00fcchen wieder aufzunehmen. Dabei orientiert sich die Zumutbarkeit der Erwerbst\u00e4tigkeit am sogenannten Schulstufenmodell, welches mit zunehmender Alter des Kindes eine schrittweise Ausweitung des Arbeitspensums vorsieht. Diese rechtliche Vorgabe ber\u00fccksichtigt jedoch individuelle Betreuungsbelastungen nur begrenzt. In der Praxis f\u00fchrt dies zu einer Verdichtung von Erwerbs- und Care-Arbeit, die sich negativ auf berufliche Entwicklungsm\u00f6glichkeiten sowie die langfristig wirtschaftliche Selbst\u00e4ndigkeit auswirken kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die Entwicklungen lassen sich auch historisch einordnen. Die heutige Ausgestaltung des Familienrechts steht im Kontext einer langen Tradition geschlechterspezifischer Rollenverteilung, in der Frauen prim\u00e4r f\u00fcr Haushalt und Kinderbetreuung zust\u00e4ndig waren, w\u00e4hrend M\u00e4nner als Hauptverdiener galten. Auch wenn sich diese Strukturen rechtlich zunehmend aufgel\u00f6st haben, wirken sie in gesellschaftlichen Leitbildern und institutionellen Rahmenbedingungen weiter fort. Die gegenw\u00e4rtigen Regelungen kn\u00fcpfen teilweise an diese historischen gewachsenen Muster an. Wodurch bestehende Ungleichheiten nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberwunden werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass rechtliche Gleichstellung nicht automatisch zu tats\u00e4chlicher Gleichheit f\u00fchrt. Vielmehr, m\u00fcssen auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ber\u00fccksichtigt werden, innerhalb derer rechtlichen Normen wirken. Dazu z\u00e4hlen insbesondere Arbeitsmarktstrukturen, Betreuungsangebote sowie kulturelle Leitbilder. Eine nachhaltige Verbesserung erfordert daher Massnahmen auf mehreren Ebenen. Neben einer Weiterentwicklung der rechtlichen Regelung erscheint insbesondere eine st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung der tats\u00e4chlichen Betreuungsbelastung notwendig. Ebenso sind strukturelle Anpassungen im Arbeitsmarkt sowie ein Wandel im gesellschaftlichen Verst\u00e4ndnis von Care-Arbeit zentral.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Zusammenfassend zeigt sich, dass die formale Gleichstellung im schweizerischen Familienrecht zwar erreicht ist, die materielle Gleichheit jedoch weiterhin begrenzt bleibt. Die bestehende Diskrepanz verdeutlicht, dass Gleichstellung nicht allein durch gesetzliche Normen verwirklicht werden kann, sondern eine umfassende gesellschaftliche Mitverantwortung voraussetzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong><u>Literaturverzeichnis<\/u><\/strong><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Albrecht Clara\/Herold Elena\/Stegmeier Jennifer: Die langfristigen Folgen von ehelicher Spezialisierung bei Scheidung, in: ifo Schnelldienst 2022, S. 41 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Bernet Stephanie: Das Kindeswohl im Spannungsfeld zwischen Elternrechten und staatlichem Bildungsauftrag, in: ex ante 2017, S. 34 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Diener Katharina\/Berngruber Anne: Die Bedeutung \u00f6ffentlicher Kinderbetreuung f\u00fcr die Erwerbsentscheidung und den Erwerbsumfang von\u00a0M\u00fcttern\u00a0beim beruflichen\u00a0Wiedereinstiegt, in: Bamberg: University of Bamberg Press 2018, S. 123 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Dreas Susanne A.: Zum Verh\u00e4ltnis von Gender und Care oder: Warum ist Sorgearbeit weiblich? in: Kolhoff Ludger (Hrsg.), Aktuelle Diskurse in der Sozialwirtschaft II, Perspektiven Sozialwirtschaft und Sozialmanagement, Wiesbaden 2019<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Lachat Marie-Jos\u00e8phe: La formation professionnelle des filles, in: Les inte\u0301re\u0302ts de nos re\u0301gions: bulletin de l\u2019Association pour la de\u0301fense des inte\u0301re\u0302ts jurassiens 1984, S. 18 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Lachat Marie-Jos\u00e8phe: L\u2019e\u0301galite\u0301 a\u0300 l\u2019actualite\u0301 : de la ne\u0301cessite\u0301 des actions positives, in : Les inte\u0301re\u0302ts de nos re\u0301gions: : bulletin de l\u2019Association pour la de\u0301fense des inte\u0301re\u0302ts jurassiens 1993, S. 5 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Leuenberger Monika: Alternierende Obhut auf einseitigen Antrag, in: FamPra, 2019, S. 1100 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Roller Katrin: Interessenpolitische (Neu-)Orientierung an Care- Arbeit, in: Industrielle Beziehungen: Zeitschrift f\u00fcr Arbeit, Organisation und Management 2019, S. 407 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Stutz Heidi\/Simoni Heidi: Gleichbehandlung und Chancenungleichheit nicht (mehr) zusammenlebender Eltern, in: FamPra 2025, S. 367 ff.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">S\u00fcnderhauf Hildegund.: Wechselmodell: Psychologie \u2013 Recht \u2013 Praxis, Abwechselnde Kinderbetreuung durch Eltern nach Trennung und Scheidung, Wiesbaden 2013<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Schwenzer Ingeborg\/Cottier Michelle: Kommentar zu den Art. 273-298 ZGB in: Geiser Thomas\/Fountoulakis Christiana(Hrsg.), Basler Kommentar zum Schweizerischen Privatrecht, Zivilgesetzbuch I, Art. 1 \u2013 456, 7. Aufl., Basel 2022<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Articolo di Valentina La Licata Trennung und Scheidung geh\u00f6ren in der heutigen Zeit zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t. 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